
Kein Herz und keine Seele
Keine Ahnung, was da in Kea vor sich geht. Seit Jahren kümmert sie sich um die Belange meiner englischen Cousins, vor allem, was Geburtstage und Jubiläen anbetrifft. Einmal im Jahr bekomme ich von ihr auf Facebook eine Nachricht, wo sie mich auffordert, dies und jenes zu besorgen, auf einer Karte dies und das zu schreiben und das Ganze da und dort hinzuschicken. Legendär, wie ich einen Kühlschrankmagneten direkt aus der Moabiter Hinterhof-Manufaktur besorgte, weil ich es nicht einsah, irgendein Touri-Geschäft aufzusuchen, um etwas zu erwerben, was ich persönlich nie gekauft hätte. Komischerweise bin ich der einzige der deutschen Rest-Familie, der für dieses Gedöns herangezogen wird, meine beiden Brüder, beide nicht auf Facebook, bleiben unbehelligt.
Also schicke ich hin und wieder Geburtstags – oder Hochzeitsgrußkarten auf Verlangen in das BREXIT-Land und bekomme kein Feedback dafür. Vermutlich hat Cousin Bob der Hochzeitskarte keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, weil er mich gar nicht mehr richtig kennt und Phil versteht zwar Deutsch (ich schreibe meine Karten immer auf Deutsch), aber wahrscheinlich ist er zu abgelenkt von anderen Dingen, um meiner Karte die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.
Vor kurzem meldete sich Kea wieder mal und wollte eine Grußkarte zum Umzug von Phil und ihr. Eine Grußkarte zum Umzug? Eine Umzugsgrußkarte? Wer zum Teufel schickt irgendwem eine Karte zum Umzug? In Berlin ist das Thema ohnehin erledigt. Hier ist seit Jahren keiner mehr umgezogen. Seit Robben&Wientjes dicht gemacht hat, weiß zum einen niemand mehr, wie Umzug geht, zum anderen kann sich das niemand mehr leisten. Selbst wer sich verschlechtern will, also von einem Drecksloch in ein noch schlimmeres Drecksloch ziehen will, zahlt dort mehr als im ersten Drecksloch.
Wieder stehe ich vor dem Dilemma: antworten oder schweigen? Sie will ja nur eine Karte von mir, allerdings weiß ich nicht, wo ich die hernehmen soll. Soll ich ein Stück Karton besorgen, zurechtschneiden und was draufmalen? Nein, ich gehe wieder zu den üblichen Ein-Euro-Läden und schaue mich nach Umzugskarten um.

Die Verkäuferinnen schauen mich verwirrt an und zeigen dann auf das riesige Sortiment mit Hochzeits-, Beileids-, Geburts- und Volljährigkeits-Glückwunschkarten. Umzug? Fehlanzeige. Was ist mit Buchläden? Haben die nicht manchmal Karten im Angebot, vielleicht sogar sowas Exklusives wie eine Umzugskarte? Ich fahre zur Filiale einer Buchladenkette in den Prenzlauer Berg und frage nach. „Schauen sie mal da im Regal ganz unten nach“, rät mir die Verkäuferin. „Da haben wir Karten, aber verkaufen selten welche. Die letzte, glaube ich, kurz nach Maueröffnung.“
Ich bedanke mich, versuche mein Glück und werde tatsächlich fündig. Eine verstaubte Karte mit dem Titel: „Glückwünsche zum Umzug“. Die Verkäuferin scheint froh zu sein, dass olle Ding endlich loszuwerden.
Zuhause schreibe ich innen rein: „Viel Spaß und Freude im neuen Zuhause“. Nicht besonders originell, aber es erfüllt seinen Zweck. Kein poetisches Meisterwerk, eher zweckorientierter Gebrauchstext. Umschlag zu, Briefmarke drauf, zur Post, erledigt.
Phil ist zusammengeschlagen worden. Von seinem Bruder Bob. Phil präsentiert auf Facebook Fotos von Wunden im Gesicht und Oberkörper und Bob Bilder von seiner Verhaftung. Die beiden posten auf Facebook wirklich alles, was in ihren Leben passiert. Ich schreibe Kea und frage, was los ist. Kea und Phil planen einen Umzug wegen Bob und seiner Familie, erfahre ich. Verrückt, ich habe fünfzehn Jahre lang täglich Postings der beiden gesehen, wo sie gemeinsam und harmonisch ihren Hobbys nachgehen und jetzt so etwas. Ein alter Disput, so schreibt mir Kea, von dem sie und Phil gehofft hatten, Bob wäre das Warum und Wieso entfallen, aber vor ein paar Tagen ist es ihm wohl wieder in den Sinn gekommen. Es muss sich um eine schwerwiegende Angelegenheit handeln, also eine, die man nicht einfach so abtut, sondern eine, wo man sich ins Auto setzt, zehn Kilometer ins Kaff fährt, wo der andere Bruder wohnt und ihm aufs Maul haut.
Vorsichtshalber hatten sich Kea und Phil schon vor drei Monaten ein neues Haus gekauft, etwa 150 Kilometer entfernt, aber Bob davon nichts erzählt, damit der, wenn ihm der alte Disput wieder einfallen sollte, nicht weiß, wo er hinfahren soll. Zwei Tage vor dem brüderlichen Knall hatten die beiden Brüder samt Familien noch zusammen gesessen und gefeiert. Ins neue Haus konnten die beiden noch nicht flüchten, weil die Anwälte mit irgendwelchen Papieren noch nicht fertig waren. Das Leben in Großbritannien muss eine unglaubliche Mühsal sein. Du weißt, dass du einen Konflikt mit deinem Bruder hast, der schwelt und irgendwann ausbricht, du willst wegziehen, ohne Bye-Bye zu sagen und kannst es aus organisatorisch, rechtlichen Gründen nicht.
Auf jeden Fall ist meine Umzugskarte an die neue Adresse gegangen, weil Kea mir die genannt hatte. Der Postbote hat sie in den, vermutlich noch namenlosen Briefkasten gesteckt und sich gedacht, diese Scheiß-Krauts schicken ihre verdammten Umzugskarten an Adressen, wo keiner wohnt.
Eigentlich war für 2025 ein Gegenbesuch in Großbritannien geplant, nachdem Kea und Phil im Jahr zuvor für einen Tag in Berlin gewesen sind. Jetzt ist der Besuch für 2026 angepeilt, aber ein Treffen mit Cousin Bob nach 50 Jahren lasse ich dann besser sein. Ich müsste 150 Kilometer zurücklegen und jemand muss mich hinfahren und abholen. Phil wird das nicht machen.
Vielleicht ist Bob irregeworden und verprügelt alle, auch mich. Das erinnert mich an meine Brüder. Die verprügeln sich zwar nicht, aber reden seit 30 Jahren kein Wort miteinander. Wenn ich mal in die Heimat fahre, fahren die mich hin und her, halten aber zwei Straßen entfernt vom Haus des anderen. Im Auto fragen sie mich dann immer, was der andere so macht.
Familie, man ist echt geschlagen damit, teils im wahrsten Sinne des Wortes.
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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
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