Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: Hella Kothmann, Else Laudan, Dietrich Leder, Volker Lilienthal

Hella Kothmann: Ungeplant und unvorhergesehen

2025 hatte viele Glücksmomente, trotz deprimierender Zeiten und oftmals schwieriger Umstände. Ein intensives, wildes Jahr am Ende des ersten Viertels eines Jahrhunderts. Und ja, da mach ich mir nichts vor, das letzte Viertel meines Lebens liegt vor mir.

Sometimes I don’t know where
This dirty road is taking me
Sometimes I can’t even know the reason why …

Vietnam, nördlichster Punkt © Hella Kothmann

Reisen muss sein.
Ein Flussboot an der chinesischen Grenze zu Laos, der Mekong, Savannakhet, die bis heute unüberwindbaren Mekong-Fälle.
Wüste in Tunesien, Küste in Norddeutschland.
Lung Cu, Vietnams nördlichster Punkt, ein langgehegtes Wunschziel, wieder chinesische Grenze, aber ganz ganz weit von ersterer entfernt.
Und trotz aller Widrigkeiten:
It’s easier than just waitin‘ around to die.

Und sich in Bildern verlieren muss sein …
Piero della Francesca in Umbrien, Marc Chagall in Ferrara, Max Pechstein in  Bernried,  
Shu Lea Cheang und Fotos von Lee Miller und Bruce Gilden in München …

…. und sich im Kino verlieren.
Begeisternde Filme, erstmals auf großer Leinwand gesehen: Killer´s Kiss (Stanley Kubrick, 1955), India Song (Marguerite  Duras, 1975), Les Rendez-vous d’Anna (Chantal Akerman 1978), Anatahan Anatahan (Martin Müller, 1969), Verborgene Seiten (Aleksandr Sokurov, 1994).

Natürlich gibt es auch neue Favoriten, Caught Stealing (Darren Aronofsky), Sirat (Oliver Laxe) und One battle after another (Paul Thomas Anderson) gehören mit Sicherheit dazu.

Ein ungeplantes und unvorhergesehenes Highlight zum Jahresende: Ultracinema Art Festival in Michelangelo Antonionis Stadt Ferrara. Wolf-Eckart Bühlers Leuchtturm des Chaos, in diesem Jubiläumsjahr (WEB wäre 80 Jahre alt geworden) auch in Brasilien und München mehrfach im Kino, war als Ultraclassic dabei. Ein Festival der Entdeckungen (Luca Ferri, Catherine Breillat), aber vor allem der schönsten Begegnungen. Die Dokumentarfilmerin Petra Seliškar war eine der wichtigsten, The mountain won´t move ist mein Film des Jahres.

Ungelesene Bücher häufen sich. Oft spukt mir Caitlin Thomas´ Titel Leftover Life to kill  im Kopf herum. Ein außergewöhnliches Buch, entstanden nach dem Tod von Dylan Thomas.
Und dann fällt mir einer von den Kippenberger Sprüchen ein:
Besser ein lebendiges Komma als ein toter Punkt.

Passt doch ganz gut für 2026!

Hella Kothmann war jahrelang, genauer: jahrzehntelang zusammen mit ihrem 2020 verstorbenen Mann Wolf-Eckart Bühler mehr in Vietnam oder Japan oder anderen meist asiatischen Weltgegenden zu Hause als im heimischen München. Der immer noch beste – er war damals der erste überhaupt – Reiseführer für Vietnam stammt von den beiden. Die Erfahrungen der Reisen finden sich auch in teils gemeinsamen, teils eigenständigen Büchern, Anthologien und Filmen. Unabhängig davon stehen ihre Veröffentlichungen als wissenschaftliche Autorin. 

– – – WEB bei CulturMag hier und in unseren Jahresrückblicken 2019, 201820172016. Vom filmmuseum münchen herausgegeben: zwei DVD-Editionen von Wolf-Eckart Bühlers Arbeiten: „Amerasia“ und „Việt Nam! Über den Umgang mit einer leidvollen Vergangenheit!“ (Edition Filmmuseum 120) sowie „Leuchtturm des Chaos und Der Havarist“ (Edition Filmmuseum 113). Siehe auch „Dabeisein heißt gehorchen – Alf Mayer zur Filmarbeit von Wolf-Eckart Bühler“ in CulturMag Juli 2024, entnommen dem Band Die „Filmkritik“. Eine Zeitschrift und die Medien„, herausgegeben von Rolf Aurich und Michael Wedel, Reihe »Film und Schrift«, edition text+kritik, 2024.

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Else Laudan: Eine bessere Welt ist möglich, trotz alledem

Es gab Verluste. Doris Gercke ist nicht mehr bei uns, da hilft kein Trost. (Siehe dazu auch Monika Geier in diesem Jahresrückblick, d. Red.) Und in den letzten Dekaden gesprossene Pflänzchen der Hoffnung haben in diesem Jahr akut Wassermangel bekommen oder wurden planiert. Ein großer Shoutout an alle, die angeschlagen oder unverdrossen oder jetzt erst recht Widerständiges schreiben und betreiben!

Ich wünsch mir sehr, dass wir irgendwann rückblickend sagen, puh, 2025 sah es vorübergehend finster aus, da bäumten sich die uralten Seilschaften noch mal aggressiv auf, um gegen längst geklärte Erkenntnisse ihre Macht zu verteidigen. Arrogante reiche weiße Säcke gegen den Rest der Welt, den sie mit lautstarker Kriegstreiberei und dümmlichem Wirtschaftsgeschwafel ablenken und einschüchtern und verwirren, mit hysterischen Konsumanimationen zudröhnen, mit menschenverachtender Lobbypolitik abhängen. Zum Kotzen, dieser Backlash von Autokraten und Chauvinisten auf Kosten des Planeten und all seiner Bewohner:innen. Demokratie? Zivilgesellschaft? Kann man da den Kammerjäger drauf ansetzen?

Apropos Zivilgesellschaft, kurzer Werbeblock: Der beste Journalismus, den ich kenne, was kompetente (und dabei verständliche!) Berichterstattung zu Digitalisierungs- und Überwachungsthemen angeht, kommt von netzpolitik.org – wenn ihr noch einen Euro übrig habt, unterstützt sie bitte, damit wir auch 2026 erfahren, was läuft. Danke!

The Crew

Als eingefleischtes Heitergemüt will ich doch auch den Highlights, Inspirationen und echten Freuden dieses desasterlastigen Jahres huldigen, also meiner herzallerliebsten großen Tochter, vor allem aber meinen beiden umwerfend tollen Kolleg*innen Iris und Martin – was sind wir für ein irres Team, das against all odds diese olle Baustelle Argument Verlag mit Ariadne am Laufen hält, mit Sturheit, Liebe und Anspruch (wiewohl immer zu wenig Kohle).

Dann meinen fantastischen HERlandschwestern – wow, hatten wir im Juli im silent green ein starkes All-Stars-Festival. Und so gute Texte und Gespräche in der Jury fürs Anne Goldmann-Stipendium. Wir rocken, Ladies! (Ihr wisst, was am 9. März passieren soll.)

Nichts als Liebe für meine so ultrastarken Autorinnen in aller Welt! Sara Paretsky, so ein Ausbund an Großzügigkeit und Integrität – unsere Tour im September mit dem starken Roman »Wunder Punkt« war selbst ein Wunder und hat eine innige Freundschaft gefestigt. Dazu all die Kamerad*innen von ›Verlage gegen Rechts‹ und PEN Berlin und LuV, überhaupt die guten wichtigen Bündnisse mit guten engagierten Menschen, auch Medien wie das CrimeMag gehören dazu, ein Segen in diesen sich verfinsternden Zeiten: Bildet Banden!

Fabelhafte Genrelektüren gab’s auch, ich bin sooo dankbar für kühne, überraschende Bücher. Das waren 2025 zwei knackfrisch-zeitgemäße Krimidebüts, von Susanne Kaiser und Anna Mai, dazu heißes neues Zeug von alten Könnern: Jerome Charyn, Garry Disher, Zoran Drvenkar, James Lee Burke, Andreas Pflüger, Jake Lamar und Lavie Tidhar. Die habt ihr hoffentlich auch alle verschlungen. Wenn nicht, schnell nachholen, tut gut!

Ich merke, wie viele meiner Sätze mit Ausrufungszeichen enden. Zeichen der Zeit – alles schreit. Aber ich will nicht andere übertönen, will nicht hassen, nicht ausgrenzen, nicht schießen. Seid wütend, Leute, ja, aber doch nicht aufeinander. Krieg und Gewalt, Profitmaxime und Patriarchat – das sind verdammt große Gegner. Lasst euch bitte nicht gegeneinanderhetzen. Wertschätzt unsere Vielfalt. Erzählen statt niederbrüllen: Eine bessere Welt ist möglich, selbst wenn sie gerade weniger greifbar scheint. Seien wir respektvoll, fürsorglich, stur und beharrlich.

Else Laudan ist Verlegerin des Argument/Ariadne-Verlags in Hamburg. Seit mehr als 30 Jahren setzt sie sich für politische Kriminalliteratur von Frauen ein. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerkes Herland. Ihre Texte bei CrimeMag hier.

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Dietrich Leder: Jerome Charyn und Thomas Pynchon

Mitunter begegnen sich zwei Romane, die auf den ersten Blick nichts miteinander verbindet – außer dem Zufall, der einen sie kurz hintereinander lesen ließ. Beide erschienen in diesem Jahr in deutscher Übersetzung. Beide stammen aus den USA, beide handeln von deren Geschichte im frühen 20. Jahrhundert und beide zählen Privatdetektive zu ihren Protagonisten.

Ben(jamin) Ravage, der Detektiv in „Ravage & Son“ von Jerome Charyn, hat Jura in Harvard studiert, besitzt eine Zulassung als Rechtsanwalt, arbeitet jedoch als Detektiv für Kehila, eine Gemeinschaft jüdischer Geschäftsleute. Diese versucht, ihre Interessen in Manhattan/New York City gegen Gegner aller Art zu wahren – darunter Kriminelle, korrupte Polizisten, aber auch mit Woolworth ein gewalttätiger Konkurrent, der den Handel monopolisieren möchte. Der Prolog, im Buch „Präludium“ genannt, spielt 1883, während der Epilog, als „Coda“ überschrieben, 1919 angesiedelt ist, also kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. In der Hauptsache handelt der Roman jedoch von Ereignissen, die sich zwischen 1912 und 1914 abspielen.

Hicks McTaggert, der Privatdetektiv in „Schattennummer“ (im Original „Shadow Ticket“) von Thomas Pynchon, hat sein Handwerk auf den Straßen von Milwaukee gelernt. Dort ging er als Provokateur und Streikbrecher auf all jene los, die ihm seine Auftraggeber aus der Industrie als Gegner benannt hatten. Als die Zahl der Straßenkämpfe abnahm, wechselte er zu einem Detektivbüro namens „Unamalgamated Ops“, für das er Anfang der 1930er-Jahre Aufträge aller Art erledigt.

Noch gilt die Prohibition, die dem organisierten Verbrechen durch den Alkoholschmuggel ein riesiges Geschäft ermöglicht. Doch nach 178 Seiten verschlägt ihn eine Gewalttat auf einen Dampfer nach Europa, wo er in die Kämpfe rechtsextremer und nationalistischer Gruppen gerät. Der Roman endet kurz nach dem Wahlsieg Franklin D. Roosevelts im März 1933, dessen Amtszeit in der Fiktion dieses Romans allerdings nur „anderthalb Minuten lang“ währt, bevor ihn eine Bande von Millionären aus dem Amt putscht.

Die Romane unterscheiden sich in vielem. „Ravage & Son“ ist noch dem Thriller-Genre verhaftet, als den ihn der deutsche Verlag Suhrkamp auf dem Cover zurechnet. Da gibt es klar benannte Gegner, die Ben nach dem Leben trachten, weil er beispielsweise immer wieder das einträgliche Betrugsgeschäft stört, zu dem sich Polizisten, Richter und Geldverleiher zusammengeschlossen haben. Da ist ein Unhold, der nachts auf den Straßen sein Unwesen treibt und sich als Bens Vater entpuppt. Da werden Konkurrenten und Gegner – zu denen bald auch Ben gehört – im Dachgeschoss einer sozialen Einrichtung gefoltert. Der Erzähler wechselt mehrfach die Perspektive: Er folgt nicht nur Ben, sondern auch dessen Mentor Cahan, der als führender Journalist der „Jewish Daily Forward“ die Ereignisse nicht nur beobachtet, sondern immer wieder aktiv in die Wirklichkeit eingreift – zum Wohl seiner Leserinnen und Leser, und sogar Bens Vater bei seinen Obsessionen. Und doch zersplittert der Roman nicht, hält ihn doch ein großer Erzählbogen zusammen, der in der doppelten Geschichte einer großen, verzweifelten Liebe besteht.

„Schattennummer“ enthält ebenfalls zahlreiche Elemente, die dem Thriller oder dem Detektivroman entstammen. Hicks erhält einen Auftrag, die Tochter eines Käse-Magnaten aufzureiben und zu beschützen, der ihn über längere Zeit und schließlich selbst in Europa  beschäftigt. Es gibt Überfälle und Entführungen aller Art, in denen immer wieder für kurze Momente die Spannung geschürzt wird. Lügen sind zu enttarnen, Betrügereien aufzudecken, und auch Romanzen fehlen nicht. Doch wie Hicks jener Daphne erklärt, die er beschützen soll, gilt in der Detektivbranche eine Regel: „Was dem einen seine große Romanze ist, ist dem anderen sein Überstundenzuschlag.“

Immer dann, wenn man bei der Lektüre glaubt, einen Erzählfaden in der Hand zu halten, büxt der allwissende Erzähler aus, wechselt Ebene und Perspektive, streut Songtexte ein, wartet mit zahlreichen Details der Populärkultur sowie der Waffen- und Transporttechnik der 1930er-Jahre (Motorräder aller Art!) auf und vertraut zugleich darauf, dass die Lesenden mit den Einzelheiten des Vertrags von Trianon aus dem Jahr 1920 vertraut sind – andernfalls verlaufen sie sich im Grenzgebiet dessen, was vor dem Ersten Weltkrieg zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörte. Dieser Roman kennt keinen großen Erzählbogen; er zerfasert in einzelne Szenen und wechselt die Protagonisten so häufig, dass man immer wieder innehalten muss, um sich zu vergewissern, wer Skeet, Stuffy oder Terike ist, der plötzlich im Mittelpunkt der Erzählung steht.

Bei all den signifikanten Unterschieden gibt es jedoch einen gemeinsamen Horizont, vor dem sich beide Romane entfalten: den Antisemitismus. Bei Charyn ist er im Manhattan der 1910er-Jahre permanent präsent, äußert sich oft beiläufig, bleibt aber durch die jüdische Selbstorganisation stets virulent. Bei Pynchon durchzieht er das Europa der frühen 1930er-Jahre, prägt die Politik vieler Länder und bricht sich immer wieder in Gewalttaten Bahn.

In diesem Sinne lassen sich beide Romane als Deutungshilfen für die Gegenwart des Jahres 2025 lesen – eine Gegenwart, vor deren Irrsinn man nur allzu oft die Augen verschließen möchte.

Jerome Charyn: Ravage & Son (2023). Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bürger. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp, Berlin 2025.

Thomas Pynchon: Schattennummer (Shadow Ticket, 2025). Aus dem Englischen von Nikolaus Stings und Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Hamburg 2025.

Und hier meine Voten für die CrimeMag Top Ten (in alphabetischer Reihenfolge):

Max Annas: Tanz im Dunkel (Suhrkamp)
Andrea Camilleri: Riccardino (2020, Lübbe)
Jerome Charyn: Ravage & Son (2023, Suhrkamp)
Garry Disher: Desolation Hill (Day‘s End, 2023, Unionsverlag)
Pascal Garnier: Die Eskimo-Lösung (La solution esquimau, 2007, Septime)
Wolf Haas: Wackelkontakt (Hanser)
Rachel Kushner: See der Schöpfung (Creation Lake, 2024, Rowohlt)
Jonathan Lethem: Der Fall Brooklyn (Brooklyn Crime Novel, 2023, Tropen)
Andreas Pflüger: Kälter (Suhrkamp)
Thomas Pynchon: Schattennummer (Shadow Ticket, Rowohlt)

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Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. – Seine Texte bei uns hier. 

– In letzten Jahresrückblick gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

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Gebündeltes, gebundenes Fachwissen Foto © Volker Lilienthal

Volker Lilienthal: Hier geht etwas verloren

Eine sehr bedauerliche Nachricht verbirgt sich für mich auf Seite 15 der heutigen Ausgabe von epd medien: Die alle 14 Tage erscheinende Papierausgabe, die auch formatiert als PDF erschien, wird Ende des Jahres eingestellt, die Redaktion wird sich auf Website, Newsletter und wohl die Agenturberichterstattung des epd konzentrieren.
Gründe werden in der knapp gehaltenen Verlagsmitteilung nicht genannt, man muss wohl wirtschaftliche vermuten. An der anhaltend hohen Qualität dieses seit 76 Jahren erscheinenden Medienfachdienstes kann es nicht liegen. Notabene: epd medien wurde 1946 als „epd/Kirche und Rundfunk“ gegründet.

Auch für mich persönlich geht damit eine Ära zu Ende, durfte ich doch 20 Jahrgänge von epd medien bis 2009 mitgestalten. Das war und bleibt mehr als mein halbes Berufsleben. Damals produzierten wir noch zwei Hefte pro Woche in einem Regelumfang von 24 Seiten, oft wurden es 28 und mehr. Jeder Jahrgang hatte also rund 2500 Seiten.

20 Jahrgänge nahm ich gebunden mit nach Hamburg in mein Unibüro und entschied mich 2021, all diese quantitativ und vor allem qualitativ schwergewichtigen Bände unserer Fachbereichsbibliothek als Vorlass zu vermachen; siehe Fotobeweis. Denn epd medien war eben immer auch ein programmhistorisches und medienpolitisches Archiv zum Nachschlagen. Das wollte ich erhalten wissen, nicht nur für die Wissenschaft.

Und damit komme ich zum Punkt meines Bedauerns: Rein digital zu publizieren und nicht mehr auf Papier zu drucken ist natürlich das Zeichen der Zeit und Mittel der Wahl. Aber es geht eben auch etwas verloren: die analytische Synopse, die überraschende Entdeckung als Leser:in, das Erkennen von Zusammenhängen, die nachschlagbare Erinnerung an die Entwicklungsschritte der Medien, ihre Leistungen, aber auch ihre Schwächen, ja Verfehlungen.

Medienjournalismus sollte sich nicht nur in Nachrichten erschöpfen. Medienjournalismus ist Metakommunikation, die ihre Überzeugungskraft aus der kritischen Reflexion des Vorfindlichen gewinnt und vor allem auch den Inhalten der Medien Aufmerksamkeit schenkt. Insofern hoffe ich, dass epd medien auch online weiterhin Programmkritiken und all das bringt, was diesen besonderen Mediendienst von anderen unterscheidet.

Good luck also für Diemut Roether, Michael Ridder, Ellen Nebel, Elisa Makowski und überhaupt den ganzen Evangelischer Pressedienst. Nicht zu vergessen die vielen freien Autorinnen und Autoren, die epd medien über fast acht Jahrzehnte zu dem gemacht haben, was es ist. Die Publizistik der Evangelischen Kirche hat hier einen Schatz, den es zu hüten gilt.

Post auf LinkedIn von Mitte Dezember 2025, mit freundlicher Erlaubnis übernommen. Volker Lilienthal ist leidenschaftlicher Journalist und hatte sich früh der Medienkritik verschrieben. Freier Autor bei „medium“, später Redakteur bei „epd medien“. Noch später: Wechsel von Frankfurt an die Universität Hamburg. Dort Inhaber der Rudolf-Augstein-Stifttungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus. Seit 10/2025 im Ruhestand.

21. Januar 1949: die erste Ausgabe von »epd. Kirche und Rundfunk«, wie der Mediendienst lange hieß

Biografische Anmerkung von Alf Mayer: Für acht wunderbare, reiche Jahre war ich 1978-1985 Kollege der Journalisten und Journalistinnen von »epd. Kirche und Rundfunk«, wie der Dienst damals hieß. Zusammen mit Peter Christian Hall machte ich »medium«, die erste Medienzeitschrift der Bundesrepublik. Sie erschien ebenfalls im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH (kurz GEP), aus dem auch die wichtige Zeitschrift epd-Film kommt. Ich hatte ”medium« in meiner Journalistenausbildung bei der »Ausgburger Allgemeinen« kennengelernt, liebte das Blatt, war elektrisiert. Es war unendlich wichtig für die Erweiterung meines Horizonts. Und dann, im Urlaub in Frankreich, fand ich in der »ZEIT« eine Stellenanzeige, »medium« suchte einen Filmredakteur. Ich bewarb mich. Wurde genommen. Betrat eine neue Welt.

Worauf auch ich dann stolz war: Die Medienpublikationen des GEP waren – ebenso wie die kongruenten Fachdienste der Katholischen Bischofskonferenz – lebender, aktiver Geist der gesellschaftlichen Aufgabe, der sich auch die Kirchen nach 1945 vollen Ernstes unterschrieben, nämlich die Medienlandschaft unserer Nachkriegsdemokratie nie wieder zu totalitären Instrumenten verkommen zu lassen sondern sie als Stimme(n) der Demokratie und Vielfalt zu fördern und kritisch zu begleiten. Konfessionsinteressen waren dabei lange Jahre untergeordnet. Als ich im Bewerbungsgespräch hervorhob, dass ich aber katholisch sei, rief Heiner Michel, damals »Grundsatzreferent« des GEP, lebhaft aus: »Aber Herr Mayer, das spielt doch keine Rolle, ‹medium› ist eine Fachzeitschrift!»

Acht Jahre später und die Evangelische wie die Katholische Kirche vom Privatfernsehen mit Programmfläche geködert, hatten sich die Konservativen im Rat der EKD durchgesetzt: Das monatlich erscheindende, mit seiner Kritik lästig gewordene »medium« wurde auf vierteljährlich umgestellt, eine der zwei Redakteurstellen gestrichen. Peter Christian Hall als Familenvater erhielt das unsittliche Angebot, das Rumpfmedium weiter zu machen, ich wurde per Tendenzänderungas-Kündigung entfernt, weil jetzt mehr kirchliche Inhalt angesagt wären und ich ja »erwiesenermaßen nicht fähig, evangelische Wertvorstellungen zu vermitteln«. Unser Nachfolger Horst Pöttker machte dann das Beste unter den neuen Auspizien und verankerte das Magazin mehr in der Publizistik- und Medienwissenschaft.

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»medium«, so schreibt es Volker Lilienthal in einem Linkedin-Post, »war in seinen besten Jahren eine Art ‹Kursbuch› für die Medienentwicklung: immer kritisch reflektierend und auf intellektueller Flughöhe. Die Vierteljahreszeitschrift gab es seit 1971. Peter Christian Hall, in eigenen Beiträgen selbst ein großer Stilist, wurde 1977 verantwortlicher Redakteur. Zur Redaktion gehörte damals auch Alf Mayer. Später übernahm Horst Pöttker, später Professor an der Technische Universität Dortmund.
‹medium› erschien laut DNB bis 1994 und musste sein Erscheinen aus wirtschaftlichen Gründen einstellen: Die Zahl der Abonnenten hatte stark abgenommen. Um nicht missverstanden zu werden: Ich weiß schon, dass auch Zeitschriften ihre Zeit haben und nicht ewig existieren können. Wenn sie aber gut waren, ist die Einstellung immer ein kultureller Verlust – in diesem Fall: eine kluge Stimme weniger in der Medienökologie.«

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