Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Das Krimi-Jahr 2025 – Sonja Hartl und Thomas Wörtche & ein Podcast

Sonja Hartl und Thomas Wörtche blicken je einzeln auf das Jahr 2025 und unterhalten sich im Podcast „Abweichendes Verhalten“ über das Krimi-Jahr 2025

** **

Das Jahr, according to TW

Natürlich nervt und stresst alles: Die Weltlage, die Politik, die Ökonomie, das Klima, die sozialen Verwerfungen, die ubiquitäre Empathielosigkeit, Antisemitismus, Rassismus, Misogynie, Queerfeindlichkeit und andere Malaisen, die einem den Alltag vermiesen. Jo. Jammern und Wehklagen jedoch, Angst und Panik allenthalben können einem auf den Keks gehen, zumal all das Gequieke meistens auch nicht interesselos ist.  Deswegen hatte ich eigentlich vor, die übliche CM-Jahresrückschau Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ zu widmen. Und ja, ich weiß, dass man Ernst Bloch viel verzeihen müsste: Stalinistische Ausrutscher, esoterischen Fidelwipp und viel zu viel Transzendenz. Aber nicht deswegen habe ich eine neue Auseinandersetzung mit Bloch (meine Ausgabe von 1973, = stw 3, ist zerfleddert, übersät mit Anstreichungen und Kommentaren, ich muss damals die drei Bände inhaliert haben) erstmal vertagt, obwohl ich auch heute noch viel Sinnvolles am Prinzip Hoffnung finde und der Überzeugung bin, dass es die einzige Kategorie ist, die den Laden und somit auch mich, noch am Laufen hält.

Vertagt habe ich das, weil mir kurz vor der Deadline ein anderes Buch in die Hände gefallen ist, das mindestens genau so viel mit meiner Biographie zu tun hat: Harald Jähners „Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 – 1967.“ Sagen wir mal so: Kaum jemand hat mir (Jahrgang 1954) mein frühes Leben so gut erklärt wie Jähner (Jahrgang 1953).

1967, naja eher 1968 markiert den Zeitpunkt, an dem ich – bilde ich mir wenigstens ein – anfing, die Welt ein bisschen zu verstehen, eigene Gedanken zu entwickeln, als sich das arg kindliche Gemüt allmählich zu einem arg jugendlichen Gemüt wandelte. Jähners Rekonstruktionen der 1950er und 1960er Jahre vertreiben den Nebel der Nostalgie, der Atmosphären, der Gefühle, der womöglich falschen und limitierten Erinnerungen.  Ich hatte glücklicherweise sehr liberale, tolerante Eltern, die mir das Leben als Einzelkind nie schwierig gemacht haben, aber ich habe sehr wohl viele Erinnerungen an den Mottenkugelgeruch irgendwelcher Familienfeiern, die ich bedrückend und beklemmend empfand, auch wenn ich nicht genau verstand, warum das so war. All das beredte Schweigen, der ewige Spruch „wir haben ja nichts gewusst“, die Beteuerung, der Führer habe immer eine „tadellose Frisur“ gehabt, das Pochen auf „Anstand und Sitte“, der Begriff des „Ordentlichen“ als höchste Norm gar Telos, die Fress- und Sauforgien, die Verehrung von mir befremdlich erscheinenden Filmen (Karl-May, Edgar-Wallace) und Fernsehsendungen (die Samstag-Abend-Shows, mon dieu), der selbstverständlich daherkommende, konsensuale Rassismus nebst Xenophobie, der Abscheu vor „N…musik“ (ich entdeckte gerade Jazz und Blues als meine Lebensmusik), die latente Intellektuellenfeindlichkeit („Spinner“), die Verachtung von Armut (als ob die eine moralische Kategorie wäre), all diese Abscheulichkeiten erschienen mir als Störgeräusche, die ich damals noch nicht richtig einordnen konnte.

Der Vorzug von Jähners Buch besteht nun nicht (nur) darin, die all diesen Phänomenen innewohnenden Dialektiken aufzudröseln, die sind inzwischen alle reflektiert und bekannt, sondern darin, verschütt gegangene Unbequemlichkeiten wieder zu exhumieren, wie der berühmte tote Hund bei Gottfried Keller, den die Nachbarn nächtens ausgraben und einem auf die Türschwelle legen.

Ein schönes Beispiel dafür ist die „Kulturkritik“, besser die Kritik an der „Wohlstandsgesellschaft“ nachdem die Folgen des 2. Weltkriegs erfolgreich weg-gearbeitet und weg-gedrängt wurden. Jähner präpariert sehr schön heraus, wie sehr man von rechts die Nivellierung der Gesellschaft beklagte, von links den „Konsumrausch“ und von beiden Seiten die „Amerikanisierung“ – und auf beiden Seiten war man sich einig, dass „das Volk“ zur „Erkenntnis der eigenen Lage“ nicht fähig sei. Helmut Schelsky prägte das Schlagwort von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, in der die alten Eliten ihre Privilegien und sozialen Distinktionen gefährdet sahen, und die Linke revolutionäres Potential eingedämmt und betäubt. Irgendwie erinnert mich das an den Vorwurf von Stefan Heym an die Bevölkerung der DDR nach 1989, sie sei „eine Horde von Wütigen auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef“.

Und das führt zu einem weiteren Grund, warum man „Wunderland“ dringend lesen sollte: Jähners Erkenntnisinteresse liegt vor allem darin zu zeigen, wie diese „Gründerzeit“ der Bundesrepublik in rasanter Dynamik die Phänomene geschaffen (hat), die uns immer noch beschäftigen“. Und sich heute verschärft haben, worüber sich eigentlich niemand verwundern darf. Alles ist schon angelegt: Der rücksichtslose Umgang mit der Natur, der niemals verschwundene, nur zeitweise schlecht verdeckte Antisemitismus, der Umgang mit den „Anderen“  – von „Gastarbeitern“ bis zur „Migration als Mutter aller Probleme“ – die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit, deren Wurzeln in der Verachtung der intellektuellen Spinner liegen, die immer noch nicht realisierte Gleichstellung der Geschlechter, die einen Schritt nach vorne gemacht und allmählich wieder zurückgedreht wird, der alte Ost/West-Gegensatz, der sich nur anders kanalisiert, aber erschreckenderweise noch lange nicht überwunden ist. Der zunächst als befreiend empfundene Hedonismus, der in brutale, egoistische Empathielosigkeit umschlägt.

Diese und andere Dynamiken, die Jähners Text so klug bündelt, sind die Giftpfeile in einem Buch, an das man zunächst staunend herangeht. Die wunderbaren Beispielen aus der Medien- und Warenwelt, an die man sich erinnert (nostalgisch seufzend oder peinlich ob deren Scheußlichkeit, an die man sich zu erinnern gezwungen wird), die oft unfreiwillig komischen Emanationen des Zeitgeistes, die man heute belächeln kann (die meisten Werbesprüche und Slogans der Zeit sind mir immer noch präsent, über Mode und Interieurs kann man kichern, sich gruseln oder erfreuen) schaffen zunächst einmal eine milde und harmlose Rezeptionsatmosphäre, die auch Jähners brillanter, extrem unterhaltsamer Schreibweise zu verdanken ist. 

Seine Brisanz bekommt sein Buch aber durch seinen impliziten Bezug zum Hier und Heute. Der sagt deutlich: Dünkt Euch nicht erhaben über das was war, idealisiert es nicht, aber verdammt es auch nicht. Und denkt nicht, dass das alles selbstverständlich so sein musste, wie es war. Denn was heute passiert, versucht die Geschichte zurückzudrehen und auch die erheblichen positiven Aspekte, den gesellschaftlichen Fortschritt dieser „Gründerzeit“ zu kassieren. Die Klassenunterschiede, die immerhin mehr oder weniger geschickt moderiert waren, treten wieder deutlicher zutage, sie sind nur modifiziert. Rechte, die zumindest partiell erfolgreich erkämpft wurden, werden wieder eingeholt (Arbeitsrecht, soziale Sicherungssysteme), völkisch-nationales Denken kehrt trotz seiner evidenten Lächerlichkeit wieder an die Oberfläche zurück, unter die man sie doch lange zivilgesellschaftlich gedrückt zu haben glaubte. Erstrebenswerte Ziele (Frieden), auf die man sich satt und von der Schutzmacht USA garantiert konsensual einigen konnten, sind vor der politischen Großwetterlage bedroht und als fromme Illusion zerplatzt. Oder eben, siehe Ernst Bloch 1959 (das erschien „Das Prinzip Hoffnung“) wieder auf Start zurückgesetzt.

Der Realitätsverlust oder die Realitätsblindheit der frühen Jahre, die frommen Lebenslügen einer Gesellschaft ohne Visionen und Ziele fällt uns auf die Füße. Was nicht heißt, dass das Prinzip Hoffnung seinen Sinn verloren hätte. Ganz im Gegenteil, ich sehe nichts anderes, aber diesmal bitte realitätsbasiert.

In diesem Sinn – komm her, 2026.

© 12.2025 Thomas Wörtche – Seine Texte bei uns hier. Und siehe auch, anlässlich seines 70., unser Special über ihn.

** **

Sonja Hartl: Geschichte, Gewalt und Grammatik

Alle Forschungsreisen beginnen mit einer Tasse Tee.“ (Iida Turpeinen: Das Wesen des Lebens)

If you go bonkers on Orkney, they fly you out.“ The Outrun

You think your pain and your heartbreak are unprecedented in the history of the world, but then you read.“ (James Baldwin)

Vorhaben für 2026: Wirklich jedes Zitat aufschreiben, das ich gut finde.

**

Mein Krimi-Highlight lese ich – wie ich nun weiß – bereits im Januar: „Sing mir vom Tod“ von Ivy Pochoda. Kompromisslos, knallhart, konsequent – ich kann kaum ihr nächstes Buch erwarten.

Größte Krimi-Entdeckung: Eliza Clark. „Boy Parts“ fand ich vor allem als Diskurskrimi interessant und vielversprechend. „Penance“ zeigt, dass die Erwartungen berechtigt sind: Ein Kriminalroman, den ich unglaublich gerne gelesen habe, spannend, süffig und clever gemacht – und zugleich stecken in ihm sehr viele kluge Einsichten zu True Crime, Teenagern, Mobbing, Einsamkeit, nordenglische Küstenstädte, Brexit und der britischen Klassengesellschaft.

Bestes Sachbuch: „Some People Need Killing“ von Patricia Evangelista hat mich schwer begeistert. Sie schreibt über den Drogenkrieg Dutertes auf den Philippinen – und denkt über den Zusammenhang dreier Dinge nach, die mich zuverlässig sehr interessieren: Geschichte, Gewalt und Grammatik.

**

Ich schaue wieder mehr Filme. Vor allem alte, vor allem die, die mich interessieren. Und seit ich regelmäßig einige Zeit außerhalb Berlins verbringe, möchte ich noch anmerken: Wir leben hier im OmU-Kino-Paradies.

Liebste Serie: Fast hätte ich „Pørni“ wegen des Titels ignoriert, dann war ich krank und dachte „was soll’s“. Und habe vier Staffeln einer klugen, warmherzigen und sehr rührenden Serie gesehen. Apropos: Wer noch immer nicht „Somebody Somewhere“ geschaut hat, hole das bitte nach. In diesem Jahr mein Rettungsanker – und eine klügere Serie über Trauer und Freundschaft kenne ich nicht.

Beste TV-Sendung: Die zweiteilige Arte-Sendung „TikTok, die mächtigste App der Welt“ (weiterhin in der Mediathek). Wer verstehen will, warum die Welt gegenwärtig tickt wie sie tickt, sollte sich diese Zeit nehmen. Stichwort: „Kognitive Kriegsführung“. Wird uns in Zukunft vermutlich noch weiter beschäftigen.

**

Schönste Entdeckung (mit Dank an TW): Die costasiella kuroshimae oder auch Leaf-Sheep – auf deutsch die Blatt-Schaf-Schnecke – sieht nicht nur aus wie sie heißt, sondern sie frisst bevorzugt Algen und Seegras. Die verdaut sie aber nicht, sondern verleibt sich deren Chloropaste ein und ist eines der wenigen Meerestiere der Welt, das Photosynthese betreiben kann. Im Oceanographic-Magazin gibt es ein entzückendes Foto von ihr.

Bester Sportmoment: Die NBA-Playoffs 2025. Die Knicks spielen in der ersten Runde sechs Spiele die Pistons. Die letzten vier Begegnungen werden jeweils durch einen Wurf entschieden – Spiel vier gewinnen die Knicks sogar mit einem Punkt Unterschied. Und das in einer Sportart, in der regelmäßig über 100 Punkte geworfen werden. Mehr Dramatik geht nicht. Wer keinen Basketball guckt, der hat keine Ahnung, wie lang zehn Sekunden sein können! In der nächsten Runde holen sie gegen die Celtics zweimal einen 20-Punkte-Rückstand heraus und schmeißen sie aus dem Turnier. Danach geht es gegen die Pacers – über sieben Spiele, dann scheiden sie aus. Ich bin seit über 30 Jahren Knicks-Fan – und sag mal so: Ich bin froh, dass es nach 25 Jahren wieder bergauf geht.

Interessanteste Spracheinsichten: Die Hummel heißt auf Plattdeutsch Plüschmors. Was noch ein bisschen niedlicher wird, wenn man gedenkt, dass „mors“ Hintern bedeutet. Und im Finnischen gibt es keine Zukunft. Es gibt Möglichkeiten, zukünftige Vorhaben auszudrücken, aber keine eigene Zeitform. Ob das der eigentliche Grund ist, weshalb Finnland immer zum glücklichsten Land der Welt wird?

Sonja Hartl gehört zu unserer Redaktion und arbeitet als freie Kritikerin und Autorin im Radio, Print und Online – ihre Texte bei uns hier.

** **

Podcast „Abweichendes Verhalten“ – Sonja Hartl und Thomas Wörtche: Das Krimijahr 2025

Wie war das Krimi-Jahr 2025? Welche Highlights, welche Ärgernisse gab es? Welche neuen und alten Trends lassen sich beobachten? Und was wünschen wir uns (kriminalliterarisch) für 2026? Darüber sprechen Sonja Hartl und Thomas Wörtche – und kommen zu der Erkenntnis, dass die Geschichte der Kriminalliteratur noch einmal neu geschrieben werden muss. Die Folge lässt sich unter diesem Link und bei allen gängigen Podcatchern hören.

Mehr Informationen zum Podcast auf der Webseite abweichendes-verhalten.de

Die Rückschau der Beiden auf 2024 noch hier.

Tags : ,