Geschrieben am 17. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Thomas Groh: Berlinale-Log (1)

Samstagnachmittag, die Berlinale groovt sich langsam ein. Noch ist es zu früh, um rote Fäden (wobei: sektionenübergreifend ist die Erfahrung historischer wie gegenwärtiger Totalitarismen fühlbar stark Thema, insbesondere aus weiblicher Sicht) zu identifizieren oder gar Bärenfavoriten auszurufen.

Aber ein erster Abgleich lässt sich vielleicht wagen: Kurz vor Festivalbeginn brachte der Tagesspiegel eine kleine Prognose von Dominik Graf: “Viel karges Kino im freudlosen Büßergewand” werde es wohl geben, aber “kaum Exzesse, kaum Ambivalenzen, kaum gewagte Diskurs-Verunreinigungen und provozierende Fragwürdigkeiten”. Allerdings erwarte er sich vom Forum, in diesem Jahr erstmals von Barbara Wurm geleitet (und ich würde, auch nach dem Eindruck der Berliner Vorab-Pressevorführungen, sagen: Die Housewarming-Party ist gelungen!), “sehr viel Unerwartetes”. 

Mit seiner markigen Notiz hatte Graf so sehr Recht wie Unrecht. Zumindest fassen seine Schlagworte meine ersten Berlinale-Tage ziemlich präzise zusammen:

Cillian Murphy in Small Things Like These, R: Tim Mielants, Irland / Belgien 2024, Wettbewerb © Shane O’Connor

“Das freudlose Büßergewand”

Besser lässt sich der Wettbewerb-Eröffnungsfilm kaum beschreiben: Tim Mielands’ auf Claire Keegans gleichnamigen Roman basierenden „Small Things Like These“ bietet ein Wiedersehen mit Cilian Murphys aktuell (“Oppenheimer”) oscarnominiertem Grüblerblick. Erneut hat der irische Schauspieler schwer am Weltenschicksal zu tragen. In der Rolle des braven katholischen Kohle-Unternehmers Bill Furlong stößt er Mitte der Achtziger durch Zufall auf die Menschenschindereien, die sich hinter den Mauern eines Magdalenenheims abspielen. Ringsum stößt er auf ein Kartell des Schweigens, des Mittuns, des Wegsehens. Die Schwester Oberin (gelungen krötenartig: Emily Watson) führt ihren Laden auf eine Weise, die an Mafiafilme erinnert – oder an Wladimir Putins Interview gegenüber Tucker Carlson neulich: gedämpft nach außen, nach innen umso brutaler.

Der Skandal der Magdalenenhäuser ist real: Mehr als über hundert Jahre wurden dort schwanger gewordene Frauen der “Läuterung” zugeführt – und führten für die katholische Kirche unter erbarmungswürdigen Umständen Drecksarbeit aus, während ihre Kinder oft genug wider Willen der Mütter auf dem Adoptionsmarkt verhökert wurden. 

Mielands’ wandelt den Stoff in eine Sinfonie aus Grau und erzählt ihn als Läuterungsprozess eines Idealisten, der sich als solcher erst finden muss und selbst erheblich daran leidet, erst gegenüber seiner Mutter an Weihnachten einmal böse gewesen und im Anschluss als Waise aufgewachsen zu sein. Dinge, die Armut Kindern antut, die brave Christen aber als eigene Schuld umdeuten.

Als Arthouse-Melodram erfüllt “Small Things Like These”, was Filme dieser Art erfüllen müssen. Geht schon in Ordnung so. Auch wenn der Film sich in seinem aschgrauen Leiden mitunter ein bisschen zu sehr gefällt. Ein gewisser Wille zur Gestaltung ist da – spezielle Kadrierungen innerhalb der Bildkaders, ein bewusster Einsatz von Unschärfen des Bildhintergrunds (Furlong ist abgelöst von seiner Welt, nehmen wir als Erkenntnis mit) und ähnliches. Allerdings wirken diese Elemente oft naheliegend, dem Baukasten entnommen. Wie auch das Spiel mit den Zeitebenen (der Film charakterisiert diesen Furlong in Form von Rückblenden) die Insignien von Anspruchskino eher markiert, als ein solches tatsächlich zu sein, und auch die Musik allzu funktional die Aufmerksamkeit lenkt (“Achtung, wichtige Szene”). Kurz: Man kann in diesem Film sehr viel lernen über die Konventionalität und Formelhaftigkeit, die eben auch das Arthousekino als vermeinte Alternative zum Mainstream oft prägt.

Hunter Schafer in Cuckoo, R: Tilman Singer, DEU, USA 2024, Berlinale Special
© NEON

Der Exzess

Raus der Asche, rein in die Sonne: In den Alpen scheint diese (je nach Jahreszeit) ganz besonders gut und wenn man dann noch Kodakfilm in die Kamera legt, strahlen Blau und Rot am Ende auf der Leinwand nochmal ganz besonders gut. Derjenige, der hier obsolotes Analogfilmmaterial in die Berge getragen hat, ist Tilman Singer, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln und seit seinem Debüt-Spielfilm “Luz” (2017) ein Hoffnungsträger für den Horrorfilm made in Germany. 

Das strahlende Blau ist die Jacke von Gretchen (Hunter Schafer, “Euphoria”), die es mit ihren Eltern bei Kaiserwetter in ein Alpenressort verschlägt. Das strahlende Rot ist das Blut, das im Laufe des Filmes mit groben Pinselstrichen verteilt werden wird. Und der Film, das ist “Cuckoo” wie der Kuckuckvogel – und ein echtes Kuckucksei hat Singer damit dem deutschen Förderkino im Allgemeinen, der mit dem Genrefilm oft zaudernden Berlinale ins Nest gelegt. 

Seit “Luz” hat Singer nochmal beträchtlich zugelegt: Ausstattung, Schauspieführung, das Gespür für Locations, die Montage – alles wunderbar. Die Zitate (von Argento über Fulci bis Kubrick) sind mit Bedacht ausgesucht und souverän eingestreut, ohne als Mixtape-Gehubere abzulenken. Und auch das Wichtigste, was einen Horrorfilm auszeichnet stimmt: die Atmosphäre. 

Insbesondere in der ersten Hälfte des Films geht es schön weird zu: Dass in diesem Ressort etwas nicht stimmen kann, merkt Gretchen schon ziemlich rasch. Sie ist mit ihrem Vater und dessen neuer Frau samt deren stummer Tochter hergekommen. Der Ressortleiter ist ein alter Freund der Familie und in seiner Awkwardness ein glitschig-schleimiger Lappen von einem Unsympathen (Dan Stevens). Ein Hauch von Sektentum liegt in der Luft. Und von Geheimnissen, die sich in den nahen Wäldern abspielen.

Das Szenario, das hier nicht gespoilert werden soll, ist gut durchgeknallte Exploitation-Ware, von sehr weiter Ferne, H.P. Lovecraft sendet eine Postkarte aus Innsmouth. Die Umsetzung ist souverän in ihrer Lust am Genre-Exzess: Nichts tut bedeutungsschwer, kein sozialpädagogisch wertvolle Lektion ist hier dem Stoff übergestülpt (außer vielleicht: sei nett zu Deinen Geschwistern), dafür viel Freude am Absurden, an der Gentre-Trope, an kleinen wie größeren Inszenierungs-Kunststücken. Und alles ist angenehm weird, durchgeknallt und exzessiv, ohne pennälerhaft zu wirken. Wie der Film überhaupt wenig eckensteherhaft wirkt, sondern mit seiner sanft untergejubelten feministischen Botschaft ziemlich am Puls der Zeit ist.

Man darf als Horrorfreund gespannt sein, wie es für Tilman Singer weitergeht. Ich bin mir ziemlich sicher: Beim Hipster-Produktionsstudio A24 hat man seinen Namen schon notiert. 

Turn in the Wound, R: Abel Ferrara, GBR, DEU, ITA, USA 2024, Berlinale Special
© Rimsky Productions, Maze Pictures

Ambivalenzen, Provokationen, Diskursverunreinigungen und Fragwürdigkeiten

So lassen sich die neuen Filme von Abel Ferrara und Aaron Schimberg zusammenfassen. “Turn in the Wound” ist Abel Ferraras Dokumentarfilm über den Krieg in der Ukraine und zugleich Dokument eines Artaud- und Rimbaud-Abends mit Patti Smith im Centre Pompidou in Paris. Interviews mit Menschen in der Ukraine wechseln sich mit Dashcams direkt aus dem Frontgeschehen ab, dazu Patti Smith, die mal in ihrer Patti-Smith-Haftigkeit rezitiert oder in unvorteilhafter Handyaufnahme übers Altern in der Kunst philosophiert. Oftmals ist auch alles gleichzeitig anwesend, nicht immer sind die Bildmanipulationsmöglichkeiten, die sich selbst auf günstiger Hardware (der Film sieht wirklich nicht sonderlich gut aus) bieten, auch tatsächlich ein Segen, vor allem nicht in Händen von jemandem, dessen vom mutmaßlichen Koks-Abusus in den wilden New Yorker Jahren deutlich perforierten Perzeptionsfähigkeiten nicht immer ganz mit der Realität mithalten können. Entsprechend steht Ferrara selbst of ratlos in diesem Film herum, wenn er Menschen in der Ukraine interviewt, macht im ukrainischen Fernsehen keine Figur und lässt seine Kamera bald hierhin, bald dorthin fliegen, am liebsten auch gerne mal mitten ins Gesicht seines Gegenübers. So beginnt der Film denn auch mehr oder weniger im Spuckebad, das zwischen Pattis Smith Vorderzähnen und ihrer Unterlippe bildet.

Es gibt intensive Momente in diesem Film. Veteranen, die vom Überleben an der Front berichtet, von wo sie einen Arm weniger nach Hause gekehrt sind. Oder die grobpixeligen Handyaufnahmen von russischen Helikoptern, die über den See angekrochen kommen und hypnotisch feuerfauchend Raketen von sich lassen. Irres Bild, nur noch irrer dadurch, dass sämtliche Kampfesgeräusche von der Front auf den schlechten Aufnahmen zum Piff und Poff aus Kriegspielen aus Kindertagen verkommt. Zwischendrin gibt es auch mal Selinski, der Ferrara offenbar tatsächlich eine Audienz gewährt, dabei aber keine Figur macht.

Nur was Patti Smith in dem Film soll, der ganze Digitalimpressionismus, die Kamera, die auf Reisen geht: Man weiß es nicht. Und man fragt sich, ob der Kunstgestus, der aus dem Film wenigstens so irgendwie zu sprechen versucht (zu Beginn monologisiert Smith, wenn der Künstler jung ist, dann ist er im Saft, dann verdichtet er in sich alles, was er kriegen kann, dann entsteht da “Moby Dick”, aber wenn der Künstler alt wird, dann verflüchtigt sich das, dann wird das Verhältnis zum Material scherbenhaft – vielleicht Ferraras Credo?), ob der Kunstgestus also, der aus dem Film spricht, nicht vielleicht die falsche Methode ist, sich dem Morden und Sterben an der Front zu widmen. 

A Different Man, R: Aaron Schimberg, USA 2023, Wettbewerb
© Faces Off LLC

Und dann eben Aaron Schimberg, “A Different Man” im Wettbewerb. Man darf damit rechnen, dass der Film am Jahresende auf John Waters’ Jahresbestenliste auftauchen wird. Sein Film erzählt von dem Schauspieler Edward, dessen Gesicht von neurofibromatose-bedingten Wucherungen entstellt ist. Edward sieht zwar ein bisschen so aus wie der Schauspieler Adam Pearson, der tatsächlich an Neurofibromatose hat, wird aber gespielt von Sebastian Stan. Das erste Drittel ist Miserabilismus mit einem Hauch von Noir (auch durch den an Barjazz der Vierziger erinnernden Soundtrack, das New Yorker Straßensetting), Elendsexerzierung eines Außenseiters und zu kurz gekommenen. Nebenan zieht eine junge Theaterautorin ein, zu der sich Edward hingezogen fühlt. Sie changiert zwischen nicht immer ganz deutbarer Freundlichkeit, unbeholfener Ablehnung und dann doch authentischer Sympathie. Unter den Männern, die in ihrer Wohnung regelmäßig ein und aus gehen, ist Edward jedoch nicht dabei. Einen Dreh bekommt die Geschichte, als Edward sich mit einer neuartigen Methode behandeln lässt, ein den Ansprüchen von Normschönheit entsprechendes Antlitz erhält, alle Zelte abbricht und ein neues Leben zwischen Blowjobs in Kneipen und als Immobilien-Yuppie beginnt. Bis er darauf stößt, dass seine frühere Nachbarin mit einem Off-Broadaway-Stück namens “Edward” auf die Bühnen drängt, eine Rolle, für die Edward – nun als Guy Marantz unterwegs – buchstäblich wie geboren scheint. Bis eines Tages ein Mann auftaucht, der seinem früheren Ich trügerisch ähnlich sieht …

“A Different Man” ist voll ausgespieltes Unbehaglichkeits- und Meta-Kino, ein Film, der alle Finger in die Wunden legt, die sein Stoff zur Verfügung stellt. Der von “Die Schöne und das Biest” über den “Dorian Gray” bis zum “Student von Prag” seine kulturhistorischen Vorläufer einflicht und die doppelten Böden und Verschachtelungen seiner Geschichte souverän konstruiert. Wer trägt die wahre Maske? Wo beginnt die Ausbeutung? Wo beginnt die Freakshow? Wann wird Freundlichkeit zur Begütigung? Wo wird politische Korrektheit zum Paternalismus? Wo steht das Publikum im Verhältnis zu dem, was es sieht – und um welchen Schritt ist der Film seinem Publikum bereits voraus? Man könnte das etwas böswillig als Streber-Kino wegschieben – aber man könnte sich auf das Experiment des Films, sich auf seine Abgründe und Ambivalenzen auch einlassen, den Schmerz auf den Wunden zulassen und die eigene, natürlich stets vorbildliche und gute Gesinnung auf den Prüfstein legen. 

“A Different Man” ist letzten Endes auch ein Film über verletzte, brütende Männlichkeit, eine Männlichkeit, die sich an Strichlisten des Erfolgs misst. Und ein Film darüber, wie diese Form von Männlichkeit aus nichts als falschen Gründen in Gewalt umschlägt. Das hat der Film mit “Manodrome” gemeint, der bereits letztes Jahr im Wettbewerb der Berlinale lief und streckenweise ähnlich schmerzhaft zu sehen war. Dass Carlo Chatrian solche provokativen Filme in die Königinnendisziplin seines Festivals holt, zeichnet ihn als künstlerischer Leiter aus – dass er von Claudia Roth auf unrühmliche Weise aus dem Festival gescheucht wurde, ist ein Jammer und Verlust. 

Henry Fonda for President, R: Alexander Horwath, Forum & Friends © Mischief Films/Medea Film Factory/Michael Palm

Das Unerwartete

Bliebe noch das Unerwartete, das uns im Forum begegnet. Hier fällt die Wahl auf Alexander Horwaths schönen Essayfilm “Henry Fonda for President”, eine dreistündige Erkundung der Mythen und Geschichte der USA, beobachtet aber durch die Linse der Filmografie Henry Fondas, des Paradebeispiels für den Good American. Ein Film, den man klüger verlässt als man ihn betreten hat, was keine kleine Leistung ist.

Einen solchen geduldigen, materialreichen Film im Forum zu sehen, hat freilich nichts per se unerwartetes an sich, sondern folgt eher den (in diesem Fall: guten) Gepflogenheiten. 

Wenn da nicht diese eine, völlig unerwartete Moment wäre: Horwath, dessen knarrend-weicher, österreichisch eingefärbter Stimme man sehr gerne zuhört, führt vor allem anhand von Material durch sein Sujet, hier und da sind aber doch Szenen vor Ort (Kamera: Michael Palm) entstanden und für einmal schwenkt die Kamera über einen großen Parkplatz, ein Mann, von dem unklar ist, wer er ist, geht da entspannten Schrittes, nur geht er eben rückwärts, die Kamera folgt ihm, an der Straße fährt auch ein Wagen rückwärts und so geht es eben weiter. 

Man kann sich denken, was das sagen soll (schließlich dreht auch der feinverästelte, sympathisch ins Kleinteilige schießende Film die Zeit auf die Vergangenheit zurück), aber in diesem ansonsten so sehr ums sachliche drehenden Film wirkt dieser kleine, spielerische Moment gar nicht mal sonderlich exaltierter Zeitachsenmanipulation wie eine kurze Feier des Skurrilen, des lässig eingestreuten Schalks, wie ihn nur die Apparatur der Kinematografie möglich macht. 

In der ernsten Pressevorführung des auch immer sehr ernsten Kinos Arsenal habe ich über diesen unerwarteten Moment natürlich nicht gelacht. Aber innerlich dafür umso lauter.

Thomas Groh, 17.02.2024

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