Geschrieben am 1. September 2025 von für Crimemag, CrimeMag September 2025

Eggenberger: »Wunder Punkt« von Sara Paretsky

Sara Paretsky ist dieser Tage auf Deutschland-Lesetour. Hier die Termine:

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Sara und die Detektive

Dreiundvierzig Jahre ist es her, seit Sara Paretsky ihre Privatdetektivin Vic (beziehungsweise V. I. für Victoria Iphigenia) Warshawski zum ersten Mal durch die düsteren Straßen von Chicago schickte. Inzwischen liegt der zweiundzwanzigste Roman der Serie, „Pay Dirt“ aus dem Jahr 2024, unter dem Titel „Wunder Punkt“ auf Deutsch vor.

Mit ihrem ersten Kriminalroman „Indemnity Only“ (Deutsch: „Schadenersatz“, 1986) gehörte Paretsky 1982 zu Pionierinnen der Krimis mit Privatdetektivinnen. Denn bis Anfang der 1980er war diese ikonische Figur der Literatur praktisch ausschließlich männlich.

Schon seit bald hundert Jahren gehören Privatdetektive zum Personal der hard-boiled Kriminalliteratur. In diesem Jahrhundert mag ihre Präsenz zwar etwas abgenommen haben, doch es gibt sie immer noch. Von der Krimileserschaft – weiblich wie männlich – wurde und wird diese Figur vor allem geschätzt, weil sie oft den Gegenpart zu den offiziellen Ermittlern und damit quasi der Staatsmacht bildet. Auch wenn sie Auftraggebern mit gewissen Interessen verpflichtet sind, blicken private Ermittler meist unabhängiger auf Verbrechen – und auch auf die Welt an sich –, greifen oft auf unkonventionelle Methoden zurück, wie sie die Polizei nicht nutzen kann beziehungsweise darf.

Dashiell Hammett führte diese Figur Ende der 1920er Jahre ein und begründete mit „Red Harvest“ (1929; „Rote Ernte“) die moderne Kriminalliteratur. Raymond Chandler, der 1939 den ersten Roman mit Philip Marlow veröffentlichte, definierte die Figur später im Essay „The Simple Art of Murder“ (1950) so: Down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid. The detective must be a complete man and a common man and yet an unusual man. He must be, to use a rather weathered phrase, a man of honor – by instinct, by inevitability, without thought of it, and certainly without saying it. He must be the best man in his world and a good enough man for any world.

Es geht um Männer, und die wurden und werden auch als tough guy detectives bezeichnet, von tough gal detectives war damals keine Rede. Unzählige Autoren – darunter beispielsweise Mickey Spillane, Ross Macdonald, Joe Gores, Robert B. Parker, Loren D. Estleman, Stuart M. Kaminsky, Lawrence Block, James Crumley, Walter Mosley, Dennis Lehane, Robert Crais – spielten über Jahrzehnte mehr oder weniger originell und virtuos mit dieser Figur.

Vereinzelt gab es weibliche Detektive, etwa Cordelia Gray, die 1972 von der britischen Autorin P. D. James geschaffen wurde. Aber erst zu Beginn der 1980er betraten mit Anna Lee (1980) der englischen Autorin Liza Cody, mit Kinsey Millhone (1982) von US-Autorin Sue Grafton und eben Paretskys V. I. Warshawski (1982) Frauen die bislang männlichen Detektiven vorbehaltenen mean streets. Und bewiesen sich da als so tough wie die guys. Mit einigem Erfolg auf dem Buchmarkt, auch wenn sich manche Privatdetektivinnen abgesehen vom Geschlecht nur wenig von ihren männlichen Kollegen unterschieden.

Warshawski prügelt sich auch nach vier Jahrzehnten noch mit Bösewichten, klettert durch Fenster und gibt in einem einsamen Wäldchen die Zielscheibe für Schüsse. Im neuen Roman „Wunder Punkt“ kämpft sie nach einem brutalen Mord, den sie knapp nicht verhindern konnte, mit ihren Dämonen und findet kaum zurück in den Alltag. Um sie abzulenken, überredet die junge Freundin Bernie sie, eine Gruppe von befreundeten Studentinnen nach Lawrence in Kansas zu begleiten, wo eine von ihnen ein wichtiges Basketballspiel bestreitet. Am Tag nach dem erfolgreichen Spiel fehlt eine der Studentinnen für die Rückreise. Bernie nötigt die Privatdetektivin, die junge Frau zu suchen.

Warshawski findet die Studentin bald, allerdings halb tot in einer Drogenhöhle. Wo sie danach auch noch eine Leiche findet. Von der lokalen Polizei verdächtigt und von Unbekannten verfolgt, steckt sie sogleich mitten in lokalen Querelen, deren Ursachen tief in der Geschichte der Stadt Lawrence und des Bundesstaates Kansas liegen.

In Lawrence ist Sara Paretsky, die schon seit Jahrzehnten in Chicago lebt, aufgewachsen und an die Uni gegangen. „Ich wuchs unbeleckt von dem Wissen auf, dass Lawrence bis weit ins 20. Jahrhundert segregiert war, dass Schwarze Studierende nicht in die Wohnheime der University of Kansas durften, wo mein Vater lehrte, dass es Immobilienabsprachen gab, die regelten, wo Schwarze, Indigene und jüdische Menschen Häuser besitzen durften“, schreibt Paretsky in ihren Anmerkungen zum Roman. Im Unrecht, das damals geschah, liegt der Ursprung der aktuellen Verbrechen, deren Aufklärung ihre Heldin fast nicht überlebt.

Sara Paretsky: Wunder Punkt (Pay Dirt, 2024). Aus dem Englischen von Else Laudan. Ariadne / Argument Verlag, Hamburg 2025. 500 Seiten, 25 Euro.

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Hanspeter Eggenberger veröffentlicht als einziger Kritiker im deutschsprachigen Raum so gut wie je Woche die Besprechung eines aktuellen Kriminalromans. Seine Internetseite krimikritik.com sei hiermit ausdrücklich empfohlen., d. Red.

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