
Julia Wagenhals: Drei Bücher mit kritischer Perspektive
In 2024 habe ich so viele Sachbücher gelesen wie kaum jemals zuvor. Drei davon möchte näher vorstellen. Trotz unterschiedlich anmutenden Themen eint die Bücher, dass sie sich kritisch auseinander setzen mit der Welt und den Verhältnissen, in denen wir leben. Die Autor:innen nähern sich dem auf ganz unterschiedliche Weise – Hashemi mit einer sehr persönlichen Erzählung, Sahner und Stähr durch eine theoretische Analyse und Hirsch anhand einer unkonventionellen Geschichtsbetrachtung.
Im Buch Der Tag an dem ich sterben sollte schreibt Said Etris Hashemi über die gemeinsame Kindheit mit seinem Bruder in Hanau, über das Aufwachsen und ihre Zukunftspläne. Minutiös gibt er den rassistischen Anschlag in Hanua am 19.02.2020 wieder, bei dem neben dem Bruder des Autors acht weitere Menschen ermordet wurden. Auch der Autor wurde dabei von mehreren Kugeln getroffen. Außerdem schreibt er in Auszügen über den Untersuchungsausschuss und darüber, wie die Familien der Ermordeten immer noch allein gelassen werden und wie die Politik große Teile der Aufklärung des Anschlags den Familien überlasst anstatt Verantwortung zu übernehmen. Der Text ist intensiv und sehr persönlich und bietet gleichzeitig die Ebene der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Tod, Zugehörigkeit und institutionellem Rassismus.
Einen anlaytischen Zugang zum Kapitalismus wählen Simon Sahner und Daniel Stähr in ihrem gemeinsamen Buch Die Sprache des Kapitalismus. Im Buch verbinden sie ihre beiden Fachdisziplinen Literatur- und Kulturwissenschaften und Ökonomie und nähern sich so einer Analyse der Sprache des Kapitalismus. Sie argumentieren, dass Kapitalismus nicht nur durch ökonomische Strukturen, sondern auch durch Sprache und Narrative vermittelt wird. Sie schreiben anschaulich und beispielhaft und sezieren Begriffe wie Arbeitnehmer/ Arbeitgeber oder Wachstum hinsichtlich der dahinterliegenden Mechanismen. Sie machen deutlich, dass wie die unkritische Nutzung der Begriffe eine Realität schafft, die nicht mehr in Frage gestellt wird und zunehmend unser aller Denken und Handeln bestimmt. Dabei laden sie die Leser:innen ein, sich hinsichtlich der eigenen Sprachmuster zu hinterfragen. Eine innovative Herangehensweise, Kapitalismuskritik zu formulieren.
Nicht weniger innovativ ist Annabelle Hirschs Sammlung Die Dinge. Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten. In ihrem Buch erzählt sie die Rolle der Frauen über einen Zeitraum von 30.000 Jahre vor Christus bis heute anhand von 100 Gegenständen aus Kunst, Alltag, Mode, Medizin und vielem mehr. Die Gegenstände eröffnen neue Perspektiven auf die Emanzipation und die Erfahrungen von Frauen im Wandel der Zeit, die teilweise auf spannende Art miteinander verknüpft sind. Einige Geschichten sind bewegend, andere heiter kurios und wiederum andere haben mich fassungslos gemacht. Das Buch ist eine Mischung aus Geschichte, Kunst und Feminismus und stellt die Bedeutung der materiellen Welt in der Geschichtsschreibung heraus. Durch die kurzen Kapitel ist es gut geeignet, immer wieder darin zu stöbern. Dazu laden auch die Abbildungen aller besprochenen Gegenstände ein.
Trotz der unterschiedlichen Herangehensweisen in Der Tag an dem ich sterben sollte, Die Sprache des Kapitalismus und Die Dinge. Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten teilen diese Werke eine kritische Perspektive auf gesellschaftliche und persönliche Fragestellungen. Hashemi bringt uns das persönliche Drama eines jungen Mannes nahe, das in einem größeren kulturellen und sozialen Kontext verortet ist, während Sahner und Stähr mit der Analyse des Kapitalismus und seiner Rhetorik eine gesamtgesellschaftliche Untersuchung anbieten. Hirsch wiederum nutzt die Objekte der Geschichte als metaphorische Instrumente, um die Position der Frauen im Laufe der Zeit zu beleuchten. Alle Bücher eint das Vermögen, auf unterschiedliche Weise konkrete Fragen aufzuwerfen und die Leser:innen zum Nachdenken zu bringen. In den Büchern werden nicht nur individuelle Geschichten und Kämpfe dargestellt, sondern auch die Strukturen und Institutionen, die das kollektive Bewusstsein und die gesellschaftliche Ordnung prägen – sei es durch die existenziellen und anklagenden Überlegungen eines Einzelnen, durch die Strukturen des Kapitalismus oder durch die symbolischen Kämpfe der Frauen. Jedes dieser Werke fordert auf seine Weise zu einer tieferen Reflexion über das Leben, die Gesellschaft und den Platz des Einzelnen in einer komplexen Welt auf und über die sozialen, politischen und persönlichen Dimensionen unserer Existenz.
Julia Wagenhals lebt in Freiburg i. Brsg. und engagiert sich in ihrer Freizeit unter anderem bei Zeugen der Flucht e.V., einer antirassistischen Bildungsinitiative.
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Christopher Werth: Playing Video Games
2024 gab es drei VR Games, die richtig gut sind und dafür sprechen, entweder die Brille zu entstauben – oder sich 2025 auf das Abenteuer Virtual Reality einzulassen.
Batman: Arkham Shadow

Einmal Batman sein. Die düstere Welt von Gotham City aufräumen, als Dark Knight ermitteln, kämpfen und am Ende für Gerechtigkeit sorgen. Das machte grade in 2024 Spaß, wo doch um uns herum die Welt der Polykrisen für ein Gefühl von Kontrollverlust sorgt. Brille auf, Bat-Suite an – und misogyne Mistkerle bekommen auf die Fresse. Das Ganze ist grafisch toll für die Quest 3 umgesetzt, exzellent vertont und hält mit gutem Level-Design die Spannung bis zum Schluss.
Metro Awakening

Russische Science Fiction, die unserer Realität verstörend nah kommen könnte: Dmitry Alekseyevich Glukhovsky hat ein Zukunfts-Szenario geschaffen, in dem die Menschen in einem durch Atomkriege radioaktiv verseuchten Moskau nur noch in der Metro leben können. In dem VR Game Metro Awakening können wir die Vorgeschichte zu Roman und PC Game Metro 2033 erleben. Und das ist purer Horror. Die extreme Immersion des Mediums Virtual Reality macht die langen, dunklen Katakomben und U-Bahn-Tunnel voller mutierter Monster und Plünderer noch unheimlicher als jemals zuvor. Man schlüpft in die Rolle eines Arztes, der seine psychisch kranke Frau sucht – und muss dabei schließlich selbst immer mehr an seinem eigenen Verstand zweifeln. Die gute Story und die warme Atmosphäre der russischen Rest-Zivilisation bilden einen guten Kontrast zum extremen Survival Horror der Reise.
Trailer:
Skydance’s BEHEMOTH

2024 war auch ein Jahr, um mal komplett in eine Dark Fantasy Welt abzutauchen, die mit unserer Welt gar nichts zu tun hat. In BEHEMOTH muss man als einsame Krieger:in sein Heimatdorf von einem Fluch befreien. Um genau zu sein: von gigantisch großen Monstern. Das spielt perfekt mit dem Medium VR, da die Kolosse und die Größenverhältnisse beeindruckend inszeniert sind. Auch die gesamte Welt ist eine sehr abwechslungsreiche, spannende, atemberaubende Berglandschaft, in der es viel zu entdecken gibt. Skyrim lässt grüßen. Klettern, Aussicht genießen, physisch fordernde Kämpfe und eine spannende Story bringen perfektes Entertainment. Gut und mutig ist hier auch, dass das Studio Skydance hier eine eigene IP entwickelt hat – entgegen dem allgemeinen Trend, immer auf bereits bekannte Franchises und Welten zu setzen.
Christopher Werth, der bei uns die Kolumne „Playing Video Games“ schreibt und auch sonst exzellenten Geschmack hat, mit seinen Texten bei uns hier.
















