Geschrieben am 1. Dezember 2024 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2024, Litmag

Ulrike Schrimpf über Elke Schmitter »Alles, was ich über Liebe weiss…«

Eine Riesin sein – Essay von Ulrike Schrimpf

Elke Schmitter: Alles, was ich über Liebe weiss, steht in diesem Buch. EinBildungsroman. Verlag C.H. Beck, München 2024. 352 Seiten, Hardcover, 26 Euro.

„Was immer die Liebe, auch die Verliebtheit, noch alles sein mag – Raserei und Wahn, chemikalisches Feuerwerk, ein tragischer Irrtum, unvergessliches Glück: Sie ist, unter allen Umständen, Gegenteil der Sinnlosigkeit.“

Alles an diesem Buch ist fein: Sinn, Geist, Humor und Gefühl; dabei ist es nicht prätentiös, sondern voller Energie und Klarheit. Elke Schmitters neuer Roman Alles, was ich über Liebe weiss, steht in diesem Buch. EinBildungsroman ist auch eine Zumutung für heutige Leser:innen, denn das Zarte, Leise und dabei doch Bestimmte, Genaue und differenziert Durchdachte wird in dieser Verbindung gegenwärtig weder besonders hochgehalten, noch ist es oft zu finden, im Kunstschaffen, Schreiben, aber auch im allgemeinen Umgang miteinander, im Zuhören, Antworten und dem gegenseitigen Sich-Miteinander-Auseinandersetzen. 

Alles, was ich über die Liebe weiß, steht in diesem Buch ist ein edles und anspruchsvolles Buch, ohne angeberisch zu sein, sorgsam gedacht und gearbeitet, damit und darin mutig: In einigen wesentlichen Zügen wirkt es wie aus der Zeit gefallen, widerspenstig und bewunderungswert wahrhaftig. So ist es weit mehr als „DAS Buch der modernen Frau“, wie schon geschrieben wurde, sondern ein zeitüberschreitendes Buch, das von der Essenz des Lebens handelt, von unserer menschlichen Identität, von dem, was sie ausmacht, am Leben hält und auch von dem, was sie vernichten kann.

Die Autorin schreibt sich mit dem Roman in die Tradition von so großen Salonièren und Briefschreiberinnen wie Rahel Varnhagen und Julie de Lespinasse ein und erzählt diese in das 21. Jahrhundert fort, indem sie drei verschiedene Liebesgeschichten aus drei Jahrhunderten miteinander verflicht, ineinanderfließen, sich aneinander reiben, gegenseitig vertiefen und erweitern lässt. Drei Geschichten von – unglücklicher – Liebe sind das, die sich vor allem durch und über Sprache definieren, mit ihr entstehen und in ihr auch wieder vergehen und sich auflösen: im Briefeschreiben und im Austausch von Emails und anderen Nachrichten, die über technische Endgeräte verschickt werden.

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„Im Kopf ist alles voller kleiner, schimmernder Elemente, wie dieser Glitzer, den man in Bastelläden kaufen kann, der sich in alle Ritzen verteilt und der sich schwer wieder loswerden lässt. Und so ist es ja auch; es ist dieser Glitter, es sind diese funkelnden Teilchen, die sich ablagern im Gehirn und die viel später, noch nach Jahren, plötzlich auftauchen und blinken und enorme Schmerzen machen können. Weil sie auf ihrer winzigen, leuchtenden Oberfläche alles gespeichert haben, wie in einem mikroskopischen Spiegel, und jählings erscheint da etwas, das aussieht wie das ganze Bild, obwohl man weiß, dass es nur Splitter ist, eine abgelebte Verheißung, etwas Unwahres und Gefährliches, aber man hat es doch erlebt, und deshalb muss es wahr und wirklich gewesen sein, und warum ist es eigentlich… und schon ist man wieder im loop.“

Der rote Faden des Buches ist die gegenwärtige Geschichte von Helena und Levin, beide in ihrer späten Lebensmitte, beide mit halbgroßen Kindern, beide naturgemäß schon ein nennenswertes Bündel an Erfahrungen, Verletzungen und un/erfüllten Wünschen mit sich tragend. Für eine verschwindend geringe Zeitspanne, nur elf Tage lang, begegnen sich die beiden über einen Jahreswechsel hinweg, intensiv, versinken ineinander und gehen dann doch so auseinander, dass man denken könnte, es sei letztlich nichts gewesen zwischen ihnen, nichts Besonderes oder Erwähnenswertes. Dennoch ist ihre Liebesgeschichte eine, die zumindest das Leben Helenas im darauffolgenden Jahr aus den Angeln hebt, ein Erleben, das mehr in sich birgt als die Schilderung eines Durcheinander-, Aneinander-  und Ineinandergeratens von zwei Menschen, die sich romantisch zueinander hingezogen fühlen. Schmitters Sprach-, Gedanken- und Erzählkunst ist es zu verdanken, dass nichts daran banal oder monoton, belanglos wirkt: Sie erzählt Helenas und Levins Liebesgeschichte als eine ungeheure, gespenstische Begegnung, die das Menschsein in seinen verschiedenen Farben und Facetten in sich fasst, seine unstillbare Sehnsucht nach Verschmelzung und sein letztlich doch immer wieder sich einstellendes Zurückgeworfensein auf sich selbst.

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„Ich will ihn anfassen, sagte ich, und die Tränen liefen mir übers Gesicht, ich will ihn anfassen und darf es nicht, und das ist so entsetzlich… Es ist nichts Sexuelles, sondern etwas, das noch darunter liegt, etwas Elementares, ohne das man nicht leben kann.“

Helena und Levin gehen unterschiedlich mit der sich ihnen eröffnenden Möglichkeit einer gegenseitigen tiefen Liebe um: Levin reagiert mit Rückzug, Helena mit der totalen Öffnung, und natürlich kann das nicht gut gehen. Levin wird als eigentümlich zarter, auch verloren wirkender Mann beschrieben mit narzisstischen Zügen, der von Versagensängsten, Scham und Minderheitskomplexen geprägt ist, der aber offensichtlich auch eine starke Faszination und Verführungskraft auf Helena ausübt. Helena, aus deren Perspektive die Leser:innen die Begegnung erleben –  ihre Gedanken und Gefühle sind es, die in an Tagebucheinträge erinnernden Texten und Reflektionen gezeigt werden, –  ist offensichtlich eine begnadete Einbildungskünstlerin, „eine Kopffüßlerin“, wie es im Roman von ihr, aber auch von Levin heißt; sie lebe vor allem in ihrem Kopf und ihren Gefühlen, wird gesagt. Aus einem rätselhaften Grund, der wesentlich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte, losgelöst vom Objekt ihrer Begierde, zu tun haben muss, fühlt Helena sich unstillbar zu Levin hingezogen und sieht sich in ihrer unglücklichen und bald auch unerwidert bleibenden Liebe mit einem elementaren Schmerz konfrontiert, den kaum jemand rational nachvollziehen kann.

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„Die Welt teilt sich in die Sehnsüchtigen und die Gelangweilten. – Bin wiederum, so könnte man’s auch sehen, imprägniert gegen die Wirklichkeit. Was Vorteile hat: Krankheiten, Sorgen um Geld, große wie kleine Unbill erwischt mich nicht mehr; ich unternehme das Nötigste, aber dann bin ich fertig damit.“

Schmitter gliedert den Roman in zwei Erzählteile, von denen sie den ersten als „Ein Bildungsroman“ bezeichnet und den zweiten als „Einbildungsroman“. Sowohl auf die illusionäre Kraft von Liebe wird hier angespielt als auch auf das Genre des „Bildungsromans“. Ihr „Bildungsroman“ widmet sich dem Phänomen „Liebe“ und den damit verbundenen Themen wie Identität und Übertragung, Begehren, Sehnsucht, Un/Möglichkeit von Kommunikation und Erkanntwerden, Angenommensein und Sprache, Denken und Fühlen in einer Mischung aus essayistischem und romaneskem Schreiben. Die Autorin zeigt hier ihre philosophische Schulung – sie studierte Philosophie; an ihrer deutlich rhythmisierten und atmenden Sprache wird ihre Nähe zur Lyrik fühlbar. Der Text ist mit ausufernden Fußnoten gespickt, auf die man sich als Leser:in erstmal einlassen muss, wenn man intuitiv eine emotionale Liebesgeschichte erwartet, in die man nun aber überraschend langsam, bedacht und reflexiv eingeführt wird: Um biologisch-somatische Prozesse geht es, die ausgelöst werden, wenn man verliebt ist, um Ontologie und Metaphysik, Scham und das Unbewusste und um die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis; Kant, Luhmann, Freud, Platon und andere werden zitiert und erörtert. Schmitter zeigt sich als Denkerin und Schreibende, die mit der seltenen Gabe ausgestattet ist, komplexe Themen so zu vermitteln, dass auch Laien sie interessant und anziehend finden können. Darin erinnert ihr Schreiben an die vielgestaltigen Essays von Siri Hustvedt, die, ähnlich wie Schmitter in dem Roman, keine harte Trennlinie zwischen Essayistik und Fiktion zieht.

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„Das Herz der Welt hat aufgehört zu schlagen.“

Der zweite Teil des Romans dann, der „Einbildungsroman“, erzählt von Helenas gewaltigem Liebeskummer, der sie quält, nachdem Levin sie abgestoßen hat, fort aus seinem Leben. An manchen Stellen droht die kluge und tief empfindende Frau daran zu zerbrechen, eine ansonsten gestandene und erfolgreiche Künstlerin mit stabilem sozialem Umfeld, die nicht so wirkt, als würde sie dazu neigen, sich im und am Leben aufzulösen. Nichts geht mehr, schlafen nicht, essen auch nicht, der Schmerz ist ihr körperlich eingegraben. Unaufhörlich denkt sie an ihren vergeblich Geliebten, imaginiert Momente, die sie nie mit ihm erlebt hat, noch jemals mit ihm erleben wird, vermutet ihn zu jeder Tageszeit an jeder Ecke, die sie kreuzt. Eine „Zyklopin“ sei sie und könne „nicht perspektivisch sehen“, reagiert ein Freund verständnisvoll und versucht als einer der wenigen, ihren Kummer nicht abzutun, zu rationalisieren oder kleinzureden, sondern ihn in seiner Maßlosigkeit anzunehmen und anzuerkennen.

Schmitter nimmt die Leser:innen mit auf die Abschiedsreise ihrer Heldin von ihrer eingebildeten Liebe zu Levin, und es ist eine Tortur, ihr dorthin zu folgen, Zeugin von Helenas ewig sich um Levin kreisenden Gedanken zu sein und ihrer notwendig unbeantwortet bleibenden Fragen: Warum hat er sich wann wie verhalten? Zu welchem Zeitpunkt ist der Riss zwischen ihnen entstanden und warum? Was hat sie selbst falsch gemacht, inwiefern ist er möglicherweise gestört, welcher Übertragungsmechanismus hat zu welcher Abwehrreaktion geführt? Was in ihrem Leben, welche familiäre Konstellation und Grundbedingung, welches Trauma und welche Zurückweisung oder Enttäuschung hat dazu geführt, dass sie ausgerechnet jetzt und ihn auf keinen Fall loslassen kann?

Indem Schmitter das Geschehen nicht aus einer auktorialen oder personalen Perspektive erzählt, sondern aus der Ich-Perspektive Helenas und diese auch noch in der Form von persönlichen Notizen, verleiht sie dem Geschriebenen eine besondere momenthafte Dringlichkeit, die der des Briefeschreibens ähnelt: Das Dialogische, Fragmentarische, Offene und Unmittelbare sind einem solchen Schreiben inhärent, die die Leser:innen in ihren Bann ziehen. Kleist hat diesen Vorgang und das dahinterstehende Kunstideal von – natürlich nur scheinbarer – Kunstlosigkeit und Unangestrengtheit in seinem Brief eines Dichters an einen anderen skizziert:

„Wenn ich beim Schreiben in meinen Busen fassen, meine Gedanken ergreifen, und mit Händen, ohne weitere Zutat, in den Deinigen legen könnte: so wäre, die Wahrheit zu gestehen, die ganze innere Forderung meiner Seele erfüllt (…). Nur weil der Gedanke, um zu erscheinen, wie jene flüchtigen, undarstellbaren, chemischen Stoffe, mit etwas Gröberem, Körperlichen, verbunden sein muss, nur darum bediene ich mich, wenn ich mich dir mitteilen will, und nur darum bedarfst du, um mich zu verstehen, der Rede. Sprache, Rhythmus, Wohlklang usw., so reizend diese Dinge auch, insofern sie den Geist einhüllen, sein mögen, so sind sie doch an und für sich, aus diesem höheren Gesichtspunkt betrachtet, nichts als ein wahrer, obschon natürlicher und notwendiger Übelstand; und die Kunst kann, in Bezug auf sie, auf nichts gehen, als sie möglichst verschwinden zu machen.“

Indem Schmitter die Geschichte von Helena und Levin im zweiten Teil ihres Romans mit Liebesbriefen zweier anderer unglücklicher Liebesgeschichten anreichert, werden die Leser:innen gewissermaßen polyphon bestürmt mit Liebesklagen in allen möglichen Ausgestaltungen. Manchmal ist es kaum noch auszuhalten, weder mental, noch körperlich, und man möchte Helena, aber auch der großen unglücklich liebenden Briefschreiberin Julie de Lespinasse zurufen: Lass es endlich gut sein! Er liebt dich einfach nicht, warum kannst du das nicht akzeptieren? Das liegt doch auf der Hand.

Aber so einfach ist es nicht, das Loslassen, diese Erfahrung eines Nicht-Auf- und Angenommenwerdens, unsere existentielle Einsamkeit, Vorbote des unabwendbaren Todes, die jeder Mensch auf die eine oder andere Art und Weise in seinem Leben machen muss. Nein, diese Erfahrung ist sogar anspruchsvoll und eben schmerzhaft, so auch die Einsicht in das allgegenwärtige Prinzip der trügerischen Übertragung, das uns am Ende doch immer wieder – nur? – zu uns selbst zurückführt.

Schmitter findet ein liebevolles und poetisches Bild für einen möglichen Trost durch unsere Einbildungskraft, die uns zwar einerseits in heillose Verzweiflung stürzen, uns aber auch wieder von ihr erlösen kann: In einer berührenden Passage erzählt sie, wie Helena sich vorstellt, sie trage ihren vergeblich Geliebten als kleines seltsames Tier bei sich, das sich für sie deutlich fühlbar und real untrennbar um ihren Körper schmiege:

„Mitten in der Nacht ging ich los, in die dunkle, stürmische Nacht, mit ausgreifenden Schritten. Erst nach etlichen Meilen spürte ich – als ich stehen blieb, um mir eine Zigarette zu drehen , dass es bei mir war; er hatte sich um meine Hüfte geschlungen, den Kopf an meinen Rippen; ich hatte ihn all die Zeit getragen, ohne es zu merken, wie ein Schoßtier, ganz leicht. Ein Fabelwesen, mit Fell und einem zarten, wachen Gesicht.“

Ausgehend von Helenas und Levins Liebesgeschichte ist der Roman auch eine elegante und eigentümliche Reflexion auf den soziologischen Wandel von Liebe als Konzept und Erfahrung, zum Beispiel wenn Schmitter mit hellem Humor erzählt, wie es für Helena war, Sex zu haben „in dieser neuen Jane-Austen-Welt“, in der „alles festgetackert ist“ und „es ein Kursbuch gibt für Worte, Gesten, Berührungen“. Ein Deutscher sei es gewesen, der „genau halb so alt wie ich, kurz vor dem, was als das Eigentliche betrachtet wird, noch einmal ausdrücklich die Frage stellte, ob das nun gewünscht sei. Ich musste nichts unterschreiben, doch er wartete auf das Ja.“

Der Roman enthält außerdem die frappierendste Geschichte eines sexuellen Übergriffs, die ich jemals gelesen habe: Schmitter beherrscht die Kunst, eindringlich und intensiv zu schreiben, ohne pathetisch zu werden, und sie verfügt über den Mut und die Klugheit, das, was beim Begehren und in der Lust abläuft zwischen zwei Menschen, die Prinzipien auch von Macht und – sexueller – Unterwerfung in ihrer Ambivalenz, Gewalt und Offenheit zu zeigen. Gerade durch die Stille und gleichsame Bescheidenheit des Erzählten, durch den Gestus des Sich-auf-keinen-Fall-Aufplustern-und-zum-Opfer-machen-Wollens entfaltet die Episode eine ungeheure Kraft.

So ist Elke Schmitters Roman ein Buch, das seine Leser:innen herausfordert, auf die Probe stellt, das es ihnen nicht leicht macht, weder in Form, noch im Gehalt. Das Buch fordert Zeit, Versenkung und Langmut. Wenn man sich als Leser:in dafür entscheidet, diese aufzubringen, belohnt es mit Szenen und Textstrecken, manchmal auch nur mit einzelnen Sätzen, Gedanken und Bildern, die von einer schwebenden Feinheit und Klarheit, Klugheit und leuchtenden Sprache sind, die ihresgleichen suchen.

„Andere (verliebte Menschen) sind auf eigentümliche Weise still. Sie simmern so vor sich hin, ein kleiner, brodelnder Topf voller Glück, aus dem winzige, manchmal auch kinderfaustgroße Blasen steigen, in unaufhörlicher Produktion. Die sich in der Luft verlieren wie Seifenblasen, die entstehen, indem die Seifenwassertropfen von diesem dünnen, damengroßen Plastikring gepustet werden, oder eher geblasen, fast gehaucht, ganz vorsichtig, und dann steigen sie auf, sprudelnd, lautlos, zart, und man sieht die Blasen glänzen in der Luft, bis sie platzen ohne das leiseste Geräusch.“

Schmitter stellt dem Roman ein Zitat Rahel Varnhagens voran, einer kühnen und sprachschöpferischen Denkerin des 18. Jahrhunderts. Auch im Text selbst verweist sie auf die Briefe der jüdischen Salonière, zitiert Stellen, an denen Varnhagen die schicksalhafte Unausweichlichkeit von Liebe betont: „Weil man nicht wählen kann, wen man liebt.“

Rahel Varnhagen war es aber auch, die am 9. Dezember 1819 an ihre Herzensfreundin Pauline Wiesel schrieb:

„Wie viele Momente gibt es im Leben, die seine Leiden aufwiegen oder die bewirken, dass man sie noch einmal auf sich nehmen würde? Ich erinnere mich an nur sehr wenige davon, und es sind immer Momente, die ich an der frischen Luft verbracht habe, bei schönem Wetter, letztlich immer solche, die nichts mit dem zu tun hatten, was wir am meisten geliebt haben, die Männer.“[1]

Wenn ich Schmitters großer tragisch liebender Heldin Helena etwas sagen könnte, nur eine Sache, würde ich ihr diese Worte Varnhagens nennen. Auch wenn ich wüsste, dass es nichts helfen würde.

Nicht wirklich.

Ulrike Schrimpf, November 2024

1] In den Original-Briefen schreibt Varnhagen diese Worte auf Französisch. Ich habe sie hier behelfsmäßig ins Deutsche übersetzt: „Combien de moments y-a-t-il dans la vie, pour lesquels on voudrait avoir souffert le rest, ou le souffrir une seconde fois? Je ne m’en rappelle que très peu: et ce sont toujours des moments passés, à l’air par un beau temps; enfin des moments, qui n’ont point de rapport avec ce que nous avons le plus aimé, les hommes.” (Varnhagen, Rahel und Wiesel, Pauline, Briefwechsel 1808 – 1832, Edition Sirene, Berlin: 1982).

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  • Ulrike Schrimpf wuchs in Berlin auf, studierte dort und in Paris Literaturwissenschaft, lebte und arbeitete seit 2010 als freie Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin in Wien. Sie hat drei Söhne, die Familie ist 2023 nach Augsburg umgezogen. Sie hat bislang den Roman „LAUTER GHOSTS“ und ein gleichnamiges Theaterstück geschrieben, zusammen mit Axel Holst den Erzählungsband »Blinde Versuche über das Töten: von Menschen«, Literatur Quickie Verlag 2023; zusammen mit der Künstlerin Johanna Hansen den Lyrikband »pariser skizzen. je te flingue«, sowie diverse Kinderromane und Sach- und Fachbücher. Ihre Internetseite hier. Jetzt im Oktober 2024 erschien ihr Gedichtband »Mein anfällig gewordenes Herz« (Corvinus Verlag, Berlin), Textauszug hier. Besprechung von Ingrid Mylo bei uns hier – und eine von Alf Mayer in dieser Ausgabe.

Siehe auch von ihr bei uns:

Ein Restlicht: im Universum – über Daniela Kulots Kinderbuch Es geschah auch kein Unfug… Drei Familiengeschichten, CulturMag Oktober 2024
Wenn man Worte hat, kann man froh sein – Antje Bones & Ulrike Schrimpf über Kinder- und Jugendliteratur, CulturMag September 2024
Sprache, Form und Dichtung. engramme. dinge ohne augen zeugen. gedichte zu den arolsen archives, CulturMag Mai 2024
Ein vertikaler Riss in der Wirklichkeit. Ein langes Interview mit Steve Rasnic Tem, CulturMag April 2024
„Auf den sich ausbreitenden Irrsinn sei zu achten.“ Ein Gespräch mit der Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm, CulturMag Februar 2024
Herzschlaglektüre: Was Tote träumen. Ulrike Schrimpf zu Andreas Pflügers Roman „Wie Sterben geht“, CulturMag Dezember 2023
Jan Kuhlbrodt „Krüppelpassion“, CulturMag November 2023
„Ich will runter in den Schacht.“ Tanja Schwarz‘ aktueller Roman „Vaters Stimme“. Ein Gespräch, CulturMag Oktober 2023


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