Geschrieben am 1. März 2026 von für Crimemag, CrimeMag März 2026

Bloody Chops – Kurzbesprechungen März 2026

Gar nicht so kurze Kurzbesprechungen von Wolfgang Brylla (WB), Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW):

M. W. Craven: Die Witwe
Michael Idov: Das Riga-Komplott
Ken Jaworowski: What about the Bodies
Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin
Wilfried Owen: Die Erbärmlichkeit des Krieges
Gustavo Faverón Patriau: Minimosca
Jacob Weinreich, Lars Findsen: Dunkelmann. Ein Fall für Birk und Hartmann

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Im Februar bei uns besprochen:
Hanna Aden: Die Kryptografin
Thomas Michael Glaw: Die Hexen vom Tüllinger
Maxim Jakubowksi (Hg.): Birds, Strangers and Psychos. New Stories Inspired by Alfred Hitchcock
Orjan N. Karlsson: Kalt wie die Luft
Nina McConigley: How to Commit a Postcolonial Murder
Quentin Mouron: #tod_in_venedig
Jo Nesbø: Minnesota

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Großartig komprimierte Erzählkunst

(TW) Die französische Republik bricht gerade zusammen, „der Verrückte“ im Élysée wird immer bizarrer. Irgendwo in Nordfrankreich, am Meer, nahe der belgischen Grenze, macht die kleine Faschistin Francesca Crommelynck eine wundersame Wandlung durch. Eigentlich steht sie der extremen Rechten nahe, ist auf Krawall gebürstet und gewaltaffin und liest gerne Schriften von Alain de Benoist und anderen ultrarechten „Denkern“. Allerdings wird sie allmählich nachdenklich, als sie herausbekommt, dass ihr über alles geliebter Bruder Nils (ein brutaler Psychopath mit inzestuöser Neigung) ihre Jugendliebe Jugurtha Aït-Ahmed umgebracht hat.

Während der links-liberale Lokalpolitiker Patrick Bonnval darüber grübelt, ob er nochmal für den Wahlkreis kandidieren soll, in dem der Patriotische Block (so heißt bei Jérôme Leroy die Le-Pen-Partei) die Mehrheit zu ergattern droht, wird er von der als „Tarantel“ bekannten Madame, die eine einflussreiche politische Strippenzieherin bekannt ist, umcirct, die ihn zum neuen Staatspräsidenten machen möchte. Aber die Tarantel fällt einem Auftragskiller zum Opfer, der zwar schrecklich nett ist, aber auch schrecklich dumm. Weshalb er auf der Suche nach Bonneval eine Menge unschuldiger Leute niedermetzelt, bevor er selbst ziemlich unheroisch erlegt wird.

Dieses zweite Kapitel, das die Untaten dieses Killers namens Victor Serge, schildert, ist nur großartig, komprimierte Erzählkunst – ökonomisch, scharfsinnig und unheimlich komisch. Leroy vom Feinsten. Und inmitten des ganzen Irrsinns, den ich hier nur andeuten kann, verliebt sich die kleine Faschistin in Bonneval und vice versa. Während alles in Dummheit, Gewalt und Niedertracht versinkt, hilft nur eines: Liebe! Insofern ist Die kleine Faschistin ein schöner und schön gemeiner utopische Liebesroman. Exzellent.

Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin (La petite fasciste, 2025). Deutsch von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2026. Klappenbroschur, 147 Seiten, 18 Euro.

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Willkommene Entdeckung

(JF) Erst haben sie kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu. Der amerikanische Autor Ken Jaworowski mutet seinen Figuren allerhand zu. Da ist Liz, die als Musikerin Karriere machen möchte aber immer wieder hart auf dem Boden der unerfreulichen Tatsachen landet. Ihr kleinkrimineller Freund Luke ist in solchen Fälle auch keine Hilfe, im Gegenteil. Von einem besseren Leben träumt auch die Kellnerin Carla. In einer alten Scheune möchte sie ihr eigenes Restaurant eröffnen. Eher bescheiden nehmen sich dagegen Reeds Zukunftspläne aus. Der junge Mann, durch eine milde Form von Autismus gehandicapt, würde gerne seiner verstorbenen Mutter ihren letzten Wunsch erfüllen, doch auch das erweist sich als ziemlich schwierig. Denn die Verhältnisse in Locksburg/Pennsylvania sind Träumen nicht zuträglich. Einst ein florierender Industriestandort bietet die fiktive Stadt, von 20.000 auf 5.000 Einwohner geschrumpft, nur noch ein Bild des Jammers.

Jaworowski lässt Liz, Carla und Reed selbst zu Wort kommen. Kapitelweise erzählen sie ihre Geschichten, die sich im Verlauf des Romans aufeinander zu bewegen. Dass es dabei auch kriminell zugeht, zeigt schon dessen lakonischer Titel, What about the bodies, der für die deutsche Ausgabe gleich übernommen wurde. Denn bei einer Leiche bleibt es nicht. Das ist ziemlich makaber und stellenweise gruselig komisch, dem bitteren Ernst der Lage, in der sich die Hauptfiguren befinden, zum Trotz. Wie gut, dass ihnen Jaworowski zum Ende hin poetische Gerechtigkeit widerfahren lässt. So ist zwar längst nicht alles gut, aber es gibt berechtigten Anlass zur Hoffnung.

„What about the bodies“ ist Sozialstudie, literarische Groteske und Spannungsroman zugleich. Und sein Autor, der bereits sein bislang unübersetztes Debüt „Small Town Sins“ in Locksburg angesiedelt hat, eine willkommene Entdeckung.

Ken Jaworowski: What about the bodies ( What about the bodies, 2025). Aus dem Englischen von Lea Dunkel. Pendragon Veröag, Bielefeld 2026. 318 Seiten, 24 Euro.

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Grönland, ein Streitfall

(WB) Eins vorweg: Dunkelmann (Scherz) vom Duo Jacob Weinreich und Lars Findsen ist ein äußerst solider, gut geschriebener und spannender Spionageroman, der auf Dänisch schon 2024 erschien, an Aktualität aber bis heute nichts eingebüßt hatte. Denn es geht um Grönland, politische Machtkämpfe zwischen Ost und West, seltene Erden, eine gewisse Neukartierung der Welt und weltweite Sicherheitsarchitektur. Alles verpackt auf über 470 Seiten, die dem Leser zu keinem Zeitpunkt langweilig werden.

Findsen war bis Anfang der 2020er Jahre einer der wichtigsten Köpfe der dänischen Nachrichtendienste, der aufgrund des Verdachts, verschlüsselte Staatsgeheimnisse an die Presse durchgestochen zu haben, verhaftet wurde. Weinreich, der zweite im Bunde, hat bis dato Beststeller-Romane unter Pseudonym(en) verfasst. Es trafen sich also zwei, die sich wahrscheinlich gesucht haben, und zwar ein Kenner der Geheimdienste und der Arbeit im Hintergrund des politischen Establishments auf der einen Seite, ein talentierter Vielschreiber, der weiß, wie die popkulturelle Maschinerie läuft und an welcher Schreibe man drehen muss, auf der anderen Seite. Aus dieser Liaison entstand ein packender Politthriller, der sich fast wie ein fertiges Drehbuch liest, was kaum überrascht, weil Weinreich nebenberuflich auch als Screenplay-Autor tätig ist. Fast jedes der über 100 – eher kurzen – Einzelkapitel spielt vor einer anderen räumlichen Kulisse: die Handlung springt zwischen den verschiedenen Städten in der Türkei und unterschiedlichen Locations von Kopenhagen – via Telefonanschluss ist man auch in China. Die fließenden Übergange spiegeln die Handlungsdynamik wider und bilden den Modus operandi der ohne Rast und Ruh agierenden Geheimagenten ab. Bei den Dialogen wie bei den Erzählpassagen verzichtet das Schriftsteller-Tandem auf übermäßige Beschreibungen. Vorrang haben Detailliertheit und Präzision. Und an solchen Textstellen, an denen Weinreich/Findsen ein wenig abdriften, kann man von erzählerischen Störfaktoren nicht sprechen. Solche Fragmente dienen der besseren Einordnung des Stoffes – und dieser hat es in sich.

Ein Chinese macht in Dänemark Gebrauch von einer falschen Identität. Vor der Tür steht ein offizieller Besuch chinesischer Delegierter in Grönland, die ein Forschungsprojekt auf den Weg bringen möchten und deswegen eine chinesische Studentin beauftragt haben, an der Technischen Universität zu spionieren und relevantes Material zu beschaffen (das nennt man wohl Wirtschaftsspionage). Interessiert an derselben Studentin ist Daniel Hartmann vom dänischen Nachrichtendienst, der sie rekrutieren möchte. Neben Hartmann gehört auch Maja Birk, die von einer Auslandsmission verletzt nach Hause kommt – in der Türkei blieb ihr Mitarbeiter, der auf eigene Faust versucht, zu fliehen – zu denen Hauptfiguren. Von ihren Familienverhältnissen und Privatleben erfährt man zwar viel, aber für einen nordic noir – ja, ja Klischee – doch recht wenig. Wie dem auch sei, beide harmonieren gut miteinander und kommen einem politischen Komplott auf die Spur, bei dem Grönland die Schlüsselrolle spielt – Trump lässt grüßen.

„Dunkelmann“ liefert nicht nur einen überzeugenden Einblick in die Arbeitsweise der Geheimdienste, sondern zeichnet eine Angst einjagende Welt, die einem großen Spinnennetz von dunklen Machenschaften und politischen Streithähnen gleicht, wo Privatsein schon längst nationalisiert und das Nationale globalisiert wurde. Echt gut gemacht. Brutal aktuell.

Nur eine Sache wirft Rätsel auf: wieso man für das Cover und den Einband dunkelblaue Farbtöne mit kreuzähnlichen gelben Strichen, die an die Nationalflagge Schwedens erinnern, wählte? Vielleicht ist es schon ein Zeichen der Globalisierung…

Jacob Weinreich, Lars Findsen: Dunkelmann. Ein Fall für Birk und Hartmann (Skygger på Silkevejen, Mai 2024). Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Scherz Verlag, Frankfurt 2026. 480 Seiten, 18 Euro.

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Rückkehr aufs Parkett

(AM) Ich begrüße es sehr, dass Spionageroman und Agententhriller ein allmähliches Revival erfahren. Und ich denke, wir sind da erst am Anfang. Putin hilft. Es gibt  wieder Bösewichte und Gefrierschrank-Kälte, internationale Intrige und Gefahr. Das Riga-Komplott von Michael Idov ist solch ein Update. Im Nachwort dankt der Autor dem Investigativ-Team von Bellingcat und „jedem Reporter, jeder Rechercheurin, jedem Blogger, jeder Komikerin, jedem Filmemacher und jeder Musikerin, die unter einem repressiven Regime die Wahrheit verbreiten“.

Idov ist Jahrgang 1976. Le Carré wurde 1931 geboren, Charles McCarry 1930, Adam Hall 1920, Len Deighton 1929, Eric Ambler 1909, Graham Greene 1904, Ian Fleming 1908, Robert Littell 1935, Alan Furst und Gerald Seymour 1941. Andreas Pflüger (gerade „Kälter“) übrigens 1957. Der aus Lettland stammende Idov wuchs in Riga unter sowjetischer Besatzung auf, kam mit 16 in die USA, studierte an der University of Michigan, schrieb Filmkritiken, zog nach New York, versuchte in der Lower East Side einen Coffee-Shop namens „Café Trotsky“ zu eröffnen, schrieb darüber ein lustiges Buch mit dem Titel »Ground Up« (2009), fand Zugang zum New York Magazine, wo seine Reportagen mit drei National Awards ausgezeichnet wurden, verbrachte dann zweieinhalb Jahre in Moskau als Chef vom Dienst bei Condé Nasts russischem Ableger von Gentleman’s Quarterly, kurz GQ. Daraus wurden die schauderlich-lustigen Erinnerungen „Dressed Up for a Riot: Misadventures in Putin’s Moscow“ (2018). Film- und TV-arbeiten kamen hinzu, etwa für die Serien „Londongrad“ und „Deutschland 83“ oder den Musikfilm „Leto“ über die Underground-Rock-Szene der frühen 1980er in Leningrad. Er kann also ein paar Tanzschritte auf dem Ost-West-Parkett. Idovs zweiter Roman, „The Cormorant Hunt“, ist jetzt Ende Januar erschienen. Den desillusionierten CIA-Agenten Ari Falk aus dem „Riga-Komplott“ treffen wir darin im Exil in Georgien an.

Sein Debüt-Thriller spielt im Jahr 2021, also vor Beginn des Überfalls auf die Ukraine, und liest sich immer wieder wie aus den Schlagzeilen. Nehmen wir etwa den Einstieg mit dem türkischen Linienflug von Istanbul nach Riga, von der belarussischen Luftwaffe zu einer Landung in Mink gezwungen, und einem regimekritischen russischen Blogger, der aus dieser Maschine geholt wird. Oder den „Selbstmord“ eines russischen Oligarchen im Exil… oder … oder. Michael Idov, dem bewusst ist, wie viele Spionage-Autoren „Ehemalige“ waren oder sind und dass ihm selbst solch eine Erfahrung fehlt, gab sich für sein Debüt die Maxime, voll und ganz in die bizarrsten Details seiner Biografie einzutauchen. Ironischerweise machte das seinen ersten Genre-Roman zum autobiografischsten und persönlichsten Werk, das er je geschrieben hat. Regel Zwei verlangte, keine Szene an einem Ort, an dem er nicht selbst mindestens ein paar Monate gelebt hatte. Und er buchte jeden Flug und jede Bahnfahrt nach, rekonstruierte die Zeitzonen-Verschiebungen minutiös. Der GoogleDoc-Kalender seines Romans inklusive Zeit- und Ortschiene wuchs so auf ein 40-seitiges Dokument. Aber glauben Sie mir: Der Roman ist spannender.

Michael Idov: Das Riga-Komplott (The Collaborators, 2024). Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux, herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. Klappenbroschur, 330 Seiten, 17 Euro.

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Effektvoll neu arrangiert

(JF) „Wenn Sie vernünftig wären, Poe …“ Doch solche Ratschläge, mögen sie auch von höchster Stelle kommen, verfangen nicht. Denn vernünftig im herkömmlichen Sinne ist Detective Sergeant Washington Poe schon aus Prinzip nicht. Dafür aber ziemlich erfolgreich in der Aufklärung verzwickter Fälle. Und das nicht zuletzt, weil ihm mit der hochintelligenten, aber lebensfremden Wissenschaftlerin Tilly Bradshaw eine analytische Superkraft zur Seite steht. Erfunden hat das ungleiche Paar der englische Schriftsteller M. W. Craven, in einem früheren Leben Berufssoldat bei der britischen Armee.

Die dort erworbene Expertise, vor allem, was die Waffentechnik angeht, bleibt in seinen Romanen nicht unbemerkt. Noch wichtiger aber ist, dass er mit den Tricks und Kniffen der einschlägigen Spannungsliteratur bestens vertraut ist und weiß, wie sich klassische Handlungsmuster und Figurenkonstellationen effektvoll neu arrangieren lassen. Und da Craven einen ausgeprägten Sinn für situative und verbale Komik hat, lassen sich auch die unvermeidlichen genrespezifischen Klischees genießen. Inzwischen liegen die ersten fünf der bislang sieben Bände umfassenden Reihe übersetzt vor, im Frühjahr 2027 soll sie komplett sein.

Vielleicht findet sich bis dahin auch ein deutsche Verlag, der sich eines weiteren Craven-Projekts annimmt. Dessen zentrale Figur ist Ben Koenig, ein ehemaliger US-Marshall, der alles mit sich bringt, was eine zünftige Actionfigur benötigt: blitzschnelles Auffassungsvermögen, exzellente Kampftechnik, überragenden Intellekt. Und als Alleinstellungsmerkmal das Urbach-Wiethe-Syndrom, eine sehr seltene neurologische Erkrankung, die häufig zum Verlust des Angstempfindens führt. Bislang gibt es zwei Romane, in denen sich Koenig mit Bösewichten aller Art herumschlagen muss. Was man wörtlich nehmen darf, denn es geht ziemlich ruppig zu.

Zudem haben wir es mit jener Art von Literatur zu tun, in der das Schicksal der Welt in einem Zweikampf entschieden wird. Das muss man mögen. Weil der Autor aber auch hier  sein Talent für narrative Ironie unter Beweis stellt, fällt das nicht schwer. Wo sonst träfe man einen Superhelden mit einem Faible für obskure Horrorfilme. Darunter ein vergessenes Juwel wie „Captain Kronos – Vampirjäger“ (1974) mit Horst „Bastian“ Janson in der Titelrolle.
Allein Informationen wie diese sind die Lektüre wert. Denn es handelt sich um einen Film, den man schon deshalb sehen möchte, weil Brian Clemens, Schöpfer der fabelhaften TV-Serie „The Avengers“ (Mit Schirm, Charme und Melone) für Drehbuch und Regie verantwortlich war.

Und weil es nicht oft geschieht, dass in handlungsstarken Thrillern Lesevergnügen und Lerneffekt eine fruchtbare Symbiose eingehen, verdienen die beiden bislang erschienenen Ben Koenig-Romane unbedingt eine deutsche Übersetzung.

M. W. Craven: Die Witwe (Dead Ground, 2021). Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger. Droemer, München 2026. 512 Seiten, 16,99 Euro.

M. W. Craven: Fearless. Constable, London 2023. 464 Seiten.

M. W. Craven: Nobody’s Hero. Constable, London 2025. 448 Seiten.

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Nichts Heldenhaftes

(AM) „Oh, warum quälen sich die Sonnenstrahlen sinnlos, um den Schlaf der Erde zu unterbrechen?“, zitiert Derek Raymond in „Ich war Dora Suarez“ aus einem Brief von Wilfred Owen von der Front. Raymonds dritter Factory-Band, „Wie die Toten leben“, hat gar eine andere Owen-Stelle als Motto. Der wohl düsterste Poet der Kriminalliteratur fühlte sich dem britischen Kriegsdichter seelenverwandt. Owen fiel am 4. November 1918 in Frankreich, am Canal de la Sambre à l’Oise, ganze 25 Jahre alt, fast auf die Stunde genau eine Woche vor es im Ersten Weltkrieg zm Waffenstillstand kam. Owen gilt heute als wichtigster britischer „War Poet“. Seine Wirkung reicht freilich darüber hinaus. So, wie bestimmte Filmemacher auf immer den Zugriff auf Bilder veränderten, so stürmt seine Sprache unmittelbar in Aktion. Robin Robertson, dessen Buch in Versform „Wie man langsamer verliert“ ich in dieser Ausgabe nebenan bespreche, ist zum Beispiel klar von Owen geprägt.

Owens Gedichte sollte jeder kennen. Es gibt sie, sensationell schön präsentiert und passgenau übersetzt, in der Edition ReVers im Verlagshaus Berlin, jenem Verlag, der in seinen Prospekten dazu aufruft: POETISIERT EUCH! Und seit dem ersten Erscheinen 2014 ist dies jetzt schon die dritte Auflage, sie wurde überarbeitet und erweitert.

Der bibliophile Band Die Erbärmlichkeit des Krieges – wunderbar illustriert von Andrea Schmidt, trotz hochklassiger Ausstattung zum Preis eines normalen Taschenbuchs erhältlich und 2015 von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet – versammelt die Gedichte Owens, dazu Auszüge aus Briefen von der Front, ein sehr informatives Nachwort des Übersetzers Johannes CS Frank sowie eine Zeitleiste für Leben und Zeit dieses Ausnahmedichters. In der nicht zu schmalen Fußleiste sind die Gedichte im Original lesbar. Bei Wilfred Owen hat das Leiden und hat der Krieg nichts Heroisches; der Feind ist letztlich ein Leidensgenosse. Fürs Vaterland zu sterben ist weder süß noch ehrenvoll, das Gedicht „Dulce et decorum“ stellt das brutal klar. „Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen“, schrieb Owen vor mehr als hundert Jahren. Dies ist ein Band, der viel Verbreitung verdient.

Wilfred Owen: Die Erbärmlichkeit des Krieges. Gesammelte Gedichte (zweisprachig) und ausgewählte Briefe. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Jo Frank. Illustrationen von Andrea Schmidt. Edition ReVers #02, Verlagshaus Berlin, 3. überarbeitete & erweiterte Auflage 2025. 140 Seiten, 20 Euro.

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Bitte bald übersetzen

(AM) Der gigantische Roman »Unten leben« (Vivir abajo, 2019) von Gustavo Faverón Patriau erhielt 2025 den Deutschen Krimi Preis und steht auf der Jahres-Krimibestenliste 2025, Thomas Wörtche hat ihn hier bei uns besprochen. Dass der kleine und feine Literaturverlag Droschl aus Wien die Übersetzung von Manfred Gmeiner und die Herausgabe dieses 594-Seiten-Buches stemmte, ist eines der kleinen Buchweltwunder des letzten Jahres. Ein Extra-Bravo nochmals dafür.

Der Peruaner Gustavo Faverón Patriau (hier seine Website) ist seit 2019 nicht untätig geblieben. Im Oktober 2024 erschien im renommierten Verlag Candaya in Barcelona sein neues Werk, 720 Seiten stark. Es trägt den Titel Minimosca und ist bisher nur spanischsprachigen oder -kundigen Lesern zugänglich. Müssen wir nun wirklich wieder sechs Jahre oder länger auf eine Übersetzung warten? Ich hoffe nicht.

»Minimosca« ist ein Labyrinth in Romanform, eine Sammlung miteinander verwobener Romane, ein Wurmloch im Universum der Geschichte, ein Portal zu rasenden Parallelwelten, in denen Realität und Erinnerung, Fiktion und Metafiktion, Fantasie und Zeit untrennbar miteinander verbunden sind. Auf den Seiten dieses kühnen Romans koexistieren die Komödie des Grauens, das romantische Drama des Wahnsinns, die Tragödie der Weltgeschichte und die Rache der klassischen Mythen – wie Tausendundeine Nacht, erzählt von unzähligen Scheherazaden.

Die Geschichten von »Minimosca« umspannen mehr als ein Jahrhundert europäischer und amerikanischer Geschichte: die Weltkriege, den Holocaust, den Balkan und seine Konflikte, die Avantgarde-Kunst in Frankreich und den Vereinigten Staaten, lateinamerikanische Diktaturen, den Leuchtenden Pfad in Peru, die Verwirrung der Gegenwart angesichts des Schreckens der Wahrheit und die Verführung durch Lügen. Ihre Figuren – überlebende Frauen, geistesgestörte Boxer, verschlingende Väter, Psychopathen mit gespaltenem Ich, Verbannte, heimliche Migranten und tragikomische Avatare von Stephen King, Marcel Duchamp, Allen Ginsberg, Georgette Phillipart oder César Vallejo – sind geprägt von Wahnsinn, Absurdität und der Panik, alles zu verlieren, aber auch von Hoffnung, Liebe und Freundschaft bis zum bitteren Ende.

Um in den Trümmern der heutigen Welt nach einer Einheit zu suchen, so trübe und brüchig sie auch sein mag, schöpft Gustavo Faverón Patriau aus dem Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, aus der Philosophie der Niederlage, aus dem düsteren Lächeln des Realismus, aus der Horrorgeschichte, dem Delirium des Fantastischen und dem Humor des Wunderbaren. Geschrieben nach dem monumentalen »Vivir abajo« und beeinflusst von Borges, Burton und Cervantes, überschreitet »Minimosca« die Schwelle zwischen Roman und Anti-Roman hin zu einer neuen Form der Fiktion und Metafiktion. Kurz: ein Buch, das dringend der Übersetzung harrt.

Gustavo Faverón Patriau: Minimosca. Editorial Candaya S.L., Barcelona 2024. 720 Seiten, derzeit nur noch antiquarisch erhältlich.

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