
In den 50er und 60er Jahren verschlägt es einige bekannte amerikanische Autoren nach Hollywood. Neben Fitzgerald, Faulkner und Tennessee Williams arbeitet auch Raymond Chandler für die großen Filmstudios. Unter anderem schreibt er das Drehbuch zu Billy Wilders Film Noir „Double Indemnity“ (1944). Chandler, der 1888 in Chicago geboren ist, zieht 1895 mit seiner irischen Mutter nach England und genießt dort die Ausbildung an einer englischen Privatschule. Erst 1912 kehrt er in die USA zurück. Neben seiner Begeisterung für die viktorianische Literatur, kommt Chandler natürlich auch mit den britischen Detektiv Romanen von Sir Arthur Conan Doyle und Agatha Christie in Berührung. Wie lässt sich jedoch die Liebe zu der ästhetischen „Hochliteratur“ Englands mit der trivialen Popkultur der Westküste und dem Hardboiled-Detektiv-Roman in Einklang bringen?

Gar nicht, könnte man meinen. Der englische Einfluss zeigt sich eher in einer Rebellion gegen die klassischen Detektivgeschichten, deren Befreiung, die Kriminalgeschichten Chandlers darstellen. Chandler verschmäht die hermetisch abgeschlossenen Räume und sterilen Tatorte und öffnet das sprichwörtlich verschlossene Zimmer, in dem ein Mord geschehen ist und entlässt den Plot in eine byzantinische Gesellschaft der Paradoxien und irrationalen Handlungen. Den aufklärerischen, rational handelnden Sherlock Holmes verwandelt Chandler in einem beinahe dialektischen Impetus in den modernistischen, psychologisierten Philip Marlowe. Obwohl die Romane ein eindeutiges Ende mit der Auflösung des Falles besitzen, scheint dieses nie befriedigend. Die Lösung des Puzzles tritt in Anbetracht der korrupten und zerrütteten Gesellschaft in den Hintergrund und lässt ein versöhnliches Ende nicht zu.
Durch den homodiegetischen Erzähler in der Person von Philip Marlowe versetzt Chandler die Figur des Detektivs in die Moderne. Die Repräsentation des Innenlebens durch Marlowes Gedankenwelt steht im Kontrast zu der nicht fassbaren Gefühlswelt eines Sherlock Holmes. Während Chandler einer modernistischen Tradition zu zuordnen ist, ist der Regisseur Robert Altman ein postmoderner Künstler, der mit seiner Adaption von Chandlers „The Long Goodbye“ eine Dekonstruktion des ganzen Genres vornimmt.
Robert Altman wird zu den Regisseuren des New Hollywoods gezählt. Er verweigert sich einer modernistischen Psychologisierung, wie sie auch Chandler bei Marlowe vornimmt, die ihm eine zu billige Kausalität postuliert und dadurch einfache Lösungen vortäuscht. Sowie Chandler versucht Altman die Detektivgeschichte aus ihrem veralteten Korsett zu befreien, wobei ihm die Konzepte des Modernismus nicht mehr genügen, und erkennt in den starren Konventionen des Genres eine Möglichkeit Widersprüchlichkeiten aufzudecken. Der Film wird zum Abgesang des klassischen Hardboiled-Detektivgenres.

An den Kinokassen ist der Film, wie so viele von Robert Altman, ein Flop. Das liegt nicht nur an der unbekannten und kuriosen Besetzung, sondern auch an dem stark verdichteten und veränderten Drehbuch von Leigh Brackett, die schon zusammen mit William Faulkner einen anderen Chandler Roman „The Big Sleep“ für Regisseur Howard Hawks gleichnamigen Film adaptiert hat. Das kontroverse Ende, bei dem der Film eindeutig vom Buch divergiert, ist besonders für Chandler Exegeten ein regelrechtes Sakrileg. Altman spinnt den Faden des Detektivgenres und dessen beliebten Helden Marlowe konsequent bis an sein postmodernes Ende, in dem die ZuschauerInnen ent-täuscht werden – im wahrsten Sinnes des Wortes, der Illusion beraubt und der Mythos endgültig anhand der aufgezeigten Widersprüche zerbricht.
Auch wenn keine direkten Datumsangaben in Chandlers Roman existieren, lässt sich die Handlung in den frühen 50er Jahren verorten – ungefähr zur Zeit der Veröffentlichung des Romans 1953. Der Film spielt jedoch in den späten 60er, frühen 70er Jahren, was sich anhand dem Kleidungsstil, dem Möbeldesign und vor allem Marlowes Nachbarinnen festmachen lässt. Die jungen Frauen, die halbnackt oder bekleidet in durchsichtigen Leinenkleidern auf ihrem Balkon herumtanzen und Marlowe um Mitternacht nach einer Backmischung für Brownies bitten, verkörpern, auf satirische Art, die klischeehafteste Version der damaligen Jugend. Altman, der 1957 im Alter von 35 von Missouri nach Kalifornien zieht und bis zu seinem Tod im Jahr 2006 dort lebt, erlebt den Aufstieg und Fall der Hippiebewegung an der Westküste hautnah mit. Wie auch der Autor Thomas Pynchon nach ihm, beobachtet der Regisseur wie aus der einstigen Friedensbewegung und der „Counterculture“ eine drogenabhängige Spaßgesellschaft wird, die ihre eigene Nabelschau mit politischem Aktivismus verwechselt. Im Film erinnert das Rehabilitationszentrum des Dr. Verringers, ein offensichtlicher Betrug um reiche, alkoholkranke Berühmtheiten auszubeuten, an die esoterische New-Age-Ideologie, deren Grenzen zur Hippiebewegung in ihrer Spätphase fließend waren.

Kameramann Vilmos Zsigmond verleiht dem Inhalt Form, indem er auf eine Ästhetik von blendender Überbelichtung und verschwommene Dunstschleier setzt, die den verklärenden Marihuanarauch evozieren soll. „The Long Goodybe“ wird so zu einem sonnenurchfluteten Neonoir – die einzigen Schatten entstehen durch den starken Sonneneinfall und die für den klassischen Film Noir so typische Chiaroscurotechnik wird hier durch Pastellfarben und opakes Hitzeflimmern ersetzt. Der undurchschaubare Plot, dem weder der Protagonist noch die ZuschauerInnen zu folgen vermögen, wird durch die Ästhetik des Filmes intensiviert, die einen onirischen Zustand hervorruft.

Der einzige Anachronismus des Films ist sein Protagonist selbst – Philip Marlowe wirkt völlig aus der Zeit gefallen. Regisseur Altman hat Chandlers Marlowe und die Marlowes der 1950er Film beim Kragen gepackt und ohne Vorbereitung in die 70er Jahre geworfen. Die einzige Figur, die einen Anzug und Krawatte trägt. Auch seinen veralteten Code von Moral und Ehre hat er über die Jahrzehnte scheinbar beibehalten.
In der Figur Philip Marlowes präsentiert Raymond Chandler eine Antwort auf die rationalen, kalten Detektive des Empires. Während bei Sherlock Holmes noch eine eindeutige Aufteilung zwischen Gut und Böse existiert, das Verbrechen stets aus einem intrinsischen Bösen entsteht – man denke nur an den Nemesis Dr. James Moriarty -, wird Marlowe mit gesellschaftlichen Umständen und der menschlichen Psyche konfrontiert. Chandler verzichtet auf künstliche Puzzles und malt das L.A. der 50er Jahre in düsteren Farben, als Moloch, in dem das Individuum korrupten Institutionen ausgeliefert ist. Aus der Dualität aus Schuldig/Unschuldig, entsteht eine Grauzone, in der sich der Hardboiled-Detektiv auf Spurensuche begibt. Der Fokus liegt auch auf dem Individuum – dem Persönlichen. Holmes Persönlichkeit oder besser seine Gedanken bleiben für die LeserInnen ein Geheimnis, wohingegen Philip Marlowe das sprichwörtlich offene Buch darstellt. Die Selbstreflexion des Modernismus, die sich stilistisch bei Chandler im homodiegetischen Erzähler zeigt, bleibt Sherlock Holmes verwehrt, weshalb er die Reflektorfigur Dr. John Watson braucht, um seine Gedanken vermitteln zu können. Marlowe ist nicht nur eine psychologisierte Figur, sondern folgt auch seinen Instinkten, seiner Erfahrung und fällt nicht wie die Ohrensessel-Detektive von Poe, Doyle und Christie vor dem Schrein des Rationalismus auf die Knie. Marlowe ist kein Mann der Wissenschaft wie Holmes.

Trotz der modernistischen Ambivalenzen in Chandlers Romanen und seinem Protagonisten Marlowe zeigt sich in dessen moralischem Code und Ehrgefühl eine konservative Ideologie. Obwohl die Romane in ihrem Subtext eine klare Trennlinie zwischen Schuldig und Unschuldig für sinnlos erklären, scheint für Marlowe auf diese Frage immer eindeutige Antwort zu finden. Diese Antwort entspricht nicht immer den gesellschaftlichen Normen, impliziert jedoch eine Existenz dieser vereinfachten Dualität. Hinter seinem Zynismus verstecken sich ein Idealismus und eine Romantik. Der fahrende Ritter, als Fels in der Brandung gegen eine unaufhaltsame Moderne, weist damit mehr Ähnlichkeiten mit seinen literarischen Vorgängern auf, als die Romane uns glauben machen wollen. Die Welt des Hardboiled-Detektivgenres trifft auf die Welt der Ritterlichkeit und zum Schluss, zumindest in den Romanen, siegt der Ritter, selbst wenn die vermeintliche Auflösung unbefriedigend erscheint, so bleibt Marlowes moralischer Code stets in Takt. Als er zum Schluss des Romans „The Long Goodbye“ herausfindet, dass er von seinem Freund Terry Lennox getäuscht worden ist, lässt Marlowe ihn ziehen. Es hätte seinen Werten widersprochen, Lennox zur Strecke zu bringen, weil Loyalität, unabhängig von der Person, als absoluter, essentialistischer Wert von ihm angesehen wird.
Auf der Leinwand wird die Figur Philip Marlowe mit Humphrey Bogart assoziiert. Der Schauspieler hat sich mit dem Film „The Big Sleep“ in die Ikonographie Marlowe eingebrannt. Bogart verstand es hinter der Fassade aus seinem gewitzten Zynismus und seiner hypnotisierenden Aura dem Publikum immer wieder Bruchstücke seines Idealismus und seiner Melancholie zu offenbaren. Die perfekte Verkörperung: ein Verlierer, der zum Schluss jedoch immer Sieger der Herzen blieb.

Altmans Dekonstruktion beginnt schon bei der Besetzung. Dass die Wahl auf Elliott Gould fällt, stößt nicht nur Chandler Fans, sondern auch Bogart Anhänger vor den Kopf. Gould besitzt eine exzentrische, verspielte und allem mit der Ironie eines Teenagers entgegnende Art. Altman spielt mit den unterschiedlichen Erwartungshaltungen, indem er einerseits Goulds Marlowe zu einem Anachronismus innerhalb des Films macht, andererseits sich den Ansprüchen des Publikums widersetzt und die Figur modernisiert. Altman denkt Marlowe konsequent zu Ende, entledigt sich seiner konservativen Romantik und macht aus ihm einen echten Verlierer, der keineswegs stets Sieger der Herzen bleibt. Die Charakterisierung Marlowes zeigt sich schon in der Anfangssequenz des Films, in der der Detektiv von seiner Hauskatze geweckt wird, weil diese hungrig zu sein schein. Also verlässt Marlowe mitten in der Nacht seine Wohnung, um die passende Sorte Katzenfutter zu kaufen, die im Supermarkt jedoch nicht erhältlich ist, worauf er eine andere Sorte kauft. Als er seiner Katze das falsche Katzenfutter unterjubeln will, kommt diese ihm darauf und verlässt verärgert die Wohnung. Aus dem einstmals „coolen“ Ritter ist ein gebrochener Versager geworden, der sich von seiner Katze auf der Nase herumtanzen lässt.

In den unterschiedlichen Enden offenbart sich Altmans Transferleistung. Im Roman findet Marlowe seinen totgeglaubten Freund Terry Lennox in Mexiko wieder. Obwohl dieser dem Privatdetektiv nicht die ganze Wahrheit über seine Vergangenheit erzählt hat und bis zum Schluss des Romans seine Unschuld nicht zu 100% bewiesen ist, vergibt Marlowe ihm und lässt ihn ziehen. Chandler eigentlicher Modernismus wird am Ende durch Marlowes romantischen Moralkodex durchbrochen. Der Glaube an ein festes Wertesystem – auch wenn dieses nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht – in dem es eindeutig definierte Parameter gibt nach denen Marlowe handelt, steht konträr zu Chandlers modernistischem Ansatz.
Die gesellschaftliche Kritik des Romans, bei der die Binarität von Gut und Böse aufgehoben wird, indem der Mensch nicht mehr durch seine Essenz, sondern durch seine Umstände determiniert wird, wird durch Marlowes Moralkodex vielleicht nicht aufgehoben, aber zumindest in Frage gestellt. Chandlers Protagonist ist nur an der Oberfläche ein Verlierer, der zu viel trinkt, raucht, stets verprügelt wird und bei seinen Ermittlungen eher durch Zufall als Kombinationsgabe ans Ziel kommt. Gerade in Marlowes Detektivarbeit zeigt sich Chandlers Modernismus, der sich von der rational-aufklärerischen Haltung eines Sherlock Holmes verabschiedet und stattdessen anerkennt, dass Intuition und Zufall eine bedeutendere Rolle spielen, als es die großen Detektive der Literaturgeschichte zu geben wollen. Gleichzeitig ist Chandlers Antwort auf das Chaos des Modernismus, der mit Melancholie auf die Fragmentierung der Gesellschaft und des Subjekts reagiert, ein konservativer Rückgriff auf scheinbar längst vergangene, aber auch deutlich „bessere“ Zeiten. Die Inszenierung Marlowes als Verlierer, der den LeserInnen als Sieger der Herzen verkauft wird, dient nur der Affirmation seiner moralischen Überlegenheit mit der gleichzeitig impliziert wird, dass die Lösung für die eröffneten gesellschaftlichen Probleme im Festhalten an einem konservativen Moralkodex liegt. Chandler bedient sich hier am romantisch verklärten Mythos des „knight in shining armor“, der tugendhaft und mit absoluter Gewissheit Gut von Böse zu trennen weiß und stets auf rechtem Wege wandert.

Drehbuchautorin Leigh Brackett und Regisseur Robert Altman verweigern sich Chandlers konservativem Ansatz. Sie erkennen die modernistischen Züge im Roman und gehen noch einen Schritt weiter, indem sie Marlowe an seinem konservativen Moralkodex scheitern lassen – den Kodex selbst scheitern lassen – und ihn dadurch in eine „signifikatlose“ Postmoderne werfen.
In den finalen Minuten des Films trifft Marlowe wieder auf seinen totgeglaubten Freund Terry Lennox in Mexiko. In der Filmversion beichtet Lennox, dass er eine Affäre hatte und deshalb seine Frau Sylvia umgebracht hat. Dabei hat er Marlowes Loyalität, sprich seinen Kodex, ausgenutzt, um mit dem Mord davon zu kommen. Wäre der Plot im Roman ebenfalls auf diese Art und Weise abgelaufen, gäbe es für Marlowe nur eine angemessene Reaktion: Vergebung. Der weiße Ritter ist kein rachsüchtiger Engel, sondern jemand, der im christlichen Sinne auch seine andere Wange hinhält. Marlowes Filmversion muss jedoch an diesem scheinbaren Ideal scheitern, da die Figur des ehrenvollen weißen Ritters immer schon ideologisch verklärt war und nie als solche tatsächlich existiert hat. Im Finale des Films erschießt Marlowe seinen Freund Terry Lennox. Der konservative Moralkodex zerspringt, sobald er mit der Ambivalenz der Postmoderne konfrontiert wird. Der Mord an Lennox wird damit zu einem Selbstmord an Marlowes Essenz, weil er sich damit selbst eingesteht, dass die vermeintlich absoluten Grenzen seines Kodex nicht fixiert, sondern fluide sind.
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Pascal Ehrlich lebt in Wien, wo er seinen Bachelor und Master in Vergleichender Literaturwissenschaft absolviert hat. Neben seiner Leidenschaft für Kriminal- und Schauerliteratur interessiert er sich vor allem für Literaturadaptionen sowie generell für das Medium Film. Er schreibt auch für das Bohema Magazin, critic.de und filmpluskritik.











