Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Sonja Hartl, John Harvey, Woody Haut, Bodo V. Hechelhammer

Sonja Hartl: Neue Erfahrungen sind wichtig

Januar

Das Jahr beginnt mit einem Wort, das ich neu lerne: Dauergebäck. Das ist es oft, was ich beim Bäcker am liebsten mag.

In der ersten Staffel von „Only Murders in the Building“ gibt es die wohl lustigste Scrabble-Szene, die ich jemals gesehen habe. 

Das Knirschen und Krachen der Häuser und Körper in Megan Abbotts „Aus der Balance“ lässt mich nicht mehr los. 

Februar

Ich weine wegen einer Ziege namens Destiny. Verantwortlich: NoViolet Bulawayo in „Glory“

Das Tolle an Freundschaften, die man im Erwachsenenalter schließt: manchmal entdeckt man ungeahnte Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel dass man so gut wie jedes Lied mitsingen kann, das Mary J. Blige in den 1990er Jahren veröffentlicht hat.

Percival Everetts „Die Bäume“ erscheint. Es wird sehr schwer werden, das Buch vom Platz 1 meiner Top-Listen zu verdrängen.

Ausgeprägtes Ross-Thomas-Lesen.

März

Nach über drei Jahren wieder im Theater – Elfriede Jelineks „Angabe einer Person“. Ich lache fast zwei Stunden, zwanzig Minuten lang. So böse, so witzig, so klug. Nur das Ende war ein bisschen drüber.

Mein großes, großes Podcast-Projekt „Auf Weltempfang“ startet. 

James Kestrels „Fünf Winter“ erscheint. Kontroverse Meinung: die erste Liebe ist schöner als die zweite. 

Nach Ross Thomas‘ „Am Rand der Welt“ erfolgt mein zweiter literarischer Philippinen-Besuch: „Last Call Manila“ von Jose Dalisay. Faszinierendes Land, ich will mehr darüber erfahren.

April

Nina Simones „Little Baby Blue“ am Ende von Saint Omer zerstört mich. Überhaupt: Nina Simone.

„Weißt Du, wer es ist?“ – Kim Koplins „Die Guten und die Toten“ löst ein Pseudonym-Rätseln aus. Viele sagen, Kim Koplin sei eine Autorin. Ich sage: ein Autor. (Aber ich weiß es nicht.)

Neue Nationalgalerie, Kunst der Sammlung 1900-1945. Christian Schad porträtiert 1927 die typische Berlinerin, die den Prototyp der unabhängigen modernen Frau verkörpern soll. Das Bild heißt: Sonja.

NBA-Playoffs: Jimmy Butler wirft 56 Punkte, so dass die auf Platz 8 gesetzten Miami Heat in Führung gegen die auf Platz 1 gesetzten Milwaukee Bucks gehen. Im nächsten Spiel wirft er 0.5 Sekunden vor Schluss zwei Punkte, erzwingt eine Verlängerung und die Heat ziehen in die zweite Runde ein. Nur die Knicks hätten sie nicht unbedingt rauswerfen müssen.

Mai

Ich treffe Leila Aboulela in Frankfurt. Am nächsten Tag besuche ich die Niki Saint-Phalle-Ausstellung in der Schirn. 

Mit Marie Vieux-Chauvets „Tanz auf dem Vulkan“ tauche ich in haitianische Geschichte ein – es ist ein Schmöker im besten Sinne: leidenschaftliche Lieben, Gewalt, Tod, Aufopferung und eine differenzierte Darstellung der Gesellschaft vor der haitianischen Revolution.

Mehr Karibik: Mit Astrid H. Roemer geht es nach Suriname. Kolonialgeschichte, Familiengeschichte, Frauengeschichte. 

Neue Erfahrungen sind wichtig. Deshalb sitze ich eines Abends in Berlin einer Taiwanischen Tee-Oper. 

Juni

Meine erste Begegnung mit Seidenhühnern. Mein Leben wird niemals sein wie vorher. Nun muss ich nur noch jemanden mit Garten überzeugen, sich Seidenhühner anzuschaffen, damit ich sie besuchen und fotografieren kann. 

Ich lese Lauren Groff, treffe Lauren Groff, rede über Lauren Groff. Am Ende steht ein Feature über Lauren Groff, das im Juli ausgestrahlt wird.

Jacob Ross‘ „Die Knochenleser“ hat mich schon begeistert, mit „Shadow Man“ legt er mehr als überzeugend nach. Miss Stanislaus ist meine aktuelle Lieblingsermittlerin.

Juli

Premiere von: Abweichendes Verhalten – Der Talk in Berlin. Thomas Wörtche, Matthias Wittekindt und ich schwitzen und schwatzen gemeinsam. 

Yasmin Angoes „Echo der Gewalt“ lässt mich im Radio den Satz sagen: „Ihr Name ist Knight, Nena Knight“. 

August

Große Werkschau das japanischen Fotografen Daido Moriyama im C/O Berlin – er hat sich viel mit Menschenwürde im Zusammenhang mit Fotografie und Medien auseinandergesetzt und bemerkt zu der Berichterstattung über die Entführung und den Tod eines Kindes: „Der übliche Realismus der Berichte und auch der falsche und naive Humanismus lösen das Problem in keinster Weise.“ Er veröffentlicht stattdessen Standbilder aus dem Fernsehen, die eine kriminalistische Ermittlung andeuten. 

Novuyo Rosa Tshumas „Haus aus Stein“ fasziniert mich: sie verbindet die Geschichte einer Familie mit der Geschichte Simbabwes, hinterfragt, weile Rolle historische Narrative für die Identitätsbildung spielen und lässt alles von einem manipulierenden Erzähler erzählen. Klug und komisch. 

September

Howard W. Frenchs „Afrika und die Entstehung der Welt“ verrückt mein Bild von der Welt abermals – und lässt mich zum wiederholten Male fragen, wie es sein kann, dass ich trotz ausgeprägten historischen Interesses, trotz Geschichts-LK und Geschichtsstudium so viel nicht wusste. 

Nach Bora Chungs „Der Fluch des Hasen“ betrachte ich meine Toilette mit ganz neuen Augen. 

Victoria Kiellands „Meine Männer“ regt ein erneutes Nachdenken über den medialen Umgang mit Serienmörder*innen an. 

Welch ein Krimi-Monat: Frank Göhres neuer Roman, Regina Nösslers neuer Roman. Monika Geiers neuer Roman. Sara Grans neuer Roman! 

Hinsichtlich Fotobearbeitung habe ich dieses Jahr so gut wie alles erreicht.

Oktober

Secessionen-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie. Ich bemerke ein neues Interesse an Druckgraphiken und Lithografien. Ich mag neue Interessen.

„Total Trust“ von Jialing Zhang liefert Einblicke in das gegenwärtige Leben in China – und wenn man glaubt, man könnte sich vorstellen, wie das Leben in einem „modernen“ Überwachungsstaat ist, sollte man sich diesen Film anschauen. Man kann es nämlich nicht. 

In diesem Haushalt wird die beste zweite Liga aller Zeiten gesehen. Fortuna Düsseldorf liegt am 21.10. zur Pause 0:3 zurück. Endstand 4:3 

November

Nach der Munch-Ausstellung in der Berlinischen Galerie kaufe ich mir die Werkausgabe von Dagny Juel. Und zwei Bücher über das Rathenau-Attentat. 

Abdelaziz Baraka Sakins „Der Messias von Darfur“ haut mich um – wie klug und böse kann man über Geschichte schreiben! Müsste ich mich auf ein Thema festlegen, das mich in diesem Jahr am meisten beschäftigt hat, dann wäre es die Frage, wie man die Geschichte eines Landes erzählen kann, das von Gewalt, Kolonialismus und Diktaturen bestimmt ist. 

Auf einer Veranstaltung fällt das Wort „Wonnegrusel“ – ich weiß leider nicht mehr, wer es sagte – und ich denke, es beschreibt ziemlich gut die Rezeptionshaltung vieler, die Kriminalromane zur Unterhaltung lesen.

Don Mee Chois „DMZ Kolonie” verbindet Gedichte, Fotos, Zeichnungen, Überlegungen zu Kolonialismus, Korea, Übersetzungen und Sprache. Ein großartiges Buch! 

Düsseldorf führt zur Pause 3:0 und gewinnt am Ende knapp mit 5:3. Diese Spiele machen mich fertig. Und ich bin nicht der Fortuna-Fan in diesem Haushalt. 

Aki Kaurismäki zeigt mit „Fallende Blätter“, worauf es im Kino wirklich ankommt. Und ich verstehe erstmals einen vollständigen finnischen Satz, gesprochen von einer Finnin (im Kino). 

Dezember

Pirkko Saisios „Das rote Buch der Abschiede“ lässt klar erkennen, wie wichtig der Teil Fiktion bei dem Wort Autofiktion ist. 

Die zweite Staffel von „Somebody, somewhere“ ist auf andere Weise doch genauso ehrlich, schräg und gemein-liebevoll wie die erste Staffel. 

Achtelfinale DFB-Pokal. Es steht in der 90. Minute 1:1. Endstand nach 92. Minuten: 1:2 für Fortuna Düsseldorf. 10 Tage später: Fortuna Düsseldorf liegt zur Pause 0:2 zurück. Endstand: 3:2. Diese Mannschaft. Und manche Menschen fragen sich, warum ich gerne Sport gucke.

Sonja Hartl macht zusammen mit Alf Mayer, Thomas Wörtche und Anne Kuhlmeyer die Redaktion von CrimeMag, arbeitet zudem als freie Journalistin für kino-zeit.de, Deutschlandfunk Kultur, das BÜCHER-Magazin und viele andere Medien. Sie betreibt den Podcast Abweichendes Verhalten und den für den Weltempfänger, das Blog Zeilenkino und die Textstube. Ihre Texte bei uns hier.

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John Harvey: Favourite Films, Books, Art & Live Music in 2023

Movies:

Tar : Todd Field
Broker : Hirokazu Kore-eda
A Yak in the Classroom : Pauo Choyning Darji
Return to Seoul : Davy Chou
The Blue Caftan : Maryam Touzami
Oppenheimer : Christopher Nolan 
Scrapper : Charlotte Regan
Past Lives : Celine Song
Anatomy of a Fall : Justine Triet
Tish : Paul Sng

Restorations/Reissues …

Know Where I’m Going : Powell & Pressburger (1945)
A Matter of Life & Death : Powell & Pressburger (1946)
Serpico : Sidney Lumet (1973)
Dog Day Afternoon : Sidney Lumet (1975)

Books:

Homesickness : Colin Barrett
Philip Guston’s Late Work – A Memoir : William Corbett
The Last Days of Roger Federer : Geoff Dyer
The New York Stories of Elizabeth Hardwick
Salvation City : Sigrid Nunez
Sempre Susan : Sigrid Nunez
Come Back in September : Darryl Pinckney
The Queen of Dirt Island : Donal RyanThe Death of Jim Loney : James Welch

In Memory of Bill James (Jim Tucker) 1929 – 2023
Roses, Roses – My farewell for him here at CrimeMag.

Art:

Magdalena Abakanowicz : Every Tangle & Rope : Tate Modern
Barbara Hepworth : Art & Life : Tate St. Ives
Alice Neel : Hot Off the Griddle : Barbican
Action, Gesture, Paint: Women Artists & Global Abstraction : Whitechapel Art Gallery
Souls Grown Deep As the Rivers : Royal Academy
Soutine/Kossoff : Hastings Contemporary 
A World in Common – Contemporary African Photography : Tate Modern
Philip Guston : Tate Modern
Eve Armold – To Know About Women : Newlands House Gallery
Capturing the Moment : Tate Mode

Live Music:

Philharmonia 
Let Freedom Ring Season at the Southbank Centre
Marin Alsop conducting Gershwin’s “Rhapsody in Blue” in a special arrangement with the brilliant Marcus Roberts on piano. 
Also James P. Johnson’s “Victory Stride” & “Drums, a Symphonic Poem” 
& the initial appearance by the Philharmonia Big Band led by Pete Long

London Philharmonic Orchestra at the Southbank Centre
Karina Canellakis conducting Tchaikovsky’s 5th Symphony & Shostakovich’s 8th Symphony

London Symphony Orchestra at the Barbican
Gianandrea Noseda conducting Tchaikovsky’s 6th Symphony

London Jazz Orchestra at the Vortex, Dalston
Big Band orchestrations of Art Blakey’s “Moanin’”

Jazz at the Oxford, Kentish Town
Rachael Cohen Quartet
Robbie Ellison Septet

John Harvey is one of Britain’s finest novelists and a CrimeMag columnist, his essays with us can be found here. His blog „Some Days You Do …“ is recommended, its about writers & writing: books, movies, art & music – the bits & pieces of a (retiring) writer’s lifeAslant, published by the Shoestring Press in 2019, combined some of Harvey’s poetry with his photographs from daughter, Molly Ernestine Boiling. – John’s website mellotone.co.uk, his body of work here (in Deutsch). His last Charlie Resnick novel darkness, darkness appeared in Germany as Unter Tage. published by ars vivendi. Alf Mayer’s review and interview here. 2018 saw the return of Frank Elder in Body & Soulreviewed by Alf Mayer here, translated into English on John’s blog.

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Gloria Grahame and Glenn Ford in Fritz Lang’s The Big Heat, 1953

Woody Haut: What Is Noir?

Is more than darkness. Is
Corruption of the heart. Is
behind closed doors, board-
room or street. Is fucked
Whether you do, don’t sing, 
Moan, sniff or shoot. Is a
ticket to all we have, never
enough. Is greed, lust, a fatal
kiss, the banker, cop, criminal, or
any other poor sucker who
screams for mercy. Is a
dream of autonomy, femme
fatality causality, breathing,
Hey, baby, let’s take it all.”
Is a corpse, a handful of dust
and ultimately who cares, if
the only punishment is death.

Fritz Lang, 1953

Shocking, only if suburbia can
be paradise. Unexpected violence
and post war fissures. Leave it
to those German emigrés to expose
wounds, commodity fetishism and
middle class angst. At the heart
the heat: innocent home keeper,
vulnerable, tarnished. Contrast
with the hoodlum s moll. Bought
and sold, at the bidding of their
crime sponging superiors. Home
can’t be where the heart is,
blabbing about Freud and child
rearing. Yawn. No wonder their
world is blown apart, a case of
guilt by conventionality. Coffee
scarred Gloria in post war hell, 
copped from Raw Deal five years
earlier, damaged goods but a ticket
out of drudgery. Her wound glowing
nuclear, waiting in the dark for
daddy to arrive. Sleazy hotel,
where the big heat clings, quiet
street props to Hoodlums Inc.,
without whom we would be little
more than rootless cosmopolitans.

Excerpted – with thanks to the author – from On Dangerous Ground: Film Noir Poems (Close to the Bone Publishing, August 2023). Woody Haut has taken fifty classic film noirs and written a poem for each one. His intention: »to take 50 classic examples of film noir, and create a poem surrounding each of them. And, in doing so, investigate not only the  films but the world in which they were made and viewed, then and now. The poems themselves derived from whatever happened to attract my attention: a piece of dialogue, camerawork, lighting, a particular scene, a plot, an individual performance, sartorial style, the director, or simply the film’s ambiance, and its nexus in space and time. In many cases, I ended up writing about those films in terms of their politics, not quite free associating, but more like what poet the late poet Robert Duncan used to call ›tone leading‹.« – Siehe auch bei uns in 2023: Robert Zion mit einem Textauszug zu THE BIG HEAT aus seinem großartigen Buch »Fritz Lang in Amerika«.

Raised in Pasadena, but living in London, Woody Haut is the author of Pulp Culture: Hardboiled Fiction and the Cold WarNeon Noir: Contemporary American Crime Fiction; Heartbreak and Vine: The Fate of Hardboiled Writers in Hollywood; and of the novels Cry For a Nickel, Die For a Dime and Days of Smoke.

Woody Haut’s best books of 2023:

Cruz by Nicolas Ferraro (Soho Crime). 

Everybody Knows by Jordan Harper (Faber) 

Easily Slip Into Another World: A Life in Music by Henry Threadgill (Knopf) 

Biography of a Phantom by Mack McCormic

Fassbinder Thousands of Mirrors by Ian Penman (Fitzcarraldo Editions) 

Death Watch by Stona Fitch (Arrow Editions)

The Last Songbird by Daniel Weizmann (Melville House)

Revolution- An Intellectual History by Enzo Traverso (Verso)

Writers & Missionaries by Adam Shatz (Verso)

The Philosophy of Modern Song by Bob Dylan (Simon & Schuster)

Love Me Fierce in Danger: The Life of James Ellroy by Steven Powell (Bloomsbury)                                

The Crystal Text by Clark Coolidge (City Lights)

Skeletons in the Closet by Jean-Patrick Manchette (NYRB)

The Man Who Lived Underground by Richard Wright (Library of America)

Glass Pearls by Emeric Pressburger (Faber)

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Bodo V. Hechelhammer: Ein Jahr wie ein SchleFaZ

Historiker der Zukunft werden in ihrer Bewertung des vergangenen Jahres ausnahmsweise einmal übereinstimmen: Es muss brutal schlimm gewesen sein, das Kalenderjahr, in dem SchleFaZ eingestampft wurde. Nach über einem Jahrzehnt war Ende Dezember 2023 auf dem zotigen Kanal Tele 5 mit der Kultsendung Schluss. SchleFaZ steht für die schlechtesten Filme aller Zeiten. Streng genommen stand es aber für genau diese ein. Doch jetzt ist das Telekolleg Film vorbei. Feierabend. Wenn man jedoch nicht einmal mehr misslungene Filme im Nachhinein im Privaten feiern darf, durch inszenierte Aufmerksamkeit liebkosen oder zumindest sich gemeinsam schön saufen kann, dann hat das Schlechte dieser Welt endgültig gesiegt. Denn der wahre Sinn des Lebens liegt doch in der Souveränität im Scheitern.

In den bisherigen elf Staffeln von SchleFaZ kann viel mehr gesehen werden als nur eine scheinbar zufällige Abfolge von misslungenen Filmen. Ein moderner Haruspex kann aus den Trashfilm-Trüffeln wie aus den Eingeweiden von Opfertieren lesen und wahlweise die Vergangenheit erklären oder die Zukunft deuten. Dies ist mindestens genauso seriös wie hochwertig energetisierte Kristalle, die vor irgendetwas schützen, mit Engeln korrespondieren oder zumindest Achselschweiß verhindern sollen. Denn in jedem Film kann man zugleich auch einen Ausschnitt jenes Spiegelbilds der ganzen Welt erblicken, auf das man sonst voller Unverständnis schaut. Selbst Nostradamus hätte SchleFaZ eingeschaltet, unabhängig von der Quote.

Kostproben wissenschaftlich fundierter Beweisführung sind hierfür kein Problem: 

2023 war zweifellos ein Jahr voller Naturkatastrophen, sei es durch Starkregen mit Überschwemmungen, Erdbeben oder Waldbrände in Griechenland, Europa und der ganzen Welt. Auf jedem Kontinent waren Extremwetter und Klimaerwärmung an der Tagesordnung. Schon lange lassen sich filmische Hinweise gerade bei SchleFaZ finden. In Planet of the Sharks (USA/2016 – SchleFaZ 2020 (S8/F117) konnte die globale Erderwärmung nicht verhindert werden, wodurch das ewige Eis abschmolz, und ein Großteil der Erde überschwemmte. Bei Arachnoquake (USA/2012 – SchleFaZ 2016 (S4/42) sorgen tektonische Erschütterungen für eine riesige Insektenplage und in Invasion aus dem Inneren der Erde (HKG/1975 SchleFaZ 2016 (S4/F49) öffnete ein Erdbeben sogar den Höllenschlund. Vor allem ist die Mutter aller Trashfilme – mit all ihren verwachsenen Töchtern -, die knorpelfischige Sharknado-Reihe (USA 2013 – 2018 – SchleFaZ 2014 (S2/13 und 21), 2015 (S3/F36), 2016 (S4/F53), 2017 (S5/F69) und 2018 (S6/F85) in Wahrheit zuerst einmal ein bildgewaltiges politisches Manifest gegen den Klimawandel. Nicht auf die Straße kleben, sondern mit Haien werfen, so geht Protest!

Im Jahr 2023 wurde das Gendern weiterhin kontrovers und emotional diskutiert, unabhängig davon, ob Sternchen verwendet wurden oder nicht. Die Forderung nach Gleichbehandlung und respektvollem Umgang miteinander, unabhängig von Sexualität und empfundenem Geschlecht, wurde in SchleFaZ lautstark und mit stolzgeschwellten Brüsten vehement vertreten. Filme wie Hausfrauen-Report (DEU 1972 SchleFaZ 2019 (S7/F98), Lass jucken, Kumpel (DEU 1972 SchleFaZ 2020 (S8/F113) oder Ach jodel mir noch einen (DEU/AUT 1974 SchleFaZ 2021 (S9/F136) sind zweifellos Klassiker des Neuen Deutschen Films, die bereits durch ihre provokanten Titel auf einen sensibleren Umgang mit Sprache hinwiesen. SchleFaZ trug frühzeitig zur Debatte bei, kitzelte erste Höhepunkte heraus und brachte wichtige Aspekte ans wärmende Scheinwerferlicht.

Zahlreiche weitere Themen des vergangenen Zeitraums lassen sich filmisch analysieren, zum Beispiel wie der deutsche Fußball weiter in Richtung Mittelmaß abdriftete, sich selbst mehrere Beine stellte und ein Eigentor nach dem anderen schoss. Auch vor einer solch fundamentalen deutschen Glaubenskrise wurde bereits im Libero (DEU 1973 SchleFaZ 2016 (S4/F43) gewarnt. Der Film gleicht einem Gleichnis, das über die Folgen eines banalen Beinbruchs auf die Fragilität nationaler Größe hinweist. SchleFaZ besteht auch hier die Nagelsmannprobe. Und ist es nicht offensichtlich, dass der Film Mister Dynamit – Morgen küsst Euch der Tod (DEU 1967 SchleFaZ (S5/F72) auf den neuesten Spionageskandal im BND hinweist und frühzeitig vor einem Personalproblem warnt, wenn schon ein ehemaliger amerikanischer Tarzan-Darsteller einen deutschen Agenten spielen muss. Hier bedarf es keiner aufwendigen Entschlüsselung.

Auch Hasse Deinen Nächsten (ITA 1968 SchleFaZ 2013 (S1/F6) kommt nicht nur als stumpfer Italo-Western daher, sondern kann bereits sprachlich als Anti-Mose auf die brutalen Konflikte unserer Tage interpretiert werden, wie den barbarischen Terroranschlag der Hamas auf Israel mit den darauffolgenden Militäroperationen in Gaza oder den noch immer andauernden russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Angesichts dieser harten Fakten kann aus der jüngsten Staffel des Films Megaforce (USA 1982 SchleFaZ 2023 (S11/F151) als Zufall ausgeschlossen werden. Hierbei wird ein friedlicher Staat von seinem aggressiven Nachbarn angegriffen und benötigt internationale Hilfe zur Verteidigung der eigenen Souveränität.

Wer es also genau betrachtet, vermag in SchleFaZ ohne Probleme auch andere aktuelle Themen wie die Zeitenwende entdecken, deutsche Leopard-Lieferungen, einen chinesischen Wetterballon, Migrationsproblematik, wachsender Nationalismus oder natürlich den Ampelstreit, inklusive Haushaltsloch. Ein Jahr verläuft eben meist wie ein SchleFaz: Zu Beginn ist es an sich nie schlecht gemeint, hat aber dann einfach nur nicht funktioniert. Eigentlich sollte es einen guten Verlauf nehmen, ist aber auf dem Weg dorthin kläglich gescheitert. Und wer die Fähigkeit besitzt, mit seinem allsehenden Auge auch noch durch die Schlechtigkeiten hindurchzuschauen, könnte vielleicht sogar die Zukunft deuten. Eiskalt kann es einem dann den Rücken herunterlaufen, wenn man weiß, dass Donald Trump eigentlich im dritten Sharknado-Film den US-Präsidenten spielen wollte, sich aber anders entschied – weil Trump lieber versuchen wollte, echter Präsident zu werden.

Es ist also fast wie im richtigen Leben: Man sieht nur, was man weiß, und meistens kommt es anders als gedacht. Als kurz vor Weihnachten bekannt gegeben wurde, dass nach Tele 5 nun RTL Nitro der neue Heimatsender werden wird, war der Kurs gesetzt: Es geht also wieder einmal weiter, mit einem Jahr wie ein SchleFaZ.

Bodo V. Hechelhammer kam als Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND) – mit einem kundigen Faible für die populärkulturellen Spiegelungen der Agenten- und Geheimdienstwelt – mit uns in Kontakt und ist seitdem ein geschätzter Autor. „Geheimdienst ist besonders spannend unter kulturhistorischer Sicht“, ein Interview von Alf Mayer mit dem Autor über das Buch Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956 hier. Alf Mayers Besprechung von Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten hier. – 2022 von ihm erschienen: Rolf Kauka. Fürst der Füchse, hier bei uns besprochenein Textauszug hier.

Seine Texte bei CrimeMag hier

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