Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Voll im falschen Film – Andrea Noack: Interview mit Wiebke Lorenz

»Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Auch die des Besoffenen.«

Ein Gespräch mit Wiebke Lorenz über »Voll im falschen Film«, schwarzen Humor, Stigmatisierung und Gefühle in Originalgröße – von Andrea Noack

Wiebke Lorenz ist Bestsellerautorin, Drehbuchautorin und Journalistin. Unter ihrem eigenen Namen und dem Pseudonym Charlotte Lucas hat sie Romane, Thriller und Komödien veröffentlicht. In ihrem neuen Roman Voll im falschen Film macht sie nun etwas, das im deutschsprachigen Unterhaltungsroman bislang kaum vorkommt: Sie erzählt von Alkoholabhängigkeit – und zwar als schwarze Komödie.

Ich habe mit Wiebke Lorenz über ihre eigene Geschichte, die Entstehung des Romans und die Frage gesprochen, warum wir über eine schwere Erkrankung auch lachen dürfen. Dazu gibt es einen Premierenbericht und zum Schluss verraten wir etwas über uns, das bis jetzt noch niemand weiß.

Aufwachsen mit Alkohol

Andrea: Du machst kein Geheimnis daraus, dass deine Eltern ebenfalls alkoholabhängig waren. Kinder alkoholabhängiger Eltern sagen oft: Das wird mir nie passieren. Wie hat sich deine eigene Abhängigkeit entwickelt?

Wiebke: Ich kann ziemlich genau sagen, wann ich Alkohol zum ersten Mal ganz bewusst wegen seiner Wirkung getrunken habe: Das war im November 1991 während meines Studiums. Ich hatte vorher kaum getrunken, weil Alkohol für mich durch mein Elternhaus negativ besetzt war. Auf einer Party drückten mir Freunde ein Getränk in die Hand und sagten sinngemäß: Trink mal, du musst ein bisschen lockerer werden. Mein erster bewusster Drink war also schon ein Wirkungsgetränk. Ich habe ihn getrunken, um mich zu verändern.

Bei mir gab es von Anfang an wenig Normalität im Umgang mit Alkohol. Es ging über viele Jahre eher in Extremen: entweder sehr viel oder gar nichts. Gleichzeitig konnte ich nicht trinken und schreiben. Nach einem Glas Wein war meine Konzentration weg. Das Schreiben verlangte sehr viel Disziplin – und hat vermutlich auch verhindert, dass ich früher völlig untergegangen bin.

Rückfälle und die Logik der Sucht

Andrea: Du sagst offen, dass du von Zeit zu Zeit Rückfälle hast. Kündigen sie sich bei dir an?

Wiebke: Nein. Bei mir kann ein Rückfall von jetzt auf gleich passieren. Dann ist da ein Tunnel, in dem die Möglichkeit, eine Notfallnummer anzurufen oder einen Notfallzettel hervorzuholen, nicht mehr vorkommt. Mein Psychiater nennt das eine dysfunktionale Bewältigungsstrategie. Es geht darum, ein in diesem Moment unerträgliches Gefühl im Kopf zum Schweigen zu bringen.

Das funktioniert bei mir offenbar anders als bei vielen anderen. Wenn Rotwein zum Kochen in der Küche steht, würde ich nicht daran gehen. Der Rückfall entsteht nicht dadurch, dass ich eine Flasche sehe und plötzlich Lust darauf bekomme. Wenn er kommt, dann sehr schnell und mit diesem Tunnelblick.

Vielleicht ist es einerseits ein Vorteil, dass ich nicht über lange Zeiträume trinke und mich relativ schnell wieder herausholen kann. Andererseits ist genau das auch ein Nachteil: Nach ein paar Tagen ziehe ich mich selbst wieder heraus und muss dadurch womöglich nie an den Punkt, an dem eine längerfristige Heilung beginnen könnte. Das hat mein Vater einmal sehr treffend zu mir gesagt.

Eine Alkoholikerin im Partykeller

Andrea: In den Genres, in denen du normalerweise unterwegs bist, ist Alkoholabhängigkeit in der Regel kein Thema. Wie kamst du auf die Idee zu diesem Roman?

Wiebke: Irgendwann war diese völlig verrückte Idee da: Eine trockene Alkoholikerin wird entführt und für ein paar Tage in einen Partykeller gesperrt, und dort gibt es nur Alkohol zu trinken. Mehr war es am Anfang gar nicht, nur diese Ausgangssituation.

Ich wollte etwas über Sucht erzählen. Aber ich bin nun einmal Romanautorin und keine klassische Sachbuchautorin. Also wollte ich etwas Lustiges darüber schreiben, das gleichzeitig aufklärt und entstigmatisiert. Der Keller ist dabei auch ein Bild für den eigenen Kopf: Der alkoholabhängige Mensch sitzt darin gewissermaßen mit dem Alkohol eingesperrt.

Nach dreißig oder vierzig Seiten dachte ich allerdings: Okay, Wiebke, das ist jetzt schon einmal lustig – aber wohin geht die Geschichte? Was soll daraus werden? Bei jedem meiner Bücher kommt etwas aus mir heraus, das so weit ist, dass das Herz laut sagt: Das muss jetzt erzählt werden. So war es auch diesmal.

Andrea: Du hättest die Geschichte auch als Drama oder Tragödie erzählen können. Warum hast du dich für schwarzen Humor entschieden?

Weil ich das am besten kann. Ich hatte früher einige Jahre lang eine Kolumne in der Cosmopolitan. Die Form der Glosse und der schwarze Humor liegen mir, und ich lese das auch selbst am liebsten. Für das Publikum ist ein schweres Thema außerdem leichter anzunehmen, wenn es in humorvolle Situationen verpackt ist.

Andrea: Du verwendest ganz bewusst Begriffe wie »besoffen« oder »Säufer«, die normalerweise als abwertend und stigmatisierend gelten. Warum hast du dich trotzdem für diese Sprache entschieden?


Wiebke: Weil ich das am besten kann. Ich hatte früher einige Jahre lang eine Kolumne in der Cosmopolitan. Die Form der Glosse und der schwarze Humor liegen mir, und ich lese das auch selbst am liebsten. Für das Publikum ist ein schweres Thema außerdem leichter anzunehmen, wenn es in humorvolle Situationen verpackt ist.

Pendragon Verlag, 2026

»Ein Seelendrama. Unfassbar ehrlich.
Und trotzdem saukomisch.« Peter Prange

Nora Stern ist Schauspielerin, Mutter, Alkoholikerin und seit drei Jahren abstinent. Bis sie in einem fremden Partykeller erwacht. Niedergeschlagen und verschleppt. Auf dem Bartresen: Ein gut sortiertes Buffet. Getränke? Nichts – außer Alkohol. Nach Tagen kommt sie auf einer Wiese zu sich, in Freiheit, aber zurück an der Flasche. Nora muss trocken werden. Schnell. Bald stehen Dreharbeiten an, und im Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann macht sich Trunkenheit eher schlecht. Nur: So leicht ist es nicht. Beim Kauf von neuem Stoff wird Nora von einem Paparazzo abgelichtet – Zufall? Sie beginnt zu ermitteln. Gegen Widerstände. Gegen alte Feinde. Und gegen eine Sucht, die geduldig auf jede Chance wartet. Ein schwarzer, und bitterkomischer Roman über Abhängigkeit, Demütigung und die dünne Linie zwischen Täter und Opfer.

»Gefühle in Originalgröße«

Andrea: Eine Formulierung im Buch ist mir besonders aufgefallen: »Gefühle in Originalgröße«. Was bedeutet das für dich?

Wiebke: Es bedeutet, sowohl durch die Freude als auch durch den Schmerz zu gehen. Wenn etwas passiert wie das Ende einer Ehe, hast du ohne Alkohol kein kleines Helferlein mehr, das die Gefühle ein bisschen abpuffert. Ich hatte immer die Tendenz, Gefühle, die ich schlecht aushalten konnte, zu betäuben. Das galt sogar für positive Situationen: Wenn auf einem Festival alle fröhlich waren, wollte ich noch ein bisschen fröhlicher sein.

Ohne Rausch bist du gewissermaßen unscripted. Du musst und darfst durch jedes Gefühl so hindurchgehen, wie du es ohne Filter erlebst. Das ist anstrengend. Komplett rauschfrei durchs Leben zu gehen, ist eine absolute Herausforderung – und manchmal auch ein bisschen langweiliger.

Aber irgendwann fängt das eigene Belohnungssystem wieder an zu funktionieren. Dann kannst du Rausch wieder aus eigener Kraft erleben.

Andrea: Dem kann ich nur zustimmen. Der Rausch ist die hohe Kunst der Nüchternheit.

»Diese Art von Humor kann ich am besten«

Andrea: Du verwendest ganz bewusst Begriffe wie »besoffen« oder »Säufer«, die normalerweise als abwertend und stigmatisierend gelten. Warum hast du dich trotzdem für diese Sprache entschieden?

Wiebke:  Weil das genau mein Humor ist und ich nichts von politisch korrektem Rumgeschwurbel halte. Vielleicht auch, um der Gesellschaft zu spiegeln, wie sie mit Betroffenen umgeht. Immer voll auf die zwölf, nur das kommt an.

In diesem Thriller thematisierte Wiebke Lorenz ihre Zwangserkrankung.

»Immer voll auf die Zwölf, nur das kommt an.«

Andrea: Alkoholabhängigkeit ist noch immer stark tabuisiert. Wie war es für dich, dich mit dem Buch öffentlich als Betroffene zu zeigen?

Wiebke: Ich glaube, es hat gar nicht so viele Menschen überrascht. Zu viele hatten mich längst in entsprechenden Situationen erlebt, und in der Buchbranche hatte es sich vermutlich ohnehin herumgesprochen. Im Freundeskreis bin ich schon länger offen damit umgegangen. Auch, um ein Sicherheitsnetz für meine Tochter zu haben. Ich hatte drei oder vier Freundinnen, denen ich sagen konnte: Ich bin gerade außer Gefecht, könnt ihr euch bitte zwei Tage um die Kleine kümmern?

Mir ist erstaunlich wenig peinlich. Vielleicht gerade deshalb, weil ich aus einer Familie komme, in der über solche Dinge nicht gesprochen wurde. Vor mehr als zehn Jahren hatte ich eine schwere Zwangserkrankung und habe auch darüber öffentlich gesprochen. Damals habe ich erlebt, wie viele Menschen keine Stimme haben, weil die Scham zu groß ist oder weil sie sich beruflich nicht frei äußern können. Ich bin freie Autorin. Wer soll mir verbieten, darüber zu reden?

Ich will nicht zur Gallionsfigur der Süchtigen werden. Aber es ging mir wahnsinnig auf die Nerven, wie über abhängige Menschen gesprochen wird. Das Drama und das Stigma machen diese Krankheit noch schlimmer. Wenn hinter meinem Rücken jemand sagt: »Wiebke Lorenz, die ist Alkoholikerin«, kann ich heute antworten: »Ja, stimmt. Und jetzt?« Ich empfinde das nicht als moralisches Versagen. Es ist eine beschissene Krankheit.

»Ja, stimmt. Und jetzt?«

Andrea: Wird es mit der Zeit leichter, offen darüber zu sprechen?

Wiebke: Mit Sicherheit. Diese Krankheit wird nicht nur von außen stigmatisiert. Noch schlimmer ist oft das Selbststigma: dieses Gefühl, ein Versager, ein Schwächling oder ein Idiot zu sein. Man muss gleich mehrere Hürden überwinden. Zuerst muss man sich selbst eingestehen, dass man ein Problem hat. Dann muss man es einem Arzt, dem Partner oder anderen Menschen sagen. Und in dem Moment, in dem man sagt: Ich bin alkoholkrank, fühlt es sich an, als sei man draußen. Von da an wird darauf geachtet, was man trinkt. Und man verpasst sich selbst dieses »nie wieder«.

Der größte Schritt aus der Sucht ist für mich deshalb der Weg vom »Ich darf nicht mehr« zum »Ich muss nicht mehr« oder »Ich will nicht mehr«. Für manche ist dieser Weg weiter, für andere weniger weit. Wir brauchen dafür ein Reframing. Denn das Absurde ist: Alle trinken. Aber wenn du zu denen gehörst, die es nicht im Griff haben, bist du plötzlich draußen. Gleichzeitig musst du dich rechtfertigen, wenn du nicht trinkst.

Ein Buch, das in keine Schublade passt

Andrea: Wie leicht oder schwer war es, einen Verlag für Voll im falschen Film zu finden?

Wiebke: Sehr schwer. Pendragon ist ein großartiger Indie-Verlag [unabhängiger Verlag, independent] und hat viele Preise gewonnen. Aber ich war zuvor immer bei den großen Häusern – Rowohlt, Piper, Penguin Random House, Droemer Knaur – und sie haben das Buch alle abgelehnt. Die Reaktion war sinngemäß: Alkoholismus und Humor, das geht nicht. Alkoholismus ist eine schwere Krankheit, darüber darf man sich nicht lustig machen. Und ich dachte: Ihr habt das Manuskript nicht gelesen. Ich mache mich an keiner Stelle über die Krankheit lustig.

Pendragon war schließlich mutig genug zu sagen: Wir machen das. Als ich etwa die Hälfte geschrieben hatte, dachte ich noch, die Verlage würden mir dieses Buch aus den Händen reißen, weil es etwas völlig anderes ist. Vielleicht war aber gerade das das Problem. Es ist ein Genre-Mix. Das Buch kommt im Deckmantel einer Krimikomödie daher, aber der Krimi ist gar nicht das Wichtigste. Als Buchhändler weiß man womöglich nicht sofort, auf welchen Tisch man es legen soll. Ich war trotzdem überrascht, wie stromlinienförmig offenbar alles sein muss und wie groß die Angst vor diesem Stoff war.

»Gut, dass du das thematisierst«

Andrea: Wie reagieren die Menschen heute auf deine Offenheit?

Wiebke: Überwiegend positiv. Ich werde häufig angesprochen und höre: Gut, dass du das endlich einmal thematisierst. Bei der Premierenlesung wird es neben den üblichen Getränken auch den vermutlich weltweit ersten Nora-Stern-Mocktail geben.

Ich laufe aber nicht missionierend durch die Gegend. Vorträge darüber zu halten, wie andere leben sollen, bringt nichts. Das muss jeder Mensch für sich erkennen. Mir geht es um Offenheit und darum, Sucht nicht länger als persönliches Versagen zu behandeln.

Verändert sich unser Blick auf Alkohol?

Andrea: Was ist dein Eindruck: Ändert sich in unserer Gesellschaft gerade etwas im Umgang mit Alkohol?

Wiebke: Ja. Gerade in den vergangenen zwei oder drei Jahren ist die Community größer und lauter geworden. Immer mehr Menschen sprechen offen darüber, und ich hoffe, dass sich das bald auch in den Zahlen niederschlägt.

Mich ärgert besonders das Mantra vom »verantwortungsvollen Konsum«. Alkohol ist ein Suchtmittel, das genau den Teil unseres Denkens beeinträchtigt, der für verantwortliche Entscheidungen zuständig ist. Zugleich lebt die Industrie zu einem erheblichen Teil von Menschen, die eben nicht maßvoll trinken. Die Gegenüberstellung von moderatem, genussvollem Konsum und angeblich verantwortungslosem Konsum ist für mich vor allem eine PR-Strategie.

Trotzdem bin ich keine Missionarin. Ich möchte niemandem mit einem Schild um den Hals den Feierabend wegnehmen. Aber Alkohol ist nachweislich krebserregend und kann abhängig machen. Darüber müssen wir ehrlich sprechen. WHO: Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge

Ein Freund hat einmal zu mir gesagt: »Wiebke, dein Kopf ist dein Kapital.« Dieser Satz hat sich bei mir eingebrannt. Mein Kopf ist tatsächlich mein Kapital. Das Gehirn ist das Wertvollste, was wir haben. Und mein Lieblingssatz aus dem Buch lautet: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch die des Besoffenen.«

»Besoffen betrachtet«: die Buchpremiere auf St. Pauli

Szenenwechsel. Eine Frau im Jogginganzug und mit Turnschuhen liegt auf einem abgeranzten Sofa. Auf einem Tisch daneben stehen eine Menge Weinflaschen. Nichts geschieht.

Irgendwann kommt ein Mann im weißen Kittel auf die Bühne und tritt vor das Mikrophon. Er begrüßt die Gäste und kündigt an, dass er sie medizinisch und psychologisch durch den Abend begleiten wird, da seine geschätzte Kollegin Wiebke Lorenz leider verhindert sei. Dann setzt er sich auf einen Stuhl und wartet.

Nach einer langen, langen Minute kommt die Frau auf dem Sofa offenbar zu sich. Mühsam quält sie sich hoch, grölt noch irgend einen Gassenhauer und ruckelt sich zurecht. Mit schwerem Zungenschlag verkündet sie schließlich: »Hallo, mein Name ist Nora Stern. Ich bin seit drei Jahren trockene Alkoholikerin, und die meisten von Ihnen werden mich kennen, da ich eine wahnsinnig bekannte Schauspielerin bin.«

So beginnt am 7. September 2026 im Nochtspeicher auf St. Pauli die inszenierte Lesung aus Wiebke Lorenz’ neuem Roman. Das Motto des Abends: »Besoffen betrachtet. Nüchterne Erkenntnisse aus Voll im falschen Film«.

Wiebke Lorenz alias Nora Stern beginnt zu lesen und erzählt, wie ihre Hauptfigur in diese Lage geraten ist. Sie wurde beim Joggen niedergeschlagen, entführt und in einen Partykeller gesperrt. Dort gibt es ein reichlich gesalzenes Buffet, aber außer Alkohol nichts zu trinken. Das Problem: Nora ist seit drei Jahren trockene Alkoholikerin.

Man ahnt es bereits: Das Unglück nimmt seinen Lauf.

Nun bekommt auch der Mann im weißen Kittel etwas zu tun. Dr. Scheibe, gespielt vom Schauspieler und Musikproduzenten Jan-Christof Scheibe, erklärt, was aus medizinischer Sicht bei einem Rückfall geschieht. Im Wechsel zwischen Lesung und Spielszenen tauchen wir immer tiefer in die Welt einer Frau ein, die gleich mehrere Probleme lösen muss. Sie muss den Rückfall beenden, herausfinden, wer sie entführt hat, und außerdem den Paparazzo erwischen, der sie mitten in der Nacht mit zwei Flaschen Weißwein im Arm fotografiert und das Bild an ihren Agenten geschickt hat.

»Kacke am Dampfen«, nennt Nora Stern diesen Zustand.

Zwischendurch singt Nora »Johnny Walker« von Marius Müller-Westernhagen und »Rehab« von Amy Winehouse, und das mit beachtlicher Singstimme. Es gibt sogar einen fliegenden Garderobenwechsel auf der Bühne. Denn Nora muss zum Arzt, um sich Medikamente gegen die Entzugserscheinungen und zum Schutz vor einem Krampfanfall verschreiben zu lassen. Als klinikerprobte Alkoholikerin weiß sie schließlich, was zu tun ist. Doch Dr. Scheibe weigert sich, ihr die gewünschten Pillen zu verschreiben, da sie abhängig machen.

Das sind die Probleme, mit denen sich eine entzügige Alkoholikerin herumschlagen muss. Und die Demütigungen, die sie ertragen muss, egal ob von klugen Ärzten, in Kliniken oder in der Suchttherapie.

Dr. Scheibe und Nora Stern werfen sich die Bälle zu. Wiebke Lorenz bringt all das so lässig, komisch und sympathisch auf die Bühne, dass es plötzlich viel leichter fällt, über Alkoholabhängigkeit zu sprechen, als es mit getragenem Ernst vermutlich möglich wäre. Das Zusammenspiel zwischen ihr und Jan-Christof Scheibe funktioniert perfekt.

Dabei verliert die Inszenierung nie aus dem Blick, wie schwerwiegend das Thema ist. Im Gegenteil: Womöglich erfährt man an diesem Abend mehr über Alkoholabhängigkeit, Rückfälle und Entzüge als bei manchem Vortrag. Nur merkt man gar nicht, dass man gerade etwas lernt.

Und irgendwann wird deutlich, was einen Rückfall auslösen kann. Es sind nicht unbedingt die Flaschen im Supermarktregal oder das Glas Wein auf dem Nachbartisch. Oft sind es Gefühle, die in diesem Moment zu groß erscheinen, einfach nicht zu bewältigen sind: Angst, Trauer, Einsamkeit. Oder das bittere Gefühl, nicht geliebt zu werden. Es sind die »Gefühle in Originalgröße«, für die es plötzlich keinen Betäubungsknopf mehr gibt.

All das vermittelt dieser Abend in erstaunlich kurzer Zeit: die Komik, die Verzweiflung und die Absurdität einer Erkrankung, über die noch immer viel zu selten offen gesprochen wird. Und er zeigt, dass Aufklärung nicht trocken sein muss, um ernst genommen zu werden.

Dazu der Nochtspeicher als wunderbar passender Ort und ein Publikum, das sich sichtbar auf diese ungewöhnliche Mischung einließ. Ein Abend, an dem sehr viel gelacht wurde und an dessen Ende trotzdem niemand mehr glauben konnte, Alkoholabhängigkeit sei eine lustige Angelegenheit.

Ganz zum Schluss sangen alle gemeinsam noch »Alkohol« von Herbert Grönemeyer, angeleitet von Nora Stern aka Wiebke Lorenz. Dieses Mal vermutlich mit eher gemischteren Gefühlen.

Wie der Zufall uns zusammenbrachte

Andrea: Wiebke, wollen wir den Menschen verraten, wie wir uns kennengelernt haben?

Wiebke: Klar, einverstanden.

Andrea: Ich befand mich damals in einer Trennung und brauchte dringend eine Bleibe. Alkohol spielte dabei eine entscheidende Rolle: Ich war nüchtern, mein damaliger Partner nicht, und das funktionierte einfach nicht mehr. So landete ich 2018 als Untermieterin bei Wiebke.

Wiebke Lorenz

Ich hatte damals das Manuskript von Die Bestie schläft geschrieben. Wiebke war abgesehen von meiner Familie eine der ersten Personen, der ich es zeigte. Ich hatte große Angst vor ihrem Urteil als erfolgreiche Autorin.

Wiebke: Ich habe es gelesen, fand es gut und war überzeugt, dass es veröffentlicht werden sollte. Also habe ich die Kontakte angezapft, die ich hatte, und das Manuskript weitergeschickt. Irgendwann sagte der Blessing Verlag: Das machen wir.

Andrea: Wiebke ist damit ganz wesentlich dafür verantwortlich, dass Die Bestie schläft 2019 überhaupt erschienen ist. Ganz nebenbei entdeckten wir so, dass wir beide ein Alkoholproblem haben. Das entbehrte nicht einer gewissen Komik. Ursprünglich hatte ich das Buch als Roman angelegt. Der Verlag empfahl mir dann, daraus ein erzählendes Sachbuch zu machen – mit der Konsequenz, dass ich mich selbst als alkoholabhängig outen musste.

Damals, noch vor der großen Welle der Sober-Bewegung, sagten mir unzählige Menschen: Endlich spricht jemand darüber. Praktisch jeder kannte jemanden mit einem Alkoholproblem – die Mutter, den Vater, den Onkel. Später kamen diejenigen, die selbst schon lange nüchtern waren. Und schließlich, ganz leise, diejenigen, die selbst noch mitten im Problem steckten.

Einige Jahre später ist nun auch Wiebke mit Voll im falschen Film diesen Schritt gegangen. Vielleicht ist das die schönste Verbindung zwischen unseren beiden Büchern: Beide brechen literarisch mit dem Schweigen, und sie haben einen ähnlichen Humor.

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Memoir von Andrea Noack, eines der frühen Bücher über den Ausstieg aus der Sucht.
Die Bestie schläft. Meine Alkoholsucht und wie ich sie überwand, München (Blessing) 2019

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Wiebke:  Wenn die Menschen beim Lesen meines Buchs lachen und irgendwann denken: Jetzt verstehe ich endlich, wie es Alkoholikern geht, oder sogar: Scheiße, das hätte mir auch passieren können – dann habe ich erreicht, was ich wollte. Alkoholabhängigkeit ist kein moralisches Versagen und sie trifft nicht nur die anderen. Vor allem aber verliert niemand durch diese Krankheit seine Würde.

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Andrea Noack gründete die Plattform Soberland mit digitalen Selbsthilfegruppen, Coaching und Onlinekursen für Menschen, die mit dem Alkohol Schluss machen wollen. Ihr Buch „Klares Wunder. Vierzehn Geheimnisse glücklicher Abstinenz“ ist als PDF erhältlich bei soberland.net. Alles begann mit ihrem ersten Buch „Die Bestie schläft. Meine Alkoholsucht und wie ich sie überwand“, erschienen 2019 bei Blessing (hier bei uns von Alf Mayer besprochen). Ihr Text aus der Covid-Zeit „Die Welt im kalten Entzug“ bei uns hier.
Ihr neues Buch heißt „Die Alkoholmatrix«: Warum wir die Droge feiern…„, hier dazu Hintergrund. Und hier geht es zum Crowdfunding dafür.

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