Posted On 15. Oktober 2016 By In Bücher, Crimemag, Interview With 1294 Views

Roman und Interview: John Harvey: Unter Tage

harvey-unter-tage-9137230-3d_jpgKohlenpott-Blues

– Alf Mayer hat sich mit John Harvey über den letzten Fall für Charlie Resnick unterhalten, in dem es mehr als 30 Jahre zurück in den großen britischen Bergarbeiterstreik geht. Charlie Resnick, Jazzliebhaber und Polizist aus dem britischen Nottingham, hatte es auf zwölf Romane und 16 Kurzgeschichten, zwei Fernsehadaptionen und vier Hörspiele gebracht, ehe sein Schöpfer  ihn 2008 mit „Cold in Hand“ (Pass auch Dich auf; dtv 2012) zur Ruhe setzte. 2014 aktivierte er ihn noch einmal für einen letzten Fall. Harvey wählte dafür einen in Großbritannien immer noch nicht vergessenen gesellschaftlichen Konflikt, den großen Bergarbeiterstreik von 1984/85. Jetzt endlich ist dieser Roman in deutscher Übersetzung erschienen – bei ars vivendi im fränkischen Cadolzburg.

Längst nicht so glamourös wie John Wayne

Das gab es nur im Film, heißt es auf Seite 18. Dass John Wayne in John Fords „Der Teufelshauptmann“ (She Wore a Yellow Ribbon) gegen Ende des Films in den ungewollten Ruhestand reitet und ihm die Armee den besten Reiter des Forts nachschickt, um ihn zu bitten, doch zurückzukehren und den Posten des Kommandeurs der Kundschafter im Rang eines Lieutnant Colonel zu übernehmen. Resnicks eigene Wiederbelebung verläuft weniger glanzvoll. Eine brüske junge Person aus der Personalabteilung des Polizeipräsidiums in Nottingham informiert ihn am Telefon, dass man ihm bezüglich seiner Anfrage jetzt eine Teilzeitstelle als ziviler Ermittler anbieten könne. Ohne offiziellen Status, keine Amtsgewalt, keine Festnahmebefugnis.
Er ist gerade mit der Endsachbehandlung eines Vorfalls im Stadtzentrum befasst, als beim Abriss des alten Bergwerksorts Bledwell Vale ein Skelett gefunden wird. Die Ermittlungen führen 30 Jahre zurück, in die Zeit, als Resnick ein junger Polizist und als Leiter eines Teams zur Informationsbeschaffung im Bergarbeiterstreik eingesetzt war. Er kann sich noch an den Namen der Frau erinnern, die 1984 auf dem Höhepunkt des Arbeitskampfes, der die ganze Nation aufwühlte, verschwunden war: Jenny Hardwick. Es sind ihre Gebeine, die jetzt gefunden wurden. Hinter dem Haus, in dem sie damals mit Mann und drei Kindern wohnte.

resnick-darkness-9780434022922Als Cop zwischen den Fronten

Resnicks Informationen landeten damals direkt beim National Reporting Centre, bei Scotland Yard. Auf den Vorwurf seiner neuen Kollegin und Vorgesetzen, der aus Kenia stammenden Catherine Njoroge, er habe also als Spion gearbeitet, sagt er: „Ich habe getan, was ich konnte, damit dieser Teil des Landes nicht weiter auseinanderbrach. Das war ein verdammter Bürgerkrieg. Zumindest hab ich das damals gedacht.“ Als Cop habe er zwischen den Fronten operieren müssen, auf beiden Seiten der Streikpostenkette habe er damals gute Leute kennengelernt. Die Füße stillhalten und nichts aufwühlen solle er jetzt, 30 Jahre später, bedeutet ihm ein Vorgesetzter, der ihn noch von damals kennt. Eine Untersuchung der Polizeiarbeit sei das Letzte, was man brauche. Natürlich bewirkt so etwas genau das Gegenteil.
Resnick wie sein Autor stiegen tief in diese ungemütliche britische Vergangenheit. Übrigens gibt es – mehr als drei Jahre nach der UK-Publikation von  John Harvey s Buch – tatsächlich bald eine Untersuchung des besonders brutalen Polizeieinsatzes von Orgreave, die auch im Buch eine wichtige Rolle spielt.

Der Bergarbeiterstreik vom 4. März 1984 bis 5. März 1985 war eine der größten politischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit in Großbritannien. Eine skrupellose, machtbewusste Margaret Thatcher nutzte ihn, um den Gewerkschaften, die sie stets als „enemy within“, als inneren Feind ansah, Selbstachtung und Rückgrat zu brechen. Das wirkt bis heute. All die heimlichen und solidarischen internationalen Co-Finanzierungen des Streiks, wie sie auch in Harveys Roman Thema sind, konnten da nichts ausrichten. Das Buch aber – großartig erzählt und sehr inspiriert vom Charlotte-Brontë– und Henry-James-Übersetzer Gottfried Röckelein ins Deutsche übertragen, wie überhaupt dem Verlag ars vivendi für das Projekt ein großes Lob gebührt – ist weit mehr als eine geschichtliche Lehrstunde. Die Jazz-Passagen sind zum Hinschmelzen schön, und die politische wie die private Macht- und Gewaltfrage wird von John Harvey sehr wirkungsvoll verknüpft und variiert. Dieses Buch schwingt nach. Es hat Resonanz.
„Schriftsteller sind letztlich Zeugen“, meint John Harvey in seinem Nachwort, in dem er sich ausdrücklich auf David Peace und dessen fulimantes „GB 84“ bezieht (Liebeskind, 2014, siehe auch die CrimeMag-Besprechung von Peter Münder). Charlie Resnick, das wissen wir am Ende von „Unter Tage“ beruhigt, wird weiterhin seinen Cappucino und vielleicht eine neue Version von „Blue Monk“ haben, um ihn warm zu halten. Es ist ein schöner Abschied, den John Harvey ihm gibt.

resnick_covercoalnotdolePS. Ausdrücklicher Hinweis noch auf den Bildband „Coal Not Dole“ von Michael Kerstgen, der den Streik als junger Student fotografiert hat.

PPS. John Harvey, der mit Pulp-Romanen begann (siehe seine Auskunft für CrimeMag) hatte Schaffensperioden, in den er einen Roman pro Monat schrieb. Bei Mysterious Press gerade wiederaufgelegt sind vier der insgesamt acht Scott-Mitchell-Romane von John Harvey aus den späten 1970ern. Die Titel der vier Romane mit dem ultratoughen Privatdetektiv Scott Mitchell in der Tradition von Raymond Chandler und Ross Macdonald sind Amphetamines and Pearls (1976), The Geranium Kiss (1976), Junkyard Angel (1977), und Neon Madman (1977).

John Harvey: Unter Tage. Resnicks letzter Fall (Darkness, Darkness; 2014). Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein. Ars vivendi, Cadolzburg 2016. 308 Seiten, 20 Euro.

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„Der Bergarbeiterstreik ist immer noch tief im kollektiven Gedächtnis“


John Harvey, von Alf Mayer interviewt zu Charlie Resnicks letzten Fall.

Frage: Charlie Resnick hatte gerade seine Theaterpremiere in Nottingham. „Darkness, Darkness“ (Unter Tage) als Bühnenstück. Wie war es?

John Harvey: Ziemlich aufregend auf meine alten Tage (lacht). Über die Reaktionen und Rezensionenhabe ich auf meinem Blog geschrieben. Hier ist ein Link.

Du warst in die Produktion involviert?

Ja, von Anfang an. Schon 18 Monate vor der Premiere. Regisseur Jack McNamara und ich haben an mehreren Versionen gearbeitet und immer wieder diskutiert, wie man das Buch auf die Bühne bringen könnte. Ich war bei den meisten Besetzungsproben dabei, ich hatte ein Stimmrecht und habe auch regelmäßig die Proben besucht. Also ja, ich war sehr involviert. Und David Fleeshman finde ich einen exzellenten Charlie Resnick.

John Harvey (c) Molly Ernestine Boiling

John Harvey (c) Molly Ernestine Boiling

Was hast du dabei über dein Buch gelernt?

Ich fand heraus, worum es in meinem Buch geht, jenseits des Mordfalls, und was es hoffentlich auch zusammenhält: nämlich der Bergarbeiterstreik, geschlechtliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und die Hartnäckigkeit des Gedächtnisses.

„Du bist ein Kumpel, Charlie. Ein guter Freund“, sagt Catherine im Roman. Spricht sie da auch für dich?

Ich neige nicht dazu, außerhalb der Fiktion mit ihm Zeit zu verbringen.

Wäre es nicht jammerschade gewesen, ihn vor ein paar Jahren sterben zu lassen, wie du es ja einmal vorgehabt hast?

Das stimmt. Es fühlt sich richtig an, ihn an dem fiktionalen Rändern des Ruhestands gelassen zu haben. Und ich denke, für Charlies reguläre Leser war es das Richtige, es so zu machen.

Der Charlie von heute, in „Unter Tage“, scheint eine politischere Person zu sein als er das in den früheren Büchern war. Sehe ich das richtig?

Vielleicht bin ich ja selbst mittlerweile politischer geworden? Und vielleicht sehe ich mich immer mehr in der Lage, auch Politik einfließen zu lassen, je mehr ich mich meines Schreibens und meiner Arbeit sicherer fühle.

resnick-strike-nq1mqm8el-_ac_ul320_sr222320_Kann „Unter Tage“ auch als eine Homage an Nottinghamshire gelesen werden? Du magst diesen Teil Großbritanniens, nicht wahr? Ist es hier, wo du zum Schreiben gekommen bist?

Eine Hommage an Notts? Da bin ich mir nicht sicher, ob es dafür reicht. Aber für die streikenden Bergarbeiter und all die, die sie unterstützt haben, ist es das sicher. Es ist nicht Nottingham, wo ich zum Schriftsteller geworden bin, aber es ist der Ort, der danach gerufen hat, das Zentrum von vielem zu werden, was ich dann schrieb. Es ist der Ort, wo meine Arbeit vielleicht am aufmerksamsten wahrgenommen worden ist und wo ich mich als Schriftsteller äußerst willkommen gefühlt habe. Ich habe und fühle da eine sehr starke Verbindung.

Dein Roman leistet auch so etwas wie eine Sozialgeschichte des Streiks. Dieser Konflikt ist immer noch sehr gegenwärtig und kontrovers, nicht?

Der Streik hängt, und das manchmal bitter, fest im kollektiven Gedächtnis. Die Ankündigung, dass es bald eine offizielle Untersuchung in die polizeiliche Begleitung des Streiks geben wird, wird das alles noch mehr verstärken. Da gibt es dunkle, finstere Seiten.

„Diese verdammte Frau“, wird Margaret Thatcher im Buch genannt. Pete weigert sich sogar, ihren Namen auszusprechen. Ist es berechtig zu sagen, dass Thatcher den Streik benutzt hat, um sich als „Eiserne Lady“ zu stilisieren?

resnick-enemy-book514i4szpmhlJa, absolut. Ihren Nimbus hat sie mit in ihrer feindlichen Haltung gegen die Gewerkschaften erreicht, speziell gegen die Bergarbeitergewerkschaft NUM und mit dem Falklandkrieg.

Scargill, „der die Bergarbeiter auf einer verdammten Schlachtplatte serviert hat“ und später in London im Luxus lebt… Du bist kein Freund von ihm?

Das ist die Ansicht eines meiner Protagonisten, nicht notwendigerweise die meine. Er fühlt sich, stellvertretend für seinen Vater, betrogen und verraten und ist wütend.

Sind die Gewerkschaften in Großbritannien noch von Bedeutung?

Viel weniger als das einmal der Fall war. Sie sind schwächer geworden.

Hast du je Ken Loach getroffen? Ist er als Filmemacher interessant für dich?

Nein, kennengelernt habe ich ihn nie. Ich kenne alle seine Filme, bewundere die meisten, und würde sagen, dass er seit seinen frühen Jahren eine Inspiration für mich gewesen ist.

Du kennst Barbara Kopples Dokumentarfilm „Harlan County USA“ von 1976?

Ja. Großer Film. Wichtig.

resnick-miners-buch-8100ld8i87lSie klingt fast mittelalterlich im Roman, die „Schlacht von Orgreave“ zwischen den Polizeikräften und den Streikenden. Ein starkes Bild – „wie aus ‚Heinrich der Fünfte‘“ heißt es im Roman – wo es statt der Pfeile Flaschen hagelt. Ist das einem Foto von damals entnommen?

Nachrichtenmaterial und gut dokumentierte persönliche Berichte. Es gibt eine wunderbare Bühneninszenierung, „The Battle of Orgreave“, eingerichtet von dem Künstler Jeremy Deller und inszeniert von Mike Figgis.

Charlie schaut sich in seinem Ruhestand oft nachmittags einen Film an. Du selbst bist ja doch auch ein Kinogänger. Welche Filme oder DVDs aus der letzten Zeit sind dir im Gedächtnis?

Zusammen mit meiner Tochter Molly habe ich viele alte Bogart-Filme wieder angeschaut: ‚Casablanca‘, ‚The Big Sleep‘, ‚The Maltese Falcon‘ und diesen wunderbaren Robert-Mitchum-Film ‚Out of the Past‘.

Es gibt eine Passage in „Unter Tage“, in der es heißt: „Je älter man werde, hatte er irgendwo gelesen, desto bedrohlicher empfinde man den Multikulturalismus.“ Du hast das im Jahr 2014 geschrieben, es liest sich wie eine Vorwarnung für die Brexit-Abstimmung…

Für manche ist es so, das stimmt. Nicht für mich, natürlich. London ist sicher eine der größten und auch erfolgreichsten multikulturellen Städte der Welt. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Wie findest du den Brexit?

Schlimme Sache.

Wie hat Catherine Njoroge, die schwarze Polizistin aus „Unter Tage“ das Licht der fiktionalen Welt erblickt?

Sie erscheint, glaube ich, das erste Mal in „Cold in Hand“, und sie ist die zweite schwarze Polizistin, über die ich schreibe. Die andere ist Karen Shields in „Good Bait“. Beide liegen mir am Herzen.

Ein weiteres starkes Thema in „Unter Tage“ ist häusliche Gewalt. Catherine erleidet sie von ihrem Ex-Lover. Diese Art Verbrechen ist dir ein Anliegen?

Natürlich. Gewalt gegen Frauen ist immer noch ein zunehmendes Problem – physisch wie auch online.

In deinen Romanen kommen immer viele reale Musiker und ihre Musik vor. Edward Victor Silver aber, der im Lauf von „Unter Tage“ stirbt, ist fiktiv, nicht?

Ja, das ist er.

Er taucht auch in deiner Kurzgeschichtensammlung „Now’s the time“ auf. Jetzt erwähnst du, woher dieser Titel stammt. Es war das letzte Stück, das Spike Robinson bei seinem allerletzten Auftritt gespielt hat. Du verknüpfst da ein paar Punkte?

Das tue ich immer (lacht).

Du magst auch Opern? In deinem Nachwort erwähnst du Dulan Barber, der dir 1988 beim Erfinden und Definieren von Charlie Resnick behilflich war. Von ihm gibt es einen Kriminalroman, in dem es um eine Verdi-Oper geht (Don’t whistle „Macbeth“), er wurde sogar ins Deutsche übersetzt: „Pfeif nie ‚MacBeth‘“ (1977). Wie hat Dulan Barber dir damals geholfen?

Oper ist leider mein blinder Fleck. Da kenne ich mich nicht aus. Dulan, der viel zu früh gestorben ist, war ein toller Kerl und ein guter Autor. Seine Ratschläge habe ich sehr geschätzt. Mehr als einmal und insgesamt viele Stunden habe ich mich mit ihm beraten, wie mein erstes Resnick-Buch „Lonely Hearts“ funktionieren könnte, und wichtiger noch, welch eine Art Mann Resnick sein müsse, welche Charakterzüge er brauchen könnte, um aus ihm eine eigenständige, individuelle Figur und einen glaubwürdigen Polizisten zu machen.

Du hast das Romaneschreiben wirklich aufgegeben? Was können wir von Dir erwarten, jenseits Deines Blogs und Deiner Kolumnen im CrimeMag?

Zusammen mit der Dramatikerin und Drehbuchautorin Joy Wilkinson arbeite ich gerade daran, die Shanghai-Romane von Qiu Xialong (CrimeMag-Kritik hier) als Hörspiele für BBC-Radio zu adaptieren. Und ich habe den Ansatz einer Idee, für etwas, was vielleicht ein neuer Roman mit Frank Elder werden könnte. Oder nicht. Es wird sich zeigen.

(Alf Mayer unterhielt sich am mit John Harvey am 8./9. Oktober 2016.)

 

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