Geschrieben am 4. November 2018 von für Specials, Verlust-Special 2018, Verlust-Special UNO

Wolf-Eckart Bühler: Vale, Wanderer!

hayden cover wanderer6076835Ein Nachruf auf Sterling Hayden

von Wolf-Eckart Bühler

Ich erinnere mich genau des jungen Lesesüchtigen, der die winklige, verstaubte Buchhandlung im Zentrum Londons betrat, um zum ersten Mal in seinem Leben Walt Whitman und Dylan Thomas im Original lesen zu können; weshalb er das Buch des ihm völlig Unbekannten erstand, weiß ich dagegen nicht mehr. Vielleicht war es der Titel gewesen, „Wanderer“, oder vielleicht jenes Umschlagsfoto des kräftigen Mannes am Steuerruder, der so genau zu wissen schien, was er tut, und doch so merkwürdig verloren wirkte; die Augen unbeugsam ins Weite gerichtet, die beiden Beine fest auf dem Boden des schwankenden Abgrunds. Dem Stern folgen bis zum Ende, wie immer es auch aussehen möge.

With his back to the wind he plows up the deck and reaching the land turns left. He corners the squat brown bank, and steps from the storm to the warmth of the No Name Bar. He buys a drink and turns to a ship lost in the night and drinks to a life that was. He turns to stare at a face in the back-mirror: a vague face with bleak and querulous eyes. The eyes lock and he drinks to himself alone. Vale! Wanderer.

Lebewohl, Wanderer, Du bist dem Stern gefolgt. In dem gleichen Jahr, in dem Du geboren wurdest, hat ein anderer seine Feder für immer niedergelegt; hat seine letzte Reise in die Südsee unternommen, die Partei der langjährigen Genossen und Kampfgefährten verlassen und, noch bevor König Alkohol ihn niederstrecken konnte, sich eine Überdosis Morphin gesetzt. Mag es auch vielleicht wie ein Zufall wirken – doch was heißt das schon, entweder ist alles oder nichts ein Zufall –, in diesem seinem letzten Jahr, 1916, hat Jack London auch sein erstes Manuskript für einen Film geliefert. Ein großer Unzeitgemäßer schon er, ist ihm das Schicksal doch erspart geblieben, das Dich nicht mehr verschonte; sein Abgrund war die Hearst-Presse gewesen; Deiner wurde Hollywood. So einfach ist das, und doch so komplex. Dem Stern zu folgen ist Deine freie Wahl, von ihm verfolgt zu werden eine Reise ohne Ende. Ohne Ende ans Ende der Nacht.

Deine Liebe zur See und zu den großen Segelschiffen mag romantisch gewesen sein, die Arbeit auf ihnen aber umso härter. Wenn es stimmt, dass der Seemann ohne Heimat ist, dann bist Du der geborene Seefahrer gewesen. Mit 16 Decksjunge auf Fischkuttern im Nordatlantik, mit 20 die erste Weltumsegelung, mit 22 das Kapitänspatent und mit 23 Eigner eines Schoners, der einmal Kaiser Wilhelm gehört hatte und mit dem Du eine Schiffslinie in der Südsee betreiben wolltest; den „blonden Wikinger“ haben sie Dich genannt, und als der Schoner sank und Du Geld für einen neuen brauchtest, haben sie Dir geraten: „Geh doch zum Film!“ Alles schien Dir in den Schoß zu fallen. Mit 24 betratst Du die schwankenden Planken der Paramount Studios, ein „männliches Starlet“, das vor der Kamera „seinen Arsch nicht von seinem Ellenbogen unterscheiden konnte“ und dem man zwei Hauptrollen eher nachwerfen musste denn aufzwingen konnte. Als hättest Du es schon vorher gewusst, war Dein Rettungsanker der Krieg; nur einem potentiellen Helden verzeiht man den Vertragsbruch. „Sterling Hayden schmuggelt auf seinem eigenen Schiff Waffen und Munition durch die deutschen Blockaden nach Südamerika… macht die Adria unsicher mit allem was schwimmt und unterstützt den heldenhaften Kampf der jugoslawischen Partisanen gegen den Faschismus… Hollywood plant Verfilmung der Lebensgeschichte von Sterling Hayden…“ Die Realität ist zuweilen die größte aller Plattitüden.

w havarist 7435635.6Doch davor sei die Ironie! Die Geschichte macht Bocksprünge, und der Held ist immer auch der Hanswurst; und wenn es stimmt, dass der Seemann ohne Heimat ist, dann ist auch der Sozialist ein vaterlandsloser Geselle. Titos Männer haben Dich so sehr beeindruckt, dass Du nach Ende des Krieges nicht nur der Partei beigetreten, sondern sogar wieder nach Hollywood zurückgekehrt bist. Was kann ein Seemann, der ein Marxist geworden ist, hast Du bei Dir gedacht, schon groß bewirken? Und damit nahm das Schicksal dann seinen komischen Lauf. Judas Ischariot, der Verräter, wird erst zum tragischen, dann zum definitiven Helden. Auch wenn er inzwischen schon längst keiner mehr sein mag; oder gerade darum. 1951, auf dem Höhepunkt der Kalten-Kriegs-Hysterie, nennst Du Namen, beweist dem „Komitee gegen unamerikanische Umtriebe“, was es hören will und von Dir erwartet: dass Du unamerikanisch gedacht und gehandelt hast. Quod erat demonstrandum.

Das Amerika der moral majority tanzt den großen Patrioten-Reigen, Ronald Reagan feuert flugs ein Telegramm ab, er sei so stolz auf Dich, und die Filmindustrie, die Dich eigentlich schon längst abgeschrieben hat (Deine Verachtung Hollywoods hast Du Dir allzu sehr anmerken lassen), zögert auch nicht eine Sekunde, aus dem „sauberen Kulturheld“ den Profit zu schlagen. 7 Jahre und 33 Filme hindurch mimst Du mit kalter Selbstverachtung den „hünenhaften Wikinger“ auf Rückpro-Meeren und Spanplatten-Decks, den Kriegshelden inmitten von Knallfröschen und Ketchup-Spritzern, den Südsee-Abenteurer an der Laguna-Beach ein paare Meilen südlich von Los Angeles, frisch geschminkt im Aircondition-Trailer. 7 Jahre Selbstbestrafung, dann segelst Du mit den Kindern nach Tahiti, fängst endgültig an zu schreiben und kehrst nie wieder nach Hollywood zurück. Aus. Klappe. Du hast die Freiheit gewählt.

Den scharfen Wind, der einem ins Gesicht bläst, kanntest Du von früher her. Aber man gewöhnt sich nicht an ihn. Zur Ruhe bist Du nie gekommen, auch nicht auf Deinem wunderschönen Flussboot „Pharos o Chaos“, mit dem Du jahrelang die Kanäle und Flüsse zwischen Rotterdam und Marseille befahren hast. Als wir uns das erste Mal begegnet sind, hast Du gesagt: „Ich bin ein Mann im Krieg mit mir selbst.“ Manche Menschen sind so. Und sie bleiben es auch, es sei denn sie begraben sich schon zu Lebzeiten mit Routine, Reichtum oder Ruhm. Mit Che Guevara hättest Du getauscht, hast Du mir einmal anvertraut, aber gleich noch Fidel Castro und Lech Walesa dazu genannt. Du hast den Sturm nicht nur nicht gescheut, Du hast ihn gesucht. Und der Sturm hat Dich gefunden.

c Hayden DVD CoverLebewohl, Wanderer! Der Film, den der lesesüchtige junge Mann von dereinst so viele Jahre später mit Dir gemacht hat (soweit ich weiß, das vorletzte Mal, dass Du vor eine Kamera getreten bist), spricht nicht umsonst über das Kino erst zu einem Zeitpunkt, da bei der Mehrzahl aller Filme längst schon unwiderruflich das Wort „Ende“ aufgeleuchtet hat. Ich hoffe jetzt auf Deine Manuskripte aus dem Nachlass. Der „Wanderer“ und die „Voyage“ werden mich noch auf viele Reisen begleiten.

Unveröffentlichter Nachruf auf den am 23. Mai 1986 in Sausalito (Kalifornien) verstorbenen Sterling Hayden.

 

 
Wolf-Eckart Bühler, einst Redakteur der legendären Zeitschrift Filmkritik, hat sich zweimal filmisch mit dem Schauspieler Sterling Hayden beschäftigt: einmal mit dem außerordentlichen Dokumentarfilm „Leuchtturm des Chaos/ Pharos of Chaos“ und dann mit dem – einigen Kapiteln der Hayden-Autobiographie „Wanderer“ wortwörtlich folgenden – Essayfilm „Der Havarist“. Beide Filme sowie zusätzliches Material wurden vom filmmuseum münchen digital restauriert und sind sind nun in einer DVD-Edition wieder zugänglich.

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Mehr dazu in „Verlust DUE“, der Fortsetzung dieses Verlust-Specials, am 2. Dezember 2018.

Eine CulturMag-Hommage à Sterling Hayden von Alf Mayer anlässlich der weltweit ersten Hayden-Retrospektive im Frühsommer 2017 in München siehe hier.

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