Posted On 15. August 2017 By In Crimemag With 402 Views

Primärtext: Benjamin Whitmer: Im Westen nichts

cover whitmer_SX319_BO1,204,203,200_»Ist das Ihre Tochter?«

Sein „Nach mir die Nacht“ (Polar Verlag, 2016) blieb leider weithin unbeachtet und war doch eine der besten Neuerscheinungen des letzten Jahres, ein erwachsener Kriminalroman für Erwachsene. Jetzt legt Verleger Wolfgang Franßen nach und bringt Benjamin Whitmers Erstling heraus: „Im Westen nichts“ (Pike, von 2010). Machen Sie sich selbst einen Eindruck.

Kapitel 1

Dana zu erkennen ist nicht schwer. Sie stößt die Tür mit einem Hüftschwung auf, trägt eine fettverschmierte rosa Winterjacke, die allem Anschein nach von einem Müllwagen überfahren wurde. Hinter ihr schleicht ein schmuddeliges, schwarzhaariges Mädchen herein, schätzungsweise zwölf oder dreizehn Jahre alt. Die Kleine ist in ein ausgefranstes Sweatshirt gekleidet, das für dieses Wetter mindestens zwei Zentimeter zu dünn ist. Danas Blick landet auf Pike, als wüssten ihre Augen, wo sie zu suchen haben. Die Frau schlurft auf ihn zu und schiebt das Mädchen in seine Essnische, ehe auch sie hineinrutscht, den Kopf plötzlich so tief geduckt, als fürchte sie, von jemandem gesehen zu werden. Als hätte sie nicht längst jeder bemerkt. Das Lokal ist voller Bergarbeiter, die vor Antritt der ersten Schicht noch einen Kaffee schlürfen, mit Zeitungen rascheln und einander zurufen, während die einen aus der Kälte hereindrängen, die anderen hinausstapfen, und ein jeder von ihnen mindestens ein Auge auf sie geworfen hat, seit sie eben die Tür geöffnet hat. Nanticonte ist eine kleine Stadt.

»Du bist ja nicht annähernd so groß, wie ich dachte«, bemerkt sie.

Pike kommt sofort auf den Punkt. »Wie ist sie gestorben?«

»Gib Wendy ein wenig Kleingeld«, sagt Dana. »Ich hab beim Reinkommen einen Zeitungsautomat gesehen. Sie liest gern.«

Pike gräbt ein 25-Cent-Stück aus seiner Tasche. Kaum hat die Kleine es geschnappt, drängt sie sich auch schon an Dana vorbei. Das grauweiße Kätzchen auf ihrem Arm gähnt indessen ausgiebig, streckt dann die rosarote Zunge heraus und versucht schließlich, das Fett aus der Luft zu schlecken, als fange es Schneeflocken. Seine Eckzähne glänzen dabei wie winzige Eiszapfen.

»Wie ist sie gestorben?«, fragt Pike erneut.

Dana schnieft und wischt sich einen langen Rotzstreifen an ihren Jackenärmel. »Überdosis. Heroin.«

Nicht weiter überraschend, Pike verfehlt den Aschenbecher aber trotzdem, als er seine Kippe abklopft. Glühende Tabakflocken wirbeln durch die fettige Luft und legen sich knisternd in den dichten schwarzen Haaren auf seinen Armen zur Ruhe. Er bemerkt sie kaum. »Wann?«

»Letzte Woche.« Dana lehnt sich über den Tisch, schnappt sich eine seiner filterlosen Pall Malls und steckt sie sich mit seinem Feuerzeug an.

Als Wendy zurückkehrt, klemmt ihr eine umständlich gefaltete Zeitung unter dem rechten Arm. Auf ein Nicken von Pike hin macht sich auch Iris, die Bedienung, auf den Weg zu ihrem Tisch und erreicht ihn mit ein wenig Ellbogeneinsatz zur selben Zeit wie das Mädchen. »Nimm sie mit zum Tresen und gib ihr ein paar Blaubeerpfannkuchen«, sagt Pike, ehe er sich wieder an Dana wendet. »Willst du auch was?«

»Einen Kaffee könnte ich schon vertragen«, meint sie.

»Komm, Liebes«, sagt Iris. Sie legt Wendy eine Hand auf die Schulter und führt sie fort.

Das Lokal ist voll bis auf den letzten Platz. Iris schnappt einen fast leeren Teller vom Tresen weg und sagt dem Bergmann, der bis soeben noch davon gegessen hat, dass es doch wohl an der Zeit für ihn sei, in die Welt zu ziehen und für sein Essen zu arbeiten. Der Mann bleibt eine geschlagene Minute lang sitzen, raucht seine Zigarette und starrt sie an, als erwarte er, dass sie seinen Teller wieder vor ihn stelle. Als nichts dergleichen geschieht, scheint sein starrer Blick anzukünden, dass seine Verwunderung jeden Augenblick in Ärger umschlagen könnte. Schließlich pflanzt er sich jedoch seine John-Deere-Kappe auf den Schädel, steht kopfschüttelnd auf, und es bleibt bei Verwunderung. Iris hilft Wendy auf seinen Hocker und gibt lauthals die Bestellung für Blaubeerpfannkuchen weiter, während das Mädchen in sich zusammensackt und dem Kätzchen gedankenverloren über den Kopf streichelt. Die großen blauen Augen in ihrem eigenen schmalen Gesicht zucken haltlos durch den Raum, verängstigt und überfordert.

Iris kehrt mit Danas Kaffee an den Tisch zurück. »Die ist ja hinreißend«, sagt sie. »Ist das Ihre Tochter?«

Dana schnaubt. »Ich kann keine Kinder kriegen. Kam mit zwei Gebärmüttern zur Welt. Die sind ineinander verwachsen. Und dann mussten beide rausgeschnitten werden, als ich schwanger wurde, weil mein Vater mich vergewaltigt hat.«

Iris zieht beide Augenbrauen hoch. Dann wendet sie sich ab und geht.

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Benjamin Whitmer

Dana schnaubt erneut. »Hochnäsige Tussi, hab ich recht?« »Wer ist die Mutter des Mädchens?«, fragt Pike.
Dana grinst boshaft. »Sarah.«
Pike nickt. Wer sonst? »Hat die Kleine die Leiche gefunden?«
»Nein, und da kannst du verdammt noch mal von Glück reden. Nach dem, was die ihr angetan haben.«
»Wer sind die?«
Fröstelnd schüttelt Dana den Kopf.
»Ich kann sie nicht nehmen«, sagt Pike. »Hab keinen Platz für sie.«
»Wenn sonst noch jemand infrage käme, würde ich mit dir gar nicht erst reden.«
»Was ist mit Sarahs Mutter?« »Alice?«

Pike nickt.

»Alice hat sich Lungenkrebs eingefangen. Sie ist seit Jahren tot.« Dana sieht ihn mit schmalen Augen an. »Wann hast du eigentlich zum letzten Mal mit Sarah gesprochen?«

Pike zieht an seiner Zigarette.

Dana trinkt noch einen Schluck Kaffee, dann stellt sie den Becher energisch auf die Untertasse. »Schluss mit dem Scheiß«, sagt sie und steht auf. »Ich geh jetzt.«

»Warte.« Pike zieht einen Zwanzig-Dollar-Schein aus seinem Geldbeutel. Sie beäugt ihn, als wollte sie ihn zerknüllen und in sein Gesicht werfen. »Nimm«, sagt Pike. »Fürs Benzin. Und für deine Zeit.«

Sie schnappt sich den Schein und stopft ihn mit geballter Faust in die Tasche.

Pike zieht noch einen Zwanziger aus seinem Geldbeutel und hält ihn zwischen den Fingern. »Wo hat sie gewohnt?«

Wieder wischt sich Dana ihre verrotzte Nase an ihrem schleimigen pinken Ärmel ab. »In Over-the-Rhine«, sagt sie schließlich und schnappt sich auch diesen Schein. »Cincinnati, 400 Mulberry Street.« Ohne ein weiteres Wort geht sie zur Tür hinaus, die Blicke jedes einzelnen Gastes im Schlepptau.

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Pikes Gesicht fällt in sich zusammen. Er kann es nicht mehr verhindern. Denkt an Sarah und hört das Blut in den Ohren rauschen, als wäre ihm irgendwo im Hinterkopf eine Ader geplatzt. Wie das Brüllen des Ozeans übertönt das Rauschen die Geräusche des Lokals, während sich sein Schweigen wie eine Öllache über den Lärm legt, bis alles verstummt, doch auch dann kann er nicht aufhören, an sie zu denken. Schließlich ergibt er sich, lässt die Gedanken einfach zu, zumindest einen Moment lang.

Dann: »Was ist los, Mann?«

Pike reißt sich zusammen, tilgt sämtliche Spuren seiner Tochter aus seinem Gesicht. Über ihm steht Rory, sein kantiges Kinn neugierig vorgereckt.

»Alles klar?«, fragt Rory. Er trägt eine Jogginghose und ein Sweatshirt. Die Kopfhaut unter seinem kurz gestutzten blonden Haar glänzt vor Schweiß.

Pike nickt bedächtig und Rory rutscht auf die Bank. »Zeit für ein Lächeln, bevor jemand die Bullen ruft«, murmelt er. »Oder hab ich vergessen, dass wir heute noch Arbeit vor uns haben?«

Pike schüttelt den Kopf. »Ich musste mich mit jemandem treffen.«

»Mit wem denn?« Rory kneift sein linkes Auge halb zu. »Du hast doch nicht einen einzigen Freund.«

Pike fischt sich eine Pall Mall aus seiner Packung, seine Gesichtszüge entgleiten zu seiner üblichen Leichenbittermiene. Er dreht die Kippe zwischen den Fingern, ohne sie anzuzünden.

»Doch nicht etwa die Hure, die hier gerade rausspaziert ist?« Rory schüttelt den Kopf. »Pike, du bist zwar alt, hässlich und mies, aber selbst du hast was Besseres verdient.«

»Was kann ich dir bringen?«, fragt Iris, die mit einem Mal am Tisch steht.

»Hi, Iris.« Rory begrüßt sie mit einem bubenhaften Grinsen. »Eine halbe Grapefruit und ein Glas Orangensaft.«

Iris notiert sich seine Bestellung. »Die Kleine muss tagelang nichts gegessen haben«, sagt sie zu Pike. »Hat von den Pfannkuchen schon ganze drei Portionen verschlungen.«

»Welche Kleine?«, fragt Rory.

»Das Mädchen da drüben.« Iris zeigt mit ihrem Stift auf Wendy.

Rory reckt den Hals. Wendy sitzt noch immer am Tresen. Inzwischen macht sie sich an einer frischen Portion Blaubeerpfannkuchen zu schaffen. Ihre Stiefel baumeln vom Hocker herab und tröpfeln Schmutzwasser in die Pfütze unter ihr. »Wer ist das?«, fragt er.

»Die kam mit einer Freundin von Pike herein«, sagt Iris. »Wir wussten ja immer schon, dass er eine hat, nur beweisen konnten wir es bisher nicht. Sieht so aus, als hätte sie ihm die Kleine hinterlassen.«

»Rory hat was bestellt«, sagt Pike zu ihr. »Hol ihm sein Essen.«

Iris tippt sich mit dem Stift auf die Handfläche, lässt Pike jedoch nicht aus den Augen.

»Also gut.« Pike beißt die Zähne zusammen. »Hol das Mädchen.«

»Gerne«, sagt Iris mit einem breiten Lächeln und macht auf dem Absatz kehrt.

»Ich glaub, Iris steht ’n bisschen auf dich«, meint Rory, als sie außer Hörweite ist.

Pike ignoriert ihn, beobachtet stattdessen, wie Iris zu Wendy hinübergeht, mit ihr spricht und ihr die Haare zerzaust. Und schon stehen die beiden an seinem Tisch.

Pike räuspert sich. »Weißt du, wer ich bin?«, fragt er die Kleine.

Sie schüttelt den Kopf, ein ärgerliches Zucken im rechten Mundwinkel.

»Ich bin dein Großvater.« Pike bläst Zigarettenrauch durch die Nase. »Du wohnst von jetzt an bei mir.«

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Weiter in:
Benjamin Whitmer: Im Westen nichts (Pike, 2010). Aus dem Amerikanischen von Len Wanner. Polar Verlag, Hamburg 2017. 242 Seiten, 16,00 Euro. Verlagsinformationen hier.

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