Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Beckmann: Bankrott des Effektiven Altruismus

Viele Kulturen sehen die Almosenvergabe an Arme als altruistisch an. Gemälde von Jacques Louis David: „Belisar bittet um Almosen„, 1781
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Denken und Handeln in der konkreten Verantwortung von Vergangenheit und  Gegenwart vor der Zukunft  

„Respondeo etsi mutabor“
(Leitspruch meines Mentors, des Historikers, Soziologen und Sprachphilosophen Eugen Rosenstock-Huessy)

                   Für Kuno Lorenz, meinen Lehrer und Freund, den Mitbegründer der dialogischen Logik      

Das nun auslaufende Jahr 2022 wird mit einer weiteren „Zeitenwende“ enden. Sie tritt, auch wenn es allgemein noch kaum bewusst geworden zu sein scheint, inzwischen immer klarer und konkreter ins Blickfeld. Was sie bedeutet, welche Folgen und praktischen Konsequenzen sich daraus für uns ergeben, wird endlich offen zur Diskussion gebracht werden müssen. Das gilt vor allem für etliche elementare Herausforderungen, mit denen uns diese Zeitenwende konfrontieren wird. Sie betreffen insbesondere die Notwendigkeit eines neuen, realistischen Verständnisses der ökonomischen Voraussetzungen unseres kulturellen Lebens, also Veränderungen, die konstruktiv angegangen werden müssen, damit geistiges Leben erneuert und erhalten bleiben kann. Es ist dieses Thema, dem ich mich in den kommenden Monaten – mit besonderem Augenmerk für die Buchbranche – zu widmen verpflichtet fühle. Vorab muss allerdings eine einschlägige aktuelle Sonderentwicklung reflektiert werden.  

Diese Entwicklung exemplifiziert nämlich eine weitverbreitete Unart allem der hiesigen Berichterstattung: Schematisierung, Wahrnehmung und Zerstückelung von Informationen und Problemen, die uns alle angehen. Deshalb ist sie von prinzipiellem Interesse. Sie wirft nämlich ein grelles Licht auf Verflechtungen von Wirtschaft, Hochtechnologie, Wissenschaft, Philosophie, Literatur und Medien, das im öffentlichen Bewusstsein tendenziell ausgeblendet wird, weil  …. und hier beginnt nun die haarsträubende jüngste Geschichte eines globalen Bullshits, in der nur allzu viele prominente Manager, Kulissenschieber, Schleier- und Schleppenträger des Talk-, Show-, Politik- und Finanz-, Kultur- und Wissenschaftsbetriebs ihr Unwesen treiben.                              

Es geht um e i n e  Geschichte, die bislang – in der angelsächsischen Welt noch zu oberflächlich, bei uns überhaupt  kaum – jedoch nicht als  e i n e  zusammenhängende Geschichte verstanden und erzählt wird. Denn sie hat zwei Elemente, Kapitel oder Teile, die in zwei unterschiedlichen Bereichen angesiedelt sind, die gewöhnlich auseinandergehalten und, jede für sich, in separaten Disziplinen für getrennte Zielgruppen aufbereitet werden.                                                                                                                                                                                                                                             

Der erste Teil dieser Geschichte, der das neue Sachbuch eines prominenten Philosophen mit neuen Antworten auf drängende Fragen zu einer verantwortungsbewussten modernen Lebensführung und Gesellschaftspolitik behandelt, gehört üblicherweise zum Themenkreis der Feuilletons, der Ressorts „Wissen“ und „Wissenschaft“ oder als bloße Buchbesprechung bzw. als Autorenportrait in die Nische der traditionellen Literaturseiten. Der zweite Teil, der die spektakuläre Pleite eines High-Tech-Finanzkonzerns betrifft, ist gewöhnlich ein Thema für den Wirtschaftsteil von Zeitungen und Zeitschriften oder, wenn er, wie hier, mit einem prominenten Shooting-Star des digitalen Geldwesens zu tun hat, für Enthüllungsjournalisten von Ressorts wie „Gesellschaft“, „Society“  bzw. „Modernes Leben“. Solche medientechnische thematische Aufspaltung bildet – da gibt es keinen Zweifel – den Rahmen für hervorragende journalistische Recherchen, Reportagen und Kommentare, so wie sie denn auch beispielsweise in der FAZ, der Süddeutschen, der Neuen Zürcher Zeitung, im Guardian, in der Financial Times, der New York Times, im Time  Magazine, im New Yorker, insbesondere aber in der britischen Wochenzeitschrift The Economist gedruckt worden sind. Mit einem Umriss ihrer Feststellungen und Erkenntnissen muss deshalb an dieser Stelle auch begonnen werden, als Informationsbasis für unsere Leser, bevor sich der Blick auf eine Gesamtperspektive dieser Geschichte richtet, die meines Erachtens ein heikles Phänomen des heutigen Zeitgeists deutlich macht.                                                                                      

William MacAskill © wiki

1 – Fünf Minuten vor Zwölf: William MacAskills „Jahrhundertbuch“ zur Rettung der menschlichen Gesellschaft vor einem Weltuntergang. Ein Oxforder Professor als „Savonarola“, als „maßgeblicher“ Ethiker unserer Zeit und „berühmtester Philosoph der Gegenwart“ 

Für den amerikanischen Neurowissenschaftler und (mit fünf Sachbuch-Spitzenbestsellern) intellektuell wirkungsmächtigen Schriftsteller Sam Harris ist der heute 35-jährige schottische Professor William MacAskill von der britischen Elite-Universität Oxford der Philosoph, der die Ethik auf eine neue, über unsere Zukunft entscheidende, gültige Grundlage gestellt hat. William MacAskills Lehre vom richtigen Denken und Handeln in unserer Zeit ist für Sam Harris maßgeblich geworden.                                                                                                                                                                                   
Ende August dieses Jahres ist, im englischen Original, das neueste Werk von William MacAskill erschienen. Es hat einen sachlichen Haupttitel: „What We Owe the Future“. Im Untertitel aber wird ein Anspruch geltend gemacht, der herkömmlich gebildeten und wissenschaftlich geschulten Lesern gleich den Atem stocken lässt. „A Million Year View“ versprechen Autor und Verlag; ein ethisches Fundament, eine Überlebensperspektive der Menschheit über Hunderte, wenn nicht Tausende von Generationen. In diesem Sinne ist die Neuerscheinung in den Medien auch präsentiert  worden, „als ein rundum so optimistisches wie realistisches Werk“, als das „überzeugendste Buch zum Thema ‚Ethisch leben‘, das ich je gelesen habe“, wie der studierte Oliver Burkeman im Qualitätsjournalismus der britischen Tageszeitung The Guardian urteilte. In den USA nahmen das auflagenstarke Time Magazin und die Zeitschrift The New Yorker das Erscheinungsdatum zum Anlass – für Bücher heutzutage ein rar gewordenes Phänomen medialer Beachtung –, eine Titelgeschichte über den schottischen Philosophen, seine Weltverbesserungsethik und die erstaunliche Breitenwirkung seines kapitalismus-affinen utilitaristischen Denkens und Agierens zu bringen.                                                                                                                        

William MacAskill ist, um das Diktum eines angelsächsischen Publizisten aufzugreifen, „ein Savonarola“. Ein apokalyptischer Typ von Moralapostel, der vor einem drohenden Weltuntergangs warnt, um eine angeblich alternativlose Heilslehre zu verkünden – ein Evangelium, zu dem die Eliten und Wohlsituierten der Welt von heute zur Rettung der Armen und Benachteiligten von morgen bekehrt und zur Finanzierung von humanitären Organisationen mit der Langzeit-Agenda einer gesellschaftlichen und politischen Neuordnung der Welt motiviert werden sollen: zu einem von den traditionellen Katastrophen und Konflikten befreiten glücklichen Leben für alle.                                                                                                    

William MacAskill hat die Ideen von Herbert Spencer, des englischen Begründers des Utilitarismus im 19. Jahrhundert, für Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts modifiziert und die radikal religionsfeindliche Position von Peter Singer, des utilitaristischen Vordenkers unserer Tage, für die zur Zeit vorherrschende Mentalität der globalen Führungsschichten kompatibel gemacht. Dass er nicht aus der Politik kommt, gehört zu den zeitgenössischen Selbstverständlichkeiten. Dass er nicht dem Traditionsbild professoraler Gelehrsamkeit entspricht, ebenfalls. William MacAskill ist der typische Vertreter des modernen universitären Exzellenzbetriebs, der auf wirtschaftliche Relevanz und Finanzreserven aus Drittmitteln ausgerichtet ist.                   

Der 35jährige William MacAskill ist ein charismatischer Intellektueller, ein Medienprofi und -promi. Er hat eine Aufsehen erregende, wirkungsvolle „Bewegung“ ins Leben gerufen. Sie existiert unter dem Begriff und mit dem wohlklingenden  Namen „Effective Altruism“. Sie zählt aktuell mehr als siebentausend Mitglieder, vorwiegend Absolventen westlicher Elite-Universitäten. Sie unterhält einen Karriere-Beratungsdienst, um den Nachwuchs in nachhaltig einflussreichen Berufen auf einen Marsch durch führende Institutionen zu positionieren und sie zu hohen Einkünften und Reichtümern zu führen, von denen sie mindestens ein Zehntel als Spenden an die Organisation bzw. deren Wohltätigkeitsunternehmen für Langzeit-Perspektiven-Zielsetzungen abzuführen sich verpflichten. Die zur Disposition stehenden Ressourcen betrugen Anfang dieses Jahres angeblich bereits dreißig Milliarden US-Dollar oder mehr. William MacAskill genießt und verdient also – Chapeau! – hohen Respekt.                                                                                           

William MacAskill hat die Utopie, hat den Traum des antiken griechischen Denkers Platon weitergeführt und in einer Vision präsentiert, die wie ein idealer Entwurf für die Zukunft der moderner Welt erscheint. Es ist „der Traum vom Philosophen“ – nicht mehr als königlicher Herrscher  wie anno dazumal,  sondern – „als  Wirtschaftsweiser“, der die Menschheit, endlich, auf ein tragfähiges Fundament universaler Gerechtigkeit und glücklicher Lebenswirklichkeit projiziert.     

Sam Bankmann-Fried © wiki-commons

2 – Der kometenhafte Aufstieg und Absturz eines kapitalistischen Messias

Der 30-jährige Senkrecht-Starter und x-fache Milliardär Sam Bankman-Fried verlieh dem digitalen Geschäftszweig der Krypto-Währungen den Anschein von Glaubwürdigkeit, Stabilität  und unternehmerischer Respektabilität – vor allem, weil er als Bannerträger eines der Zukunft verpflichteten ethischen Utlitarismus einen neuen „Kapitalismus“ versprach , der dem „Gemeinwohl der Menschheit dient“ (The Economist). Am 11. November 2022 ist Sam Bankman-Frieds digitales Imperium jedoch Knall auf Fall zusammengebrochen. Ein Super-Gau, der selbst dem erfahrensten Konkursverwalter Rätsel über Rätsel aufgibt.

Die Kryto-Währungsbörse FTX wurde 2019 von Sam Bankman-Fried gegründet – einem Physik-Absolventen des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), der sich dann in New York bei einer der weltweit größten Tradingfirmen – Jane Street, mit einem jährlichen Handelsvolumen von gut  acht Billionen US-Dollar – auf Marktstrategien und den Handel mit hochkomplexen modernen Finanzprodukten spezialisiert hat. Es waren diese Referenzen und Verbindungen, die  ihm dann einen unternehmerischen Blitzstart ermöglichten, der ihm, dank eines aggressiven Aufkaufs von Konkurrenzfirmen, bereits im Gründungsjahr einen beachtlichen Marktanteil verschaffte. Mit dieser Anfangsdynamik erregte er die Aufmerksamkeit bedeutender Risikokapital-Geber, die auf nicht-börsennotierte innovative Start-Ups setzen. So avancierte FTX innerhalb von bloß drei Jahren global zur drittgrößten Kryto-Börse. Auf ihrem Höhepunkt  im Januar 2022 erreichte sie den Wert von sage und schreibe 32 Milliarden Dollar und machte ihren Gründer zum 26-fachen Milliardär. Sam Bankman-Fried wurde zum Golden Boy, zum Leitstern der digitalen Geldrevolution.                                                                                                                                                                     

Am 11. November aber war alles aus und vorbei. Als Anleger – weltweit hatte FTX  fünf Millionen Kunden gewonnen, die, im Vertrauen auf das Versprechen höherer Renditen  in Kryptowährungen investiert hatten, knapp 720 Millionen US-Dollar waren es 2021– etwa in Erwartung höherer Bankenzinsen für geborgtes Kapital nervös wurden und Gelder zurückriefen, verlor Sam Bankman-Fried die Nerven und beantragte Insolvenz, um seine FTX vor Gläubigern zu schützen. Deren Forderungen bezifferte eine erste amerikanische Quelle mit acht Milliarden, denen nur mehr 900 Millionen Dollar an verfügbaren Vermögenswerten gegenüberstanden. Bankman-Fried steht nackt und bloß da.                                                                                  

An seine Stelle als CEO der Kryptobörse ist der Konkursverwalter John Ray III getreten. „In meiner“ – mehr als 40jährigen – „Laufbahn habe ich noch nie so ein komplettes Versagen der Unternehmenskontrollen und Fehlen glaubwürdiger Finanzinformationen erlebt“, hat er in einem ersten ausführlichen Bericht über die Lage der  FTX an das Konkursgericht des US-Bundesstaates Delaware erklärt. Ihm zufolge „hat die Kontrolle in den Händen einer kleinen Gruppe von unerfahrenen, naiven und möglicherweise kompromittierten Personen gelegen“. Das unternehmerische Verhalten Sam Bankman-Frieds hat John Ray als „inakzeptabel“ bezeichnet.                                                                                                        
Die Causa ist damit freilich noch keineswegs voll erfasst. Sie ist mehr als nur ein besonderer Problemfall der amerikanischen  Wirtschaftsgeschichte. Sie lässt sich ebenso wenig nur als Menetekel hinsichtlich einer Zukunft für digitale Geldwährungen verstehen, deren Glaubwürdigkeit sie erschüttert hat. Und sie ist auch mehr als nur der neuerliche Sturz einer Unternehmerlegende von einem hohen kapitalistischen Sockel.                                                       

3 – Was den Philosophen William MacAskill mit der Pleite des kompromittierten Krypto-Börsianers Bankman-Freed verbindet

„Eine Industriebranche befindet sich, wie man weiß, in Nöten, wenn ihre Bosse dem eigenen Babbel glauben. So schworen Banker darauf, dass ihre cleveren Finanz-Ingenieure das Problem des Risikos gelöst hätten – bis es zum Banken-Crash kam. Und die Krypto-Währungbörse FTX, auf die von Seiten  frohgemuter Geldmenschen Milliarden in ein Verschiebe-Karussell geschaufelt worden sind, steckt in einer Liquiditätskrise, weil ihr nun das Kapital fehlt, um Rückforderungen von Anlegern zu bedienen“, schrieb das Guardian Weekly-Magazin in der Ausgabe vom 18. November 2022. 

Inzwischen sind allerdings begründete Zweifel laut geworden, ob Sam Bankman-Fried wenigstens so anständig, ehrlich und honorig war, an das eigene Gebabbel zu glauben. Es gilt als wahrscheinlich, dass er Kunden belogen und betrogen hat, FTX-Kundengelder (!!!) zum Stopfen der Finanzlücken von anderen Firmen in seinem Besitz (es gab 153 Tochterfirmen) abgezweigt hat; dies (aus Not?) zum Selbsterhalt, was dem hohen utilitaristischen Ethos eines Lebens für das Gemeinwohl Hohn spricht — all dieses bedeutet auch sehr viel mehr als dass damit nur seine individuelle moralische Integrität in Frage gestellt sein könnte. Es stürzt nämlich, wenn nun endlich die ganz Geschichte erzählt und ausgewertet wird, eben auch den Philosophen William MacAskill vom Sockel. Es entlarvt die Ethik seines effektiven Altruismus als Gebabbel eines sendungsbeflissenen modernen Universitätsfunktionärs – wenn nicht gar als Bullshit in einer hochgestochene Abart von Modelltypen, wie sie Jens Bergmann, stellvertretender Chefredakteur des innovativen Wirtschaftsmagazins Brand Eins, jüngst in seinem Buch „Business Bullshit“ aufgespießt hat.                                                                  

William MacAskill wurde 1987 in Glasgow geboren, engagierte sich unter dem Einfluss von Peter Singer schon als Schüler für humanitäre Ideen, studierte von 2005 bis 2010 Philosophie in Cambridge und in Oxford, wo er 2015  seinen Doktor machte, nach zwischenzeitlichen Studienaufenthalten in New York und Princeton zum Associate Professor ernannt wurde und ein erstes Buch veröffentlichte (deutscher Titel „Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können“, Ullstein 2016), nachdem er unter der Dachorganisation Centre for Effective Altruism bereits zwei Wohltätigkeitinstitutionen für die Ziele seiner neuen Bewegung ins Leben gerufen hatte.         

William MacAskill war der Mentor von Sam Bankman-Freed, der das prominenteste und einflussreichste Mitglied der Bewegung Effective Altruism und deren effektiv größter Geldgeber wurde. (Im Jahr 2022 hat er ihr, laut Forbes-Magazin, 39 Millionen Dollar gespendet.) Mit seinem Ruf als humanitärer Großunternehmer, der 99 Prozent seiner Lebenseinkünfte karitativ zu stiften plante, verlieh er der Effective Altruism-Organisation von MacAskill ein starkes gesellschaftliches Profil. Mit hohen Parteispenden – vor allem an die Demokraten und für Jo Bidens Wahlkampagne – hat er die Effective Altruism-Bewegung auch zu einem politischen Faktor gemacht, insbesondere in der Gesetzgebung, mit dem Ziel staatlicher Regulierungen zugunsten eines sichereren Kapitalzugangs für den digitalen Geldhandel, womit er sich vermutlich sogar einer unternehmerisch gegen ihn tätigen Feindschaft innerhalb der Krypto-Szene selbst aussetzte. Sein kürzliches Geständnis, in einem Interview mit der Nachrichten-Agentur Bloomberg, dass sein Einstehen für den Effective Altruism lediglich als Fassade und PR-Strategie gedient habe, muss also hinterfragt werden. Anders gesagt: Sollte es wirklich – aber wenn ja:  warum? – so gewesen sein, dass der Philosoph MacAskill sich von ihm hat instrumentalisieren lassen?                                                                          

Da gibt es inzwischen Hinweise aus unterschiedlichsten Quellen, dass er schon als Schuljunge karitative Vorstellungen für das Wohl von (armen) Menschen und von Tieren hegte und in dem Zusammenhang bereits während seines Physikstudiums mit William MacAskill in Kontakt kam, der, der ihn – um größerer Summen zu planvolleren Spendenzwecken willen – zur Entscheidung für eine Karriere in der Finanzwelt hinführte. Bei Jane Street Capital in Manhattan hat Sam Bankman-Freed offenbar tatsächlich die Hälfte seiner Einkünfte an ausgesuchte Wohltätigkeitsorganisationen abgeführt. Und er hat aus Überzeugung auch bescheiden und frugal gelebt, zuletzt sogar als sehr reicher Mann auf den Bahamas in einer WG. Und mit der Effective Altruism-Organisation steht er zudem personell in enger Beziehung: aus ihr kommt augenscheinlich die Mehrzahl seiner leitenden Mitarbeiter. Zu erwähnen wäre schließlich noch eins: In dem von Sam Bankman-Freed privat gesponserten FXT-Future Fund zählt William MacAskill zum fünfköpfige Führungsteam, als sein persönlicher Berater bei der Auswahl von besonders effizienten Wohltätigkeits-Organen; dessen CEO, der Oxforder Nick Beckwith, hat die EA zusammen mit dem Philosophen initiiert. Anders gesagt: MacAskill und sein Effective Altruism Centre sind bis Mitte 2022 langjährig im innersten Kreis um den FXT-Chef aktiv gewesen und sind so für dessen Denken, Konzept und Handeln mitverantwortlich.                                                                                                                                                   

4 – Wie jetzt die zwei Teile der ganzen Geschichte zusammen kommen: Die FXT-Pleite Bankman-Freeds schlägt dem Fass der Altruismus-Philosophie von William MacAskill den Boden aus  

„Handle nur nach der Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ – vom Vernunft-Altruismus im kategorischen Imperativ des Aufklärers Immanuel Kant ist William MacAskill fast ebenso weit entfernt wie von dem älteren religiösen Konzept der Nächstenliebe, von Jeremy Benthams Maßstab für sozialen Nutzen – „das größte Glück für die größte Zahl“ von Bürgern – und sogar von Peter Singers zeitgemäß heutiger Forderung eines effektiven Altruismus zur globalen Verringerung von Armut und Hunger wie der Bekämpfung von Krankheiten, Tierleid und Klimawandel. 

MacAskill folgt nämlich einer gänzlich anderen Blickrichtung. Ihm geht es nicht um eine Behebung der konkreten Lebensnöte und -Probleme von real existierenden Individuen und sozialen Gruppen oder der Optimierung schlechter konkreter irdischer Gesellschaftsverhältnisse. MacAskill hat, was die räumlichen Dimensionen betrifft, das Weltall und seine Kolonisierung durch den homo sapiens im Kopf. Er identifiziert den Menschen auch nicht als geschichtliches Wesen in historisch gewachsenen Kulturen, Traditionen und Strukturen, sondern sozusagen als wurzelloses Gehirn, das aus sich selbst eine bessere Zukunft imaginisiert und fabriziert. MacAskill fegt ebenso alle politisch über Jahrhunderte und -tausende mühsamst konzipierten Ideale und Rechte, mit Fleiß und schmerzlichen Opfern erkämpften Ordnungen und stabilisierenden Kompromissen mehr oder weniger erträglich gewordener  Realitäten aus dem Bewusstsein und ersetzt sie durch Fortschrittshypothesen und –projektionen, durch abstrakt bleibende hochtechnologische Entwürfe von Eliten, die sozusagen nach einem Schema mentaler Kreuzungen von Typen aus Oxford, Silicon Valley und Wall Street auf einen revolutionären Bildschirm gepixelt werden. Es ist – an Stelle wünschenswert demokratisch liberaler, wandlungsfähiger Demokratien – ein Herrschaftssystem von fix und fertiger Autokratie. Das Zukunftssystem MacAskill funktioniert im Sinne oligarchischer Technokraten, die aber auch alles fest im Griff haben.      

Und hier zeigt sich endlich die wahre Dimension des oben geschilderten Debakels der Krypto-Börse FXT. Sie legt den Kern der philosophischen Ansprüche aus Oxford bloß: Die faktische Konsequenz des angeblich philosophischen Welttheaters ist ein beispielloses Chaos, das möglicherweise sogar die Zukunft des digitalen Geldes und der Krypto-Börsen ins Wanken bringt. Eine ausführliche, gründliche, kritische philosophisch adäquate Rezension des jüngsten Buches von William MacAskill aber steht meines Wissens noch aus. 

Gerhard Beckmann, den wir als regelmäßigen Mitarbeiter von CulturMag mit Freude an Bord haben, ist eine der profiliertesten Menschen der deutschen Verlagsszene. Seine Kolumne „Beckmanns Große Bücher“ im Buchmarkt stellt kontinuierlich wirklich wichtige Bücher mit großer Resonanz vor. Seine Texte bei uns hier. Auch sein Jahresrückblick 2021 bei uns ist hier zu finden.

Und siehe besonders von ihm:

Oktober 2022: Beckmann zu Amazon: Lage ist noch dramatischer. Insiderberichte zur grotesk hohen Remissionsquote von Amazon

Juli 2022: Eine „noch nie da gewesene große Krise der Buchbranche“  – wegen Amazon

Lob der inhabergeführten Buchhandlungen: Ohne die unabhängigen inhabergeführten Buchhandlungen geht gar nichts 
Beckmanns Meinung: Eine überfällige Kurskorrektur. Eine ganze Branche spielt Blindekuh.Notwendige Einwürfe zur Praxis in der Buchbranche 
Treppenwitz Statistik beim Börsenverein
Gerhard Beckmann: Es braucht eine andere Konzernverlagspolitik
Warnung vor der Marktmacht der Großfilialisten
Shutdown bei Orell Fuessli
Offener Brief an den Börsenverein des deutschen Buchhandels
In Sachen Thalia – Offener Brief von Gerhard Beckmann an den Präsidenten des Bundeskartellamts in Bonn
Offener Brief in Sachen Marktmacht im Buchhandel – Warum die Mega-Fusion von Thalia & Mayer‘sche & Ossiander so gefährlich ist 
Starke Argumente für die Buchpreisbindung – Fakten zur großen Wirksamkeit von Buchhandlungen vor Ort 
Gesetzgeber gefragt – Omerta bei den Großfilialisten Wenn die Buchpreisbindung nur auf dem Papier steht und das Barsortiment bedroht ist
Interview: Für menschliches Überleben ist das Buch unentbehrlich – Ein Interview über die unersetzbare Arbeit des stationären Sortiments mit Manfred Keiper
Ein Wutschrei von Gerhard Beckmann #Covid-19 – Der 17. März 2020 und Amazon.

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