Ulrike Damm: Die Handschrift und ihr Eigensinn
Ich habe Agnes, Emma und Jane im letzten Jahr kennengelernt. Drei Frauen, die um 1920 in verschiedenen psychiatrischen Kliniken lebten und deren künstlerische Werke in der Prinzhorn-Sammlung erhalten sind.
Wenn ich für diesen Jahresrückblick darüber sprechen darf, womit ich meine Zeit verbracht habe, dann mit ihnen und mit den Ärzten, die definierten, wer sie waren.
Der Assistenzarzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn bildete eine seltene Ausnahme; aus seiner Haltung ist die Figur Franz Sternberg hervorgegangen.
In meinem nächsten Roman forget me not habe ich die drei Frauen zusammengeführt und ihnen in der Heidelberger Klinik ein gemeinsames Zuhause gegeben. Und nun, da der Roman fertig ist, kommt der bittere Abschied.
Wer schreibt, kennt das: Man entwickelt die Figuren, und dann entwickeln sie sich selbst. Wenn es gut läuft, beginnt man sie zu lieben, und ja: Es ist gut gelaufen.
Viele Monate habe ich im Gespräch mit ihnen verbracht, und plötzlich sind sie still.
Ich wünschte, sie wären es nicht.
Für einen sanfteren Übergang gebe ich Agnes Richter, Emma Hauck und Jane Grier in diesem Text noch einmal das Wort. Es werden keine Figurenporträts, vielmehr zeige ich drei poetische Prinzipien, die mich durch den Text getragen haben. Auch durch meine eigene bildnerische Arbeit, die sich der Handschrift und ihrem Eigensinn widmet.
Was diese drei Frauen verbunden hat, war nicht nur ihr Schicksal, sondern die Art, wie sie ihre Form fanden: im Denken, im Tun, in dem, was sie hervorbrachten. Sie setzten ein Zeichen, wo ihnen Sprache nicht geglaubt wurde.

Was sie hier „sagen“, ist eine Verdichtung dessen, was ihre Werke mir beigebracht haben.
Die sich widersetzt
Agnes schrieb wenig mit der Hand; machte es anders. In der Prinzhorn-Sammlung findet sich die berühmte Jacke, in die sie Sätze auf die Innen- und Außenseite gestickt hat. Es ist ein Text, der sich trägt, im wörtlichen Sinne: Schrift als Haut, als Rüstung, als zweite Schicht Welt.
Agnes sagt: Man erklärt uns gern, wie Schrift auszusehen hat. Gleichmäßig, ruhig, die Linie im Gleichschritt des Maßbands. Als wäre die Form der Beweis, dass alles stimmt. Aber wer lange genug schreibt und lebt, weiß, dass die Wahrheit unten beginnt, unter der Zeile, dort, wo die Hand sich nicht fügt. Die Regeln gehören denen, die Ordnung lieben. Aber die Hand gehört mir.
Die insistiert
Emma schrieb viel und fast ausschließlich an ihren Mann, der nie geantwortet hat. Ihr komm, komm, komm ist heute eine Ikone der Prinzhorn-Sammlung. Ein Schrei, ein Echo, eine Spur verzweifelter Genauigkeit: Schreiben als Überlebensversuch, als Beharren auf Sichtbarkeit.
Emma sagt: Ich habe früh gelernt, dass Fehler gefährlich sind. Meine Handschrift sollte glatt sein. Bis ich mich verloren hatte. Mein Mann sagte, ich sei nachlässig. Auch weil er fand, dass ich mich nicht mehr frisierte, wie er es gewohnt war, und die hängenden Haarsträhnen meinen Blick versperrten. Vielleicht stimmte das.
Jetzt bin ich unter meinesgleichen und ausgesondert. Meine Schrift zeigt, dass es mich gibt. Auch wenn ich selbst der Fehler bin.

Die will
Jane stickte ein Taschentuch mit dem Satz forget me not, das den Roman benannte. Sie ist diejenige, die ihren Stolz nicht aufgibt.
Jane sagt: Ein Wort hat eine Taille, ein Satz einen Saum; er hält den Blick, bevor er weitergeht. Die Umgebung will Ordnung und Zweckmäßigkeit, aber sagen Sie selbst: Ein bisschen Überfluss hat noch niemandem geschadet.
Natürlich macht Überfluss Angst. Überflüssiges Lachen, überflüssiges Wollen, überflüssiges Ichsein.
Dann lieber schreiben. Eine stolze Handschrift ist ein kleines Festhalten an sich selbst.
Die Handschrift als poetischer und politischer Ort
Was diese drei Stimmen verbindet, ist nicht ihr Inhalt, sondern ihre Setzung – als Zeichen eines Selbst, das sich, wenn der Eigensinn zu eigensinnig ist, nicht vollständig verwalten lässt.
In der damaligen Psychiatrie gehörte die Sprache nicht den Patientinnen. Sie wurden beschrieben, klassifiziert, verwaltet. Was sie selbst sagten, erschien zweitrangig und störend. Die Handschrift war oft das Einzige, das dieser Ordnung widersprach.
Die Handschrift war oft das Einzige, das dieser Ordnung widersprach. Vieles hat sich seither verändert, doch eines nicht: Sprache entscheidet, wer in Erscheinung tritt und wer unsichtbar bleibt.
Die Handschrift, diese langsame, körperliche, unökonomische Form, wirkt im Zeitalter der algorithmischen Kommunikation wie ein Anachronismus. Sie zeigt Zustände: Druck, Müdigkeit, Nervosität, Überforderung. Sie zeigt Abweichung,
bevor sie erklärbar wird. Und sie macht Identität sichtbar, nicht als Konzept, eher als Eigenheit und körperliche Setzung. Ihre Fehler sind ihr Charakter. Standardisierung duldet wenig Abweichung. Ein Strich, der sich nicht fügt, ist schon ein Einspruch.
Von den Linien der Frauen zu den Linien meiner Arbeit
Während des Schreibens wollte ich die verschiedenen Stimmen verstehen und musste die Spuren lesen lernen, die kleinen Abweichungen, die mehr sagen als der Satz selbst. Dort spricht der Körper, nicht die Institution. Und die Schrift wird zur Selbstbehauptung, bevor Worte entstehen.
Im Moment arbeite ich an neuen großformatigen Schriftbildern, von Hand geschrieben, dann textil bearbeitet: vernäht, verletzt, verengt, verknotet. Jede Naht ein Satz. Eine Übersetzung der historischen Linien in meine Bildwelt. Diese Schriftbilder sind keine Illustrationen des Romans. Sie sind eine Weiterführung desselben poetischen Impulses: Schrift nicht als Nachricht, sondern als Zustand, als verletzbare, widerständige, insistierende Form.

Schluss
Es gibt keinen Grund, sich heute für Handschrift zu interessieren.
Man kommt bestens ohne sie aus. Der Rechner produziert zuverlässig, widerspricht nie und verrät nichts über den, der ihn füttert. Für viele ist das ein Vorteil.
forget me not ist fertig. Geblieben ist keine neue Wahrheit, sondern eine, die sich immer mitgeschrieben hat: dass Sprache nicht neutral ist und schon gar nicht harmlos. Und dass Handschrift mehr offenbart, als dem Schreibenden recht ist.
Vielleicht auch, weil es der Lesende gar nicht so genau wissen wollte.
Ich schreibe seit Jahren mit Hand und Rechner.
Beides hat seine Aufgaben.
Aber nur eines davon trägt Spuren, die sich nicht wegformatieren lassen.
Die drei Frauen haben diese alte Wahrheit wieder sichtbar gemacht: dass Identität unter Druck Form annimmt. Dass Worte verwaltet werden.
Und dass die Handschrift der einzige Ort bleibt, an dem ein Mensch noch als eigen erkennbar ist.

Ich schreibe also weiter. Mit beiden Werkzeugen.
Der Rechner kennt mich nicht, und das ist sein gutes Recht.
Meine Hand kennt mich zu gut, und genau das ist ihr Problem.
Ich traue inzwischen den Stellen mehr, die aus dem Takt geraten.
Sie machen Arbeit. Ja.
Von Ulrike Damm erschien 2025 der Roman ”Die Poesie des Buchhalters«, bei uns von Alf Mayer besprochen: Bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft.
Und Andreas Pflüger führte 2025 mit ihr ein schönes, langes Gespräch: »Man muss mit dem auskommen, was man hat.«
Siehe auch: »Auf den sich ausbreitenden Irrsinn sei zu achten.« Ein Gespräch mit der Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm – von Ulrike Schrimpf, CulturMag Februar 2024. Sowie bei den Highlights 2024 von ihr: Der Trieb nach vorn. Wahrscheinlich ist das Suzy van Zehlendorfs größte Begabung.
Es gibt am 8. März 26 die Eröffnung der Einzelausstellung in der Zionskirche Berlin: „Wenn der Buchhalter das Weite sucht – Eine Textinstallation von Ulrike Damm“. – Am 27.3. ist die Eröffnung der Gruppenausstellung „Turbulenzen“ des Vereins der Berliner Künstler (vbk), bei der Ulrike Damm mit Schriftbildern beteiligt bin. Laufzeit 28.3. – 19.4.2026. – Im Herbst erscheint ein neuer Band in der edition fröhlich mit Texten zur Kunst.













