Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

Alf Mayer zu Ulrike Damm und »Die Poesie des Buchhalters«

Installation des Romans © Ulrike Damm

Bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft …

Der gut durchdachte Unsinn der Ulrike Damm, aufs Ergötzlichste goutiert von Alf Mayer

»Es gibt keine Erzählung über mich.«
»Jeder Mensch hat so etwas.«
»Klingt wie eine Krankheit. Welche Geschichte hätten Sie, wenn Sie nicht erblindet wären?«
»Ein Suchender vielleicht. Und Sie, sind Sie die Analphabetin?«

(Ulrike Damm, Die Poesie des Buchhalters, 2025)

»Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir ziehen die Summe und gehen vorüber; wir schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns (…) Ich betrachte das Leben als eine Herberge, in der ich verweilen muss, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft. (…) Wenn das, was ich ins Buch der Reisenden eingetragen zurücklasse, eines Tages von anderen nachgelesen wird und sie während der Durchreise unterhält, soll es gut sein.«
(Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, 1982 posthum erschienen)

** **

Ulrike Damm: Die Poesie des Buchhalters. DRAVA, Klagenfurt 2025. Gestaltung: Ulrike Damm, Satz: Achim Bodewig. Format 12,5 x 20,5 cm, 296 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Leseband, 24 Euro. – Internetseite der Autorin hier.

** **

Die Schriftstellerin Ulrike Damm hat etwas Unmögliches gehext: Einen Roman, der in sich selbst aufgeht, den man gleich wieder lesen will, weil er so kristallin ist, so funkelnd, so logisch wie ein Diamant. Rundum schön. Von jeder Seite her sieht er anders aus, ist hochkomplex und doch einfach, hat ein überschaubares Figurentableau und tausend Brechungen. Ist ein Wörtersee voller Seerosen, in dem sich das Gerüst der Welt spiegelt. Und wie wir schauen, denken, fühlen, lesen, schreiben. Be-greifen. Ein Spiegel, in dem sich Spiegel spiegeln. Und das Nichts. Das Viel. Die Farben und Töne dazwischen. Das Grandiose dabei: All das entsteht vor direkt unseren Augen.

Ulrike Damms Hauptfigur, der Buchhalter Justus Kratz, ist so etwas wie ein Mann ohne Eigenschaften. Ist eine Figur aus unserer Arbeitswelt, gerne übersehen. Er ist, so heißt es bei Pessoa, »der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat, der abstrakte und leibliche Mittelwert zwischen Dingen, die nichts sind, da ich ebenfalls nichts bin«.

Justus wähnt sich als Mann des Büroalltags. Da ist der Boden sicher. Vereinbarungen und deren Erfüllung stehen im Zentrum. Direkte Ansprache oder bewusste Abgrenzung. Klarheit und geäußerte Anliegen. Mechanische Pflichterfüllung. Das alles ist sehr einfach und fordert weder Raffinesse noch Spiel. Ja oder nein, nicht mehr und nicht weniger. Büro, das kann er: keine Geheimnisse, keine Intimitäten, keine Bekenntnisse. Justus ging es gut damit. Bis heute – lesen wir auf Seite 27.

Neugier wie aus Eimern

Heute, nein gestern, ist es passiert. Etwas, was das Gerüst seiner Welt ins Wanken bringen, ihm eine Pistole in die Hand geben und einen Mord geschehen lassen wird. Er wird der Held einer Groteske von Danil-Charms-hafter Dimension. »Dass Neugier eine Krankheit sein kann, wusste er nicht«, heißt der erste Satz des Romans. Justus hat eine seit drei Jahren währende Routine und Vereinbarung unterbrochen, nämlich zwei Mal in der Woche auf dem Weg ins Büro einen Brief einzuwerfen den ihm seine Vermieterin Rose mitgibt. Justus hat den Brief geöffnet.

Und wie beim Erzähler in Paul Austers Debütroman »Stadt aus Glas« (1985), den ein falscher Anruf mitten in der Nacht in ein anderes Leben stürzen lässt, tut sich bei Justus ein Riss auf in seiner Welt. Nichts bleibt mehr wie es war. »Da er sich solch niedere Triebe bisher nicht gestattet hat, gießt sich die Neugier jetzt wie aus Eimern über ihn und produziert anfallartige Zustände. Er hat einfach keine Übung darin, neugierig zu sein.« Sein Leben als Held ist bisher überschaubar gewesen, jetzt aber hat er eine Heldenidee.

Und eines führt zum anderen. Wie ein Alter Ego des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares geht Justus tagsüber seiner geregelten Beschäftigung nach, Betonung auf geregelt, übt sich in Pflichterfüllung und bedient Erwartungen anderer, die zu seinen geworden sind. Gleichzeitig zerreißen Bernardo wie Justus sich »in diffusen Vorstellungen vom Leben, die sie, wie es Vorstellungen so an sich haben, nicht oder nur wenig oder schlecht oder gar nicht umsetzen können«. (So Ulrike Damm in dem sehr schönen Gespräch mit Andreas Pflüger: »Man muss mit dem auskommen, was man hat.«)

Der versehentlich Angerufene bei Paul Auster übernimmt den Auftrag, beschattet einen Mann, folgt ihm auf seinen Gängen durch New York, bis ihm klar wird, dass dabei auf der Landkarte der Stadt jeden Tag ein Buchstabe entsteht, dann Worte, und er schließlich irgendwann den Satz entziffern kann, der da in die Stadt eingeschrieben wird. Aus Neugier und Beobachtung, Suche und Selbstvergewisserung, Zweifel und Neugier entsteht bei Damm-Pessoa-Auster etwas Neues. Ein neuer Raum, mit neuen Ebenen. Zwischentitel bei Damm: »Die Dinge passieren, und hinterher fragt man sich warum.«

Nie zuvor hat Justus so viel über sich nachgedacht wie in letzter Zeit. Als stünde er plötzlich auf einer Leiter und blicke nach unten, auf das, was schon da war, und das was als Gelebtes schon unter ihm liegt.

Es ist so wenig, denkt Justus.

Ich bin der Zwischenraum…

Auch bei Kafka findet sich diese Perspektive: »Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.« Und bei Pessoa heißt es: »Ich bin der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat, der abstrakte und leibliche Mittelwert zwischen Dingen, die nichts sind, da ich ebenfalls nichts bin.«

Justus denkt oft über Wörter nach, über die einzelnen Buchstaben, die es zu einem machen, »die Musik dahinter, die Boshaftigkeit davor«. Man kann alles glauben oder alles bezweifeln, die Welt ist wirklich unendlich, heißt es bei Hans Henny Jahnn, einem anderen Meister der Selbsterforschung. Ulrike Damm er-findet für diese Expedition, die ihr Roman ist, eine grandiose Form. Formal und ästhetisch.

Sie tritt uns gegenüber als eine Alchemistin, die sich bei der Wortarbeit zuschauen lässt. Sie nimmt uns mit hinter den Spiegel, der solch ein Roman mit Erzählfiguren und Erzählung ja auch immer ist. Sie macht uns zu Komplizen beim allmählichen Verfertigen der Gedanken und Eindrücke. Beim Suchen. Forschen. Beim buchstäblichen Er-Lesen.

Und dann stellt er sich ein, jener bewusste Moment des Lesens. Jener reine, wundersame Akt, dem wir meist keinerlei eigene Aufmerksamkeit mehr schenken. » … dass ein Alphabet doch gerade mal aus sechsundzwanzig Buchstaben besteht, und dass es leicht ist, ganz leicht, das Lesen und Schreiben zu erlernen« (S. 267).

Ulrike Damms Buch, so schräg es klingt, wenn Sie mich aus dem Zusammenhang gerissen zitieren, gibt uns das Lesen zurück. Gibt uns das Wörter-Schauen-Lesen-Verstehen zurück. Die Buchstaben. Die Worte. Sartres »Wörter«. Den Leseakt. Die Sätze. Die Schrift. Das Schreiben. Das Erzählen. Das Lesen. Die Lust. Das Buch ist ein Fest der unbefriedigten Sehnsucht der Vernunft nach Phantasie.

»Er hat zwölf Wörter für mich übrig…«

Ulrike Damm macht das mit einem typografischen und satztechnischen Kunst-Griff. Sie unterteilt die Seiten. Zieht über dem unteren Drittel einen Querstrich. Es gibt ein Oben und ein Unten in ihrem Roman. Zwei Schriften. Oben mit Serif, unten Grotesk. Zwei Erzählebenen. Zwei Lese-Ebenen. Wie ein filmischer Split Screen. Ein Trennungsstrich zwischen zwei Bildfeldern. Auch wenn unten »das Bild« öfter weiß bleibt. Und dort unterm Strich die Worte und Zeilen manchmal verblassen, so, wie bei einem Bürstenabzug unterschiedlich stark Druckfarbe auf die Lettern kommt. (Gestaltung: Ulrike Damm, Satz: Achim Bodewig.) Wie eine Erinnerungsebene, bei der manches halt verblasst. (Ich musste an Edgar Reitz und seinen Kameramann Gernot Roll denken, die ich bei den Dreharbeiten von »Heimat« erlebte: völlig intuitiv wechselten sie von Schwarz-Weiß zu Farbfilm und zurück.)

In der oberen Buchhälfte finden wir im »Buchhalter« zum Beispiel:
»Ist er gesprungen?«, fragt sie.
»Gesprungen?«
»Aus dem Fenster.«
»Das weiß ich nicht.«
»Wenn er Wörter schreibt, ist es zu Ende. Dann ist er gesprungen oder wird springen.«
Rose nimmt den Brief, es scheint der Erste, den Paul ihr je geschrieben hat, in dem tatsächlich etwas drinsteht.
»Er hat zwölf Wörter für mich übrig. Siehst du, zwölf Wörter. Wenn es keine Wörter gibt, ist es die ganze Fläche. Aber bei Wörtern fängt man an zu zählen und jedes einzeln zu bewerten. Das Papier gibt alles, die Wörter nur das, was sie sind.«

Und unten steht:
»Das Los der Begabten ist, dass sie mit ausgestreckten Armen hadern, beschönigend in ihr Unglück laufen, als wollten sie es umarmen. Wollen sie auch. Denn die Umarmung des Unglücks ist die einzige Erklärung für ihr Scheitern. Sie ersetzt die Begabung, wodurch das Scheitern endgültig ist. So beißt sich die Katze, die sich in den Schwanz beißt, in den Schwanz.«

Das Buch wird mehr und mehr zu einer »Erlebnisliteratur für alle Sinne« (Andreas Pflüger). Humor und Sinn für Grotekes blitzten durch; dieser Gaukler trinkt, wusste Jean Paul, auf dem Kopfe tanzend, den Nektar hinaufwärts. Ulrike Damm ist eine Künstlerin, die all ihre Bücher auch auf endlose Papierbahnen mit der Hand schreibt, damit schon große Installationen gemacht hat. Einmal liegt Rose auf einem Haufen zerknülltem Papier. Denn: »Am Ende zählen nur die Worte der anderen.« Die von uns, die über dieses große Buch reden.

Aber lesen Sie selbst.

Alf Mayer

P.S. Übrigens trägt eine der ersten kanonisierten Kriminalerzählungen der Literaturgeschichte den Titel »Der entwendete Brief«, wurde erstmals im Dezember 1844 im literarischen Almanach »The Gift for 1845« veröffentlicht, ist der dritte Fall von Auguste Dupin und stammt von Edgar Allen Poe.

Und noch nichts gesagt habe ich über Danil Charms und seinen Un-Sinn, der dem Buch den Rahmen gibt, über all das Groteske darin und wie gut es funktioniert. Über Borges, seine Bibliotheken und unendlichen Labyrinthe. Oder über Robert Walser, dessen Debütroman »Die Geschwister Tanner« (1907 bei Cassirer, Berlin) in Ulrike Damms Buch auftaucht. Darin der Satz: »Das Zufällige ist immer das Wertvollste.«

Tags : ,