
»Der Wirklichkeit keine Gewalt antun«
Der erste deutschsprachige Hardboiled-Roman stammt aus Wien und dem Jahr 1953
Wenn man es nicht wüsste, könnte man sich in einem Roman von Ross Thomas wähnen. So modern, bissig, elegant und unverstaubt ist, was die österreichischen Autoren Milo Dor und Reinhard Federmann zwischen 1951 und 1956 als Hardboiled-Polithriller geschrieben haben. Es ist nur bisher nicht genügend aufgefallen. Zeit, dieser Pioniertat, die Hammett und Chandler in einem aufregend aktuellen Kontext fusionierte, einen Lorbeerkranz zu flechten. Es geht um drei Romane, der wichtigste von ihnen, »Internationale Zone« von 1953, wurde gerade wieder aufgelegt. – Siehe auch das Autorenporträt hier nebenan in dieser Ausgabe: Milo Dor & Reinhard Federmann – oder der Unsinn von E und U.
** **
George Maine nippt, nach seinem Beruf gefragt, an seinem Glas. »Zigaretten«, sagt er lakonisch.
»Wieso kommst du dabei mit den Russen zusammen?«, fragt Petre Margul verständnislos. »Das sind doch amerikanische Zigaretten.«
Georges lehnt sich mit einem Lächeln zurück. »Ja. Das ist die Geschichte, die ich dir erzählen wollte. Du bist ein intelligenter Bursche, du wirst sicher sofort begreifen. Alle Zigaretten dieser Art, die es in Europa gibt, kommen aus Tanger. Freihafen. Internationale Zone. Dort verkaufen die Amerikaner en gros. Zehn Cent das Paket. Für jeden, der es kauft. Und jetzt pass auf. Einer der größten Einkäufer ist die Kommunistische Partei Ungarns…«
Petre hat immer geglaubt, dass die amerikanischen Soldaten ihre Zigaretten verkaufen. Georges klärt ihn über den Weg der Zigaretten auf. auf. »Das sind nur kleine Mengen. Die spielen überhaupt keine Rolle. Die große Masse kommt aus Budapest.«
Und wie kommen die da hin? Auf einer rasanten Buchseite blättert der Roman die Schmugglerrouten auf. In Nordafrika werden die Zigaretten in Blechkisten verpackt und gehen per Schiff nach Italien, aber nicht in die großen Häfen, sondern irgendwo, wo es seicht ist. Dort werden die Kisten ins Meer geworfen. In der Nacht holen sie die Fischer an Land, dann gehen sie in plombierten Waggons als Transitgut durch Österreich an die Budapester Deckadressen. Aber Wien?
Aber »wie kommt Kuhdreck aufs Dach?«, lacht Georges. »Man hat seine Freunde.«
»Die Russen«, wirft Petre ein.
»Sicher. Es ist doch ihr Geschäft. Sie bringen sie selbst herüber, mit ihren eigenen Autos und ihrem eigenen Personal. Niemand hat das Recht, sie zu kontrollieren. Auf der Straße zwischen Baden und Wiener Neudorf wird die Ware dann von unseren Leuten übernommen…«
»Kansas City, Tanger, Genua, Budapest und Wien«, sinniert Petre. »Ost und West. Eine Ballade. Alle verdienen.«
»Da liegt der Hund begraben«, stimmt Georges zu. »Du bist doch so ein halber Marxist. Du musst das verstehen. Ökonomie. Ökonomie, das ist das Ausschlaggebende. Politik, das ist der Überbau. Opium fürs Volk. Es kommt nur auf die Millionen an. Auch für die Herren Kommunisten. Darum ist es in Österreich so ruhig. Weil alle verdienen. Sie verdienen in aller Ruhe. Wie lange bist du denn schon in Wien? Drei Wochen.«
George ist seit 1945 da. Ist als Flüchtling gekommen. »Wie ein Idiot. Wie ein Idiot habe ich zugeschaut. Man muss zuschauen, wie die anderen das Spiel machen, das große Spiel um die Millionen. Wien ist ein offenes Tor. Das letzte offene Tor zwischen Ost und West. Weiß du, warum es hier so ruhig ist? Weil sie hier verdienen. Zigaretten, das ist nur ein winziger Bruchteil. Öl, Eisen, Stahl, Textilien. Alles, was dein Herz begehrt. Schnaps, Medikamente. Devisen machen sie hier, für ihre Panzer und für ihre Kanonen…«
»Eigentlich verdienen sie mit Blut«, sagt Petre plötzlich ernüchtert. Georges hört nicht auf. »Hier wird verdient… Mir ist das egal. Ich habe mein Geld auch draußen. Dem Bankdirektor ist es ebenso egal… Verdient wird hier. Das kostet manchmal Blut, du hast Recht. Aber es rentiert sich.«
** **

Diese Passage findet sich im Roman »Internationale Zone« von Milo Dor und Reinhard Federmann, 1953 im Forum Verlag Wien und Frankfurt erschienen. Dankenswerter Weise jetzt wieder aufgelegt anlässlich »80 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg«, dies im Picus Verlag, der von Reinhard Federmanns Tochter mitbegründet wurde. Der Blick aus der Distanz erlaubt nicht nur die Neuentdeckung eines immer noch taufrisch daher kommenden Krimiklassikers, er fordert auch eine literaturhistorische Einordnung, die nichts weniger als eine Sensation ist:
»Internationale Zone« ist der erste deutschsprachige Hardboiled-Roman in der Tradition von Dashiell Hammett und Raymond Chandler, ist ein kultureller Transfer, den die Literaturwissenschaft – sofern sie sich überhaupt für den Kriminalroman interessiert – bestenfalls 30 Jahre später mit den Büchern von Ulf Miehe, Jörg Fauser und dann Jakob Arjouni in deutschsprachigen Landen verortet hat.
Bei Milo Dor und Reinhard Federmann findet sich das alles – lupenrein – schon in den frühen 1950er Jahren. Wahnsinn!
Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass die Pioniertat dieser beiden Autoren aus einem Terzett besteht. Dazu gehören nämlich die ebenso interessanten Politthriller »Und einer folgt dem anderen« (1952) und »Und wenn sie nicht gestorben sind…« (zuerst als Zeitungs-Roman »Abenteuer im Nahen Osten« in der Grazer »Neue Zeit«1959/60 erschienen, als Taschenbuchausgabe dann 1963 mit dem Titel »Die Abenteuer des Herrn Rafaeljan«, schließlich 1996 im Picus Verlag als Hardcover mit einem Nachwort von Milo Dor neu aufgelegt. »Und einer folgt dem anderen« erlebte bei Picus 1995, also nun auch schon vor 30 Jahren, seine letzte Neuauflage. Im Hardcover.

Die Erstausgabe von »Und einer folgt dem anderen« 1953 war eines der frühen Krähen-Bücher – im Nest-Verlag von Karl Anders, der seinen linken Verlag nach dem Vorbild seines englischen Freundes Victor Gollancz mit Kriminalromanen querfinanzieren wollte, im England ein erfolgreiches Modell; die öffentlichen Büchereien war bei der Auflage eine feste Größe: Über 5.000 Exemplare jeder Neuerscheinung in der Gollancz Crime-Reihe waren quasi stets schon vorverkauft. Karl Anders, der Kriminalliteratur im englischen Exil zu schätzen gelernt hatte, brachte als Erster in Deutschland die Romane von Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Eric Ambler heraus, dies in sehr ordentlichen Übersetzungen. Mein Porträt dieses Pioniers bei uns hier: Karl Anders – »Krähen-Meister«.
«Und einer folgt dem anderen« war der erste originär deutschsprachige Roman der renommierten Krimireihe »Krähen Bücher«. Und es war kein Zufall, dass er bei diesem Verlag herauskam, dass die Thriller-Autoren Milo Dor & Reinhard Federmann von diesem Verleger entdeckt und gefördert wurden. »Meine Wiener Edelsteine«, nannte er sie in den Gesprächen, die ich Ende der 1980er Jahre mit ihm führte – das Ergebnis dann mein Karl-Anders-Porträt im »Krimi-Jahrbuch 1989«.
Dieser Karl Anders, Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist, hatte im Exil im englischen Oxford den typischen deutschen Dünkel gegenüber Kriminalromanen überwunden – das nicht ganz freiwillig, das aber wäre eine andere Geschichte. Jedenfalls kehrte er zusammen mit Hughes Greene (ja, dem Bruder von Graham) als einer der ersten Exilanten ins zerstörte Deutschland zurück, berichtete für das Deutschland-Programm der BBC ausgiebig vom Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess, gründete einen explizit politischen und literarischen Verlag – mit Krimiprogramm. (Der heutige Suhrkamp Verlag lässt grüßen.)
Karl Anders freilich hatte seine Rechnung ohne das deutsche Feuilleton und ohne das deutsche Bibliothekswesen gemacht. Denen war Kriminalliteratur mehr als suspekt, war Schmutz und Schund «jenseits der unteren Grenze«. Die Stimmung dieser Volkserzieher und Zensoren auf den Punkt brachte Wilhelm Müller 1951 in seinem wegweisenden Aufsatz »Zur Topographie der ‚unteren Grenze«, wo er den Bibliothekar als Grenzwächter inthronisierte:
»Das Labyrinth des Büchermarktes ist keine so harmlose Gegend, dass wir uns den Respekt als Ariadnefaden wählen können; und an der Grenze, vor allem an der unteren, werden wir gewiss nichts damit ausrichten… Da nützen nur scharfe Waffen und eine strenge Kontrolle. Denn wir stehen einem bis an die Zähne bewaffneten Gegner gegenüber… Wir sind von einem tiefen Misstrauen erfüllt gegen alles ‚Literarische‘, das sich in der Massengesellschaft großer Beliebtheit erfreut, und wir dürfen zu keinen Konzessionen bereit sein, wenn es gilt, unsere untere Grenze diesseits der Dschungellandschaft des Thrillers zu legen.«
Karl Anders hatte da eine fundamental andere Auffassung. Für waren »Kriminalromane die Literatur der Demokratie. Der Kriminalroman und sein Detektiv sind nur in einer Welt möglich, die nicht der Allgewalt des Staates, der Gestapo oder des NKWD ausgeliefert ist. In einem Polizeistaat ist ein Sherlock Holmes selbst als literarische Figur undenkbar.«
Direkte Spur zu Walt Whitman und Dashiell Hammett
Verstärkung holte er sich beim Literaturwissenschaftler Fritz Wölcken, dessen Habilitationsschrift »Der literarische Mord. Eine Untersuchung über die englische und amerikanische Detektivliteratur« er 1953 im Nest Verlag veröffentlichte. Wölckens Buch ist substantiell, weil es Kriminalliteratur ganz selbstverständlich als Literatur begreift, meinte Thomas Wörtche im Vorwort der 2015 bei CulturBooks in einer Digitalausgabe wiederaufgelegten Arbeit, einem Meilenstein der Literaturwissenschaft. Es war, so Thomas Wörtche, »die erste seriöse Arbeit zum Thema in Westdeutschland, weil sie die Kriminalliteratur nicht lesersoziologisch im Sinn der Trivialliteratur betrachtet, sondern sie literaturwissenschaftlich in die entsprechenden weltliterarischen Kontexte setzt.« Siehe auch: Wie viel weiter man im Nachdenken schon gewesen ist, CrimeMag März 2017.
Wölcken zieht unter anderem eine direkte Linie von Walt Whitman zu Prosa, Weltsicht und Welterfahrung von Dashiell Hammett; diese Linie führt dann unverwässert in die »Internationale Zone« und die anderen beiden Kriminalromane von Milo Dor & Reinhard Federmann:
»Seit geraumer Zeit war man ziemlich heftig damit beschäftigt, die Sprache und den Gegenstand der Erzählkunst zu entromantisieren. Das fing wahrscheinlich mit der Dichtung an, wie ungefähr alles. Wenn man will, läßt sich die Linie klar bis zu Walt Whitman zurückverfolgen. Aber Hammett wandte diese Technik auf die Detektivliteratur an, und da diese eine so dicke Kruste von englischer Vornehmheit und amerikanischer Pseudo-Vornehmheit hatte, geriet sie nur schwer in Bewegung. Ich glaube nicht, daß Hammett irgendwelche bewußte literarische Ziele und Absichten hatte: er versuchte, sich sein Geld damit zu verdienen, daß er von Dingen schrieb, in denen er Erfahrung hatte. Manches erfand er. Das tut jeder Schriftsteller. Aber die Grundlage waren Tatsachen.« (Wölcken, S. 420)
Kein Zufall also, dass diese Autoren also damals mit ihrem Roman »Und einer folgt dem anderen« 1953 im Nest Verlag erschien, der sich in eben diesem Jahr mit Wölckens Studie massiv literaturpolitisch positionierte.




Englische Ausgabe 

Ist ja nur »… eine Reihe von schnell hingeschriebenen Kriminalromanen«
Viel Gras aber inzwischen über diesem literaturhistorischen Meilenstein. Es lohnt sich, hier den Spaten anzusetzen. Die Borniertheit der Literaturwissenschaft und des (»Ach, Krimis lese ich nicht«) Feuilletons offenbart sich bei Milo Dor und Reinhard Federmann gleich im Doppelpack. Dass die beiden auch autobiografisch mit beträchtlich politischem Erfahrungshintergrund ausgewiesenen Schriftsteller mit ihren drei wegweisenden Kriminalromanen nicht wahrgenommen wurden, ist eine Sache. (Zu ihren Biografien weiter unten und nebenan im Porträt.) Sie hatten sich ja eh nur – so eine beliebte Figur der »höheren« Literaturkritik – darauf verlegt, weil sie damit »schnell Geld verdienen« wollten. Bei Karl-Markus Gauß, der es für einen kleinen Literaturpapst gut mit den Beiden meint – liest sich das 2023 aus Anlass ihres hundertsten Geburtstags so:
»Milo Dor hat einmal mit Witz und Wut beklagt, der einzige österreichische Schriftsteller zu sein, nach dessen Vornamen in Kreuzworträtseln gefragt werde, während seine Romane nach jeder Neuauflage doch wieder rasch vergessen würden. Daran hat sich bis heute nichts geändert… Der Zufall will es, dass sein Freund und Weggefährte Reinhard Federmann nur kurz vor ihm zur Welt kam, am 12. Februar 1923, und daher in diesen Wochen des 100. Geburtstages zweier Autoren zu gedenken ist, die in den Fünfzigerjahren, um zu Geld zu kommen, übrigens eine Reihe von schnell hingeschriebenen Kriminalromanen gemeinsam verfertigt haben.«
Das darf man sich auf der Zunge zergehen lassen: »… eine Reihe von schnell hingeschriebenen Kriminalromanen gemeinsam verfertigt haben.« So redet und urteilt die Literaturkritik bis heute über diese Gattung. Näheres Hinschauen braucht es hier als anständiger Buchmensch nicht. Und auch noch im Nachhinein, in der Zuschreibung eines literarischen Schicksals, funktioniert der »double bind«. Zum Kriminalroman kamen Federmann und Dor nämlich nur und erst weil sie als ernsthafte Autoren keinen Erfolg hatten. Deshalb, so die doppelt diffamierende Sichtweise, verlegten sie sich aufs Kriminalgenre.
Ernsthafte Schriftsteller, auch als Kriminalautoren politisch
Tatsächlich handelt es sich bei Milo Dor und Reinhard Federmann um zwei bemerkenswert funkelnde Solitäre. Jederzeit einer Neuentdeckung wert. Sie teilen das Schicksal, so Gauß, »dass sie mit ihren besten Werken eine kritisch-realistische Literatur verfassten, die es den offiziösen Legenden der österreichischen Literatur zufolge gar nicht gegeben hat«. Milo Dors großer Roman »Tote auf Urlaub« von 1952, in seiner Behandlung der Folter dem Werk von Carl Améry ebenbürtig, und Reinhard Federmanns Hauptwerk »Himmelreich der Lügner« von 1959 setzen sich ambitioniert und politisch unversöhnt mit der jüngsten Vergangenheit, mit Austrofaschismus, Mitläufertum und Nationalsozialismus, mit Folter, Vertreibung, Holocaust und mit dem realen Widerstand auseinander. In beiden Romanen attackieren sie das Große Vergessen, im Wiederaufbau zur Staatsdoktrin geworden, und das Kollektive Schweigen über Verbrechen, Verstrickung und Verleugnung. Allein diese beiden Bücher widerlegen das weitverbreitetes Urteil, die österreichische Nachkriegsliteratur sei weitgehend unpolitisch gewesen und was an Neuem nachkam, dann eben experimentelle, der Avantgarde verpflichtete Literatur.
Dor und Federmann waren ernsthafte Schriftsteller, die auch als Kriminalautoren politisch waren – und avantgardistisch. Speerspitze der Bewegung.

Milo Dor und Reinhard Federmann wählten sich für ihre »Reihe von schnell hingeschriebenen Kriminalromanen« (noch einmal Karl-Markus Gauß) die blanke, damals für jeden Leser nachvollziehbare Realität, nämlich das wie Berlin nur noch komplizierter zwischen vier Besatzungsmächten aufgeteilte Wien der Nachkriegszeit, ein „Exerzierfeld der Ost-West-Rivalität“ (Otto Klambauer: Der Kalte Krieg in Österreich, 2000). Wien ist bei Dor/ Federmann eine heruntergekommene, zwischen Gangstern, Schmugglern, Schwarzmarkt-Herrschern und Machtblöcken aufgeteilte, nur dem Recht des jeweils Stärkeren unterliegende Zone – so wie auch Dashiell Hammett sein Poisonville in »Rote Ernte« beschreibt.
Informationen von der Strasse
Ihre brandheißen Informationen über Menschenraub und Schwarzmarkt-Machtkämpfe bezogen die Freunde Dor und Federmann von befreundeten Journalisten, maßgeblich von Franz Kreuzer von der Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgans der österreichischen Sozialdemokratie. Der verarbeitete 1956 die true-crime-Variante der in »Internationale Zone« verübten Verbrechen zu einem eigenen Buch: »Die schwarze Sonne. Ein Tatsachenroman vom Menschenraub«.
Noch antiheroischer (und moderner) als bei Hammett agiert bei Dor/ Federmann das Figurenensemble. George Maine und Petre Margul haben Sie oben ja bereits kennengelernt. Der gerade aus der Haft entlassene Tierarzt Boris Kostoff, der an sein gebunkertes Geld kommen will, eine Nachtclub-Tänzerin namens Kyra, russische Offiziere und gut zwei Dutzend anderer Halbwelt-Gestalten gehören auch dazu. Auf zwei Zeitebenen tänzelt und wirbelt dieser vorbildlich kinetisch gebaute, realitätstüchtige Roman über sein Parkett, hat nicht nur wegen der geradezu filmisch eingesetzten Fahrzeuge und der scharfzüngigen Screwball-Dialoge ordentlich Tempo. Im Kampf mehrerer Schmugglerbanden, die sich mit den Besatzern arrangiert haben, zeigt sich – wie bei Hammett und Chandler und in bester Hard-boiled-Tradition – die Verfilzung von Verbrechen mit Politik und Geschäft.






Identitätsausweis österreichisch
»Ich glaube, dass wir im deutschsprachigen Raum die ersten waren, die versucht haben, eine für unsere Gefilde neue Art des Kriminalromans oder, besser gesagt, des Thrillers zu schreiben, in der es nicht so sehr darauf ankam, einen Übeltäter oder eine Übeltäterin durch spitzfindige Untersuchungsmethoden eines Inspektors zu überführen und den Justizbehörden auszuliefern, sondern eher auf die Schilderung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse, unter denen halbwegs normale Bürger zu Kriminellen werden«, schrieb Milo Dor im Nachwort von »Und einer folgt dem anderen…«
In einer Taschenbuchausgabe von 1966 war das so verkürzt: »Es ist ein ernstes und heiteres Buch zugleich. An satirischen Seitenhieben ist kein Mangel und der schlaglichtartige Humor erhellt für uns Situationen, die tragisch und komisch sind. Die Handlung ist bunt und handfest, die Lebenden und Toten sind keine papiernen Gestalten, und der Wirklichkeit wird keine Gewalt angetan. Der Leser wird außerdem mit schmunzelnder Dankbarkeit feststellen, dass die Autoren ihren Mordsspaß hatten, als sie das Buch schrieben, einen Kriminalroman, der blutvoll und vergnüglich ist.«
Selten hat eine literarische Neuentdeckung so viel Spaß gemacht.
Milo Dor, Reinhard Federmann: Internationale Zone. Roman. Mit einem Nachwort von Günther Stocker. Picus Verlag, Wien 2025. (Erstmals erschienen 1953.) Leinen, Lesebändchen, 225 Seiten, 24 Euro.
Alf Mayer

Die Besatzungszonen in Wien 
P.S. Große Verneigung vor Günther Stocker, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, der seit Jahren unermüdlich an der Rehabilitation der Autoren Milo Dor und Reinhard Federmann forscht und wirkt. Das von ihm mitinitiierte Projekt »Diskurse des Kalten Krieges. Figuren des Politischen in der österreichischen Literatur zwischen 1945 und 1966« hat eine sehr informative Webseite. Es entstand auch ein gleichnamiger Sammelband (Böhlau 2015), PDF hier.
Stocker spricht am 24. Juni 2025 bei der Buchpräsentation von »Internationale Zone« im Wien Museum, Karlsplatz 8, Wien, 18:30 Uhr. Parallel dazu zeigt das Museum noch bis zum 7. September 2025 die Ausstellung »Kontrollierte Freiheit. Die Alliierten in Wien«.

PPS. Markus Haders Magisterarbeit von 2013 »Hard-boiled in Wien. Genrecharakteristika der amerikanischen Thrillerliteratur bei Milo Dor und Reinhard Federmann« beschäftigt sich mit meiner These im Detail.
PPPS. Graham Greene, der Autor von Carol Reeds Film »Der Dritte Mann«, wird in »Internationale Zone« nebenbei erwähnt. Und in Dor/ Federmanns Thriller-Erstling »Und einer folgt dem anderen« hat ein Barbesitzer ein Autogramm von Orson Welles aufgestellt. »Warum sollte das Wien der Besatzungszeit, das Graham Greene den Stoff für seinen Film und den Roman »Der dritte Mann« geboten hatte, nicht unsere Phantasie anregen, wo wir doch hier lebten und es besser kannten als er«, schrieb Milo Dor im Nachwort der Neuauflage des Romans (1994, Picus).
** **
Schreib.
schreibe die Nacht
schreibe den hellen Morgen
schreibe den Gang des Mädchens auf der Gasse am hellen Morgen
schreibe den Duft der Frau,
die sich zu dir gebeugt hat,
schreibe, wie es dir war,
schreibe den Stolz und die Freude und die Hoffnung,
die stossende, an den Rippen,
schreibe was du gedacht hast am Morgen und in der
Nacht und Mittags und
schreibe, was sie in den Kellern gedacht haben tags
und in der Nacht
schreibe die Toten.
schreibe die Kinder, wenn sie aufstehen am Morgen,
schreibe das Essen, schreib, wie es schmeckt,
schreib auch das Trinken.
Schreib, warum du trinkst, schreib: ein Freund
fragt mich, warum ich trinke
schreib die Alten und die Kranken und wie es dir war
als du krank warst
schreib die Erlösung, sich auszustrecken und nichts
mehr zu tun
schreib vom Arbeiten, wie es dir ist, wie du es
planst, und wie es wird,
schreibe den Tod
schreibe die Trauer, die unermessliche
schreib.
– Diese Gedichtzeilen stammen aus dem Nachlass von Reinhard Federmann und aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.












