Mina kann auch Marlowe „Wieso soll man dies lesen und nicht lieber zu den Originalen greifen?“, frage ich mich meistens bei neuen Geschichten mit klassischen Krimihelden. Zu oft bleibt es bei einem handwerklich mehr oder weniger gelungenen Nachahmen des Vorbildes oder, schlimmer, es ist nicht mehr als ein müder Abklatsch. Denn was auf den ersten Blick als einfache Aufgabe erscheinen mag, stellt Autorinnen und Autoren, die es richtig gut machen wollen, vor vielfältige Herausforderungen. Einerseits müssen sie so nahe am Vorbild bleiben, dass die Figur „stimmt“ und nicht einfach nur
Read More Über Chandler wird viel geredet. Aber ich vermute, er wird weniger gelesen. Sonst würde anders über ihn geredet werden. Viele Autor*innen nennen ihn als Vorbild: Er hat hart gearbeitet, um vom Schreiben leben zu können, und mit seinen Büchern einen eigenen Sound kreiert. Einen Sound, der mittlerweile so verbreitet ist, dass ich beim Lesen von „Lebwohl, mein Liebling“ einige Male dachte, das klingt so nach Chandler – und mich regelrecht daran erinnern musste, dass ich ihn ja auch gerade lese. Bei Passagen wie: „Ich brauchte einen Drink. Ich brauchte eine
Read More Gar nicht so kurze Kurzbesprechungen von Joachim Feldmann (JF), Roland Keller (rok), Alf Mayer (AM) und Frank Rumpel (rum). Für die einzelnen Besprechungen bitte nach unten scrollen: Christoffer Carlsson: Hinter dem NebelCandice Fox: Outback Killers Sacha Jacqueroud: Erpressen erlaubtKatja Kleiber: Fataler Fall. Ein Frankfurt-KrimiDenise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-RomanDror Mishani: Nicht Megan Nolan: Kleine Schwächen Hendrik Otremba: Der GräberByron Preiss (Hg.): Raymond Chandler’s Philip Marlowe. New Philip Marlowe Stories from Some of the World’s Leading Mystery Authors (1989)Maciej Siembieda: KatharsisBrigitte Tast, Hans-Jürgen Tast: Großmutter, warum hast du so große
Read More »Der Wirklichkeit keine Gewalt antun« Der erste deutschsprachige Hardboiled-Roman stammt aus Wien und dem Jahr 1953 Wenn man es nicht wüsste, könnte man sich in einem Roman von Ross Thomas wähnen. So modern, bissig, elegant und unverstaubt ist, was die österreichischen Autoren Milo Dor und Reinhard Federmann zwischen 1951 und 1956 als Hardboiled-Polithriller geschrieben haben. Es ist nur bisher nicht genügend aufgefallen. Zeit, dieser Pioniertat, die Hammett und Chandler in einem aufregend aktuellen Kontext fusionierte, einen Lorbeerkranz zu flechten. Es geht um drei Romane, der wichtigste von ihnen, »Internationale Zone«
Read More In den 50er und 60er Jahren verschlägt es einige bekannte amerikanische Autoren nach Hollywood. Neben Fitzgerald, Faulkner und Tennessee Williams arbeitet auch Raymond Chandler für die großen Filmstudios. Unter anderem schreibt er das Drehbuch zu Billy Wilders Film Noir „Double Indemnity“ (1944). Chandler, der 1888 in Chicago geboren ist, zieht 1895 mit seiner irischen Mutter nach England und genießt dort die Ausbildung an einer englischen Privatschule. Erst 1912 kehrt er in die USA zurück. Neben seiner Begeisterung für die viktorianische Literatur, kommt Chandler natürlich auch mit den britischen Detektiv Romanen
Read More Kurzbesprechungen von fiction – Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM), Ulrich Noller (UN), Hans Helmut Prinzler (hhp), Frank Rumpel (rum), Jan Christian Schmidt (jcs) und Thomas Wörtche (TW) über: Bernhard Aichner: DunkelkammerRaymond Chandler: Die kleine SchwesterStephen Greenall: Winter TrafficChan Ho-Kei: Die zweite SchwesterChris Lloyd: Die Toten vom Gare d’AusterlitzIan McGuire: Der AbstinentColin Niel: Nur die TiereGeorge Orwell: Tage in BurmaSarah Paretsky: Landnahme Unnachahmliche Erzählstimme (JF) V. I. Warshawski kann eine kolossale Nervensäge sein. Und das ist auch in Ordnung so. Wäre die altgediente Privatermittlerin aus Chicago zurückhaltender, würden die Bösen dieser Welt nämlich noch
Read More „Dieser Stadt fehlt die Demut“ Je heller das Licht, desto dunkler die Schatten. Alf Mayer über David Whish-Wilson und „Die Ratten von Perth“. Was wusste Raymond Chandler von Los Angeles? Wir alle sind uns sicher: eine ganze Menge. Dieses Chandler-Gefühl, dass da ein Autor mit präzise bösem Strich das Bild einer ganzen Stadt auf die Seiten wirft, dieses leider doch ziemlich seltene Gefühl, das hatte und genoss ich beim Langstreckenflug nach Perth, Hauptstadt des Bundeslandes West Australia. Ich hatte es, weil ich im Flieger David Whish-Wilson las. Seine scharf geschliffenen,
Read More Das Leben der Anderen Alf Mayer über Ross Macdonald. Als er 1983 starb, war er Amerikas bekanntester crime writer. „Der blaue Hammer“ von 1976 war sein vierundzwanzigster und letzter Roman binnen 30 Jahre, er hatte an die zwei Jahre daran gearbeitet, zahllose Revisionen gemacht, das Ende neu geschrieben und als Sparringspartner den Autorenkollegen William Campbell Gault hinzugezogen, dem das Buch dann auch gewidmet war. Die Erstauflage beim renommierten Verlag Alfred A. Knopf betrug 35.000 Exemplare, 33.518 gingen bereits am Erstverkaufstag über die Theke (was mein Exemplar nicht ganz so einzigartig
Read More Zur richtigen Zeit am falschen Ort – oder: Chandler Square ist auch nur eine Kreuzung Von einem der auszog, um Philip Marlowe zu finden, und Banken nebst einer Baulücke mit Müllcontainern entdeckte Text und (Handy-)Fotos: Michael Friederici Marlowe ist ein klassischer Alt-Europäer – mitten in Kalifornien: Er liebt Mozart, kennt Proust, Hemingway, Flaubert, er spielt Schach (gegen sich selbst), trinkt alles, was nicht süß schmeckt und ist –mitten in der Autostadt Los Angeles- „not fussy about cars“. Verständlich, dass Chandler-Fans alte Säcke sind, die eine Maus nicht von einer App unterscheiden können.
Read More Alkohol im Kriminalroman – unsere Mini-Serie (zu Teil I und Teil II) von Alf Mayer geht fröhlich weiter … Den Krieg betäuben, auch den in sich selbst … Eigentlich wäre er ein weiteres, eigenes Thema – der Kriegsveteran. Er, der gerne Übersehene, ist für die realitätstüchtige Kriminalliteratur von eminenter Bedeutung, sei es auf Autoren- oder Protagonistenseite. Das war so bei der Entstehung dessen, was wir hardboiled oder noir nennen, das wird für die Welthaftigkeit zeitgenössischer Kriminalliteratur, auch der deutschen, gerade wieder wichtiger, man lese zum Beispiel Oliver Bottini. Joseph Wambaughs
Read More Bloody Chops – kurz, prägnant, auf den Punkt – Anna Veronica Wutschel (wut) über James Patterson/Maxine Paetro: „Das 10. Gebot“, Joachim Feldmann (JF) über Martin Beyer: „Mörderballaden“ und Øystein Wiik: „Leiche in Acryl“ sowie Alf Mayer (AM) über Raymond Chandler „Der große Schlaf“ in einer illustrierten Neuausgabe. Miese Typen (wut) Scharfe Typen, fiese Täter, undurchschaubare Angeklagte und rätselhafte Modi Operandi machen den Mädels des ‚Clubs der Ermittlerinnen‘ das Leben wie gewohnt schwer. Verhageln können sie ihnen die Stimmung jedoch auch in „Das 10. Gebot“ definitiv nicht. Sergeant Lindsay Boxer heiratet
Read More Lesen Sie heute den 2. Teil des Essays von Ulrich Baron (den ersten gibt’s hier), der sich mit Raymond Chandler und dessen Region, mit Los Angeles beschäftigt. II. Kein Verbrechen in den Bergen? Wie ein Verdikt gegen eine Regionalisierung und Provinzialisierung mutet der Titel einer Erzählung von Raymond Chandler an. Sein „No crime in the Mountains“ war 1941 aber keine hellsichtige Warnung vor einer drohenden Flut von Regio-Krimis, sondern als Ironisierung der Unschuldsvermutung gemeint, die man angesichts von Gegenden hegt, in denen die Welt noch in Ordnung zu sein scheint.
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