Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: »aufstehen« – Langgedicht von Ulrike Schrimpf

Ulrike Schrimpf © Dirk Skriba

aufstehen

seitdem sie an etwaigen toten arbeitet einen

florierenden handel mit sterbenden treibt –

keiner hätte je gedacht dass das funktioniert

abgesehen von ihr selbst wie passend dass

sie über harte schädel verfügt – wirkt ihr

gesicht runder gleich einer schwimmpfütze so

sanft von hinten ausgeleuchtet dass der tod

ihr also schmeichelt lange schon war ihr

appetit nicht mehr so hervorragend wie von

dem tag an an dem sie definitiv beschloss

sich wartend an betten zu setzen ein atmen

aufzunehmen wenn niemand spricht was

sie eines tags in eine regentonne verwandeln

wird von rostigen flecken bewachsen und

derart vernäht in einen schrebergarten gesetzt

aber da gibt es schlimmeres als fest gebunden

an eine hütte zu leben oft ohne gesellschaft

denn kaum jemand nächtigt dort wo es nach

faulem riecht eingestelltem herbst feuchten

blättern und einem klappbett das die die sich

auf ihm niederlegen erschlägt während die

frühbestatterin sich folglich toten widmet und

enden seziert durch ein mikroskop hindurch

das sie anders als früher jetzt zu bedienen

weiß läuft sie gemächlich durch ein universum

als hätte sie schlagartig ausreichend zeit dabei

ist das gegenteil der fall no wonder auf ihrem

vorgeblichen heimweg setzt dann die zentrale

aufgabe ein die radikaler wiegt als ein

goldenes kalb und nach der die gefälschte

totengräberin einen gehenden mann beschenkt

dem seine gefährtin jahr für jahr mit zu

hohem druck lichte haare kämmte ich bröckele

ab weil sie den satzeinfach nicht vergessen

kann kommt sie gemeinsam mit geistern

die ihre brüder sind zu einem schluss schleift

füße über pflastersteine bietet dem vater

tiefblaue nachthaut an von himmelskörpern

bestickt lauter hell gleißende sprossen auf

dass er endgültig klar genug sieht für sein

schreiben das er von nun an zum ersten mal

anhaltend zeigt damit es durchdringen kann

total losgelöst von einem preis und von beginn

an eines uranos würdig nur muss man das

auch begreifen so in fahrt gekommen macht

die aufgeweckte weiter verteilt rund herum

andenken mitbringsel verausgabt dabei ihr

eigenes zieht fetzenbeine durch eine verdammt

dickflüssige schwarzsuppe die eher gesöff ist

ein nahrhafter eintopf aus speck kartoffeln und

karotten den menschen sich einhelfen um einen

haltbaren gefrierpunkt zu tragen vor allem im

morgengrauen genau so etwas will sie gratis

kochen denn wo gibt es das noch nur weil es

sie befriedet in einer art und weise in der sie

einmal exakt sieben tage lang auf einer matratze

am boden lag und in einem schlauchartigen

raum den besagten archipel gulag verschlang

allein dahin will sie am ende zurück und

auf dem grund des ozeans hausen einer dieser

monstertiefseefische sein aber leider war sie

noch nie besonders begabt weder im tauchen

noch im brauen von wohlschmeckenden speisen

was in der regel männer auf den plan rief einen

saustall anzurichten dort wo aktuell ihre küche

schipperte bis sie sich endlich und genau

genommen zu spät auf eigenartig in lappen

gerissene beine stellt aber zeit spielt zu dem

punkt schon lange keine rolle mehr (dass ihre

beine zerschossen sind und das auch bleiben werden

ist zu vernachlässigen denn es funktioniert wider

die wirklichkeit nur weil sie es will) der sonnen

köpfigen reicht die so klargelegte extremitäten

die stillhalten können ein widerständiges hohlorgan

hinter den brustkorb wie bei einem vogelkäfig

wobei die frage ist obs nützen wird was allerdings

nicht in der macht der beinfetzigen liegt der

wie in zeitlupe unaufhaltsam aufstehenden seit

neustem autark brutzelnden die sterbenden

ihre ohren leiht mit einer hingabe ohne gleichen

schon als fötus an die nabelschnur gebunden

weshalb selbst der für sie uralt gewordene bär

ein augenloser unstillbar gefangener dem sie

auf gedeih und verderb nicht verzeihen wird

etwas von ihr zugedacht bekommt in dem sinne

in dem sie ihm heimlich füllmaterial sendet

zum aufwärmen kaum durch den briefschlitz

passt das aber zur post wird sie wahrhaftig

nicht mehr für ihn gehen kiloweise stopf

substanz bringt die ausschließlich schenkende

für den klauenmann auf den weg um sein

riesenhaft gewachsenes ohne unterlass saugendes

zyklopenbauchloch zu besänftigen obwohl

das niemals hinhauen wird eine kiesgrube

in die er scheinbar völlig wahllos jahrzehntelang

alles mögliche fraß frauen auch kinder um

zum schluss allein die zwangsarbeiterin nicht

zu kriegen was sie sich immerhin vorstellen

kann und eine ihrer wesentlichen kräfte ist

auch die ewig ziehende drückende pressende

spiegelschwester die dem bären mehr gleicht

als beide wahrhaben wollen schickt sie ungesehen

ein becken zum dahintreiben auf dem rücken

fast wie einen infinitypool dazu jemanden

der ihr unmerklich den kopf hält so dass die

nackenstränge sich lockern können zudem

passgenau geschmiedete minimal magnetische

gewichte mit denen lider zu belegen sind denn

was sie nicht begreifen kann versucht die eine

der anderen einzuflößen in sanften dosen um

finally ruhe zu finden auf stramm gepeitschten

blutbahnen auf denen sie wider die vernunft

selbst dem gewaltvollen finsterkörper eine

gabe zubereitet der sie einst in einer lichterlohen

stadt von ganz oben nach ganz nach durchstieß

so dass das nicht mehr heilen wird auch nicht

wenn es sich schließt was zweifellos ein

paradoxon ist mit der zunehmenden

auflösung ihrer beine sendet die allmählich

vollständig erwachte ihm eine dieser wehmütigen

oblaten kennst du die noch mit glitzerkrümeln

versehen auf der sich ein jungfräulicher engel

zeigt von zwei schornsteinfegern in einer sänfte

getragen aus birkenholz sogar allen möglichen

mütterfrauen funkt die neuerdings so leicht

großherzige andacht tanten und altvorderen

vermacht sie ihr webwerk von arachne ab

stammend und in minutiöser arbeit gefertigt

denn rein gar nichts können sie für wunden –

wer aber kann etwas für das was schmerzt wo

wann und warum tut es zuerst weh und wer

maßt sich an das zu wissen – hauchdünne

teppiche lässt sie für diejenigen fliegen die

lieber durch hallen wandelten derart fassungslos

angezogen von kunst und ihren werken sich

libellengleich aufzulösen anstatt kniend den

ihnen gewidmeten boden zu schrubben was

wiederum nicht die schuld ist derjenigen die

mit totaler blindheit geschlagen auszog ihr

fürchten zu verlernen ein unterfangen das ihr

naturgemäß nicht gelingen sollte aber auch

dafür ist keine menschenseele verantwortlich

ruft weit vom himmelsoben bei den gebatikten

wolken eine akrobatin die arme einer siegerin

hat aufgehängt an der spitze eines turms aus

menschen gebaut schwebt der haltlose stern

wer will noch und wer hat noch nicht ruft die

beinzerfetzte jüngst ab und an ausgeschlafene

in ihrem allein verwunschenen 2-d-land die

ab heute und komplett auf eigenen wunsch

spendierhosen anhat selbst wenn wachhunde

aus dem boden schießen und sie beim vergeben

schrittweise auseinanderfällt denn auf die beine

folgen unweigerlich die arme und der bauch

aber auf teufelkommraus wird die so eigenartig

sich dreingebende frieden schließen nur

weil sie das will und es beschlossen hat

ein für allemal aufstehen

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Bei diesem Gedicht handelt es sich um ein unveröffentlichtes, das Teil des dritten, noch nicht publizierten Lyrikbands von Ulrike Schrimpf sein wird. Ihr nächster Roman erscheint im Herbst 2025 bei Insel, Suhrkamp. Ihre Texte bei uns hier.
Ihr Gedichtband »Mein anfällig gewordenes Herz« hier bei uns von Alf Mayer besprochen: »Sich hinter der Haut anschauen«, CulturMag Dezember 2024. Ein Textauszug aus dem Band h
ier.

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