Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

Playing Video Games (12): Cyberpunk 2077

Cyberpunk 2077 ist das Spiel mit der wahrscheinlich besten PR- und Marketing-Kampagne der Gaming-Industrie. Ab dem ersten Trailer von 2013 lechzten Fans auf der ganzen Welt nach diesem Spiel. Sich hochtourig überschlagende Erwartungen und der damit einhergehende Druck wurden immer größer. Während die Entwickler unzählige Überstunden schoben, hatten die von der PR angestachelten Fans die wildesten Träume. Als das Spiel dann nach mehreren Verschiebungen endlich im November 2020 erschien… war die Enttäuschung groß. Sony nahm das Spiel sogar aus dem PlayStation Store. Zu viele Fehler. Die Entwickler hatten sich verhoben. Der Aktienkurs von Studio CD Projekt Red stürzte trotz guter Verkaufszahlen ab.

Ein Jahr später sind die Bugs behoben, die Gemüter gekühlt, das Spiel läuft solide, Aktienkurs und Metascore erholen sich langsam und man kann sich nun endlich der Frage widmen: Wie gut ist Cyberpunk 2077 wirklich?

Warum die Erwartungen so hoch waren, lag allerdings nicht nur am Marketing. Das in Warschau beheimatete Studio CD Projekt Red hatte sich mit den Spielen The Witcher, The Witcher 2 und 3 einen legendären Ruf erworben. Die drei Spiele setzten Maßstäbe im Storytelling – und Teil 3 von 2015 führt noch heute etliche Bestenlisten im Genre RPG an. Es war ihnen gelungen, die literarische Fantasy-Vorlage des polnischen Schriftstellers Andrzej Sapkowski kongenial in ein Spiel zu übersetzen. Eine Art Game of Thrones des Gamings – nur durch das Gameplay interaktiv und damit noch immersiver. Machtpolitik, Rassismus, widersprüchliche Charaktere, Gewalt, Sex, Action, trockener Humor und atemberaubende Kulissen. In einzelnen Quests und Dialogen steckt mehr Liebe zum Detail als im Gesamtwerk mancher großer Studios. Das Ganze war so erfolgreich, dass Netflix im Dezember 2021 mittlerweile die zweite Staffel einer eigenen The Witcher Serie startet, um den Hype mitzunehmen.

Statt immer weiter auf die sichere Witcher Karte zu setzen, wollte sich CD Projekt Red neu herausfordern. Und dass sie mit Thema und Setting von Cyberpunk 2077 einen Nerv getroffen haben, beweist der Hype im Vorfeld. Wie in der Witcher-Reihe basiert die Welt auf den Ideen einer literarischen Vorlage. Auf William Gibsons Neuromancer von 1984, dem Godfather des ganzen Cyberpunk-Genres. Besonders jetzt ist diese Vorlage spannend, weil sich die Themen des Romans auf der Überholspur unserem Alltag nähern. Genau wie das Metaverse aus Neal Stephensons Snow Crash sind Cyberspace, KI, digitale Implantate, digitale Unsterblichkeit und Tech-Konzerne, die tief in die Privatsphäre eingreifen, mittlerweile lukrative Geschäftsmodelle. 

Das Setting von Cyberpunk 2077 ist Night City, eine kaputte, amerikanische Küstenstadt, die von Tech-Konzernen, korrupten Politikern und hochprofessionellen Gangs beherrscht wird. Diese Stadt allein ist schon das Spiel wert. Kleiner ironisch-europäischer Seitenhieb: Die Währung nennt sich Euro-Dollars. Hier herumzucruisen und auf Entdeckungreise zu gehen, hat hohen Schauwert. Besonders bei Regen und Nacht, wenn dank Raytracing alles glitzert, raucht, glänzt und spiegelt. Als wäre man in einem neuen Film von Denis Villeneuve.

Zur Story (Spoiler Alert): Die Spieler:innen können ihre Figur bis ins kleinste Detail selbst gestalten, egal ob männlich, weiblich, divers. Was immer gleich bleibt, ist der Name: V. V startet neu in Night City, um eine Legende zu werden – oder einfach irgendwie zu überleben. Je nach gewählten Missionen können Charakter und Eigenschaften rollenspieltypisch immer weiter aufgewertet und an den persönlichen Spielstil angepasst werden. Man kann z.B. eher ein Hacker sein oder ein Draufgänger mit dem Samurai-Schwert. Nach ein paar leichteren kriminellen Jobs für Gangs steht ein größerer Auftrag an. Ein besonderer Biochip, den man sich direkt ins Cyberhirn stecken kann, muss aufwendig aus dem streng gesicherten Hauptquartier des Tech-Giganten Arasaka gestohlen werden. Diese turbulente Mission bildet den umfangreichen Prolog, an dessen Ende V sich den Chip selbst ins Gehirn stecken muss, um zu überleben und um den Chip davor zu bewahren, sich selbst zu zerstören. Und damit geht die Geschichte, das tödliche Dilemma der Story überhaupt erst los. Das Problem mit dem Biochip: Auf ihm ist die Persönlichkeit eines aggressiven Terroristen und Rockstars gespeichert, die nach und nach Vs Körper übernehmen will: Johnny Silverhand, gespielt von einem ultracoolen Keanu Reeves.

In verschiedenen Flashbacks erfahren die Spieler:innen seine Backstory. Seine Entwicklung vom gefeierten Rockstar zum Terroristen, der für seine politischen Überzeugungen beginnt, zu den Waffen zu greifen. Im Laufe der Geschichte entsteht ein Kampf der beiden Persönlichkeiten auf Leben und Tod, die in einer an Samuel Beckett erinnernden Konstellation aneinandergefesselt sind. Sie hassen sich – aber können ohneeinander nicht überleben. Wer die Oberhand gewinnt, ob sich beide auf ein gemeinsames Ziel einigen können, entscheiden die Spieler:innen. Natürlich müssen sie lernen, miteinander klarzukommen, um ihre Ziele zu erreichen. Johnny Silverhand will den Konzern Arasaka zerstören, V will einfach nur überleben. Gemeinsam hacken, schießen, schleichen und tricksen sie sich dazu durch einen gnadenlosen Kampf gegen übermächtige Organisationen. Voller spannender Quests und nahezu unendlich vieler weiterer interessant-kaputter Charaktere. 

Die Dr. Jekyll und Mr. Hyde Konstellation, die immersive Welt von Night City und die vielen zu entdeckenden Details machen auch Cyberpunk 2077 zu einem eindrucksvollen Story-Erlebnis auf höchstem Niveau. Und ja, wenn man lang genug wartet und dranbleibt, werden manchmal auch die verrücktesten Träume war.

© für alle Bilder: cdproject

Infos zum Spiel hier

Christopher Werth bei uns hier.
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