Wer gute Bücher liest, lässt es sich auch sonst gern schmecken. Hier eine Prise kulinarischer Bücher, besprochen von Alf Mayer.
Vivi D’Angelo, Josh Flatow: Wurst. nachhaltig & selbstgemacht
Eva Gritzmann, Denis Scheck (Hg.): Kafkas Kochbuch. Franz Kafkas vegetarische Verwandlung in 544 Rezepten
Paul Ivić:Vegetarisch
Eva, Susi & Gernot Nepimach: Linsengerichte. Kino für jeden Geschmack
Kimberley Witherspoon (ed): The Anthony Bourdain Reader by Anthony Bourdain
Zu Tisch mit Stanley Tucci. Ein Jahr voller Genüsse
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Unsere erste Ausgabe erschien im Dezember 2022, hier Lieferung 2, Lieferung 3, Lieferung 4, Lieferung 5, Lieferung 6.
Lieferung 7 enthielt:
Angelo Coassin: Kochen wie ein echter Italiener
Emily Ezekiel: Suppe macht glücklich
Gerhard Schuster, Christine Schneider: Pilzliebe. Das Waldpilz-Kochbuch
Florian Seidl: MundArt. Kochen ohne Wenn und Aber
Slow Food Genussführer 2025/26. Die besten Restaurants und Gasthäuser in Deutschland
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Handwerk, pur
(AM) Zu meinen Kindheitsfreuden gehörte das Wurstmachen, bei dem ich meinem Großvater helfen durfte. Das war nach/ bei jeder Hausschlachtung angesagt, auf unserem Bauernhof kam so etwas mehrmals im Jahr vor. Wurstmachen ist ein Prozess, und es ist Handwerk pur. Schon die ersten Fotos in diesem durchgängig phantastisch fotografierten Band haben mich dorthin zurückversetzt. Der Deutsche Kochbuchpreis 2025 in Gold und in der Kategorie »Fleisch«für dieses Buch ist sicher auch der autodidaktischen Fotografin Vivi D’Angelo zu verdanken. Die gelernte Journalistin mit einem Master in Kommunikation für Kulturerbe arbeitet für lokale Lebensmittelproduzenten, Kochbuchverlage und Foodmagazine. Für Wurst. nachhaltig & selbstgemacht hat sie sich mit dem Koch, Rezeptentwickler und Foodstylisten Josh Flatow zusammengetan. Ihr Buch ist auch so etwas wie eine gemeinsame Reise – an Wurstkessel und zu Praktikern und Praktikerinnen, dazu kommen Gastbeiträge und sogar Wurstkunst, etwa von Nathalie Wolff. Im Wurst-Universum gibt es Sterne am Himmel.
Natürlich ist das kein Buch für jedes Gemüt, teils echter Wurstmacher-Hardcore, das aber auf sensationellem Niveau. Vieles macht Lust, es auch einmal zu probieren. Alles ist super-praxisorientiert. Ich jedenfalls habe mir sehnsüchtig unsern Allgäuer Bauernhof zurückgewünscht (mit 30 Hektar Milchwirtschaft im 21. Jahrhundert nicht lebensfähig, deshalb zu). Viele Arbeitsschritte sieht man step-by-step. Die Präsentation ist äußerst kurzweilig, in die Texte ist so viel Liebe geflossen wie auch die Wurst sie braucht. Alleine in Deutschland gibt es über 1500 Wurstsorten, ein doppelseitiger »Stammbaum« in der Buchmitte versucht etwas Ordnung in den Wursthimmel zu bringen. Allerlei exotische Würste kommen noch hinzu, etwa eine thailändische Sai Krok Isan oder eine Blutcrémeux mit Bluorange und Kardamom.
Grob gesagt, geht es um Rohwurst (auch Dauerwurst genannt), Brühwurst oder Kochwurst, dann auch um schnittfest oder streichfähig, emulgiert oder nicht emulgiert, um Kochstreichwurst, Sülzwurst oder Blutwurst – und auch um den Unterschied zwischen Wurst- und Fleischsalat. Das Wurstbinden, wie auf dem Cover in Vollendung zu sehen, lernt man auch. May-Britt Wilkens, Gründerin des Onlineshops besserfleisch.de bringt es auf den Punkt: »Für mich ist heute nicht mehr die Frage wichtig, ob wir Fleisch essen. Sondern welches.«
Vivi D’Angelo, Josh Flatow: Wurst. nachhaltig & selbstgemacht. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2025. Hardcover, Lesebändchen, 130 Farbfotos. 208 Seiten, 38 Euro.
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Überleben mit Stanley Tucci
(AM) Man kann der Meinung sein, wie etwa die britische Journalistin und Food-Expertin Rachel Cooke (mit 56 im September 2025 viel zu früh verstorben), dass das vierte Buch von Stanley Tucci „dünner als frischgewalzte Fettucine“ sei, so ihr Urteil im »Guardian«. Nach drei erfolgreichen Kochbüchern – zuletzt »Taste. Mein Leben für Küche und Kamera« (ebenfalls bei Arche, 2023) – ist Zu Tisch mit Stanley Tucci. Ein Jahr voller Genüsse tatsächlich etwas anderes. Aber von wegen dünn. Der englische Originaltitel trifft besser, was darin serviert wird: »What I Ate in One Year (and Related Thoughts)«.
Das Buch enthält nur ein einziges Kochrezept. Darum geht es darin auch nicht.
In Form eines Tagebuchs für das Jahr 2023 erfährt man darin, wie sich ein menschlich sympathischer und nicht sonderlich auf die Pauke hauender Filmschauspieler, der oft unterwegs ist, kulinarisch durch sein Leben schlägt – und wie wenig die Airport-, Business- und Promiwelt mit gutem Leben und noch besserem Essen zu tun hat. Manchmal grenzt das fast an ein Survivalbuch.
Das Jahr 2023 beginnt für Tucci mit der Ankunft in Rom, wo er als Kardinal Bellini für den (dann oscar-gekrönten) Film »Konklave« vor der Kamera stehen und etliche Wochen zubringen wird. Sein Hotel hat ein Restaurant und einen Koch mit Sterneambitionen, die Gerichte oft nicht mehr erkennbar, weil so ambitioniert. Tucci interessiert so etwas gar nicht, er ist in Rom glücklich, wenn er in ein einfaches Lokal «mit fünf Generationen kulinarischer Erfahrung« gerät. Hausmannskost, pur und simpel. Und in Italien der wahre Himmel. Und er bestand auf einem Apartement mit eigener Küche. Selbst ist der Koch. Mich nahm, anders als Rachel Cooke, schnell für das Buch ein, wie er mit einer römischen Freundin schon in der ersten Woche im Armando am Pantheon landet und einfach nur glücklich ist. Wir konnten es, damals auf unserer Hochzeitsreise, also eine Weile her, auch nicht glauben, welch ein tolles Essen es zu schlanken Preis mitten in Rom mit Blick auf eine der größten Touristenattraktionen gibt – ein Slow Food Restaurant aus dem Bilderbuch, immer noch unverdorben.
Stanley Tucci weiß um die wahren Freuden der Küche. Er kennt und schätzt die kleinen Glücksmomente. Das macht sein Tagebuch zu einem schönen Führer durch solche Freuden des Alltags. Tatsächlich also: ein Survivalbuch.
Zu Tisch mit Stanley Tucci. Ein Jahr voller Genüsse (What I Ate in One Year (and Related Thoughts), 2024). Aus dem Englischen von Anja Mehrmann. Arche Literatur Verlag, Zürich 2025. 432 Seiten, Hardcover, 26 Euro.
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Verblüffender Fund
(AM) Goldfarbene Vorsatzseiten, luftige und bibliophile Gestaltung, zwar Illustrationen, aber keine in einem Kochbuch übliche Food-Fotografie: Kafkas Kochbuch hat den Charakter eines Reprints. Eines edlen dazu, noch die »Maserung« des Buchschnitts hat nostalgischen Charakter. Kafka erhielt das Buch, wie damals alle Gäste, zum Abschluss eines Sanatoriums-Aufenthalts, ließ zuhause künftig danach kochen. Das von der Küchenchefin Elise Starker zusammengestellte »Hygienische Kochbuch zum Gebrauch für ehemalige Kurgäste von Dr. Lahmanns Sanatorium auf Weisser Hirsch bei Dresden« wurde nun von der Ärztin Eva Gritzmann und dem Gastro- und Literaturkritiker Denis Scheck wiederentdeckt und behutsam annotiert.
Es ist ein Pfund. Und zwar rundum. Auch wenn Kafka selbst eher asketisch, ja vermutlich magersüchtig und ein schwieriger Esser war. Er war zwar 181 cm groß, zu besten Zeiten aber nur 66 Kilo schwer, zuletzt nur noch 39. Fleisch aß er selten, es gibt eine hübsche Sardellen-Anekdote, er war eher als Flexitaner als Vegetarianer, wie man Vegetarier damals nannte. Die von ihm lieben und schätzen gelernte Sanatoriumsküche der Elise Starker (von der leider keine weiteren biografischen Informationen verfügbar sind) begleitete Franz Kafkas vegetarische Verwandlung in 544 Rezepten, so der Untertitel des Buches. Auch Thomas Mann und Rainer Maria Rilke suchten übrigens in Dr. Lahmans Sanatorium bei Dresden ihre Gesundheit zu verbessern.
Die Herausgeber stellen die Rezepte gleichauf mit heutigen Starköchen wie Ottolenghi, Alice Watkins oder Jamie Oliver – ich fühlte mich auch oft an die Allgäuer Bauernküche meiner Großmutter erinnert. Die gute alte Mehlschwitze feiert viele Auftritte, generell wird viel durch ein Haarsieb geschlagen, statt (dem damals ultramodernen) Palmin empfehlen Ditzmann/ Scheck lieber Butter. Das Kochbuch von 1905 zielt ins Herz der modernen Ernährungsmedizin. Ein detaillierter Jahresplan vereinfacht die abwechslungsreiche und saisonale Ernährung, die Rezepte sind einfach nach zu kochen. Möhren und Mehl, das versuche ich sicher einmal, auch die gefüllten Gurken und sicher den panierten Blumenkohl. Dazwischen gibt es kleine Exkurse, etwa zu Spargel, Pfirsich, Brennessel, Teltower Rübchen. Es gibt Klöße, Schnitten, Aufläufe, Puddings, Eier- oder Kartoffelspeisen, Strudel, Pasteten, Kompotts, Saucen, Breie, Mehlspeisen und Getränke. Das Register ist übersichtlich und sinnvoll, der Speisezettel reicht für ein ganzes Jahr.
Das exorbitante Vorwort mit an die 50 Seiten, das sich Kafka quasi vom Bauche her nähert, hat Menüqualität. So hat man Kafka noch nicht gesessen – und so auch noch nie mit ihm gegessen. Als Nachtisch und Rauswerfer aus dem Buch gibt es die Erzählung »Ein Hungerkünstler«.
Eva Gritzmann, Denis Scheck (Hg.): Kafkas Kochbuch. Franz Kafkas vegetarische Verwandlung in 544 Rezepten. Klett-Cotta, Stuttgart 2025. Hardcover, durchgängig farbig, zahlreiche Illustrationen, Lesebändchen, 35 Euro. – Leseprobe hier.
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Macht auch Appetit auf Filme
(AM) Ein originelles Liebhaberbuch im Selbstverlag, durchgehend farbig, liebevoll gestaltet und am Familientisch entstanden. Gourmetkritik: das Team der Blutbank und des Zentrallabors im Landesklinikum Mistelbach-Gänselbach im niederösterreichischen Weinviertel. Gernot Nepimach ist dort Facharzt für med. und chem. Labordiagnostik. Gleichberechtige Verlagsinhaber und Autor(inn)en sind seine Frau Eva, eindeutig die Küchenchefin, Tochter Susi (Layout) und Sohn Markus (Webmaster). Nach einem Buch über Rind und einem über internationale Grillgerichte, bei Nepimachs meist ein Kugelgrill, nun also Kino – satt.
Auf je einer Doppelseite finden sich in Linsengerichte. Kino für jeden Geschmack insgesamt 140 Filme mit den dazu gehörigen Gerichten. Filmbilder gibt es nicht, dafür jede Menge Kopfkino und Tafelideen. »Linguine con Cozze« etwa aus Adran Lynnes 9½ WOCHEN, »Squid-Ravioli in a Lemongrass-Broth with Goatcheese-Profiteroles« aus AMERICAN PSYCHO, Wildschweinkeule in Minzsauce aus ASTERIX & OBELIX – IM AUFTRAG IHRER MAJESTÄT, Melone mit Portwein aus Bunules DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE, Cannoli Siciliani aus DER PATE oder Birne Helene aus PAPPA ANTE PORTAS. Billy Wilders SABRINA wartet mit einem Schokoladen Soufflé, Louis de Funès mit BRUST ODER KEULE, nein einem »Entrecôte à la Bordelaise«, die »Nippel der Venus« in Miloš Foremans AMADEUS, eine Aalsuppe in DIE BLECHTROMMEL, Gazpacho in FRAUEN AM RANDE DES NERVENZUSAMMENBRUCHS, ein Masala Omelette für MADAME MALLORY UND DER DUFT VON CURRY. Linsengerichte finden sich kaum, der Buchtitel meine die Kamera. Und der Film 1001 REZEPTE EINES VERLIEBTEN KOCHS serviert uns getrüffelte Perlhuhnbrüste mit Kartoffeln und Lauch.
Bedenken solle man stets, meinen die Autoren: ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN und auch kein DINER FOR ONE. In diesem Sinne also: EAT, PRAY, LOVE.
Eva, Susi & Gernot Nepimach: Linsengerichte. Kino für jeden Geschmack. Softcover, Fadenbindung. Hochformat 17×24 cm, 312 farbige Seiten, über 550 Farbbilder. 20 Euro + Versand. Erschienen im Selbstverlag, Kontakadresse: verlag (at) nepimach.at
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Standardwerk, traumhaft schön und gut
(AM) Ein Buch wie einer dieser Orte, in die man sich sofort verliebt und die man am liebsten geheim halten würde, weil sie so besonders sind. Für ein Kochbuch ist das natürlich ein kontraproduktiver Impuls. Tatsächlich war und ist es auch für seinen Autor Paul Ivić ein Herzensprojekt. All sein Wissen, seine Leidenschaft und Begeisterung stecken in diesem Buch. Mit seinem Restaurant »Tian« in Wien hat er den Olymp der Sterneküche erreicht, es ist eins von nur zehn vegetarischen im Michelin-Sterneclub. Tja, und sein wunderschönes Buch mit dem schlichten Titel Vegetarisch gewann Gold beim Deutschen Kochbuchpreis 2024 und Gold bei den German Design Awards 2025.
Es zählt zu den unbestritten besten vegetarischen Kochbüchern am Markt: Gestaltung Jeanne van Stuyvenberg, Fotografie Ingo Pertramer, das Foodstyling von Paul Ivić selbst besorgt. Warenkunde, Profiwissen und 300 alltagstauglichen Rezepte, klar und aufgeräumt präsentiert, appetitlich angerichtet und fotografiert. Fenchelknollen als Symbol verraten uns den jeweiligen Schwierigkeitsgrad (eins bis drei) der Rezepte, eine Fenchelknolle als farbiges Gemälde ziert den Einband, die Anmutung des großformatigen, exzellent gestalteten Buchs ist grün. Der Verlag spendierte sogar zwei Lesebändchen.
Paul Ivić ist durchaus Fleischesser, seine wahre Liebe gehört der vegetarischen Küche – und damit verbunden der Biodiversität und dem achtsamen Umgang mit Lebensmitteln. Seine Gerichte reichen von der Wurzel bis zum Blatt, vom Salat bis zum Hauptgericht. Die wichtigsten Zutaten sind für ihn Neugier, Offenheit und die Lust am Ausprobieren und er verwendet gerne Tomatenwasser (Rezept dazu auf Seite 378). Nicht nur den Chicorée hält er für unterschätzt. Die übersichtlichen Kapitel heißen: Salate und Blattgemüse, Kohl, mediterrane Gemüse, Wurzel- und Knollengemüse, Noch mehr Knollen, Pilze, Hülsenfrüchte, Reis und Getreide, Wildpflanzen und Kräuter. Alles überaus appetitlich angerichtet. Nicht zu vergessen die Basics: Suppeneinlagen, Dressings, Marinaden und Vinaigrettes, Öle, Mayonnaise, Butter, Mojo, Saucen, Teige. In diesem Buch sind nicht nur die Schmelzkartoffeln zum Dahinschmelzen.
Paul Ivić: Vegetarisch. DK Verlag, München 2024. Format 20,5 x 27,9 cm, durchgängig farbig. 400 Seiten, 39,95 Euro.
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Es ist noch Suppe da
(AM) Weil ich mir seine Bücher immer sofort in Englisch besorgte, habe ich nie auf den deutschen Markt geachtet und war jetzt erstaunt, was es von ihm alles übersetzt gibt. Alle Achtung. »Geständnisse eines Küchenchefs. Was Sie über Restaurants nie wissen wollten«, »Ein bisschen blutig. Neue Geständnisse eines Küchenchefs«, »World Travel. Ein gnadenlos subjektiver Reiseführer« und so weiter. Noch von keinem deutschen Verlag angekündigt ist die neueste Publikation, posthum von seiner Agentin Kimberly Witherspoon zusammengestellt uns gerade in USA und GB erschienen: The Anthony Bourdain Reader. New, Classic, and Rediscovered Writing. Enthalten sind nicht nur Auszüge aus seinen Büchern, sondern auch Unveröffentlichtes: Tagebücher, handgeschriebene Manuskripte, einige Kapitel aus dem unvollendeten Roman »No New Messages«. Vorwort von Patrick Radden Keefe. 512 Seiten Entdeckungsreise, auch für Bourdain-Kenner.
Seit seinem 17. Lebensjahr arbeitete Anthony Bourdain in verschiedenen Küchen, rund zehn Jahre führte er die Brasserie Les Halles in New York. Neben seinem Welterfolg, dem autobiographischen »Geständnisse eines Küchenchefs«, wurde er auch für seine Fernsehserien »Parts Unknown« und »A Cook’s Tour« gefeiert. Mein Freund WEB verehrte ihn, teilte sich sogar ein paar Lieblingslokale. Bourdain war ein Ruheloser, ein Weltenbummler und ein Gonzo-Gourmet. Ja, vor »The Bear« gab es Bourdain. Und er schrieb sogar Kriminalromane.
Als Autor hatte er sich schon immer gesehen. Seine Mutter war Redakteurin der »New York Times«, seine Helden Jack Kerouac, William Burroughs, Lester Bangs, Hunter S Thompson, auch Orwell – vor allem dessen Tellerwäscher-Memoiren in »Down and Out in Paris and London«. Künftige Generationen werden Bourdain vermutlich eher als Schriftsteller der Küchenarbeit denn als Gastronomie-Autor sehen. Immer und überall suchte und fand er Kontakt zum Fußvolk der Küche(n), zu all der niedrigen, gering geschätzten Arbeiten. Auch hier galt für den bekennenden Carnivoren das Prinzip »nose to tail«. Er war und blieb ein Proletarier der Küche. Schade, dass Pasolini ihn nicht dabei hatte bei seinem Film »Der Weichkäse« (La ricotta, 1963). Anthony hätte sich neben Orson Welles gut gemacht. Man darf diesen Reader als ein Testament und Vermächtnis sehen.
The Anthony Bourdain Reader by Anthony Bourdain, compiled by Kimberly Witherspoon. New, Classic, and Rediscovered Writing. Ecco (USA), Bloomsbury (GB), New York/ London 2025. 512 Seiten, $ 40, £25.

























