
Gar nicht so kurze Kurzbesprechungen von Joachim Feldmann (JF), Roland Keller (rok), Alf Mayer (AM) und Frank Rumpel (rum). Für die einzelnen Besprechungen bitte nach unten scrollen:
Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel
Candice Fox: Outback Killers
Sacha Jacqueroud: Erpressen erlaubt
Katja Kleiber: Fataler Fall. Ein Frankfurt-Krimi
Denise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-Roman
Dror Mishani: Nicht
Megan Nolan: Kleine Schwächen
Hendrik Otremba: Der Gräber
Byron Preiss (Hg.): Raymond Chandler’s Philip Marlowe. New Philip Marlowe Stories from Some of the World’s Leading Mystery Authors (1989)
Maciej Siembieda: Katharsis
Brigitte Tast, Hans-Jürgen Tast: Großmutter, warum hast du so große Hände? Kulleraugen Heft 60
Matthias Wittekindt: Die Tote im Hafen. Ein Fall für die Küsten-Kommissarinnen
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Die Bloody Chops im April 2026: Garry Disher: Zuflucht/ Alexander Eden: Die Hoteldetektivin/ Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte/ Louise Hegarty: Fair Play/ Matiás Néspolo: 7 Arten, eine Katze zu töten/ Mark SaFranko: Dear Professor Romance/ Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht/ Malin Thunberg Schunke: Tödliche Felder/ Sophie Sumburane: Keine besonderen Auffälligkeiten/ Vincent Tal: Tainted Love.
Die Bloody Chops im März 2026: M. W. Craven: Die Witwe/ Michael Idov: Das Riga-Komplott/ Ken Jaworowski: What about the Bodies/ Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin/ Wilfried Owen: Die Erbärmlichkeit des Krieges/ Gustavo Faverón Patriau: Minimosca/ Jacob Weinreich, Lars Findsen: Dunkelmann.
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Unsere Bloody Chops im Mai:

Perfekt konstruiert
(JF) Talon Crest, 18, fällt auf ein Fake-Profil im Internet herein. Ex-Soldat Harvey Buck, hochdekorierter Veteran des Afghanistan-Krieges, merkt erst, dass ihm eine perfide Falle gestellt wurde, als es zu spät ist. Und die clevere Puppenrestauratorin Clare Holland weiß nach 15 freudlosen Ehejahren immer noch nicht, was ihr da eigentlich passiert ist. Edna Norris hingegen, eine von zwei Polizistinnen in einer gottverlassenen Region des australischen Outbacks, hat einen ziemlich klaren Blick auf die Dinge. Und keinen Respekt vor aufgeblasenen Autoritätspersonen.
Was passiert, wenn diese vier Figuren im sprichwörtlichen Niemandsland aufeinandertreffen, während sie sich skrupelloser Bösewichter erwehren müssen, erzählt Candice Fox auf furiose Weise in ihrem neuen Thriller Outback Killers. Die Schurken sind Harveys ehemalige Kameraden, die sich einen diabolischen Plan ausgedacht haben, um sich für etwas zu rächen, das er ihnen vor Jahren angetan hat. Auch ihm ging es damals um Vergeltung. Allerdings aus einem nachvollziehbaren Motiv. Ob das als Rechtfertigung für seine Methoden ausreicht, ließe sich aus guten Gründen bezweifeln. Doch zu moralphilosophischen Überlegungen Anlass zu geben, ist nur ein, natürlich willkommenes, Surplus dieses perfekt konstruierten Thrillers, der seine Leserinnen und Leser von der ersten Seite an fest im Griff hat.
Und auch wer meint, mit dem Genre hinreichend vertraut zu sein, darf sich darauf einstellen, gelegentlich kalt erwischt zu werden.
Candice Fox: Outback Killers (High Wire, 2024). Aus dem australischen Englisch von Andrea O’Brien. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. Klappenbroschur, 430 Seiten, 18 Euro.
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Lektürevergnügen
(JF) Raymond Chandlers einsamer Detektiv Philip Marlowe ist ein Mann mit Moral, davon war sein Erfinder überzeugt. „Von keinem Menschen“ würde er „schmutziges Geld“ annehmen und wer seinen Stolz nicht respektiere, dem werde es „bald leid tun, ihn kennengelernt zu haben“. So einer hat das Zeug zum mythischen Helden. Dass er auch zu einer Marke wurde, deren Nutzung von seinen Nachlassverwaltern akribisch kontrolliert wird, hat sich der 1959 verstorbene Chandler wahrscheinlich so nicht vorgestellt.
Seit vielen Jahren erscheinen lizenzierte neue Abenteuer des ritterlichen Privatschnüfflers, unter den Autoren literarische Schwergewichte wie der Ire John Banville als Benjamin Black. Dennoch stoßen Franchise-Unternehmen dieser Art nicht immer auf das Wohlwollen der Kritik. Das war auch Denise Mina klar, die als erste Frau den Auftrag zu einem Marlowe-Roman erhielt. „Vielleicht hätte ich das Buch besser nicht geschrieben“, erklärte sie in einem Interview. Schließlich sei sie Schottin und nur ein Fan. Die Ironie ist nicht zu überhören. Denn die selbstbewusste Autorin zeigte sich der Aufgabe mehr als gewachsen.
Die große Hitze ist klassischer Marlowe mit einem feministisch-queeren Twist. Der Detektiv soll die verschwundene Tochter eines sadistischen Millionärs finden und nach Hause bringen. Ersteres stellt sich als sehr leicht heraus, die zweite Aufgabe ist nicht so leicht zu bewältigen. Was nicht nur mit Marlowes Gewissen zu tun hat. Die junge Frau ist in einen mörderischen Plot um einen österreichischer Maler mit Nazi-Sympathien und seine eher stümperhaften, aber gewinnträchtigen Kunstwerke verwickelt. Aber wichtiger als die Handlung ist wie beim Original allemal die Sprache. Denise Mina beherrscht das bilderreiche Kunstidiom Chandlers aus vermeintlichem Straßenslang und Gangsterjargon perfekt. Und hat in ihrer Übersetzerin Elsa Laudan eine adäquate deutsche Stimme gefunden, was die Lektüre zu einem Vergnügen – nicht nur für nostalgisch veranlagte Fans des Genres – macht.
Denise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-Roman (The Second Murderer, 2023). Deutsch von Else Laudan. Ariadne Verlag, Hamburg 2026. 300 Seiten, 24 Euro.
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Mach’s nochmal, Philip Marlowe
(AM) Das großartige Raymond-Chandler-Pastiche „Die große Hitze“ von Denis Mina hat auch mir alte Lektüreerfahrungen wachgerufen, ich kann die Begeisterung nachvollziehen, die Ariadne-Verlegerin Else Laudan erfasst haben muss, sich in den Sprach- und Metaphernkosmos dieses Autors zu vertiefen. Fast beneide ich sie um den Spaß, den sie beim Übersetzen gehabt haben muss – nun ja, eine Heidenarbeit war es auch. Aber was für eine bravouröse Übersetzung, schön wie ein Pfirsich, den der Obsthändler am Morgen für sich selbst auf die Seite legt, um mit Chandler zu sprechen. Das Buch enthält als Extra ein schönes Interview, das die L.A.-Kennerin Nancie Clare mit Denise Mina geführt hat. Sie fragt, ob Mina als bekennende Feministin wegen Chandlers Schwäche für toxische Männlichkeit nicht irgendwelche Bedenken gehabt habe, den Geist von Philip Marlowe wieder herauf zu beschwören. Antwort: „Nein. Keinerlei Bedenken. Um gegen das Toxische anzuschreiben, hab ich ja vor 25 Jahren angefangen, Kriminalromane zu verfassen. Es fühlt sich triumphal an!“
Vielleicht findet sich ja Gelegenheit, die Philip-Marlowe-Beschwörung einer weiteren Ariadne-Autorin, nämlich Sara Paretsky, wiederzuveröffentlichen. Ihre Marlowe-Kurzgeschichte „Dealer’s Choice“ erschien 1988 in der Anthologie Raymond Chandler’s Philip Marlowe. New Philip Marlowe Stories from Some of the World’s Leading Mystery Authors, zu Chandlers hunderstem Geburtstag von Byron Preiss im New Yorker Verlag Alfred A. Knopf, in dem alle Romane dieses Autors in Erstauflage erschienen. Der Auftakt ist klassisch: „She was waiting in the outer office when I cam ein, sitting with a stillness that made you think she’d been planted there for a decade or two and coukd make it tot he twenty-first centruy if she had to. She didn’t move when I came in except to flick a glance at me under the veil that had built a nest in her shiny black hair. She was all in red…“ Im kleinen Nachwort verrät Sara Paretsky, dass Chandler es war, der sie sich eine weibliche Krimiheldin wünschen ließ. Chandler war es, der ihr den Anstoß zur Erfindung von V.I. Warshawski gab.
Die Anthologie enthält auch Marlowe-Geschichten von Julie Smith und der heute vergessenen Autorin Joyce Harington, dazu welche von James Grady, Paco Ignacio Tibo II, Robert Crais, Ed Gorman, Roger L. Simon, Loren D. Estleman, Benjamin M. Schutz, Dick Lochte, John Lutz, Stuart M. Kaminski, Robert Campbell oder Eriv Van Lustbader und natürlich, unvermeidlich, Max Allan Collins. Meine Ausgabe ist das britische Taschenbuch von Futura/ Bloomsburg. 1999 erschien eine zweite Auflage, um zwei weitere Stories ergänzt und so die 25 voll zu machen, dazu ein Vorwort von Robert B. Parker. 2019 kam eine von Helmut Gerstberger und Christian Dörge übersetzte deutsche Ausgabe heraus: 636 Seiten stark, bei Apex Crime, München. Vorwort vom Chandler-Biografen Frank McShane.
Byron Preiss: Raymond Chandler’s Philip Marlowe. New Philip Marlowe Stories from Some of the World’s Leading Mystery Authors. 23 Stories. Futura/ Bloomsburg, London 1990. Paperback, 478 Seiten, damals 4.99 GBP.
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Zwischen Poesie und Ironie
(JF) Gleich drei Ermittlerinnen, allesamt alleinerziehende Mütter, treten in Matthias Wittekindts neuem Roman „Die Tote im Hafen“ auf den Plan, um einen ziemlich verzwickten Mordfall aufzuklären. Obwohl es zunächst nicht danach aussieht, dass sich die Tätersuche sehr schwierig gestalten würde. Denn noch bevor die Identität einer Frauenleiche, die vor Wilhelmshaven im Netz eines Krabbenkutters gelandet ist, geklärt werden kann, sitzt der erste Tatverdächtige im Verhörraum. Doch der kann es nicht gewesen sein. Dessen sind sich die mit dem Fall befassten Polizistinnen, Nadine Pohl und ihre Kollegin Sandra, schon bald sicher. Dass sie ihn dennoch weiter befragen, liegt daran, dass er sich wahrscheinlich anderer Verbrechen, deren Opfer ebenfalls weiblich waren, schuldig gemacht hat.
Der Mörder ist also weiterhin auf freiem Fuß. Und vielleicht sogar wie Kriminaloberkommissarin Ina Maiwald aus Bremen einer der Passagiere an Bord des restaurierten Dampfschiffs Sphinx, das zu diesem Zeitpunkt die norwegische Küste entlangfährt. Die Reise ist eine PR-Veranstaltung mit handverlesenen Gästen. Ina ist eingeladen worden, weil sie als Betreiberin eines True-Crime-Podcasts mit für die abendliche Unterhaltung sorgen soll. Als Kriminalistin ist sie allerdings erst gefordert, als plötzlich eine Mitreisende von Bord verschwindet.
Wie all das zusammenhängt, erläutert der als eigenständige Figur auftretende Erzähler in einem zwischen Poesie und Ironie changierenden Plauderton, von dem man nicht auf Harmlosigkeit schließen sollte. Denn was in diesem besonderen Kriminalroman verhandelt wird, ist nichts weniger als die aktuellen Geschlechterverhältnisse. Allerdings auf sehr subtile Weise. Und, vor allem in den Dialogen, nicht ohne Komik.
Matthias Wittekindt: Die Tote im Hafen. Ein Fall für die Küsten-Kommissarinnen. Kampa Verlag, Zürich 2026. 286 S., 18,90 Euro.
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Keine Schwächen
(WB) Megan Nolans „Kleine Schwächen“ (bei Kjona in der sehr lebendigen Übersetzung von Stefanie Ochel) hat im Grunde keine Schwächen. Die irische Schriftstellerin, die hier zulande wenig bekannt ist, erzählt ein Familiendrama aus der tristen Realität Englands am Anfang der 90er Jahre und macht dabei ein großes und aktuelles Themenfass auf. Denn es geht in dieser facettenreichen Geschichte nicht nur um verschiedene Formen der Gewalt, sondern auch um Kinderkriminalität.
Kinderverbrechen?, fragen Sie sich, da läutet doch was. Erst im letzten Jahr lief auf Netflix die vierteilige Streamingserie „Adolescence“, die vor allem in Großbritannien die Debatte um Jugendkriminalität neu entfacht hat. Konzentriert sich jedoch „Adolescence“ auf solche Problemfelder wie die jugendliche toxische Männlichkeit, Misogynie oder elterliche Überforderung, die zum Mord an einer minderjährigen Grundschülerin führen, interessiert sich Nolans Roman für gesellschaftliche Systemfehler und das soziale Drumherum, infolge dessen die 10-jährige Lucy bezichtigt wird, ein Kleinkind aus der Nachbarschaft Südlondons getötet zu haben. Die Beschuldigung gilt für den (Boulevard-)Journalisten Tom, der eine Skandalschlagzeile nach der anderen wittert, als Stein des Anstoßes sich, sich der Sache anzunehmen, die Familienangehörigen be- und auszufragen, ohne – paparazzomäßig – auf Verluste zu schauen. Kommentierungen und persönliche Storys werden monetisiert, das Private steht frei zum Verkauf.
Die irische Herkunft Lucys und deren Mutter spielt eine Rolle, die Alkoholabhängigkeit ihres Onkels Richie, ihr soziale Ausgrenzung und Underclass-Status, ihre Chancenlosigkeit, in der englischen Community anzukommen, zumal sie wegen des Mordverdachts sofort ins Fadenkreuz geraten.
Megan Nolan zeichnet ein Gesellschaftsbild Englands, das man pathologisch nennen kann (Schwangerschaft unter Teenagern, Abtreibungsexperimente, Frauenfeindlichkeit). Die Abnormalität wird dabei nicht als individuelle Erscheinung, sondern als strukturelle dargestellt. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit diversen reportageähnlichen Erzählverfahren (Interviews, Protokolle, Zeugenaussagen, Presseartikel etc.) schildert Nolan am Beispiel eines Tötungsfalles und der Art und Weise des medialen und öffentlichen Umgangs damit, wie schnell bestimmte Gesellschaftsschichten stigmatisiert werden.
Kleine Schwächen ist ein Causa-Roman, der zwar keine direkten Antworten liefert, aber auch kein literarisches Whataboutismus betreibt, sondern einleuchtend eine Gesellschaft am Abgrund ihrer Gesellschaftlichkeit anvisiert.
Megan Nolan: Kleine Schwächen (Ordinary Human Failings, 2023). Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. Kjona Verlag, München 2026. 256 Seiten, 24 Euro. – Siehe auch die Besprechung von Frank Schorneck in unserer April-Ausgabe, d. Red.
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Zuerst ein Spatenstich, am Kraterrand
(AM) Dieser Roman schleudert einen ganz schön weit weg, ohne Anhalten durch die Galaxis, ans Ende des Dritten Weltkriegs und zurück. Mitten in unsere Gegenwart. Hendrik Otremba, ohnehin schon längst so etwas wie ein Gesamtkunstwerk, hat das Zeitreisen perfektioniert, kann mitten im Satz die Welten wechseln. Sein Protagonist Oswalth Kerzenrauch, Der Gräber genannt und damit auch Lieferant des Titels, erinnerte mich mit seiner Fähigkeit, unsere Geschichte ans Tageslicht zu befördern und sinnhaltig zu machen, öfter an den Blechtrommler Oskar Mazerath. Der Roman von Günther Grass stammt aus dem Jahr 1959. Zeit also, eine neue Musik aufzulegen.
Hendrik Otremba ist dafür der Richtige. Er ist Solosänger der Gruppe Messer, für sein erstes Soloalbum Riskantes Manöver (2023) schuf er die Kunstfigur ’66 (Sixtysix ausgesprochen), eine Art Zeitreisenden. Im Wintersemester 2023/24 hatte Otremba die Poetikdozentur der Uni Münster inne. »Das dronische Erzählen«(ebenfalls im März Verlag erschienen) nannte er dort seine Einführung. Damit charakterisierte er seine Perspektive; erklärte, wie er sich zwischen Malerei, Fotografie und Musik, zwischen literarischem und lyrischem Text bewegt. Wie eine freifliegende Drohne, mal sichtbar, mal unentdeckt, mal passiv, mal mit Einfluss auf das Geschehen.
Als die letzten Menschen die Erde verlassen, bleibt »Der Gräber« allein zurück in den Ruinen Berlins, die Weltzeituhr am Alexanderplatz unter dem Torso des gefallenen Fernsehturms begraben. »Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muss sich verhalten wie in Mann, der gräbt«, zitiert das Motto dieses erstaunlichen Romans Walter Benjamin. Bei dem geht dieser Satz weiter: »Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen – ihn auszubreiten wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt.“ Es ist der Beginn seines berühmten Denkbildes »Ausgraben und Erinnern«, entstanden um 1932.
Lesen und erinnern und dabei sein, wie einer eine Sprache findet für das, was unmöglich scheint, das schenkt einem dieser Roman. Der fröhlich wiederauferstandene, sich bestens präsentierende März-Verlag sendet damit ein Leuchtzeichen in die deutsche Literaturlandschaft.
Hendrik Otremba: Der Gräber. März Verlag, Berlin 2026. 275 Seiten, Hardcover, 24 Euro.
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Vexierspiel erster Güte
(JF) Ein Freitagmorgen in der schwedischen Provinz Halland. Es ist der 3. März 2023. Im Radio debattiert man über die aktuelle Verteidigungslage des Landes. Ein Schriftsteller sitzt am Schreibtisch und starrt auf den blanken Bildschirm seines Computers. Literarisch produktiv ist er schon seit längerer Zeit nicht mehr, sein Verleger ist besorgt. Irgendwann schaut der Schriftsteller auf eine Telefon, das die ganze Nacht auf dem Küchentisch gelegen hat. Zwei verpasste Anrufe und eine SMS von seinem Freund und Kollegen Johan Oskarsson, den er lange nicht gesehen hat, obwohl dieser nur wenige Kilometer entfernt wohnt. Dass es dafür einen Grund gibt, wird nur angedeutet. Wenig später klingelt das Telefon und der Schriftsteller erfährt, dass Oskarsson vermutlich Selbstmord begangen hat.
Der Auftakt zu dem vielschichtigem Kriminalroman Hinter dem Nebel von Christoffer Carlsson gibt den Ton vor für das, was folgen wird. Bemerkenswert ist schon die Verschiebung der Erzählzeit gegen Ende des ersten Kapitels. Der namenlose Schriftsteller erklärt, dass der Vorfall inzwischen fast ein Jahr zurückliege und er in dieser Zeit „neuen Ordner zusammengetragen“ habe, von denen er ab und zu träume. „Und von dem Mord.“ Denn er hat keinen Zweifel, dass es sich bei Oskarssons angeblichem Suizid um ein Gewaltverbrechen handelte, dessen Motiv mit seinem letzten Projekt, einer Biografie der berühmten Schriftstellerin Ingrid Klinga, zu tun haben könnte. Und eben diese Autorin hat der Erzähler selbst mehr als zwanzig Jahre zuvor, gerade war sein Debütroman erschienen, für eine Kulturzeitschrift interviewt. Was er dabei erfuhr, ist Anlass für einen weiteren Zeitsprung zurück in die späten 1950er Jahre. Ingrid Klinga, mittlerweile Mitte sechzig und vom Literaturbetrieb schon fast vergessen, erinnert sich an ihr Studium in Uppsala, eine Zeit des politischen Aktivismus und des Verrats. Denn die junge Frau aus der Provinz, die eigentlich nur schreiben möchte, gerät aufgrund ihrer Kontakte zu einer oppositionellen studentischen Gruppe sehr schnell ins Visier gleich mehrerer Geheimdienste. Und es gibt Tote.
Carlssons Roman entwickelt sich spätestens ab hier zu einem narrativen Vexierspiel erster Güte. Vermeintliche Realität entpuppt sich als Täuschungsmanöver. Und über allem schwebt die große Frage nach der Wahrhaftigkeit literarischer Fiktionen angesichts konkreter Bedrohungen. So liest sich „Hinter dem Nebel“ auch als ebenso kunstvoller wie nachdenklicher Kommentar zu den existentiellen Krisen unserer Zeit.
Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel (En liten droppe blod. 2025) Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. Rowohlt Kindler. Hamburg 2026. 460 Seiten, 25 Euro.
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Assoziativ im Märchenwald
(AM) Eigentlich war es überfällig. Im sechzigsten Heft der »Kulleraugen« geht es in den Wald, den Märchenwald. Das ungewöhnliches Zeitschriftenformat, nennen wir es eine Heftreihe, existiert seit den frühen 80er Jahren, ist oft als Text-Foto-Essay konzipiert und wird vom Fotografen Hans-Jürgen Tast herausgegeben. Themen sind Populärkultur, Filmgeschichte, Medienkunst und visuelle Alltagskultur, die Ausflüge immer wieder überraschend. Wir waren schon beim Fehmarn-Festival 1970, dem deutschen Woodstock (Heft 41), mit Jimi Hendrix in Marokko, mit Orson Welles in Essaouira, bei Schauspielerinnen wie Sybille Schmitz, Brigitte Bardot, Marion Michael und Frances Farmer oder ganz einfach im Büro (Nr. 54).
Oft geben die Bilder von Brigitte Tast den Ariadnefaden, sie hat als eine eigene Erzählform «Dia-Geschichten« entwickelt und im Lauf der Jahre einige ziemlich besondere Fotobücher veröffentlicht: 2011 «Die Hüterin des Weiß«, 2020 «Rot in Schwarz-Weiß«, 2024 «Durch Schwarz und Weiß«, bei uns hier und hier besprochen.
Großmutter, warum hast du so große Hände? folgt dem Märchen vom Rotkäppchen. Stimme geben ihm Auszüge aus »Blaubarts Zimmer« von Angela Carter (1985) und vor allem die visuelle Assoziationskunst der Tasts. Die ist auf diesen 60 Seiten meisterhaft verdichtet, schafft Resonanzraum für das Unsagbare, korrespondiert immer wieder mit Brigitte Tasts fotografischem Werk, verbindet sich mit anderen Bildebenen. Durchaus witzig, wenn auch beklemmend, die Bilder von Männerrevieren. Auch die rehbraunen Augen, die einem CDU-Spitzenkandidaten so sehr gefielen, finden Referenz. Und überhaupt: »Bevor er ein Wolf werden kann, muß der Werwolf sich splitternackt ausziehen. Wenn du also einen nackten Mann zwischen den Tannen erblickst, so musst du rennen, als wäre der Teufel persönlich hinter dir her.« (Angela Carter)
Märchen, besonders das vom Rotkäppchen, rühren an verborgen-verdrängte Fragen der eigenen Identität. Wie bei einer beschlagene Scheibe wischt der Assoziationsstrom des Heftes und sein oft weiblicher Blick immer neue Sichtachsen frei – »sich in die eigene Nacht flüchten, ins Scherbenreich des schwarzen Nichts … die Aufregung des Ungehorsams … das Suchen nach Einlassen… die Angst, immer wieder alles zu verlieren«.
Und einmal heißt es, als wäre es ein Graffiti:
Insta,
warum hast du
ein so großes
Maul?
Brigitte Tast, Hans-Jürgen Tast: Großmutter, warum hast du so große Hände? Kulleraugen – Visuelle Kommunikation, Nr. 60. Kulleraugen-Medienschriften, Schellerten 2026. 60 Seiten, durchgängig farbig illustriert, 8,90 Euro.
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Schweizer Polit-Mafia
(rok) Mit „Erpressen erlaubt“ legt der Schweizer Journalist Sacha Jacqueroud nach „Töten erlaubt“ seinen zweiten Politkrimi vor, in dem die Journalistin Désirée Winter tief in die Machenschaften zwischen Politik und Wirtschaft einsteigt.
Es geht um nichts weniger als einen kleinen Staatsstreich, in dessen Mittelpunkt die Schweizer Post steht. Kräfte in Politik und Management versuchen, den halbstaatlichen Dienstleister gegen Widerstände international aufzustellen – auf Kosten des Wettbewerbs innerhalb der Schweiz.
Die ersten Opfer wären kleine Zeitschriften, die sich das Porto nicht leisten können.
Autor Jacqueroud traut sich für Schweizer Verhältnisse eine Menge: Er lässt den CEO der Post verschwinden und den Bundesrat vor Terrorangriffen evakuieren.
Zwischen den Fronten, auf der Jagd nach der Wahrheit, steht die Reporterin Winter mit ihrem Praktikanten Noël Affolter, der die Seiten gewechselt hat: vom Berner Kurier zur Pressestelle der Post.
Herausgekommen ist ein wilder, manchmal überdrehter, abgründiger Polit- und Wirtschaftskrimi, der zeigt, dass das System den Terror gegen sich selbst fleißig schürt.
Amüsanter Lesestoff, der das Warten auf Postsendungen oder die Langeweile auf Bahnfahrten verkürzt. Beim Lesen dürfte der Wunsch aufkommen, endlich einen solchen Thriller über die Abgründe im Management der Deutschen Bahn samt der politisch Verantwortlichen zu lesen. Damit ließe sich eine ganze Staffel an Thrillern füllen. Angefangen bei den Unglückstoten bei Garmisch, für die nur die Kleinen im System bestraft werden. Rachegelüste an der Spitze im Polit- und Managementsystem könnten auch von anderer Stelle kommen, etwa von Pendlern, denen die Bahn im Lauf ihres Arbeitslebens Wochen und Monate an Lebenszeit gestohlen hat.
Autoren, mutig ans Werk.
Sacha Jacqueroud: Erpressen erlaubt. Neptun Verlag 276 Seiten, Bern 2026. Klappenbroschur, 27,90 Euro.
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Musterbeispiel historisch grundierten Erzählens
(JF) Im Herbst1949, gegen Ende des griechischen Bürgerkriegs, erschießt der Anführer einer kommunistischen Miliz einen alten Hund. Ein Jahr später wird der Besitzer dieses Hundes zur Zwangsarbeit in einer polnischen Uranerzmiene verurteilt. Dass individuelle Ereignisse in einem kausalen Zusammenhang stehen, gehört zum ästhetischen Konzept historischer Romane. Angesichts eines nicht selten als sinnlos empfundenen geschichtlichen Prozesses hat die epische Verknüpfung fiktiver Biografien einen besonderen Reiz. Deshalb wundert es auch nicht, dass Kostas Tosidos, so der Name des Hundebesitzers, noch Jahrzehnte nach seinem frühen Tod zum Helden taugt, dem es durch eine singuläre Aktion gelingt, eine mögliche Katastrophe zu verhindern.
Katharsis, ein jetzt in deutscher Übersetzung im Wiener Polente Verlag erschienener Roman des polnischen Schriftstellers Maciej Siembieda, wird so zum Musterbeispiel historisch grundierten Erzählens. Über 70 Jahre, von 1920 bis 1990, erstreckt sich die Handlung des mehr als 600 Seiten umfassenden Buches, in dessen Zentrum die Geschichte einer griechischen Familie steht, die auf ihre Weise den Zeitläuften zu trotzen versucht. Dazu gehört nicht zuletzt ein vorsichtiges Paktieren mit den jeweils Mächtigen. Aber auch Widerstand, wenn er angebracht scheint. Oder der Zufall es so will. So bleibt manch einer, der so wie Kostas das Zeug zum Helden gehabt hätte, im Zwielicht. Der erfindungsreiche Autor versteht sich nämlich bestens auf die Darstellung von Figuren dubiosen Charakters.
„Katharsis“ ist ein genreübergreifendes Erzählwerk – teils Gangsterroman, teils Politthriller, teils Familienepos. Vor allem aber ein großartiges Kolportagestück von klassischem Format. Und es ist zu hoffen, dass die beiden Folgebände – es handelt sich nämlich um den ersten Teil einer Trilogie – nicht allzu lange auf sich warten lassen.
Maciej Siembieda: Katharsis ( Katharsis, 2022). Aus dem Polnischen von Ewa Krauss. Polente Verlag, Wien 2026. 630 Seiten, 24 Euro.
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Die Sache mit dem Hund
(rum) Der Hund ist weg. Für dessen Besitzerin ist das eine Katastrophe. Und für den, der dafür verantwortlich ist, ebenfalls. Denn der Mittfünfziger Eli in Dror Mishanis aktuellem Roman Nicht ist Witwer, war lange allein, hat nun durch Zufall die Musikerin Lia kennengelernt. Und die hat eben einen Hund, einen Kanaan-Mischling namens Felix, mit dem sie sich die Wohnung teilt. Die Beziehung zwischen Eli und Lia lässt sich vielversprechend an, doch als sie für ein Konzert nach Wien fliegt und er auf den Hund aufpasst, haut der ab, rennt über eine Straße und wird angefahren. Statt ihn zu einem Tierarzt zu bringen, bringt der völlig neben sich stehende Eli den sterbenden Hund auf eine Brache und verscharrt ihn. Den Teil freilich behält er für sich, erzählt, der Hund sei weggelaufen, nicht mehr aufzufinden.
Damit beginnen seine Probleme. Eli fühlt sich schuldig, versucht, das Geschehen zu vertuschen, findet Ausflüchte, verpasst etliche Gelegenheiten, reinen Tisch zu machen, entwickelt stattdessen sachte Paranoia. Hat ihn jemand gesehen, gefilmt, als er mit dem verletzten Hund in den Armen durch die Stadt irrte? Allmählich sieht er den erhofften, glücklichen Ausgang verblassen, kommt aber von seiner Geschichte nicht mehr weg. Selbst als Erpresser auftauchen und Lösegeld für den Hund fordern, bleibt er bei seiner Version. Und als schließlich die Polizei wegen der Erpressung ermittelt, droht ihm alles zu entgleiten.
Einen Kriminalroman zu schreiben, sei ihm nach dem 7. Oktober absurd erschienen, sagte Dror Mishani in einem Interview zu seinem 2024 auch auf Deutsch erschienenen, lohnenden Kriegstagebuch „Fenster ohne Aussicht“. Über ein Verbrechen zu schreiben, sagte er damals, mache für ihn angesichts tausender Toter im Gazakrieg keinen Sinn. Hier hat er nun das Kunststück fertig gebracht, einen Kriminalroman zu schreiben, ohne einen Kriminalroman zu schreiben. Kein Verbrechen, keine Ermittlung und doch ist all das da, geht es um Vertuschung, Lügen, die Unfähigkeit, eigene Fehler einzugestehen, um schleichenden Vertrauensverlust und den Umgang damit, sachte Verwerfungen im täglichen Miteinander.
Das ist leise und gekonnt erzählt, spannend und tatsächlich auch immer wieder überraschend. Der Erzähler, oder vielmehr die Erzählerin, die ihre Leserinnen und Leser mit Du anspricht, aber eigentlich Eli und seine Angst vor der Wahrheit meint, benennt sehr präzise die Zeitpunkte, an denen dieser sich noch hätte aus der Geschichte mit all ihren Konsequenzen winden können. Der aber entscheidet sich stattdessen, die eine Lüge mit einer weiteren abzusichern, sich eine Fiktion zu schaffen, ohne zu merken, dass Lia längst beschlossen hat, sich ihre Realität zu formen.
Dror Mishani: Nicht (a“le o hizdamnut lefani achrona, 2024). Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes Verlag, 187 Seiten, 25 Euro.
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Komplexe Beziehungen, buntes Ensemble
(JF) Früher einmal war Sandra Hardenberg, die sich lieber Sandy nennen lässt, als Punk unterwegs. Jetzt ist sie Privatermittlerin in Frankfurt, hat sich ihre rebellische Attitüde allerdings bewahrt. Nicht nur, was die schwarzen Klamotten und die Frisur angeht. Da versteht es sich, dass sie in ihrem aktuellen Brotjob als Hostess bei einer Messe für Sanitärbedarf nicht glücklich wird. Aber auch als Detektivin hat sie einiges auszuhalten. Oma Helga vor den Machenschaften eines Immobilienhais, der die alte Dame mit unlauteren Mitteln aus ihrer Mietwohnung ekeln will, zu beschützen, ist eine herausfordernde Aufgabe. Richtig kriminell wird es, als Helgas Pflegerin Elena bei einem Treppensturz ums Leben kommt. Denn es liegt nahe, dass hier jemand nachgeholfen hat.
Als routinierte Autorin setzt Katja Kleiber Sandys fünften Fall gewohnt rasant in Szene. In 69 knappen Kapiteln lässt sie ihre Heldin von dem aufregenden, nicht selten auch enervierenden Alltag einer Schnüfflerin in prekären Lebensumständen erzählen. Da geht es eben nicht nur darum, einen mutmaßlichen Mord aufzuklären, sondern auch um komplexe Beziehungen, die nicht nur amouröser Natur sind. Dafür braucht es ein buntes Ensemble an Nebenfiguren, an deren Gestaltung die Autorin offensichtlich viel Freude gehabt hat. Besonderen Spaß dürfte ihr der 18-jährige Luca bereitet haben, ein Hafermilch trinkender Tolpatsch, der in der Anwaltskanzlei von Sandys enger Freundin Freya ein Praktikum macht.
Dass der Kampf gegen das Böse in Fataler Fall letztlich gut ausgeht, obwohl sich an dem System nichts ändert, das Immobilienspekulation und Ausbeutung auf Baustellen möglich macht, ist dem Genre geschuldet. Denn auch sozialkritische Kriminalromane kommen ohne einen gewissen Wohlfühleffekt nicht aus.
Katja Kleiber: Fataler Fall. Ein Frankfurt-Krimi. Selbstverlag, Frankfurt 2026. 310 Seiten, 14,95 Euro.












