Geschrieben am 1. Oktober 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Playing Video Games (10) Matt Ruff „88 Namen“

Eine Kolumne von Christopher Werth

88 Namen ist ein Roman, in dem der Großteil der Handlung in VR Computerspielen spielt. Er macht Leser:innen Lust zu Zocken – und fixt Gamer:innen an, auch mal was zu lesen. Perfekte Völkerverständigung also.

Wir befinden uns in einer nicht näher definierten Zukunft. Beiläufige Anhaltspunkt sind eingestreut, z.B., dass man mittlerweile bei Fast & the Furious 17 und (!) Half-Life 3 angekommen ist. Die VR Games sind so weit entwickelt, wie man es sich heute nur erträumen kann. Es gibt riesige VR Multiplayer Epen, in die Spieler mit der gleichen Hingabe und Vorbereitung eintauchen, wie man heute auf aufwendige Safari-Reisen oder Bergexpeditionen geht. Die Spiele sind so realistisch und grenzenlos, als würde man Urlaub in fremden Welten und Zeiten machen können. Es gibt hochentwickelten Cybersex, für den es eine eigene Programmiersprache gibt und es wird mit virtuellem Gold gehandelt, mit dem man sich immer weiter hochleveln und wie im Game Fortnite das Aussehen seiner Spielfigur immer weiter optimieren und individualisieren kann.

Dementsprechend ist dieses Vergnügen auch ein Markt für sogenannte Sherpas. Das sind VR-Profis, die gut zahlende Kundschaft fachkundig durch die gefährlichsten Abenteuer und wieder zurück bringen. Denn auch in der Zukunft tauchen immer wieder Trolle auf, die sich einen sadistischen Spaß daraus machen, Anfänger zu quälen und regelmäßig zurück auf den Friedhof zu schicken.

Der Held des Romans ist der 21jährige John Chu, der mit einer eigenen Sherpa-Crew aus eigenwilligen Spezialist:innen diesen Service anbietet. Das Team ist vor allem auf das VR Game Call to Wizardry spezialisiert. Das erinnert mit seiner ausufernden Fantasy-Welt ein bisschen an die heutigen MMORPGs (Abkürzung für Massively Multiplayer Online Role-Playing Game) World of Warcraft oder The Elder Scrolls Online. Kunden sind natürlich zum großen Teil „Idioten“ die selbst zu unfähig sind, sich aber den Status und den Erfolg in diesen Games mit Geld kaufen können. Und wie in jedem Team gibt es auch hier interne Dynamiken wie Machtkämpfe und Love Interests. 

Als Stilmittel sind in die Handlung immer wieder fiktive Lexikon-Einträge eingefügt, um die Gaming-Terminologie zu erklären. Beispiel: „DUDE – ein passiv-aggressiver Euphemismus für »Wichser«. The New Devil’s Dictionary“. 

Gut, dass die Übersetzerin Alexandra Jordan sich gut mit dem Thema auskennt. Sie bringt als Spiele-Testerin und Übersetzerin von Ernest Cline (Ready Player Two) jede Menge Erfahrung mit. Sie hat immer gut abgewogen, welche Begriffe Englisch sein müssen und welche übersetzt werde können.

Matt Ruff-mäßige Absurdität entwickelt die Story, als es sich bei einem neuen, gefährlich eigensinnigen und extravaganten Kunden von Johns Sherpa-Crew möglicherweise um einen nordkoreanischen Diktator aus der Kim-Dynastie handelt, der MMORPGS studieren will. Zeitgleich wird John auch noch vom einem chinesischen VR-Geheimdienst ins Visier genommen, der möglicherweise plant, den Diktator in einem Game auf eine besonders geheime und innovative Methode zu ermorden. 

88 Namen wechselt regelmäßig und rasant die doppelbödigen Ebenen. Da der Kunde aus Nordkorea die ganze Bandbreite von MMORPGS kennenlernen will, rast die Handlung zwischen den verschiedensten Game-Genres hin und her: Bankraub in Südamerika im Kampf gegen Militär und Kartelle, Kämpfe gegen gigantische Drachen, Kriege gegen Herden von blutrünstigen Orks oder epische Weltraumschlachten, bei denen Koreaner und Amerikaner sich gegenseitig Raumschiffe zerstören in die zuvor Zehntausende Stunden und Dollars gesteckt worden sind. 

So wie Matt Ruffs letzter Roman Lovecraft Country eine Hommage an H. P. Lovecraft war, ist 88 Namen eine Verneigung vor Neal Stephenson, der mit seinem Roman Snow Crash schon 1992 heute angesagte Begriffe wie Metaverse und Avatar einführte. Der Kunstgriff, VR zur Folie für eine Thriller-Handlung zu machen, geht voll auf und bietet nicht nur jede Menge Spaß. Er zeigt eine Richtung, in die sich das Gaming der Zukunft entwickeln kann. Einer Zukunft, in der die Virtuelle Realität zur eigentlichen und vom Individuum selbst gewählten und gestalteten Realität werden kann. So schließt der Roman auch mit einem fiktiven Mark Twain Zitat: Im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist.

Matt Ruff: 88 Namen (88 Names, 2020). Aus dem Englischen von Alexandra Jordan. Fischer Tor, Frankfurt 2020. 336 Seiten, 16,99 Euro.

Welche Spiele haben Matt Ruff inspiriert? Hier die Übersicht von Übersetzerin Alexandra Jordan:

Hier geht es zur Leseprobe

Christopher Werth bei uns hier.
Seine Kolumne:
Playing Video Games (9): Mundaun
Playing Video Games (8): Metro Exodus
Playing Video Games (7): Half-Life: Alyx
Playing Video Games (6): Papers, Please
Playing Video Games (5): Detroit: Become Human
Playing Video Games (4): Virtual Virtual Reality
Playing Video Games (3): „Through the Darkest of Times
Playing Video Games (2): … mit Shakespeare
Playing Video Games (1): „Firewatch“

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