Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Rainer Nitsche, Regina Nössler, Andreas Pflüger, Ivy Pochoda

Rainer Nitsche: Mühen der Lobbyarbeit

Auf Buchmessen sieht man immer wieder kleine Pulks von Menschen, die irgendwie nicht zusammenpassen; die einen mit großen Namensschildern auf der Brust und professionell nach allen Seiten grüßend, die anderen, meist in der Mitte des Pulks, die ratlos nach links oder rechts schauen, sich offenbar nicht sicher sind, auf welchem Terrain sie sich gerade befinden oder was sie da erwartet.  

Bei diesen Pulks handelt es sich um sogenannte »Politiker-Zuführungen«, d.h. um Besuche von Politikerinnen oder Politikern, die von der Lobby-Abteilung des Börsenvereins betreut werden, um in Gesprächen mit leibhaftigen Verlegerinnen oder Verlegern etwas über die Lage der ihnen oft unbekannten Branche zu erfahren. Das ist manchmal sinnvoll, geht aber manchmal auch völlig daneben. 

 An unserem Stand schlug in diesem Jahr ein FDP-Abgeordneter aus Bayreuth auf, Mittelständler und also im Wirtschaftsausschuss des Bundestages sitzend. Mir wurde von der freundlichen Dame des Börsenvereins aufgetragen, ihn über die prekäre Lage der kleineren, unabhängigen Verlage aufzuklären. Nichts leichter als das.

Ich zog den guten Mann  in die Mitte unseres Ganges, der von vielen kleineren Verlagen flankiert war, zeigte nach links, zeigte nach rechts, und bedeutete ihm, dass von all diesen Verlagen bald keiner mehr existieren würde, wenn ihnen von staatlicher Seite nicht auf irgendeine Weise geholfen würde. Und dass das natürlich ein kulturpolitisches Desaster wäre. Der Abgeordnete schaute nach links, schaute nach rechts, schaute dann mich lange und treuherzig an, zuckte hilflos mt den Schultern und murmelte etwas von dem Untergang des Bäckergewerbes, was ihm eher Sorgen bereite. Das Gespräch hätte an diesem Punkt eigentlich beendet sein können, aber ich fühlte mich verpflichtet, über einen kleinen, gezielten  Umweg noch einen Versuch zu wagen.

Wenn Sie aus Bayreuth kommen, dann ist Ihnen sicher der Jean Paul ein Begriff, fragte ich. Er nickte, schränkte  aber ein, der Französisch-Unterricht wäre nie so sein Ding gewesen. Ich gab auf, begann dann mit ihm über oberfränkische Lebensweisen, typische Gerichte, die schöne, beschauliche Landschaft des Fichtelgebirges etc zu reden, was man eben so tut, wenn das eigentliche Gesprächsziel sich nicht so einfach erreichen lässt. Der Abgeordnete wurde bei diesem Thema äußerst lebhaft, fragte, wieso ich mich als Berliner in Oberfranken so gut auskenne; ich erzählte ihm von einem großen Garten, der uns dort gehörte (das dazugehörige Haus verschwieg ich wohlweislich) und wie unterhielten uns prächtig über den Anbau von Schwarzkohl, Tomaten, Zucchini und Salaten, Probleme mit Walnussbäumen und das schöne oberfränkische Saaletal. Die freundliche Dame des Börsenvereins holte ihn zu einem weiteren Gesprächstermin ab, wir verabschiedeten uns schulterklopfend. 

Nach einer halben Stunde kam die freundliche Dame des Börsenvereins kopfschüttelnd zurück und klärte mich auf, was ich vorhin angerichtet hatte. Der Abgeordnete hatte ihr erzähltt, den kleineren Verlagen ginge es in Wirklichkeit gar nicht so schlecht. Er hätte da mit einem Verleger aus Berlin gesprochen, der einen großen Garten im Fichtelgebirge besitze, direkt an der Saale. Da könne die Not ja wohl nicht so groß sein.

Rainer Nitsche ist Verleger des Transit Verlags, Berlin.

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Regina Nössler: Lesen, Schreiben und ein kurzer Urlaub ganz ohne Buchstaben

Januar

Fange mit meinem neuen Buch an. Müsste schon längst weiter sein. Aber es ist ja noch früh im Jahr. Korrekturlesen Druckfahnen für Leipziger Messe. Privat gelesen: „Die Höfe“ von A.F. Carter (Polar, Übersetzung Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Markus Müntefering). Schön noir. Irgendwie kommen mir die abgerockten Höfe, „the yards“, gar nicht so anders vor als die Gegenden, in denen ich aufgewachsen bin.

Februar

Fange mit meinem neuen Buch an. Nicht weit genug. Viel Korrekturlesen. Zugleich Arbeit am Konkursbuch „Freiheit“. „Freiheit“ muss auch im März zur Messe erscheinen! Grob überschlagen habe ich im Februar 1850 Seiten korrekturgelesen. Deswegen komme ich nicht zu neuem Buch. Plots fallen nicht vom Himmel. Figuren auch nicht. Interview mit Tip zu „Kellerassel“ und Krimischreiben allgemein. Das Interview wird bei einem Spaziergang in der Katzbachstraße und Umgebung geführt. Gelesen: „Blutrot“ von Lilja Sigurdardottir (DuMont, Übersetzung Tina Flecken). Außerdem u.a. korrekturgelesen: „Was im Dunkeln bleibt“ von Max Diehm (Querverlag). Hat ein bisschen was von „Das Cabinet des Dr. Caligari“.

März

Immer noch Konkursbuch „Freiheit“. Dann, endlich, in Nachtschichten via Mail zusammen mit Claudia Gehrke, vollbracht! Gelesen: „Der süßeste Tod“ von Heather Levy (Polar, Übersetzung Kathrin Bielfeldt, mit einem Nachwort von Sonja Hartl). Mein eigenes Buch: Noch nicht weit genug, dabei ist schon Frühjahr! Ein Tag Buchmesse Leipzig, Lesung.

April

„Just another missing person“ von Gillian McAllister (Piper, Übersetzung Marie-Luise Bezzenberger). Korrupte Polizistin – die es nie wirklich war und aus Not korrupt wird. Sehr gut geschrieben. Wie herrlich, etwas gut Geschriebenes zu lesen. Ansonsten: Eigenes Buch noch nicht weit genug. Ach.

Mai

Freida McFadden. Total unterhaltsam. Las Band 2, „Sie wird dich hören“ (Heyne, Übersetzung Astrid Gravert) und erst danach Band 1, „Wenn sie wüsste“ (Heyne, Übersetzung Astrid Gravert und Renate Weitbrecht) was ich aber fast passender fand. Megan Abbott: „Wage es nur“ (pulp master, Übersetzung Karen Gerwig). Großartig! Wobei die Cheerleaderkultur in den USA nicht gerade meins ist, um nicht zu sagen: sehr fremd für mich. Aber die ganzen Konkurrenzen unter spätpubertierenden Mädchen, großartig eingefangen. Ein übrigens wirklich im Format sehr kleines Buch von Pulp Master.

Und mein Buch, das momentan natürlich nur auf dem Bildschirm oder DIN-A4-Zetteln existiert: Bin ein bisschen weiter. Überraschenderweise habe ich schon – vorerst – einen Titel. Der fällt mir sonst meistens erst ein, kurz bevor der Verlag die Vorschau fertig haben muss. Mal sehen, ob es dabei bleibt und dieser Titel am Ende überhaupt noch zum Buch passt. Lesung in einem Kino in Oranienburg, wo ich noch nie war.

Juni

Caspar David Friedrich: Unendliche Landschaften, Alte Nationalgalerie. (Hatte vorher noch nie den neuen U-Bahnhof Museumsinsel gesehen, Schinkel, Zauberflöte.) Online-Ticket musste man einen Monat vorher buchen. Liz Nugent: „Seltsame Sally Diamond“ (Steidl, Übersetzung Kathrin Razum). Liz Nugent mit ihren bizarren Figuren ist sicher eine meiner Lieblingsautorinnen. Korrekturlesen. Lektorat Elisabeth Richter, „Letztes Zimmer“ (Konkursbuch Verlag). Wie schonungslos Elisabeth Richter das Verrücktwerden der Eltern der Protagonistin schildert, aber nie herablassend, sondern immer auch liebevoll. Ein wirklich großes und starkes Buch über mittelalte Kinder, die mit ihren alten, kranken, dementen und schließlich sterbenden Eltern umgehen müssen, das dabei so locker und en passant daherkommt.

Juli

Lektorat 1 (Roman). Direkt im Anschluss Lektorat 2 (Sachbuch, schwierig, Wissenschaft). Wovon Autoren halt so leben. Komme tatsächlich dabei selbst weniger zum privaten Lesen. Zum Schreiben natürlich auch nicht, zumindest nicht ausreichend. Ich bin noch nicht weit genug!

August

Ich habe viel zu viel Olympia im TV gesehen und bin noch nicht weit genug. Außerdem Geburtstag. Neuer Rechner! Schön schnell, der neue. Buch schreibt sich damit aber leider auch nicht schneller.

September

Anfang des Monats Urlaub am Bodensee, Insel Reichenau. Die ist so langweilig und ereignislos, dass man sie nur erträgt, wenn man halbwegs mit sich im Reinen ist. Sehr heiß. Imbiss Stedi an der Schiffsanlegestelle. Fischbrötchen, Kuchen, Getränke. Bisschen schmuddelig. Hat mich an Kneipen in Berlin in den 90ern erinnert. Interessant, dass ich auf der Klosterinsel Reichenau an Kneipen in den 90ern in Berlin denke. Die Gemüse- und Salatinsel Reichenau ist wunderschön; einschränkend muss ich hier aber anmerken, dass der direkte Seezugang gefühlt zu ca. zwei Dritteln (drei Vierteln?) nicht zugänglich für die Öffentlichkeit, also den Plebs, ist. Alles „privat“ und „Durchgang verboten“. Habe am Bodensee tatsächlich so gut wie gar nicht gelesen, abgesehen von der Speisekarte des Hotels, die ich aber bald auswendig kannte, morgens dem Südkurier, der im Hotel auslag, und Schifffahrplänen.

Aber zu Hause dann wieder: „Der fremde Passagier“ von Louise Candlish (btb, Übersetzung Beate Brammertz). Sehr tricky und wendungsreich, von der Art, die ich am liebsten fast in einem Rutsch lese.

Oktober

Calla Henkel, „Ein letztes Geschenk“ (Kein & Aber, Übersetzung Verena Kilchling). Sehr gut geschrieben (also auch übersetzt), wie ich finde. Schwarzhumorig und auch ungewöhnlich. Driftet gegen Ende ein wenig in Kitsch ab und wird dann überdies reichlich unrealistisch, obwohl, viel Geld, richtig viel Geld, zu haben, wäre ja nicht schlecht, oder. Eine eigene Insel muss es ja nicht gerade sein. Nicht weit genug mit meinem eigenen Buch. Aber immerhin: ein klitzekleines bisschen weiter!

Frans Hals, Gemäldegalerie (hier musste man immerhin nicht vier Wochen vorher die Karte buchen).

November

Plage mich seit Anfang des Monats mit der Überlegung, dass kein Roman funktioniert, auch kein Krimi, wenn alle Figuren Kotzbrocken sind, oder? Brauchen die Leser nicht wenigstens eine Figur zum Liebhaben, einen Sympathieträger? Ideen, aber noch viel zu wenig geschrieben.

Dezember

Gerade wollte ich richtig loslegen, da schneit ein Auftrag rein, Lektorat eines slowenischen Romans. Ist wohl sogar eine Art Krimi. Ich habe schon mal einen Roman der Autorin lektoriert, bei dem ich über den Tempora verzweifelte. Die waren, um es kurz zu sagen, sehr durcheinander und wirr, mal Präsens, zwei Zeilen darunter Präteritum, dann schnell wieder Präsens. Bei einer Veranstaltung im Dezember lernte ich zufälligerweise eine Übersetzerin für Bosnisch und Serbisch kennen, der ich das Problem schilderte. Sie sagte, das kenne sie, würde die Zeiten möglichst beim Übersetzen schon ändern, Autoren aus der Balkanregion sähen das mit den Tempora „lockerer als wir“.

„Das Haus in dem Gudelia stirbt“ (Pendragon) von Thomas Knüwer machte mich neugierig, weil ich eine sehr lobende Besprechung von Tobias Gohlis darüber las. Was soll ich sagen? Die Besprechung lobt völlig zu Recht. Ganz schön heftig. Und sehr gut geschrieben.

Eigentlich wollte ich für diesen Jahresrückblick „Explosive Moderne“ von Eva Illouz (Suhrkamp, Übersetzung Michael Adrian) zu Ende lesen (das erste Buch, das ich von ihr lese), habe es aber leider nicht geschafft, bin erst im ersten Kapitel und bei Hoffnung, Enttäuschung und Neid. Grob und vereinfacht gesagt geht Illouz der Frage nach, inwieweit Gefühle in unserer derzeit sehr emotionalen Welt tatsächlich so individuell und einzigartig sind, wie wir immer glauben. Nein, ich war keine Sekunde lang versucht, die Merkel-Autobiografie zu lesen. Unverschämtheit, dass sie denselben Titel hat, „Freiheit“, wie Claudia Gehrkes und mein Konkursbuch.

Alles in allem ein recht arbeitsames Jahr für mich. Mein eigenes Buch: Noch nicht weit genug!

Regina Nössler, Schriftstellerin und Lektorin, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen: „Die Putzhilfe“, „Katzbach“ und „Kellerassel“. Für „Die Putzhilfe 2. Platz Deutscher Krimi Preis und 1. Platz Stuttgarter Krimipreis. Ihr nächstes Buch erscheint im Herbst 2025.

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Andreas Pflüger: Zum ersten Mal in Israel …

Mein 2024: Das war der neue Roman, den ich jetzt im Januar 2025 beenden werde. Was mich sonst umgetrieben hat, mag man dem schon fertigen Nachwort des Buches entnehmen:

Im Sommer 2023 war ich zur Recherche in Israel. Kein Land, in dem ich je gewesen bin, hat mich so fasziniert wie dieses, das mir auf unwirkliche Weise friedlich erschien, nur Monate vor dem entsetzlichen Angriff der Hamas-Terroristen. Für all jene, die jetzt nicht auf der Seite Israels stehen oder gar versuchen, eine Schuldumkehr zu konstruieren, indem sie die Verbrechen der Hamas relativieren, fehlt mir jedes Verständnis. Und was die deutsche Politik angeht, so schäme ich mich zuweilen für ihr Verhalten, zum Beispiel bei Resolutionen der offenkundig mehrheitlich antisemitischen UNO. Mit der Sicherheit Israels als Teil deutscher Staatsraison scheint es nicht weit her zu sein. Schande hat viele Facetten.

Andreas Pflüger wurde mit dem Deutschen Krimi Preis 2023 für seinen Thriller »Wie Sterben geht« ausgezeichnet. Eine Besprechung von Ulrike Schrimpf bei uns hier. Ebenfalls 2023 erschien von ihm »Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben«, daraus stellte er letztes Jahr exklusiv für unseren Jahresrückblick 2023 eine Textauswahl zusammen. Zu beiden Büchern hat er Alf Mayer je in einem ausführlichen und launigen Interview Auskunft gegeben: »Den Tiger reiten« und »Artisten auf dem Hochseil«. Pflügers Texte bei uns hier.

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Ivy Pochoda: A category of its  own

Night of The Baba Yaga: Akira Otani

Wow. What a wild book. Sharp as a tack Japanese noir with two of the most interesting and vital (and perhaps violent) women in recent memory. This book was a total trip from the sparse prose to the novel take on the world of the Yakuza. It’s not every day you get an explosive and innovative queer thriller that is part Tartintino and part Killing Eve. Do not miss this! 

I Disappeared Them: Preston L. Allen

There are too many serial killer novels out there. But when a writer does something innovative with the trope, I can’t resist. Allen’s latest book is one of the darkest, bleakest, and most realistic takes on the genre that asks the question if violence is learned or inherited. It’s cold and cutting but brutally honest. Allen’s Periwinkle Killer is a sociopath, sure. But there’s a glimmer of hope, humor, and humanity that elevates him into a category of his  own.

Anm. d. Red.: Am 13.01.2025 erscheint Ivy Pochodas neuer Roman »Sing mir vom Tod« (Sing Her Down) in der von Thomas Wörtche herausgegeben Reihe bei Suhrkamp. Als professionelle Squash-Spielerin von internationalem Format gewann sie zahlreiche Titel. 2009 debütierte sie mit dem Roman The Art of Disappearing. Auf Deutsch liegen von ihr die Romane Wonder Valley (2019), Visitation Street (2020) und Diese Frauen (2021) vor, allesamt hochgelobt und mehrfach ausgezeichnet. – Im Juni 2025 kommt in den USA ihr Roman »Ecstasy« heraus, »a deliciously dark horror reimagining of a Greek tragedy«. Als Alf Mayer sich mit ihr 2022 bei der Tagung „Ästhetik des Kriminalromans“ unterhielt und zufällig die ersten Worte von Homers »Ilias« zitierte, schrie sie auf: »Wrath Goodess Sing«, holy shit! Das ist mein Tattoo! Das habe ich auf dem Arm!« Rollte zum Beweis den Ärmel hoch.

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