Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Februar 2026

© Foto von Jason Abdilla auf Unsplash

Gar nicht so kurze Kurzkritiken zu aktueller (nicht nur) Kriminalliteratur von: Joachim Feldmann (JF), Sonja Hartl (sh) und Alf Mayer (AM):

Hanna Aden: Die Kryptografin
Thomas Michael Glaw: Die Hexen vom Tüllinger
Maxim Jakubowksi (Hg.): Birds, Strangers and Psychos. New Stories Inspired by Alfred Hitchcock
Orjan N. Karlsson: Kalt wie die Luft
Nina McConigley: How to Commit a Postcolonial Murder
Quentin Mouron: #tod_in_venedig
Jo Nesbø: Minnesota

Im Dezember 2025 bei uns gechoppt:
Martin von Arndt: Der Wortschatz des Todes
Ádám Bodor: Waldohreule. Erzählungen
Robert Jackson Everett: The Tainted Cup
Robert Galbraith: Der Tote mit dem Silberzeichen
Elly Griffiths: Manche Schuld vergeht nie
Mick Herron: Down Cemetery Road
Doug Johnstone: Schwarze Herzen
Felicity McLean: Red
Håkan Nesser:Eines jungen Mannes Reise in die Nacht
Arturo Pérez-Reverte: Der Italiener

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Ein europäischer Blick auf die USA

(sh) Der norwegische Bestseller-Autor Jo Nesbø schickt in seinem neuen Kriminalroman Minnesota einen amerikanischen Polizisten auf die Suche nach einem Serien-Scharfschützen, der Gangmitglieder und Waffenlobbyisten ins Visier genommen hat. Packend und aktuell.

Minneapolis, 2016. Der Polizist Bob Oz ist am Ende. Seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter säuft er, seine Ehe steht kurz vor der Scheidung und seine Wutanfälle hat er auch nicht mehr unter Kontrolle. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis er völlig ausrastet und suspendiert wird. Ausgerechnet jetzt beginnt er mit den Ermittlungen in einer Mordserie: Ein Scharfschütze hat auf einen Dealer geschossen, der nicht nur mit Drogen, sondern auch mit Waffen handelt. Klar ist: Der Dealer wird nicht sein letztes Opfer sein.

Langsam baut sich die Spannung auf in Jo Nesbøs Kriminalroman „Minnesota“, in dem Bob Oz schon bald erkennt, dass der Täter vor allem Menschen ins Visier nimmt, die für das Recht auf Waffenbesitz eintreten. Der Kriminalfall ist solide konstruiert, die größte Stärke dieses Romans liegt indes in dem dezidiert europäischen Blick, aus dem er erzählt wird. Dazu bedient sich Nesbø eines effektiven Kniffs: In der Rahmenhandlung schickt er 2022 den norwegischen Autor Holger Rudi nach Minneapolis, der für ein Buch über den Serienscharfschützen recherchiert. Im Text wird mehrfach betont, dass er sich in die Personen einfühlt, dass er aus ihrer Perspektive erzählt. Außerdem kennt Holger Rudi Minneapolis gut: Einst sind – wie viele Menschen aus Norwegen – auch Verwandte von ihm nach Minnesota ausgewandert.

Dass dieser Blick eines Außenstehenden, der aber die Gegend kennt, wirkungsvoll ist, merkt man gleich am Anfang in der besten Szene des Romans: Holger Rudi fährt mit einem Taxi durch die Stadt und merkt an, in Minneapolis sei nichts mehr wie früher. Der Taxifahrer stimmt ihm zu. Für Holger Rudi sucht den Auslöser der Veränderung in den Scharfschützenmorden vor sechs Jahren. Für den Taxifahrer hingegen ist es der Mord an George Floyd 2020 durch einen weißen Polizisten.

Ohnehin ist der Zeitraum dieses Romans klug gewählt: Bob Oz ermittelt 2016 gegen den Scharfschützen. Donald Trumps erste Präsidentschaft steht also noch bevor. Holger Rudi kommt sechs Jahre später nach Minneapolis, da ist Trumps erste Präsidentschaft gerade vorbei. In der Zwischenzeit gab es neben dem Mord an George Floyd eine globale Pandemie, die Gewaltbereitschaft ist gestiegen, die Gesellschaft ist polarisierter und hochemotionalisiert.

Holger Rudi – deutlich ein Alter Ego Nesbøs – spürt also nicht nur dem Scharfschützen und seinen Motiven, sondern der Gegenwart in den USA nach. Es geht um den Einfluss der Waffenlobby, um Einwanderung, um Vergebung und Rache und um die große Frage, warum sich die USA so verändert haben.

Als Nesbø „Minnesota“ geschrieben hat, konnte er nicht ahnen, dass im Januar 2026 in Minneapolis erst in einem Wohngebiet die weiße 37-jährige Renee Nicole Goode von bewaffneten Kräften der US-Einwanderungsbehörde getötet wird und wenig später der 37-jährige Krankenpfleger Alex Pretti ebenfalls von ICE erschossen wird. Er hat selbst eine Waffe getragen, geschützt hat sie ihn nicht. Durch diese Taten bekommt Nesbøs Roman eine weitere politische Dimension. Und tatsächlich findet man beim Lesen überall Hinweise auf das Kommende.

Jo Nesbø: Minnesota. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein Verlag 2026. 416 Seiten, 24,99 Euro.

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Die Fenster zum Kino

(AM) Gefühlt hat Maxim Jakubowski, ehemals Eigner der Krimibuchhandlung »Murder One« auf der Londoner Charing Cross Road, schon an die 100 Anthologien herausgegeben, mit Birds, Strangers and Psychos. New stories inspired by Alfred Hitchcock jedoch hatte er eine spektakulär gute Idee. 24, in manchen Prospektangaben auch 30 Autoren sind seiner Einladung gefolgt. Nun, es sind 25 Autorinnen und Autoren und 24 Stories. Wie bei Hitchcock weiß man eben hinterher nicht mehr ganz genau, was man tatsächlich gesehen hat. Aufgabe war es, je ein quintessentielles »Hitchcock-Gefühl« zu erzeugen. Hitch war übrigens selbst ein äußerst hungriger Leser. Er hat Geschichten von Daphne du Maurier, Patricia Highsmith oder Roald Dahl adaptiert, dem jungen Romancier Evan Hunter (i.e. Ed McBain) zu einem guten Start und sich selbst damit zum Drehbuch für »Die Vögel« verholfen.

Kim Newman übernimmt es, uns zu »Alfred Hitchock Presents« mitzunehmen, das Sie vielleicht ja noch aus dem Fernsehprogramm kennen. Peter Swanson bringt uns »Strangers on a School Bus«, Lee Child »Birds on a Train«. William Boyle bleibt in Gravesend, Brooklyn, für seine Geschichte mit »Arlene«, angelehnt an »Familiy Business«. Peter Lovesey liefert für »Killing Hitch« ein Drehbuch ab. Weitere Autoren sind unter anderem Joe R. Lansdale & Keith Lansdale, S. A. Cosby, der Filmkritiker David Thomson und Denise Mina. Jerome Charyn streift durch San Francisco, James Grady (den Sie gerade bei uns exklusiv mit dem Jahresrückblick Our Cuckoo’s Nest Called 2025 hatten) re-imaginiert in »Empire Builder« die Zugfahrt in »North by Northwest«, mit einem ganz und gar heutigen Twist. Und, oh Wunder, auch bei ihm taucht eine Blondine auf.

Diese Anthologie funktioniert auf mehreren Ebenen und Bühnen, Leinwänden, müsste mal eigentlich sagen. Ein echt vergnügliches Buch. Immer schade, wenn der Vorhang fällt.

Maxim Jakubowski (Hg.): Birds, Strangers and Psychos. New stories inspired by Alfred Hitchcock. No Exit Press, London 2025. Trade Paperback, 372 Seiten, 14,99 GBP.

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Von Klassikern inspiriert

(JF) Iselin Hanssen geht joggen und kehrt nicht zurück. Und sie ist nicht die erste junge Frau, die unter mysteriösen Umständen verschwindet. Treibt im hohen Norden Norwegens ein Serienmörder sein Unwesen? Oder sind es gar zwei?

Deutlich inspiriert von Genreklassikern wie Robert Blochs „Psycho“ (1959), eindrucksvoll verfilmt von Alfred Hitchcock, gestaltet der norwegische Autor Orjan N. Karlsson seinen Thriller Kalt wie die Luft als narratives Verwirrspiel, bei dem es nicht immer fair zugeht. Aber das ist auch nicht der Sinn der Sache. Spannung und Irritation gehen hier Hand in Hand. Und am Ende bleiben genügend lose Fäden übrig, um auf die Lektüre des für den Herbst angekündigten Folgebandes neugierig zu machen. Was Karlssons Polizeitruppe um den melancholischen Kriminalisten Jakob Weber, deren mühsame Arbeit anschaulich geschildert wird, auch verdient hat. Vor allem die aus Oslo abgeordnete Ermittlerin Noora Sun Yande spielt eine wichtige Rolle, hat sie doch selbst im Übermaß sexualisierte männliche Gewalt erfahren, auf deren graphische Darstellung auch dieser multiperspektivisch erzählte Roman nicht verzichten mag.

Dass diese nicht zur voyeuristischen Inszenierung gerät, darf man dem Autor als Verdienst anrechnen. Orjan N. Karlsson ist eine lohnende Entdeckung.

Orjan N. Karlsson: Kalt wie die Luft (Det siste stykket hjem, 2022). Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries. Pendragon Verlag, Bielefeld 2026. 359 Seiten, 24 Euro.

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Das Pfund Fleisch der Influencerwelt

(AM) Einer der im letzten Jahr bei uns untergangenen und nirgends besprochenen Kriminalromane ist #tod_in_venedig von Quentin Mouron. Der Westschweizer Autor (hier bei uns 2019 von mir porträtiert: Dandy, noir) kehrt darin nach zwei Gedichtbänden und einem literarischen Essay zu seiner romanhaften Seite zurück. Die fiktive Erzählung mit Anklängen an den Kriminalroman ist ein Einblick in die gnadenlose Welt der Influencer, sie erkundet die Grausamkeit und Einsamkeit, die der digitale Schwindel mit sich bringt.

Der französischsprachige Schriftsteller ist selbst Akteur der digitalen Welt. Soziale Medien sind seine zweite Plattform des Schreibens. Literarische Notizen, spontane Gedichte oder witzige Aphorismen – Mouron liefert als Medienkolumnist fast täglich ab. Aus der Insider-Perspektive hat er die Entstehung einer Kaste junger Menschen beobachtet, die für ihre Bekanntheit bekannt sind: YouTuber und Influencer. Diese neuen Kommentatoren genießen eine Glaubwürdigkeit, die Journalisten und Wissenschaftler verloren haben. Das kommentiert er hier nun mit beißendem Humor in seinem siebten Roman als Fiktion voller Vortäuschung und räuberischer Persönlichkeiten.

Venedig. Sommer 2022. Sixtine, eine junge Influencerin mit Hunderttausenden Followern, wird tot am Pool des Luxushotels gefunden, in dem sie wohnt. Zu ihrem engsten Umfeld zählen ein Fitnesstrainer, ein alkoholkranker Journalist und ihr Ex-Freund, selbst ein Influencer: allesamt plausible Täter. Quentin Mouron greift zum Skalpell, um verstörende, manchmal burleske Figuren zu zeichnen. Sam, Lola, Hugo, Rocco und Sixtine, Wesen aus Pixeln und Begierde, sind in denselben narzisstischen Horrortrip verstrickt, agieren in einem virtuellen Karneval. Als sei es eine Tragikomödie von Shakespeare, der im Epigraph zitiert wird, verlangt die Bühne, auf der diese Influencer auftreten, nach ihrem Pfund Fleisch und nach Opfer. Die Erzählung des Romans wechselt von Prosa zu Versen, von Versen zu theatralischen Dialogen, um die Subjektivitäten und Impulse der Protagonisten besser erfassen zu können. Not your normal Kriminalroman.

Quentin Mouron: #tod_in_venedig (La dernière chambre du Grand hôtel Abîme, 2024). Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Bilger Verlag, Zürich 2025. 172 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 26 Euro.

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Gekonnte Konfliktvermeidung

(JF) Gute Essen, feiner Wein und nette Leute. Die Hexen vom Tüllinger, ein regional grundierter Kriminalroman des Münchner Schriftstellers Thomas Michael Glaw, setzt auf Harmonie. Selbst ein scheinbarer Schnösel wie der edel gekleidete Kollege mit aristokratischem Background entpuppt sich als netter Kerl. Kein Wunder, dass sich Hauptkommissarin Jana Vecera während ihrer Urlaubswoche im Badischen rundum wohlfühlt. Zumal eine Leiche im Wald ihr kriminalistisches Talent herausfordert. Schließlich ist sie zuhause in München für Kapitalverbrechen zuständig. Und hier handelt es sich eindeutig um Mord. Vielleicht gibt es sogar einen Bezug zu zwei ungeklärten Altfällen, deren Opfer an derselben Stelle gefunden wurden. 1964 bzw. 1968, der Autor mag sich da nicht festlegen, erwischte es den berüchtigten Nazi und Dorftyrannen Heinrich Wagner und 1996 seinen nicht weniger üblen Sohn Adolf. Die Trauer hielt sich in Grenzen.

Doch die Schrecken der Vergangenheit vermögen die gute Stimmung nicht zu trüben, denn wir haben es mit einem Fall gekonnter literarischer Konfliktvermeidung zu tun. Was tatsächlich damals geschehen ist, kann auch die eifrig ermittelnde Urlauberin nur vermuten, während sich der aktuelle Fall Dank ihrer tatkräftigen Mithilfe aufklärt, ohne dass es für die Beteiligten wirklich brenzlig werden würde. Auch das ist eine Kunst.

Thomas Michael Glaw: Die Hexen vom Tüllinger. Kriminalroman. Mediathoughts Verlag, München 2025. 175 S., 14,50 Euro.

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Jetzt schon das Cover des Jahres 2026

Die Geschichte ist auf ihrer Seite

(AM) Manchmal ist ein Buch sogar noch besser als sein ohnehin schon genialer Titel. Das Romandebüt How to Commit a Postcolonial Murder von Nina McConigley ist solch ein Fall. Georgie und ihre Schwester Agatha Krisnha leben im ländlichen Wyoming der 1980er Jahre. Der Vater arbeitet in den Ölfeldern. „Wir waren nicht arm. Wir waren nicht reich. Wir waren vom Ölpreis abhängig«, erzählt uns Georgie, die Stimme des Romans. Die Mutter hat ihre Verwandten 14 Jahre nicht gesehen, als ihr Bruder, seine Frau und deren Sohn bei ihnen auftauchen und ein Zimmer beziehen. Georgie und Agatha müssen sich plötzlich ein Zimmer teilen. Alles wegen Onkel Vinny.

Es dauert kein Jahr und bis Seite 137, ehe ein Mord geschieht. Am 14. August, einen Tag vor dem Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens. Georgie weiß solche Sachen. Sie weiß, dass Erinnern wichtig ist. Besonders für Immigranten. (Die Geschichte beginnt mit der Explosion der Raumfähre „Challenger“.) Eines der Wunder dieses schlanken, prallen Buches ist, wie die Autorin mit historischen Wegmarken zu jonglieren versteht: die Welt aus einer postkolonialen Perspektive, ohne dass das je soziokrimi- oder lehrbuchhaft geriete. Georgie ist eine hinreißende Erzählerin. Sie weiß: „History was on our side.“ Das Amerika der Reagan-Zeit und der Kalte Krieg, die ganzen Komplexitäten der multikulturellen Immigranten-Welt, Geschichtsaneignung und Geschichtsbewusstsein, Trauma und Bewältigung, Selbstvergewisserung und Identität, schwesterliche Konkurrenz und Herzschmerz, Familie und dort draußen all die Politik, scharfer Witz und lakonische Weltsicht, das alles geht hier in einem auf, wird zu einer Lektüre voller Herz und Seele, zu einem enormen Spaß. Suspense inklusive.

Nina McConigley ist in Singapur geboren, in Wyoming aufgewachsen und lebt in Colorado. Ihr Erzählband „Cowboys and East Indians“ fand ordentlich Beachtung, die Blurbs für ihren in Vignetten erzählten Roman sind vom Feinsten und breit gestreut. Erste Kolumnen von ihr erschienen in Colorados „High Country News“. Das sagt Ihnen vermutlich nichts, aber dort war Ray Ring Senior-Redakteur, Autor des immer noch sensationellen Romans „Arizona Kiss“ (1991). Nina McConigley ist meine neue Hoffnung aus dieser Schule.

Nina McConigley: How to Commit a Postcolonial Murder. Pantheon Books, New York 2026. 206 Seiten, 26 USD.

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Bauchgefühl reicht nicht

(AM) Ausnahmsweise der Klappentext: »München in den frühen 1950er Jahren: Die junge Margot ist stolz, als eine der wenigen Frauen einen Studienplatz für Mathematik an der LMU bekommen zu haben. Bei einer Vorlesung fällt sie durch außergewöhnlich kluge Fragen auf und erregt damit die Aufmerksamkeit eines Gasthörers, der für die Operation Gehlen, den Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, arbeitet. Aufgrund ihrer Begabung bietet er Margot eine Stelle in der Decodierungsabteilung an, welche sie voller Aufregung annimmt. Doch die Freude über die neue Aufgabe weicht bald Ernüchterung, denn in dieser für Margot vollkommen neuen Welt haben immer noch die Männer von früher das Sagen und es fällt ihr schwer, sich zu behaupten. Ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft scheinen vergebens und sie steht kurz davor, zu kündigen. Einzig ihre Freundin Sue bestärkt sie darin, ihren Weg zu gehen. Sie träumt von einem besseren Leben und davon, eines Tages als Journalistin für die Rechte der Frau zu kämpfen. Gemeinsam besuchen die beiden jungen Frauen Diskussionsabende im Amerika-Haus, wo Margot auf den einfühlsamen und politisch aktiven Willi trifft. Doch ihre Aufgabe beim Geheimdienst macht es Margot nicht leicht, Privates und Berufliches zu trennen …«

Das ganze sei »Ein spannender und emotional bewegender Roman über eine junge Frau zwischen Pflicht und Freundschaft und über den Mut, seinen Träumen zu folgen … ein lesenswerter historischer Roman mit feministischen Zügen.« Nun, höflich gesagt, bin ich die komplett falsche Zielgruppe für Die Kryptografin: Für Träume braucht man Mut von Hanna Aden. Aber auch innerhalb seines Sujets ragt dieser Roman mit keiner Entenfeder über den Teich hinaus, in dem solche modernen Derivate des Lore-Romans gründeln. Thema interessant – eine junge Kryptografin beim gerade gegründeten BND – aber Lichtjahre entfernt von etwa dem Nachkriegsrealismus eines Andreas Pflüger in »Ritchie Girl«.

Alles hier ist softer Vorabend, ich habe keine einzige Stelle gefunden, die mich zum Anstreichen brachte, auch wenn das Buch gleich mit Bauchgefühl der besonderen Art loslegt: Menstruation im Hörsaal. Um Gefühle geht es öfter, wenn nicht dauernd. Schön etwa, die uns heute gar nicht mehr bekannte Sensation, sich zum ersten Mal in ein Automobil zu setzen. Leider aber bleibt auch das ohne sonderlich literarische Intonation. Später, im Anwerbegespräch, das sofort in eine Vertragsunterzeichnung mündet, betont Margot: »Ich bin eine Wissenschaftlerin. Bauchgefühl alleine reicht nicht.« Nicht nur das Treffen mit „Doktor Schneider“ (wie Gehlen sich tatsächlich nannte) ist so banal und blass, dass es hier nichts zu dechiffrieren gibt. Diese Kryptografin kann einem Thriller-Leser, schon gar nicht einem Mister Dynamit-Kenner (305 Agenten-Romane zwischen 1965 und 1992; mein Porträt hier) etwas Neues erzählen. Aber wie gesagt: einfach falsche Zielgruppe. Lassen wir es dabei.

Aber wenn Sie etwas Fetziges über den BND lesen wollen, gerne: Schweres Wasser – Leichte Mädchen … Eine etwas andere Kulturgeschichte der Bundesrepublik – Alf Mayer über die Romanserie MISTER DYNAMIT mit dem BND-Agenten Bob Urban, CrimeMag, 15. Januar 2018.

Hanna Aden: Die Kryptografin: Für Träume braucht man Mut. Penguin, München 2025. Paperback, Klappenbroschur, 480 Seiten, 18 Euro.

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