Sonja Hart: Wie erzählt man wahre Geschichten?
NBA-Playoffs. Es fällt ein Begriff: „level of annoyance“. Damit beschreibt der Reporter den Zustand der Spieler, die schon seit drei Vierteln ständig gefoult werden. Den Begriff merke ich mir. Er beschreibt nämlich recht gut meinen unterschiedlichen Grad an Gefasstheit.
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Das Jahr 2024 beginnt vorzeitig mit einer Idee beim Frühstück am 30. Dezember 2023: die Caspar-David-Friedrich-Tour. Wir gucken alle drei großen Ausstellungen in Hamburg, Berlin und Dresden. Spoiler: Dresden schaffen wir nicht. Das Leben kommt dazwischen.

Ansonsten läuft es mit der Kunst und mir, ich habe viele Ausstellungen dieses Jahr besucht. Besonders in Erinnerung geblieben: Im Januar Otto Dix in den Deichtorhallen. Im März dann CDF. Zu voll. Der beste Teil: Die Verbindungen zur Gegenwartskunst mit Ann Böttchers Bleistiftzeichnungen von Bäumen. Ohnehin ist der März der Monat der Groß-Kunstausstellungen: Turner in München. Dafür dass ich mich vornehmlich für Kunst ab der Klassischen Moderne interessiere, sehe ich viel 18. Jahrhundert.
Zweimal Munch, einmal in der Berlinischen Galerie (toll!), das zweite Mal im Barberini in Potsdam. Ich sage mal so: Ich hatte mir mehr versprochen. Munch sehen wir dann in Oslo im August wieder. Im Munch-Museum werden nicht Selfies oder Ussies gemacht. Munchies nennen wir sie: ein Selfie mit Munchs „Schrei“ im Hintergrund. Ständige Erkenntnis: Kunst tut mir gut. Größte Nachwirkung: Paula Scheer in der Pinakothek der Moderne. Anna-Eva Bergman im Nasjonalmuseet. Und: Keine Kunst, aber sehr lange beschäftigt mich die Ausstellung über das Leben von Manga Bell im MARKK.

Und außer Kunst? Lese ich – natürlich – viel. Wie im Rausch: Gabriele Tergits „Effingers“. Betört: Fabio Stassis „Die Seele aller Zufälle“. Verstört: Hervé le Corres „Durch die dunkelste Nacht“. Zerstört: Lavie Tidhars „Maror“.
In Stella Gaitanos „Endlose Tage am Point Zero“ entdecke ich die beste Kurzgeschichte des Jahres. Erzählt wird sie von einem Toten, der nicht weiß, ob er Opfer oder Täter in dem Krieg ist, in dem er stirbt.
Dann diese scheinbar harmlosen Bücher: Megan Abbotts „Wage es nur“ ist vordergründig eine Cheerleader-Geschichte, tatsächlich ein feministischer Take auf amerikanische Highschool-Geschichten. Una Mannions „Sag mir was ich bin“ lässt mich spüren, wie es ist, in einer manipulativen Beziehung zu stecken.
Eines meiner Lieblingsthemen in diesem Jahr (und vermutlich auch 2025): Wie erzählt man Geschichte, wahre Ereignisse? In „Twilight Zone“ von Nona Fernandez führen Erinnerungen an ein Zeitungscover zu einer (persönlichen) Recherche und zum Nachdenken über persönliche, kollektive, staatliche Erinnerung. In „Am Flussufer ein Feuer“ fragt Ayana Mathis, wie man in den 1980er Jahren in Philadelphia und Alabama lebt mit all den enttäuschten Hoffnungen der Bürgerrechtsbewegung.

Mit Felix K. Nesi und „Die Leute von Oetimu“ tauche ich tief ein in die Geschichte Timors. Mit Luna Sicat Cleto und Jose Dalisay bin ich auf den Philippinen. Offenbar mag ich Literatur aus Südostasien. Hätte ich vor meiner Jury-Tätigkeit für den Weltempfänger nicht vermutet. Ohne die Jury vermutlich auch nicht gelesen: Bachtyar Alis „Die Herrin der Vögel“, das so deutlich macht, dass denjenigen, denen die und das Fremde vertraut sind, keine Angst vor ihnen haben.
Beverly Gages „G-Men“ erzählt von der Macht der Bürokratie, den Möglichkeiten innerhalb des Systems. Packend, lehrreich – und beängstigend.
Sehr erfreulich: So langsam wird es auch wieder etwas mit den Filmen und mir. „Goodbye Julia“ mochte ich sehr. Nach „Perfect Days“ von Wim Wenders hole ich seit langem meine kleine analoge Kamera wieder heraus. Und: Alte Filme sind zuverlässige Begleiter in düsteren Tagen.
Serien und ich, wir befinden uns indes in einer Trennungsphase. Ausnahme: „Mum“ auf Arte. Lesley Manville und Peter Mullan sind einfach perfekt. Eine Serie wie eine Familie: Mit Menschen, die einen ab und an nerven, die man aber trotzdem einfach sehr mag.
Sonja Hartl macht zusammen mit Alf Mayer, Thomas Wörtche und Anne Kuhlmeyer die Redaktion von CrimeMag, arbeitet zudem als freie Journalistin für Deutschlandfunk Kultur, SWR Kultur und viele andere Medien. Sie betreibt den Podcast Abweichendes Verhalten, das Blog Zeilenkino und die Textstube.
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Thomas Wörtche: Nicht schon wieder
Nein, dieses Jahr mache ich das anders, nicht schon wieder die Bücher, Filme, Serien, Musik und Bilder nachbesprechen, die übers Jahr liegengeblieben sind. Es ist zwar eine schwere narzisstische Kränkung: aber auch ich bin endlich.
Dieses seltsame 2024 oszillierte zwischen Abscheu (siehe Jan Philipp Reemtsma) und der Erkenntnis, wie privilegiert gut es mir geht. Von den üblichen der Abscheu Verdächtigen (also Putin, Hamas & Co.) erwarte ich nichts anderes, die „halbloyalen Demokraten“ (siehe Anne Applebaum) finde ich inzwischen fast genau so gefährlich. Ansonsten gilt Brandolinis Gesetz.
Weit, weit, sehr weit darunter nerven eine Tendenz zur Komplexionsflucht und eine Art Kulturkonservativismus, die eine seltsame, gar peinliche Retro-Nostalgie featuren. Aber damit wird meine manchmal arg strapazierte (danke, FC Bayern) Ambiguitätstoleranz auch noch fertig.
Nicht fertig vor lauter Freude wurde und werde ich über die „Festschrift“, die mir meine wunderbare Frau Anna Hoffmann und meine großartigen FreundInnen und CM-KollegInnen Alf Mayer (mon dieu, lieber Alf, was für eine Logistik, was für eine Energie), Sonja Hartl und Claudia Denker im August gemacht haben. Und das auch noch, ohne dass ich das Geringste geahnt hätte. Deswegen an dieser Stelle allen GratulantInnen nochmals meinen herzlichen Dank.
Was war sonst noch? Ach, ja – man sollte eigentlich nach Paris ziehen, u.a. deshalb, weil es von da nicht so weit in die Bretagne ist (naja, die Normandie nehm ich auch), also dort, wo die Austern wachsen. Und all die anderen allerliebsten Crustaceen. Endlich mal wieder in St Malo, Cancale etc. gewesen zu sein, hat Leib und Seele sehr wirksam gutgetan.
Außerdem sprießen allüberall spannende Buchprojekte für meine kleine TW-Edition. Mehr wird noch nicht verraten, aber es macht riesigen Spaß. So wie die Arbeit mit Kalibern wie Lavie Tidhar, Katniss Hsiao, Sybille Ruge, Johannes Groschupf, Max Annas, Colin Niel, Meagan Jennett, Ewan Morrison, Dirk Schmidt oder Ivy Pochoda (alle kann ich gar nicht aufzählen) und der Crew meiner großartigen ÜbersetzerInnen, ohne die gar nichts ginge. Danke Conny Lösch, Stefan Lux, Andrea O´Brien, Anne Thomas, Karin Betz, Andrea Stumpf, Karen Witthuhn und alle anderen! Und natürlich ist da die Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag, insbesondere mit Winfried Hörning – so kann auch der Alltag highlight-esk sein.
Highlights auch immer wieder unsere Talk-Runde „Abweichendes Verhalten“, die Sonja Hartl und ich regelmäßig in Max Schwarzloses schönem „Studio 24“ in Schöneberg mit unseren Gästen veranstalten – sozusagen die live-Version plus von Sonja Hartls Podcast „Abweichendes Verhalten“, bei dem ich manchmal auch mitplaudern darf.
Meine Heldinnen des Jahres: Gisèle Pelicot und Joana Mallwitz.
All das und noch viel mehr ergibt so eine Art Insel des Lichts inmitten einer ziemlich düsteren Welt. So, wie Leonard Cohen das auf den Punkt gebracht hat: „There is a crack in everything that´s how the light gets in“.
In diesem Sinne, my dear friends all around the world: Packma’s 2025!
© 12/2024 Thomas Wörtche
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Podcast: Das Krimi-Jahr 2024

Scheinbar unschuldige Romane, Dorfhorror und Trend zur Personality.
Episode abspielen: 45:35 Min
Thomas Wörtche und Sonja Hartl suchen nach einem Motto/Thema (und finden dann überraschend noch eines – vielleicht …), reden über Serienmörder, sprechen über ihre Highlights und fragen sich, was wohl das nächste Jahr bringt. Kriminalliterarisch.
Mehr Informationen zum Podcast auf der Webseite abweichendes-verhalten.de






















