Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Oktober 2026

Gar nicht so kurze Kurzbesprechungen von Wolfgang Brylla (WB), Joachim Feldmann (JF), Roland Keller (rok) und Alf Mayer (AM). Für die einzelnen Besprechungen bitte nach unten scrollen.

Timo Blunck: Neon Baby
Friedemann Hahn: Melancholia – Im Schatten des Affen
Petra Hartlieb: Buberlpartie
Kang Jiyoung: Die talentierte Frau Shim
Anna Mai: Brausecrash
Kai Meyer: Das Alphabet der Masken
Diego Muzzo: Goliaths Auge
Richard Osman: Wir jagen Schatten
Joachim B. Schmidt: Kalmann schweigt

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Die Bloody Chops im September 2026:
Toni Coppers: Der Fall Magritte/ Ron Currie: Die Patin von Maine/ Wolfgang Franßen: Einer sollte ihm mal sagen, dass er tot ist/ Jürgen Heimbach: Straßenköter/ Isabelle Lehn: Die Spielerin/ Liam McIllvanney: Ein frommer Mörder/ Anne Sauer: Im Leben nebenan/ Constantin Schwab: Die grünen Augen der Liza de Mink

Die Bloody Chops im Sommer 2026:
Nicole Eick: Was zum Tode führt/ Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes: Die Seligen

Die Bloody Chops im Juni 2026:
Leye Adenle: Schatten der Schuld/ William Boyle: Heilige der Narrows Street/ Tom Finnek: Düsterholz 1976/ Candice Fox: Outback Killers/ Klaus Gietinger: Tote auf Urlaub/ Ping Lu: Dunkle Gewässer

Die Bloody Chops im Mai 2026: Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel/ Candice Fox: Outback Killers/ Sacha Jacqueroud: Erpressen erlaubt/ Katja Kleiber: Fataler Fall. Ein Frankfurt-Krimi/ Denise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-Roman/ Dror Mishani: Nicht/ Megan Nolan: Kleine Schwächen/ Hendrik Otremba: Der Gräber/ Byron Preiss (Hg.): Raymond Chandler’s Philip Marlowe. New Philip Marlowe Stories from Some of the World’s Leading Mystery Authors (1989)/ Maciej Siembieda: Katharsis/ Brigitte Tast, Hans-Jürgen Tast: Großmutter, warum hast du so große Hände? Kulleraugen Heft 60/ Matthias Wittekindt: Die Tote im Hafen. 

Die Bloody Chops im April 2026: Garry Disher: Zuflucht/ Alexander Eden: Die Hoteldetektivin/ Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte/ Louise Hegarty: Fair Play/ Matiás Néspolo:  7 Arten, eine Katze zu töten/ Mark SaFranko: Dear Professor Romance/ Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht/ Malin Thunberg Schunke: Tödliche Felder/ Sophie Sumburane: Keine besonderen Auffälligkeiten/ Vincent Tal: Tainted Love.

Die Bloody Chops im März 2026: M. W. Craven: Die Witwe/ Michael Idov: Das Riga-Komplott/ Ken Jaworowski: What about the Bodies/ Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin/ Wilfried Owen: Die Erbärmlichkeit des Krieges/ Gustavo Faverón Patriau: Minimosca/ Jacob Weinreich, Lars Findsen: Dunkelmann.

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Turblent, samt finsterer Komik

(JF) In Brandenburg ist das Wasser knapp. Investitionsfreudiges Kapital aber auch. Wenn also ein Getränkehersteller aus Singapur eine Brausefabrik in die ausgedörrte Landschaft stellen möchte, scheint Widerstand zwecklos, mögen die Gründe dafür auch noch so stichhaltig sein. Und die öffentlichen Mittel fließen. Da zerstreitet sich so manche Dorfgemeinschaft, dass die Fetzen fliegen. Aber an Mord denkt man da nicht unbedingt. Es sei denn, das nicht unrealistische Szenario dient als Hintergrund für einen zünftigen Politkrimi, wie er jetzt unter dem Titel Brausecrash vorliegt.

Nach ihrem Debüt „Broilerkomplott“ verstrickt die Umweltaktivistin und Autorin Anna Mai ihr bewährtes Personal zum zweiten Mal in eine rasante Geschichte, die beginnt, als der Bäuerin Peggi Wernitz nächtens eine Leiche auf den Hof gelegt wird. Weil es sich dabei ausgerechnet um den Projektentwickler der Limonadenfirma handelt, wittert die handfeste Landwirtin Ärger und entsorgt den toten Herrn in der Spree, damit sich andere mit ihm herumschlagen müssen. Unter ihnen Polizeiobermeisterin Nina Hempel, der die Leichensache ganz gelegen kommt, ist sie doch schwer gelangweilt von all den Fahrraddiebstählen und Kneipenschlägereien, mit denen sie sich sonst zu befassen hat. Und jetzt könnte es immerhin um Mord gehen. Das denkt auch die angehende Juristin Toni Hansen, die in einer Kanzlei für Umweltrecht ihr Praktikum ableistetet, und gerne ein bisschen mehr Action in ihrem Leben hätte, schon allein, um sich von privaten Problemen abzulenken.

Weitere Hauptrollen übernehmen ein obskurer Umweltblogger mit gelbem SUV, die leitende Angestellte einer Immobilienfirma und eine sehr wandlungsfähige Auftragskillerin. Es bleibt nämlich nicht bei einer Leiche in diesem turbulenten Kriminalroman, der auch durch ein gehöriges Maß an finsterer Komik überzeugt. Anders wäre die bittere Realität wohl auch für die Autorin nur schwer zu ertragen.

Anna Mai: Brausecrash. Ariadne, Hamburg 2026. 269 Seiten, 15 Euro.

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Cowboyhut mit Sheriffstern

(JF) Kalmann ist zurück. Oder besser, er ist immer noch da. Und alles ist wie gewohnt im isländischen Dörfchen Raufarhöfn. Doch so ganz stimmt das auch wieder nicht. Wirtschaftlich sieht es vielleicht noch schlechter aus als vor wenigen Jahren. Kein Wunder also, dass die Pläne eines norwegischen Unternehmens, vor der Küste eine gigantische Lachszuchtfarm zu bauen, die Bevölkerung spalten. Während die einen sich den lang ersehnten Aufschwung versprechen, sehen Fischer ihre Existenz bedroht und Umweltschützer befürchten unübersehbare ökologische Folgen. Schon deshalb denken manche an Mord, als der CEO eben jener Firma tot aufgefunden wird. Ein neuer Fall für Kalmann, der in Raufarhöfn auf die ihm eigene Art für Ordnung sorgt. Das Recht dazu verleiht ihm ein Cowboyhut mit Sheriffstern, den ihm einst sein Vater geschenkt hat.

Wir kennen und schätzen den mit einem schlichten Gemüt und einer unvorhersehbaren Auffassungsgabe gesegneten Amateurdetektiv aus zwei vorhergehenden Romanen des seit vielen Jahren auf Island lebenden Schweizer Autors Joachim B. Schmidt. Auch in Kalmann schweigt zeigt sich dieser ungewöhnliche Ermittler von seiner besten Seite, wenn auch nicht zu seinem eigenen Vergnügen. Denn er ist selbst in den Fall verwickelt und glaubt irgendwann sogar, er sei schuld am Tod des Managers. Außerdem bereitet ihm der Fund einer seltsamen Kiste, in der sich neben alten Banknoten ein Revolver und eine Flasche Schnaps befinden, unerwartete Probleme und bringt ihn sogar in Lebensgefahr.

Wie in den Vorgängerbänden liegt der besondere Reiz auch dieses Romans in der Erzählweise. Denn Kalmann ist, dank seines Erfinders Joachim B. Schmidt, ein Held, der mit Verve von seinen Abenteuern zu berichten weiß. Dass er dabei zu verblüffenden Einsicht in die eigene Situation fähig ist, die so gar nicht zu einem simplen Charakter zu passen scheinen, wirkt schon deshalb unbedingt plausibel. Und lässt den Romantitel entsprechend ironisch anmuten. Zum Glück für uns.

Joachim B. Schmidt: Kalmann schweigt. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 311 Seiten, 25 Euro.

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Gebündelte Leuchtkraft, bis ins Mark

(AM) Ein Zitat aus „Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1886) von Robert Louis Stevenson steht diesem grandiosen, von Kirsten Brandt exquisit übersetzten Schauerroman voran: „Du musst mich meinen dunklen Weg zu Ende gehen lassen. Ich habe eine Strafe und eine Gefahr auf mich gezogen, für die ich keine Worte habe.“

In jedem Detail und jeder Anverwandlung ist der Roman Goliaths Auge des in Frankreich lebenden Argentiniers Diego Muzzo Bücherliebe pur – das wunderbar evokative Cover, exquisite Buchgestaltung, Typografie, Papierqualität und Ausstattung gehören auch dazu. Ein kleiner Schatz. Und mehr als eine bloße Hommage an die Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts. Aber Vorsicht: Dieses Buch kann tatsächlich Elemente von wahrem Schauder und ein lang nachhallendes Echo enthalten.

Wie Stevenson und Poe ihre Geschichten oder Mary Shelley den „Frankenstein“ verschachtelt Diego Muzzo kunstvoll die Ebenen und seine Erzähler sind allesamt nicht gerade zuverlässig. Ein Psychiater bekommt in den 1920ern in Edinburgh einen neuen Patienten anvertraut. Der ist nicht nur von den Schrecken des Ersten Weltkriegs (der Schlacht an der Somme) traumatisiert, sondern mehr noch vom Aufenthalt auf einem Leuchtturm vor der Küste Feuerlands, Goliaths Auge genannt. – Goliath war ein vom kleinen David besiegter legendärer, riesiger Krieger der Philister aus dem Alten Testament. Die Willem-Schouten-Insel, benannt nach dem realen niederländischen Seefahrer und Entdecker von Kap Horn, ist pure Fiktion. Die Konnotation der beiden ist mehr als unheildräuend.

Der seltsame Leuchtturm mit diesem Namen blickt auf das 20. Jahrhundert. Sein Lichtstrahl zerteilt die bis in unsere Gegenwart reichende schuldbeladene Schattenwelt, die aus Gewalt und Hass entsteht. Auch ein bei einem Senfgasangriff partiell erblindeter Weltkriegsgefreiter aus einem bayerischen Regiment kommt vor, der sich zu seiner Heilung in so etwas wie ein giftiges Insekt verwandelt. Das alles auf 200 Seiten. Ein Kabinettstück. Zitat: „Nein. Seine Erfahrung als Psychiater hatte ihn gelehrt, dass die Kategorie ’normaler Mensch‘ nicht existierte. Es gab keine ’normalen Menschen‘. Es hatte sie nie gegeben. Weder vor dem Krieg noch danach.“

Diego Muzzo: Goliaths Auge (El Ojo de Goliat, 2024). Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt. Mare Verlag, Hamburg 2026. Gebunden, Lesebändchen, 205 Seiten, 22 Euro.

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Der Bub von nebenan

(WB) Mit Buberlpartie (bei Dumont) liefert die deutsche, aber in Österreich aufgewachsene Schriftstellerin Petra Hartlieb ihren zweiten Kriminalroman aus der Reihe um die Wiener Hauptkommissarin Alma Oberkofler. Ebenso wie schon „Freunderlwirtschaft“ vor zwei Jahren, ist auch ihr Buchneuling von der deutschen Literaturkritik bis heute eher unter dem Radar gelaufen, was dem hochaktuellen Politroman „Buberlpartie“ Unrecht antut.

Ganz kurz zur erzählten Geschichte im Klappentextstil: Oberkofler, die auf dem Sprung Richtung ersehnter Urlaub ist, wird Zeugin eines ‚Verkehrsunglücks‘. In ein jüdisches Gastrohaus rast nämlich ein Pkw, vier Menschen kommen dabei ums Leben. Ganz schnell steht der Autofahrer aus der hauptstädtischen High Society, der ebenfalls bei dem Unfall das Zeitliche segnete, im Verdacht, einen rassistisch motivierten Terroranschlag verübt zu haben. Die polizeilichen Untersuchungen, in die Oberkofler nolens volens involviert wird, bringen ans Licht, dass der mutmaßliche Fanatiker in seiner Vergangenheit wohl einiges auf dem Kerbholz gehabt hatte. Albert Schotterer, so heißt er nämlich, verkehrte in nationalsozialistischen Kreisen und soll massiv am geplanten Umsturz der demokratischen Regierung durch rechte Kräfte mitgewirkt haben. Ein Ausgangsszenario, das allerdings, guckt man sich die geopolitische Weltlage an, gar nicht so paradox und abstrus klingt. Und die Tatsache, dass das ganze Handlungssetting nach Wien verlagert wurde, macht die Sache – Haider, FPÖ etc. pp. – umso authentischer.

BTW, Authentizität. Hartlieb erzählt von der österreichischen Rechtszene, ihren größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien und den Vitamin B-Seilschaften (die titelgebende „Buberlpartie“) nicht nur im höchsten Maß präzise wie detailliert, sondern auch unfassbar glaubwürdig, ohne dabei den Sinn für den Aufbau von Spannungskurven oder Handlungsdynamik zu verlieren. Es dominiert eine durchaus chronologisch geordnete Plotstruktur, was ein gewisse Nacheinander-Erzählweise provoziert, die jedoch auf Tempobeschleunigung abonniert zu sein scheint. Die narrative Rasanz wird außerdem durch die Durchtaktung der Kapitel gewährleistet: jedem Kapitelabschnitt wird ein konkretes Datum, häufig mit zusätzlicher Zeitangabe, vorangestellt. Den Leser:innen dienen solche temporären Texthinweise als Orientierungshilfe. Dass Hartliebs Erzählwerkstatt nicht Ohne ist, davon zeugen die oft sehr langen, aber auf keinen Fall den Lese- und Erzählfluss störenden Dialogpassagen. Nur das Ermittlungsfinale und des Rätsels Lösung halten dem hohen Gesamtniveau von „Buberlpartie“ nicht ganz stand und gehen vor dem Hintergrund der thematischen Brisanz des letzten Krimis von Hartlieb ein wenig unter. Trotzdem ist „Buberlpartie“ ein gut recherchierter und gut geschriebener Kriminalroman mit vielen versteckten Referenzen auf die Realpolitik der Gegenwart, der im Unterschied zu dem Vorgängerroman „Freunderlwirtschaft“ auf den Wiener Schmäh verzichtet, denn über die Gefahr von Rechts lässt sich schwer witzeln.

Petra Hartlieb: Buberlpartie. Dumont Verlag, Köln 2026. 384 Seiten, broschiert, 18 Euro.

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Wüste Collage

(JF) Mysteriöse Leichenfunde, irre Rachepläne und der reichste Mann der Welt. Mit dabei ein Popstar von zweifelhafter Identität, ein traumatisierter Ex-Polizist und zwei Hunde. Und das ist natürlich noch nicht alles. Denn Timo Blunck bedient sich für seinen zweiten Kriminalroman Neon Baby hemmungslos im Fundus der sensationalistischen Spannungsliteratur unserer Tage. Dabei bemüht er sich nicht sonderlich, seine Fundstücke aufzupolieren, sondern gestaltet aus den schwer verstaubten und teils angeschlagenen Handlungselementen eine wüste Krimicollage.

Schon in seinem Genre-Debüt „Ein kleines Lied vom Sterben“ spielte Blunck auf ebenso gruselige wie amüsante Weise mit Versatzstücken gleich mehrerer Genres, ein Verfahren, das in „Neon Baby“ auf über 400 Seiten noch einmal verschärft zur Anwendung kommt. Im Mittelpunkt steht wieder Tom Mangold, von Alpträumen geplagter, ehemaliger Top-Ermittler, der sich seit seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst mit einem Hausmeisterjob über Wasser hält. Aber sein Leben bleibt gefährlich. War er im Vorgängerroman nur knapp einer männermordenden Amateurköchin entkommen, sieht er er sich nun einem ganzen Ensemble moralisch derangierter Individuen gegenüber. Menschenjagd heißt der Freizeitsport, für dessen Ausübung sie gerne tief in die Tasche greifen. Was angesichts ihres unermesslichen Reichtums kein Problem darstellt. Dass sie ihre Gegner unterschätzen, allerdings schon.

Außerdem befinden wir uns in einem fiktiven Raum, wo zumindest kurzfristig das Gute siegt. Aber auch das wirkt im Kontext dieses bemerkenswerten kriminalistischen Erzählexperiments letztlich wie ein Zitat aus zweiter Hand. In der „grimmen Realität“, von der Timo Blunck in seinem Nachwort spricht, sieht das anders aus.

Timo Blunck: Neon Baby. Emons, Köln 2026. 415 Seiten, 18 Euro.

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Der tödliche Fluch der Exlibris

(rok) Wer Bücher liebt, für den ist dieser historische Kriminalroman ein Muss. Erst recht gilt das für die Minderheit unter den Bücherliebhabern, die ihre Schätze mit einem Exlibris veredeln. Denn um einen wertvollen – und tödlichen – Satz Exlibris hat Kai Meyer eine generationenübergreifende Geschichte gewoben, die 1913 in Leipzig beginnt und über die dunklen 30er bis in die 70er Jahre ins mondäne Monaco führt.

Zugleich setzt Meyer mit Das Alphabet der Masken der Literaturstadt Leipzig ein Denkmal. Schon auf den ersten Seiten stellt er das Graphische Viertel mit seinen über zweitausend Betrieben vor, das 1943 bei einem Luftangriff fast vollständig zerstört wurde.

Doch zurück in das reiche Leipziger Druck- und Verlagshaus von Richard Akenfeld. Aus der deutschen Südseekolonie, den Salomonen, ist er nach Leipzig zurückgekehrt, um den Betrieb zu übernehmen. Sein „Mitbringsel“, Amalia, die dunkelhäutige Tochter seiner weißen Frau, ist nicht willkommen. Anders als seine geliebte weiße Tochter Vineta wird sie bald aus dem Haus in ein Internat abgeschoben.

1930, nach Akenfelds Tod, stößt Amalia in der Bibliothek ihres Stiefvaters auf sieben rätselhafte Exlibris mit Buchflüchen und bizarren Masken. Sie will mehr über die Künstlerin herausfinden. Als kurz darauf im Hause Akenfeld brutale Morde geschehen, gerät Amalia unter Verdacht und muss fliehen.

Danach springt der Autor ohne Vorwarnung in die 70er Jahre. Wir finden uns im Appartement eines Serienschriftstellers wieder, der es sich mit seinen Tantiemen in Monaco gut gehen lässt, aber nicht Simmel heißt. Bei ihm ist sein Neffe Timm zu Gast. Timm erhält von der Nachbarin, einer gealterten Baronin, den Auftrag, mehr über die Masken-Exlibris und ihre Schöpferin herauszufinden. Kurz darauf ist die Baronin tot. Eine Warnung, die Vergangenheit ruhen zu lassen?

Mit Nada, der Unterhalterin der Baronin, seinem Onkel und dessen altem Mercedes beginnt eine Suche nach dem Geheimnis hinter den Exlibris. Dabei stößt das ungleiche Trio aus Alt und Jung auf versteckte Raubbibliotheken der Nazis und kommt unter Lebensgefahr der verborgenen Vergangenheit aus den 30er und 40er Jahren immer näher.

Meyer wechselt immer wieder die Zeitebenen und spart nicht an Morden und Cliffhangern. Die Handlung ist atmosphärisch dicht geschrieben und spannend vernetzt. Allerdings kommen so viele Figuren und Handlungsstränge zusammen, dass man hin und wieder Mühe hat, den Überblick zu behalten. Weniger wäre mehr gewesen. Trotzdem bin ich sowohl den Protagonisten in den 30er Jahren als auch denen in den 70ern mit großer Lesefreude gefolgt. Vielleicht, weil „Das Alphabet der Masken“ kein deutscher Krimi mit dem üblichen, oft recycelten Füllmaterial ist, sondern ein Kriminalroman, mit Schwerpunkt Roman. Einer, der uns mit Momenten der Vergangenheit konfrontiert, die lebendig bleiben sollten.

Kai Meyer: Das Alphabet der Masken. Knaur, München 2026.

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Vorzügliche literarische Landeskunde

(JF) Doch, es gibt einen Plot. Und der ist sogar ziemlich clever. Vor allem im letzten Drittel. Aber was Wir jagen Schatten, den neuen Roman aus der Krimimanufaktur des englischen Erfolgsautors und Fernsehmoderators Richard Osman zur vergnüglichen Lektüre macht, ist weniger die Handlung als das Drumherum. Ein fiktives England, das seinem realen Vorbild verblüffend ähnlich sieht, bevölkert von eindimensionalen, aber umso sympathischeren Figuren. Von Steve, dem pensionierten Polizisten mit einer Vorliebe für Tankstellenkost, Heavy Metal und das wöchentliche Pubquiz, über seinen Freund Tony, der sämtliche Straßenkarten des Vereinigten Königreichs auswendig zu kennen scheint, bis zu seiner Schwiegertochter Amy, in einem früheren Leben eine bestens ausgebildete und hochbezahlte Leibwächterin. Und nicht zu vergessen Rosie, Autorin von millionenfach verkauften Thrillern, die einen kleinen Teil ihres Vermögens in eine Detektei mit dem vielversprechenden Namen „Wir finden Mörder“ investiert hat.

Wie es dazu kam, erzählt der erste Teil der Serie, die Richard Osman nach dem überwältigenden Erfolg seines „Donnerstag Mordclubs“ begonnen hatte. Im jetzt vorliegenden zweiten Teil gibt es den ersten richtigen Auftrag für das neue Unternehmen. Ein zwielichtiger Unternehmer, der sein Geld mit wirkungslosen Nahrungsergänzungsmitteln macht, glaubt, dass ihm ein Konkurrent ans Leben will. Und wieder geht es von der englischen Provinz in die große weite Welt, wo sich ein Gewohnheitstier wie Steve ziemlich unwohl fühlt. Aber, wie gesagt, die Handlung ist zweitrangig.

Osmans große Kunst ist die Gestaltung erfrischend sinnfreier, aber gerade deshalb authentisch wirkender Dialoge. Dazu kommt ein Händchen für angemessene Situationskomik und milde Zeitkritik. Um die richtig zu verstehen, sollte man allerdings mehrere Nachmittage englisches Fernsehen schauen. Vor allem ITV3, wo bevorzugt alte Krimiserien gezeigt werden Dabei gilt es, besonders auf die Werbeblöcke achten, die Kreuzfahrten, Treppenlifte und Sterbegeldversicherungen anpreisen. Es schadet aber auch nicht, zwischendurch mal auf eine der beliebten Spielshows auf einem anderen Kanal umzuschalten. Denn damit hätte man schon einen großen Teil der Welt, in der sich Steve und seine Freunde bewegen, wenn sie nicht gerade Mörder jagen, erfasst. Und noch mehr Spaß an diesem von gleich drei Übersetzerinnen vorzüglich ins Deutsche gebrachten Stück literarischer Landeskunde.

Richard Osman: Wir jagen Schatten (We Chase Shadows, 2026). Aus dem Englischen von Sabine Roth, Elke Link und Regina Rawlingson. Ullstein, Berlin 2026. 427 Seiten, 18 Euro.

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Friedemann Hahn Melancholia

Schwärzer kann der Tann nicht sein

(AM) Keine Besprechung, dafür kam das Werk zu spät auf den Tisch. Aber die Ankündigung einer solchen. Friedemann Hahn, der Noir-Maler schreibt einen Noir, einen tief im Existentialismus verhafteten Thriller. Alles ist offen … rien ne va plus. Der Tatort: Deutschland im Nebel. Mörderland. Das Dreiländereck im Südwesten. Elsass, Nordwestschweiz, Südbaden. Die Geschichte spielt im Oberrheintal und im Schwarzwald, aber auch das Elsass kommt ins Spiel, Straßburg und Rhinau, auf deutscher Seite Baden-Baden und Kehl. Die Hauptfigur ist Oskar LaBeouf, Der Affe, Ex-Fremdenlegionär, Berufsverbrecher.

In gewisser Weise ist Melancholia. Im Schatten des Affen eine fortgeschriebene Geschichte der Romane „Foresta Nera“ und „Matadero“ (zur Zeit arbeitet er an „Sang et Merde – Letztes Requiem für Colmar“). Der Noir-Maler entwirft eine Cut-Up-Welt, die William Seward Burroughs, Jürgen Ploog (Cola-Hinterland), Frank Göhre (Kieztrilogie), Andrew Vachss (Eisgott), Michael Herr (Dispatches – An die Hölle verraten) und all den anderen verpflichtet ist, die Hahn seit seiner Zeit als Underground-Poet (Fick in Gotham City, Anarcho – Er kannte kein Gesetz), begleitet, liebt und verehrt.

Und über allem schwebt der Comik-Forscher Heisenberg, mit dessen Tochter Vreni der zukünftige Noir-Maler und Melancholia-Poet ein paar Jahre im Schwarzwald die Schulbank drückte, natürlich ritt er – nach eigenen Angaben – auf Heisenbergs Shetlandpony durch den Englischen Garten, gefilmt von Henning von Gierke, dem Herzog- und Wagner-Adepten; das war 1967. Über seinen Roman „Foresta Nera“ habe ich 2018 hier geschrieben.

Friedemann Hahn: Melancholia – Im Schatten des Affen. Roman. KILLROY media, Ludwigsburg 2026. 304 Seiten, 19,90 Euro.

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Metzelepos, mit einem Lächeln

(JF) Dank ihre Geschicks mit dem Fleischermesser avanciert die arbeitslose Metzgerswitwe Shim Eunok in nur kurzer Zeit zur erfolgreichen Auftragskillerin. Arbeit gibt es reichlich, denn in dem fiktiven Südkorea des bizarren Thrillers Die talentierte Frau Shim werden Probleme privater oder geschäftlicher Natur gerne durch Mord gelöst. Dass in einer Triggerwarnung darauf hingewiesen wird, das Buch enthalte „Darstellungen von Gewalt gegen Kinder und Erwachsene“, ist daher nicht zu viel versprochen.

Das Blut fließt in Strömen. Denn nicht nur Smile, die angebliche Detektei, bei der Frau Shim angeheuert hat, verdient an dem florierenden Geschäft mit dem Tod. Ein Konkurrenzunternehmen namens Happy Plannings verfügt ebenfalls über talentiertes Personal und kann sich über einen Mangel an Aufträgen nicht beklagen. Dass es zum Konflikt zwischen den beiden Unternehmen kommt, liegt nahe. Verkompliziert wird die Angelegenheit durch familiäre Bande, deren Natur hier nicht erläutert werden soll. Verraten sei nur, dass die koreanische Erfolgsautorin Kang Jiyoung ihr Metzelepos mit einem Lächeln enden lässt.

Erzählt wird die vielfach verästelte Geschichte in 22 Kapiteln, die jeweils aus autobiografischen Berichten der handelnden Figuren, von denen manche mehrfach zu Wort kommen, bestehen. Wer narrative Herausforderungen mag und über ein gutes Gedächtnis für Namen und Details verfügt, wird sich bestens unterhalten. In Südkorea jedenfalls, einem Land mit einer ausgesprochen niedrigen Mordrate, ist das Buch ein Bestseller. Jetzt erscheint es weltweit in zwanzig Sprachen. Ob es allerdings ähnlich wie K-Pop und Kimchi global erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten.

Kang Jiyoung: Die talentierte Frau Shim (Mrs Shim Is a Killer, 2022). Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. Eichborn, Köln 2026. 350 Seiten, 24 Euro.

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