Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: Gerhard Beckmann: Späte Entdeckungen

Finden, ohne zu wissen, wo zu suchen wäre…

Ende Januar des just verflossenen Jahres 2025 hat diese Geschichte angefangen. Mit einem zufällig aufgeschnappten Hinweis – ich weiss nicht mehr, wo – auf das anstehende Jubiläum eines Medien-Events von 1950: die Ausstellung einer Fotoreportage über die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten, dem Sudetenland und der sowjetisch besetzten Zone. Eine Ankündigung, die meine Neugier erregte.

Ich war 1950 elf Jahre alt. Bis in meine Umwelt hatte es damals keine Nachricht von dieser Fotoreportage geschafft. Von den  Ereignissen und politischen Zusammenhängen, die nur wenige Jahre zuvor auch die Welt unserer Familie erschüttert hatten, haben die Erwachsenen in  meiner Verwandtschaft und Nachbarschaft nichts gewusst, oder nichts berichtet. Bei uns daheim war sogar die unmittelbare eigene  Familiengeschichte ein Buch mit sieben Siegeln. Es war erst dank der zufälligen Wendung im Telefongespräch des Jahres 2008 mit einem australischen Vetter über den Tod seiner Mutter, dass mir eine Tatsache zur Kenntnis kam, die mich von einem bis dahin immer wieder aufschreckenden Kindertrauma erlöste. Ich habe allzu oft nicht einmal gewusst, wo ich hätte ansetzen müssen, um überhaupt etwas hinterfragen zu können.

Ich war ganz verdattert, als ich nun im März entdeckte, dass die erwähnte Fotoreportage irgendwo quasi amtlich als die erste Bestandsaufnahme der Integration registriert wurde, welche die Bonner Bundesrepublik gleich zu Beginn ihres Bestehens für Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen in Gang gesetzt hätte.

Mitnichten. Sie war das genaue Gegenteil irgendeiner amtlich demoskopischen Erfassung  von notwendigen politischen Initiativen. Sie war das Ergebnis eines rein persönlichen Engagements; Resultat eines beschwerlichen dreiwöchigen Reisens durch Bayern, Schleswig-Holstein  und Niedersachsen, um etwas Unerhörtes zu tun;  die alarmierenden Zustände in den Flüchtlingsunterkünften sichtbar zu machen. Sie zeigte Menschen im Elend eines Lebens ohne Zukunftsperspektive, die ihre Existenz, Heimat, Kultur und gesellschaftliche Zugehörigkeit verloren hatten. Sie fing Gesichter ein, die Gesichter „ mit ihren oft leeren Blicken an der Kamera vorbei“, wie Günter Schrott in seinem Bericht über die Ausstellung notierte; eine „drohende Verrohung“ vor allem Jugendlicher; die auffällig  hohe Präsenz von ehemaligen SS-Leuten – wie inzwischen auf Wikipedia nachzulesen – „die nach dem  Krieg als Polizeibeamte in den Flüchtlingslagern arbeiten“.

 Die Fotoreportage war der Höhe- und Schlusspunkt eines neuartigen politischen Journalismus, in Kombination von Text und Bild,  den das französische Ehepaar Soupault seit den 1930er Jahren gegen den Faschismus und Nationalsozialismus in Europa, gegen Mussolini, Franco, Hitler und Pétain in Italien, Spanien, Nordafrika und im Frankreich des Vichy-Regimes entwickelt hatten. Mit den Soupaults hatte General de Gaulle dann ein  Nachrichtensystem der Résistance in der  westlichen Welt aufgebaut, das der  totalitären Propaganda der Diktatoren mit einer Art von fast magischem Realismus die ungeschönte Wahrheit des Menschlichen entgegensetzte.

Die  Fotoreportage machte unübersehbar, was deutsche Menschen im Marsch und Krieg gegen die Welt auf Seiten Hitlers auch sich selbst angetan hatten; dass sie eben in keiner neuen, andersartigen Ordnung integriert waren; dass sie keinesfalls auf dem Weg zu einer religiösen oder ethischen Um-Orientierung unterwegs waren. Die alten  Kirchen haben damals die Wederauferstehung ihrer alten Glaubensformen und -inhalte gefeiert, ganz als ob das  Christentum nicht selbst in Frage gestellt gewesen wäre.

In der magischen Realität der Foto-Augenblicke dieser Ausstellung jedoch wird nirgends etwas von bewahrtem oder wiedererwachtem Glauben, Lieben und Hoffen erkennbar. Da können wir uns vergewissern: Denn der Heidelberger Verleger Bernd Metzner hat auch Ré Soupaults „Katakomben der Seele. Eine Reportage über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem 1950“ als Buch herausgegeben, Es ist lieferbar.

Ende Januar des just verflossenen Jahres hatte ich noch keinen Schimmer, dass Philippe und Ré Soupault auch von irgendwelchem Interesse für mein persönliches und berufliches Leben gewesen sein könnten. Das erfuhr ich  erst Anfang Dezember, als ich  den von Alena Pomajzlovà herausgegebenen kostbaren großformatigen Katalog zur Ausstellung „Josef Šíma. Zwischenwelten“ (Josef Šíma. Mezisvěty) im Westböhmischen Museum von Pilsen in  Händen hielt. Sie zeigt die frühen Werke des Malers Josef Sima, der 1891 in Prag geboren wurde und 1971 in Paris gestorben ist.

Die Ausstellung ist mein Highlight des letzten Jahres (noch bis zum 1.3.2026 geöffnet – d. Red.). Sie ist zu einem Flutlicht geworden, das viele wesentliche Details der schönsten und wichtigsten 45 Jahre meines Lebens in wesentlichen neuen Details enthüllt, erhellt und vieles überhaupt erst richtig verständlich macht.    

Ich hatte natürlich einiges von Josef Šíma. gewusst, hatte in einer kleinen Pariser Galerie Gemälde  sehen können, die er nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris gemalt hatte, ihn in Zürich auf einer Sammelausstellung der späten 1970er Jahre als einen Maler des französischen Surrealismus  präsentiert gesehen, den die hiesige Kunstkritik  neben den bekannten großen Namen als eher blasse Nebenerscheinung abstufte. Die erste überraschende Neuigkeit aber, die mir der Katalog aus Pilsen vermittelte, betraf Philippe Soupault.

Der springende Punkt des innovativen prominenten Journalisten der Résistance hatte einen erstaunlichen Ursprung: Philippe Soupault war ein originärer Lyriker  gewesen, den der – neben, wenn nicht, wie André Gide meinte, vor Rimbaud – „Schleusenmeister der Literatur von morgen“ auf den Sprung gebracht hatte. Soupault hat den bereits in Vergessenheit geratenen Latréeaumont (wieder-)entdeckt und als erster überhaupt in seiner ganzen Bedeutung  erkannt. Soupault wandte sich dann gegen Manifeste, Programme, Statuten, Schulen, auch gegen den kommunistischen Surrealismus der tonangebenden Surrealisten um André Breton. Er steht für eine radikale Aufgabe der Traditionen, die der Dadaismus eingeleitet hatte: Für Dadaisten hatte der Erste Weltkrieg den Bankrott der Hohen Kultur und Kunst Europas manifestiert.

Soupault hat, philosophisch ausgedrückt, „die Phänomenologie“ zum Leitmotiv des Dichtens und Trachtens von  Poeten und Künstlern erklärt, die spontane, teilnehmende Wahrnehmung der Umwelt, in welcher er Mensch sich tagtäglich bewegt, von Flüssen, Steinen, Gebäuden, Straßen, Wolken, Licht und Schatten. Aktiv hat Soupault damit dank der Begegnung mit einer Gruppe von tschechischen Avantgarde-Literaten und Künstlern angefangen, die er mit Pariser Freunden zum gemeinsamen Suchen nach neuartigen Schaubildern von Prager Stadtansichten motivierte. Der inzwischen von Tschechien nach Paris umgesiedelte Josef Šíma nahm daraufhin Kontakt mit Soupault auf. Sima hatte seinerseits ursprünglich mit dem russischen  Sprachphilosophen und literarischen  Vordenker Roman Jakobson über die Möglichkeit von Dichtung als Fundament einer neuen Vision des Menschen von der Welt nachgedacht. Er war mit alten Freunden seiner Heimat in enger Verbindung geblieben. Über den nächsten, entscheidenden Schritt hat Philippe Soupault berichtet:; „Es ist Šíma gewesen, der die Idee hatte, mich um eine Reihe von Texten für Bilder zu bitten, die er von Paris zu entwerfen gedachte. Er hielt mich für den angesagten Gesprächspartner , weil er gelesen hatte, was ich bereits über Paris geschrieben hatte. Und er hat gewussst, dass  ich über Prag geschrieben hatte. Er sah darin eine Art von Bruderschaft zwischen uns begründet.“

Soupault hat dem Wunsch Šímas entsprochen. (Der spätere Nobelpreisträger) Jaroslaw Seifert übertrug die Texte für Prager Leser ins Tschechische. Solch erst-und einmalige Kommuikation zwischen einem Lyriker und einem Maler stellt „eine Art von  avantgardistischer Stadt-Poetik“ für eine „Rekonstruktion der Welt“ dar (Sophie Ireland vom Institute d’ Edtudes Européenes).

Die Pilsner Ausstellung enhält zahlreiche Exponate, die Šímas heute noch aktuelle Vision von Kunst exemplifizieren, dass der moderne Mensch poetische Fantasie braucht, um in seinen durch Technik durch und durch entzauberten alltäglichen Lebenswelten existieren. Mensch sein, einer für den andern ein Gesicht haben und als das geheimnisvolle Wesen geachtet werden zu können, das er im Grunde ist. Diese Vision ist ihm als Brückenbauer einer eigenartigen künstlerischen Moderne zwischen Paris und Prag, Mitteleuropa und Frankreich zuteil geworden. Und weil sein Frühwerk hauptsächlich in böhmischen Museen, Galerien und Privat- Sammlungen verblieb, ist es  erst jetzt wieder in  einer umfassenden Retrospektive öffentlich zugänglich geworden – in Folge des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges war es-, abgesehen von dem kurzen Intervall des Prager Frühlings bis zum Fall des Eisernen Vorhangs sozusagen weggeschlossen und verschwunden. Ohne das Frühwerk dieses Pioniers ist dann aber das Außergewöhnliche des reifen Spätwerks nicht gebührend beachtet worden. Inzwischen gilt Josef Šíma als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Maler des zwanzigsten Jahrhunderts.

Šíma war 1939 vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris aus dem von  Deutschland besetzten Frankreich des Kollaborateurs nach Nizza in die „France Libre“ geflohen, in eine internationale Kolonie von intellektuellen und künstlerischen Exilanten.

Dort hatte auch Ugo Broggi auf der Flucht vor Mussolini und Hitler Zuflucht gesucht. Broggi war Meisterschüler des Mathematik-Genies David Hilbert in Göttingen gewesen, der Mathematik endlich als unanfechtbare Grundlage aller Wissenschaften etablieren wollte. Broggi hatte Hilberts abstrakte Generalthese als Erster konkret ausgeführt, Er war dann von der argentinischen Regierung beauftragt worden, das reiche aber rückständige Agrarland in einen modernen Staat mit einem aufeinander abgestimmten Kapital-, Markt-, Banken, Renten-, militärischem Logistik- und  Sozialversicherungs-System zu transformieren.

Als Mussolini ihn nach seiner Rückkehr in die alte Heimat mit einer vergleichbaren Aufgabe für Italien beauftragen wollte, lehnte er das politisch kompromittierende Angebot ab und entschied sich für einen Auftrag des republikanischen Spanien, in Barcelona eine besondere mathematische Fakultät zur Förderung der Region Katalonien aufzubauen, musste nach dem Franco-Putsch vor den dortigen Faschisten nach Frankreich flüchten und floh 1939 vor Hitler und Pétain ins Freie Frankreich nach Nizza.  

Als ihm nach der deutschen Besetzung Nizzas jede Möglichkeit eines Zugriffs auf ein altes argentinisches Konto genommen war, blieb dem mittellosen Broggi nichts anderes als eine Rückkehr nach Italien übrig, um wenigstens das Leben seiner Ehefrau und der kleinen Tochter zu retten – für sich  persönlich rechnete er als „Landesverräter“ mit Todesstrafe oder Zuchthaus. Davor hat ihn Josef Sima bewahrt. Sima hat Broggi prompt die Hälfte seiner geheimen Ersparnisse ausgehändigt. Die erstaunliche Geschichte ist mir seit 1970 bekannt. Damals hat nämlich die große Liebe zwischen seiner „kleinen Tochter“ Giuliana und mir begonnen.  – Ugo Broggi ist dann, posthum, mein Schwiegervater geworden. Dass und wie Josef Sima sein Leben gerettet hat machte ich hier erstmals publik.

Wie eng Šíma und Broggi befreundet gewesen sein müssen, ist mir jedoch erst dank der noch laufenden Pilsner Retrospektive des großen Malers aufgegangen. Ugo Broggi ist ein äußerst gebildeter und geselliger Italiener gewesen, der Fragen und Probleme jeder Art mit Vorliebe in Gesprächen und Diskussionen mit Freunden anging. Und er war in dem großen Kreis der Künstlerfreunde Josef Šímas zuhause, von dem mir der Ausstellungskatalog  jetzt einen genaueren Eindruck vermittelt hat. Und so beschäftige mich denn erneut mit dem wissenschaftlichen und philosophischen Werdegang eines großen Mathematikers, der, wenn ich mich nicht irre, über die angelsächsischen Voraussetzungen eines sich selbst harmonisch ausgleichenden Marktes und die neueste Variante der künstlichen Intelligenz von freilaufend automatischen  Rechensystemen und deregulierten digitalen internationalen Finanzflüssen amüsiert hätte.

Und von ihm habe ich, ganz peu à peu, hoffentlich wissenschaftlich zu denken gelernt.

Gerhard Beckmann 

Anm. d. Red: Es gibt einen kleinen Film zur Ausstellung und auf der Museums-Website auch einige Bilder von Josef Šíma.

Gerhard Beckmann ist einer der profiliertesten Menschen der deutschen Verlagsszene. Seine Kolumne „Beckmanns Große Bücher“ im Buchmarkt stellte kontinuierlich wirklich wichtige Bücher mit großer Resonanz vor. Seine Texte bei uns hier. Sein Jahresrückblick 2021 bei uns ist hier zu finden und auch der von 2022.

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