Geschrieben am 1. Dezember 2025 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2025

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Dezember 2025

Gar nicht so kurze Kurzkritiken zu aktueller (nicht nur) Kriminalliteratur von: Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Alf Mayer (AM), Frank Schorneck (FS) und Thomas Wörtche (TW):

Martin von Arndt: Der Wortschatz des Todes
Ádám Bodor: Waldohreule. Erzählungen
Robert Jackson Everett: The Tainted Cup
Robert Galbraith: Der Tote mit dem Silberzeichen
Elly Griffiths: Manche Schuld vergeht nie
Mick Herron: Down Cemetery Road
Doug Johnstone: Schwarze Herzen
Felicity McLean: Red
Håkan Nesser: Eines jungen Mannes Reise in die Nacht
Arturo Pérez-Reverte: Der Italiener

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Wir leiden mit ihnen

(JF) Dorothy, Jenny und Hannah Skelf aus Edinburgh, die neben ihrem Bestattungsunternehmen eine Detektei betreiben, gehören zu den ungewöhnlichsten Ermittlerinnen in der zeitgenössischen Kriminalliteratur. Erfunden hat das Trio aus Großmutter, Mutter und Enkelin der schottische Autor Douglas Johnstone, der sich in jedem der bislang vorliegenden sechs Bände als Experte für zwischenmenschliche Abgründe erwiesen hat. Dass sich der promovierte Atomphysiker obendrein auf die Konstruktion ausgefallener Plots versteht, ist einer der Gründe für den Suchtfaktor der Serie. Schon deshalb empfiehlt es sich, die Romane in chronologischer Reihenfolge zu lesen.

Schwarze Herzen, der 2022 im Original erschienene vierte Band, ist eine Herausforderung für unsere Empathiefähigkeit, denn Johnstone mutet seinen Protagonistinnen allerhand zu. Was nicht nur auf die teils skurril anmutenden Fälle zurückzuführen ist, mit denen sie sich herumzuschlagen haben. Wie der des Witwers, der sich vom Geist seiner verstorbenen Frau verfolgt fühlt. Und wir leiden mit ihnen, so nah sind sie uns. Das ließe sich manchmal kaum ertragen, wäre da nicht der schwarze Humor des Autors, auf den Marcus Müntefering in seinem aufschlussreichen Nachwort zu der gewohnt aufwendig gestalteten deutschen Ausgabe im verdienstvollen Polar Verlag nachdrücklich hinweist. So geht gleichermaßen anspruchsvolle wie fesselnde Krimikunst.

Doug Johnstone: Schwarze Herzen (Black Hearts, 2022). Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Polar Verlag, Stuttgart 2025. 339 Seiten, 25 Euro.

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Zwei Fäuste und kein Blatt vor dem Mund

(hpe) Sätze, bei denen die Kommas fehlen, vor allem längere, lassen einen beim Lesen immer mal wieder stolpern, im Deutschen wohl noch mehr als im Englischen. Das bekommen wir in Red, dem zweiten Roman der Australierin Felicity McLean, zu spüren. Sie bezieht sich bei diesem für einen Kriminalroman fast schon ein bisschen experimentell anmutenden Stilmittel auf den „Jerilderie Letter“, sozusagen das Manifest des legendären Outlaws Ned Kelly. McLean versteht „Red“ als „eine Neuinterpretation von Ned Kellys Geschichte, in der Kelly von einer heutigen Jugendlichen mit dem Spitznamen Red verkörpert wird“.

Ruby McCoy aka Red ist 14 Jahre alt, und sie erzählt ihre Geschichte vom Aufwachsen in schwierigen sozialen Verhältnissen. Sie lebt ohne Mutter bei ihrem Vater Sid. Der hat manchmal einen Job, meistens nicht. Er macht Geschäfte mit Sachen, die „vom Lastwagen gefallen“ sind. Er wird von korrupten Polizisten schikaniert. Und für krumme Dingern benutzt und ausgenutzt.

Red ist aufgeweckt, schlau und nicht aufs Maul gefallen. Und sie ist sich auch gewohnt, schon mal hart zuzulangen. „Zwei Fäuste und kein Blatt vor dem Mund“, ist ihr Motto. „Ich bin noch nicht tot und ich werde nicht leise gehen und ich bin hier um die Dinge ins rechte Licht zu rücken solange ich es noch kann yeah ich bin hier um ein paar Lücken in meiner Geschichte zu schließen ein paar Löcher zu stopfen nicht wahr?“

Trotz allerlei kleineren Verbrechen und größerer Polizeikorruption liest sich „Red“ mehr als Coming-of-Age- und Unterschichts-Sozialgeschichte denn als Kriminalroman. Reds Suada entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen mag. Das liegt auch an der Empathie der Autorin für ihre Heldin und am düsteren Humor. Und an das Fehlen der Kommas gewöhnt man sich mit der Zeit.

Felicity McLean: Red (Red, 2022). Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt. Polar Verlag, Stuttgart 2025. 262 Seiten, 17 Euro

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Wenn die Ordnung der Wirklichkeit zerbricht

(AM) Dieses Buch wird bei mir direkt neben Daniil Charms (1905–1942), dem Meister des real-absurden Humors, ins Regal einziehen. Ádám Bodor wurde in Rumänien als Sohn eines entschieden antikommunistischen Vaters geboren und war selbst Antikommunist. In seiner Jugend glaubte er an die Unabhängigkeit Siebenbürgens und den Sturz des kommunistischen Staates. Mit Siebzehn wurde er von der Securitate verhaftet. Nach seiner Freilassung studierte er an einem kalvinistischen Seminar und begann zu schreiben. Danach verließ er Rumänien nach Ungarn und verbrachte einige Zeit im Westen. Einige seiner Werke wurden für den Film adaptiert, so lautet die offizielle Biografie. Bei uns kennt man diesen ungarisch-rumänischen Schriftsteller noch viel zu wenig. Er ist Jahrgang 1936, also bald 90 Jahre alt.

Mit dem 564 Seiten starken Erzählband Waldohreule gibt ihm der Berliner Secession Verlag nun einen Auftritt mit großem Tusch. Dieses Buch hat das Atemvolumen eines Klassikers. Nach »Die Vögel von Verhovina. Variationen über letzte Tage« (2022 bei Secession, aus dem Ungarischen von Timea Tankó), dem Roman »Der Besuch des Erzbischofs« (1999 bei Amman) und »Schutzgebiet Sinistra« (1994 bei Amman) ist dies seine vierte deutschsprachige Veröffentlichung. Zeit, ihn endgülzig auf die Landkarte zu holen. Der Band gibt einen wunderbaren Querschnitt durch Bodors Werk, versammelt 54 in den über fünfzig Jahren seines Schaffens entstandene Erzählungen und beruht auf der 1992 veröffentlichten Kurzgeschichtensammlung »Vissza a fülesbagolyhoz« (sinngemäß: Zurück zur Waldohreule). Zehn Geschichten von damals wurden in Absprache mit dem Autor gegen drei neuere ausgetauscht.

Die Erzählung »Plus/ minus einen Tag« wurde 1973 von Zoltán Fábri verfilmt, deutscher Titel EIN TAG MEHR ODER WENIGER. Ein Kriegsverbrecher, der zu 25 Jahren Haft verurteilt war, kehrt darin in sein altes Dorf zurück. Das Gefängnis, in dem er einsaß, begegnet uns im ersten Satz wie ein in die Landschaft gestelltes  »Naturwunder«. Ein Mann in einem Laden ruft »Ich bin der Fuchs!«, von einem ausgestopften Auerhahn bleiben nach einem Besuch der Blindmäuse nur die Glasaugen übrig. Ein zum Erschießen Verurteilter will sich nicht die Augen verbinden lassen. Ein Kellner schaut kurz vor dem Servieren so intensiv auf einen Teller, dass dem Gast das Essen verdächtig wird. Ein Barbier macht einen falschen Schnitt ins Haar. Immer wieder sind es Alltagssituationen, in denen bei Babor die Realität ins Absurde kippt. Schwarzer Humor mischt sich mit Surrealismus, mit komischen oder alptraumhaften Situationen, manchmal mit magischem Realismus. Der Schatten des alten Ostblocks liegt über  Menschen und Landschaften, es geht um Leben und Überleben in einer autoritären Gesellschaft, um existenzielle Bedrohungen aus dem Nichts heraus, um die dünne Haut zwischen Normalität und Zusammenbruch. Und um den Duft von Tannennadeln auf der Haut.

Ádám Bodor: Waldohreule. Erzählungen. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Secession Verlag, Zürich 2025. 564 Seiten, Hardcover, 30 Euro.

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Nahe dran am Kriegsgetümel

(TG) Der aus einer ungarischen Familie stammende Martin von Arndt ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als ziemlich genau vor einem Jahr „Gärten der Trauer „von Boston Teran auf der Krimibestenliste landete. Dieser Roman über einen Agenten, der einen anderen Menschen aus dem Genozid-Geschehen an den Armeniern retten will, ließ mich nach anderen Kriminalromanen suchen, die diesen Völkermord thematisieren. Ich stieß auf Martin von Arndts „Tage der Nemesis“ von 2021, der beeindruckend die Jagd auf einige Hauptverbrecher behandelt, die sich ins Berlin der Zwischenkriegszeit verdrückt hatten.

Sein neuer Roman Der Wortschatz des Todes ist in jeder Hinsicht näher dran, dichter im Kriegsgetümmel. Der Titel ist ein Zitat des ostukrainischen Dichters Serhij Zhadan, der 2022 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde und mit „Internat“2018 einen der ersten Romane veröffentlichte, der die Schrecken des Krieges aus der Perspektive der ukrainischen Angegriffenen schildert.

„Drei Atemzüge lang starrt er in das Chaos aus Glut und Qualm.“ Mit diesem ersten Satz eröffnet von Arndt eines von mehreren Szenarien, die die Realität des Krieges nicht in der Ukraine, sondern hier in Deutschland aufs Tapet rufen: Ein Anschlag auf das Haus von Identitären, Spionage und Mord von Putins angeheuerten Gesellen, die Zwickmühlen des Widerstands. packt ein ganz klein bisschen zu viel in diesen Beginn einer Serie mit der Protagonistin Irina Starilenko, russische Dissidentin, ehemals Kommissarin im BKA und jetzt freiberufliche Detektivin für eine Wirtschaftsdetektei und ihrem Anwaltsfrischling Bergmann, der in „Der Wortschatz des Todes“ seinen ersten Fall zu bearbeiten hat. Sehr lesenswert.

Martin von Arndt: Der Wortschatz des Todes. Verlag ars vivendi, Cadolzburg 2025. 288 Seiten, Klappenbroschur, 18 Euro.

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Auf die unfeine englische Art

(FS) Down Cemetery Road – Zoë Boehm ermittelt in Oxford – von diesem sachlichen Untertitel und dem klassischen Diogenes-Design sollte man sich nicht täuschen lassen. Beim Stichwort „ermittelt in Oxford“ kommen einem klassische Detektivarbeit im akademischen, britisch-aristokratischen Milieu in den Sinn, vielleicht auch die TV-Serie „Lewis“, die sich nicht unbedingt durch Action hervorhebt. Auch das Cover-Motiv könnte einen Donna Leon-Krimi schmücken, wenn man den Kuppelbau in Italien verortet statt in England. Doch der Name des Autors lässt aufhorchen – ebenso der Sticker „Ansehen auf AppleTV+“ – denn es handelt sich hier um Mick Herron. Herron, dessen Romanserie um die „Slow Horses“, jene ausgemusterten MI5-Agenten, die aufs Karriere-Abstellgleich gestellt wurden, um kein Unheil anzurichten und dann doch genau das tun. Die Verfilmung mit Gary Oldman ist ein Serienhit bei AppleTV, die Romane Bestseller.

Nun also Zoë Boehm als Hauptfigur einer „neuen“ Serie – wobei in diesem Satz sowohl das Wort „Hauptfigur“ als auch „neu“ gelogen ist: Es handelt sich tatsächlich um den Debütroman von Mick Herron, den er 2003 veröffentlichte und der die Privatermittlerin Zoë Boehm zwar als Heldin einer eigenen Krimireihe einführt, in ihrem ersten „Fall“ aber erst auf den letzten hundert von 550 Seiten wirklich ins Zentrum der Geschehnisse rückt. Protagonistin ist vielmehr Sarah Tucker, Ehefrau eines Oxforder Finanzjongleurs, die Fragen zu stellen beginnt, als in der Nachbarschaft ein Haus explodiert und das überlebende Kind spurlos verschwunden scheint. Sie sticht damit in eine Verschwörung militärischen Ausmaßes, die ihr beschauliches Leben komplett aus den Angeln hebt. Es dauert nicht lange, und ihr Leben ist ernsthaft in Gefahr.

Schon in seinem Erstling brilliert Herron mit trockenem, tiefschwarzen Humor. Sarah Tucker ist rhetorisch schlagfertig, eine Meisterin der Ironie und des Sarkasmus. In Zoë Boehm wird sie eine ebenbürtige Sparringspartnerin finden. Auf der anderen Seite stehen die Handlanger einer offiziell nicht existenten Regierungsbehörde, die zur Wahrung der Geheimhaltung wortwörtlich über Leichen gehen. Gegenseitig traut man sich nicht über den Weg und auch ein höherer Rang in der Hierarchie schützt einen nicht vor dem Messer an der Kehle. Fast aus dem Nichts kommt es Ausbrüche unkontrollierter Gewalt. Herron setzt viele falsche Fährten, fügt aber auch geschickt scheinbar unbedeutende Puzzleteile zusammen. Hochspannung und Witz aufs Vorzüglichste vereint, mit Dialogen zum Niederknien. Das deutschsprachige Publikum darf sich hoffentlich auf die noch folgenden drei Zoë Boehm-Romane freuen, die Herron bis 2009 veröffentlicht hat, bevor er sich den Slow Horses widmete.

Mick Herron: Down Cemetery Road. Deutsch von Stefanie Schäfer. Diogenes Verlag, Zürich 2025. 550 Seiten, 19 Euro. – Siehe auch hier nebenan in dieser Ausgabe Thomas Wörtche.

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Von Rex Stouts Nero Wolfe-Romanen angeregt

(JF) Das „Große Geheiligte Imperium von Khanum“ ist dauerhaft in seiner Existenz bedroht. Denn in jedem Jahr zur Regenzeit versuchen gigantische Meeresungeheuer die Mauern zu durchbrechen, mit denen sich das Reich vor Eindringlingen zu schützen versucht. Khanum ist eine biotechnologisch avancierte, ansonsten aber ziemlich archaische Standesgesellschaft, die der Fantasy-Autors Robert Jackson Bennett für seinen Roman The Tainted Cup nach antiken Vorbildern modelliert hat. Das zu diesem Zweck erfundene Spezial-Vokabular hätte ein eigenes Glossar verdient. Weil Bennett aber darauf verzichtet, dauert es eine Weile, bis man Struktur und Funktionsweise dieses erzählten Raums halbwegs begriffen hat, für Genre-Aficionados wahrscheinlich ein Teil des Lesevergnügens. Unsereiner allerdings tut sich mit all den Neologismen ein bisschen schwer. Denn das hübsche Buch, Klappbroschur mit Farbschnitt, hat unser Interesse geweckt, weil es sich auch um einen zünftigen Detektivroman alter Schule handelt. Und da ist jedes Detail relevant.

Dass sich der Autor, wie er im Nachwort erzählt, von Rex Stouts Nero Wolfe-Romanen hat anregen lassen, wird bei der Lektüre schon bald offensichtlich. Wie der schwergewichtige New Yorker Privatdetektiv verlässt auch die geniale Ermittlerin Ana Dolabra nur sehr ungern ihre Behausung. Stattdessen schickt sie ihren Gehilfen Dinios Kol in die Welt hinaus, damit er ihr berichtet. Wir erinnern uns an Wolfes Assistenten Archie Goodwin, der für seinen Chef die Laufarbeit erledigt. Doch anders als dieser ist Kol kein hartgesottener Schnüffler, sondern ein unerfahrener Bursche, der zudem unter einem erst spät im Roman enthüllten Handicap leidet. Diese Einschränkung wird allerdings durch die erworbene Fähigkeit, sich alles, was er unter dem Einfluss eines Stimulans wahrnimmt, einprägen zu können, kompensiert. „Gravierer“ nennt man derartig ausgebildete Menschen in Khanum.

Der Mordfall, mit dessen Aufklärung das ungleiche Duo betraut wird, trägt fantastische Züge. Ein hoher Offizier ist durch einen Samen, der in seinem Körper einen Baum wachsen ließ, getötet worden. Herauszufinden, wie das biologische Kampfmittel, Scheckenglas genannt, ins Haus gelangt ist, stellt eine intellektuelle Herausforderung für Dinios Kol dar. Und, wie sich denken lässt, zeigt er sich dieser gewachsen. Überhaupt erweist sich der junge Mann als überaus talentierter Detektiv, allen Selbstzweifeln zum Trotz. Das ist auch nötig, denn der Mord ist nur Teil eines groß angelegten Komplotts, in das eine der einflussreichsten Familien des Imperiums verwickelt ist.

„The Tainted Cup“ ist ein vergnüglicher Genremix, der davon profitiert, dass Bennett, wie einst Rex Stout, seinen sympathischen Helden selbst erzählen lässt. Und wie Nero Wolfe braucht auch Ana Dolabra Publikum, wenn sie eine vorläufige Theorie zur Auflösung des Falles präsentiert. Vorläufig deshalb, weil die Angelegenheit damit noch nicht erledigt ist. Zumal „The Tainted Cup“ der Auftakt zu einer Reihe mit dem Titel „The Shadow of the Leviathan“ ist. Die man im Auge behalten wird.

PS: Was Verlage dazu bewegt, deutsche Übersetzungen englischsprachiger Romane immer häufiger unter ihrem Originaltitel herauszubringen, ist mir ein Rätsel.

Robert Jackson Everett: The Tainted Cup (The Tainted Cup, 2024). Ins Deutsche übersetzt von Jakob und Karla Schmidt. Adrian Verlag, Berlin 2025. 416 S., 16,95 Euro.

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Schweine im Wasser!

(TW) Man könnte den Eindruck haben, dass Arturo Pérez-Reverte immer ein wenig unterschätzt sei. Seine „Capitán Alatriste“-Rehe gehört zum Beispiel zu meinen All-Time-Favorites (wie auch die grandios-schwelgerische Verfilmung von Agustín Díaz Yanes mit Viggo Mortensen in der Hauptrolle), und die man durchaus auf Augenhöhe mit Patrick O´Brians Aubrey/Maturin-Romanen sehen kann. Anyway, Pérez-Reverte ist ein Autor, der mit der Pranke schreibt, bei historischen Stoffen allemal, die zudem penibel recherchiert sind.

Der Italiener spielt in und um Gibraltar im Jahr 1943. Italienische Kampftaucher greifen immer wieder mit Mini-U-Booten (sogenannten maiale, Schweine) die alliierten Kriegs- und Nachschubschiffe an, die sich in dem britischen Überseegebiet zu Konvoys versammeln. Diese Art der maritimen Kriegsführung war eine Spezialität der italienischen Marine – hochriskant, verlustreich und dennoch effizient.

Eines Morgens findet die Buchhändlerin Elena Arbués in der Bucht von Algeciras (an deren einem Zipfel „The Rock“ liegt, umgeben von spanischem Hoheitsgebiet) einen verletzten, ohnmächtigen Taucher, der unter seinem Gummizeug eine italienische Marineuniform trägt. Statt ihn den Behörden auszuliefern, nimmt sie ihn mit nach Hause und verliebt sich peu à peu in ihn. Und er sich in sie. Obwohl Elena keine großen Sympathien sowohl für das Mussolini- als auch das Franco-Regime hat, hilft sie dem Italiener namens Lombardo Tesco, weitere Ziele für die italienischen Kampftaucher, die sich auf einem Frachter im Hafen von Algeciras verstecken, auszukundschaften. Aus Liebe, und vielleicht auch, weil sie die arroganten Briten nicht besonders gerne mag. Auch Tesco ist kein großer Mussolini-Fan, nach dem sich das offizielle Italien auf die alliierte Seite geschlagen hatten, wird er eben für die Alliierten gegen seine Mussolini-treuen Kameraden kämpfen. Er ist Patriot, sagt er, und ein Handwerker des Krieges. Bis es soweit ist, jagt Pérez-Reverte seine Figuren durch einen hochspannenden Polit-Thriller, mit einer Menge Action und Suspense. Elena wird von den Briten festgesetzt und peinlich befragt, als sie sich wider besseres Wissen in die Festung Gibraltar wagt, Tesco befindet sich auf einem Todeskommando.

So erzeugt man Spannung. Und weil Pérez-Reverte darauf besteht, dies sei aber eine wahre Geschichte, durchbricht er diese Spannung immer wieder, wenn er Zeitzeugen beider Seiten befragt, darunter auch Elena, die jetzt eine Buchhandlung in Venedig betreibt, und ihren britischen Gegenspieler der Special Branch. Dadurch entsteht natürlich eine gewisse Multiperspektivität, die den Verdacht eines kriegsverherrlichenden Heldenepos zerstreut. Teilweise liest sich der Roman dann eher wie eine Doku-Fiction, deren Fokus auf den handelnden Personen liegt, weniger auf den großen zeitgeschichtlichen Linien, die ja bekannt sind. Und weiterhin gilt: Unterschätzt Pérez-Reverte nicht.

Arturo Pérez-Reverte: Der Italiener (El Italiano, 2021). Deutsch von Carsten Regling. Folio Verlag, Wien/ Bozen 2025. 395 Seiten, 28 Euro.

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Spätviktorianischer Noir

(TG) Bei diesem achten, immer noch nicht ganz ausgelesenen Cormoran Strike/Robin Ellacott-Wälzer (1247 Seiten!) habe ich mich immer wieder gefragt, wie die Autorin (jedermensch weiß, dass Robert Galbraith das Krimi-Pseudonym von Joanne K. Rowlings ist) das schafft, all die Haupt- und Nebenstränge, all die Irrungen und Wirrungen dieser zwar im 21. Jahrhundert lebenden, ununterbrochen auf ihren Smartphones tippenden Figuren mit ihren Konflikten aus dem viktorianischen Zeitalter nicht nur auseinanderzuhalten, sondern von ihnen auch noch so zu erzählen, dass man, sofern man nichts anderes zu tun hat, auch dieses Buch ungern aus der Hand legt (es sei denn, man kann physisch den Klopper nicht mehr halten).

Der Tote mit dem Silberzeichen ist eine einzige niedergeschriebene Serie mit neun oder zehn Staffeln, in denen diese clevere Erzählerin es immer wieder schafft, neue Figuren und Konflikte zu generieren, ohne das große Ganze aus dem Auge zu verlieren. – Das wäre, wenn ich mich recht an den Anfang erinnere: Im Tresor eines auf Freimaurerobjekte spezialisierten Silberhändlers wird eine dermaßen zerstückelte Leiche entdeckt, dass man sie nicht identifizieren kann, selbst die Genitalien sind abgetrennt und weg. Eine wohlhabende, widerwillig den besseren Kreisen angehörende Frau beauftragt die beiden Detektive, zu beweisen, dass der Tote ihr Lover und damit der Vater ihres Neugeborenen ist. Andernfalls müsste sie sich eingestehen, dass dieser sie vor der Geburt seines Kindes verlassen hat.

Man könnte auch sagen, dieser Roman ist Variation und Fuge über die Themen: Schwangerschaft, unerfüllte Liebe, Lüge, Tod. Variiert unter anderem in der unendlichen Ebbe und Flut der uneingestandenen Liebe zwischen Cormoran und Robin. Jedenfalls eins wird in dem Ganzen klar: Im Vereinigten Königreich und darüber hinaus gibt es vielleicht maximal zwei anständige Menschen und selbst die lügen sich fortwährend an oder in die eigene verklemmte Tasche. In so einer Welt möchte man nicht leben – weshalb der Weg der beiden Anständigen und Edlen gespickt ist mit Selbstmördern. Zum Glück ist dieses spätviktorianische Noir: Fiktion.

Robert Galbraith: Der Tote mit dem Silberzeichen (The Hallmarked Man, 2025). Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz. Blanvalet Verlag, München 2025. Gebunden, 1248 Seiten, 32 Euro.

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Zeitreisen ins in London Mitte des 19. Jahrhunderts

(JF) Wie Reisen durch die Zeit genau funktionieren, wird auch in Manche Schuld vergeht nie, dem Auftaktband zu einer neuen Reihe semi-historischer Kriminalromane der routinierten englischen Autorin Elly Griffiths, nur sehr oberflächlich erklärt. Aber das ist auch gut so. Denn physikalische Details wären nur störend, wenn man Detective Sergeant Ali Dawson von einer geheimen Spezialeinheit der Londoner Polizei bei ihren Ermittlungen im viktorianischen England begleitet.

Auftraggeber ist ein einflussreicher konservativer Minister, dessen Ururgroßvater gleich mehrere Morde begangen haben soll. Das ist schlecht fürs Image des aufstrebenden Politikers, also wird Dawson in die Vergangenheit geschickt, um die Unschuld des Vorfahren beweisen. Keine einfache Mission, denn sie muss nicht nur inkognito ermitteln, sondern sich auch an die herausfordernden  Lebensbedingungen in London Mitte des 19. Jahrhunderts gewöhnen. Zudem bergen Zeitreisen, das wissen wir seit H. G. Wells’ Roman „Die Zeitmaschine“, ihre ganz eigenen Risiken. Genügend Stoff für allerhand unterhaltsamen Mummenschanz also.

Wer aber auf eine zufriedenstellende Aufklärung der historischen Mordfälle hofft, wird enttäuscht, denn die Autorin belässt so manches im Dunkeln. Stattdessen konzentriert sie sich auf ein aktuelles Tötungsdelikt, mit dem sich ihre Ermittlerin schon aus persönlichen Gründen befassen muss. Allzu geschickt stellt sie sich dabei allerdings nicht an. Dass am Ende trotzdem ein Täter samt (dürftigem) Motiv aus dem Hut gezaubert wird, verdankt sich vor allem erzählerischer Willkür. Und das ist angesichts des zuvor betriebenen narrativen Aufwands doch schade.

Elly Griffiths: Manche Schuld vergeht nie (The Frozen People, 2025). Aus dem Englischen von Stefanie Kremer. Tropen, Stuttgart 2025. 350 Seiten, 17 Euro.

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Gegen die Schwärze der Welt

(TG) An mindestens zwei Texte der modernen Zivilisationskritik erinnert Eines jungen Mannes Reise in die Nacht von Håkan Nesser, an nämlich an Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ und an Louis Ferdinand Célines „Reise ans Ende der Nacht“.

Der Titel nimmt fast alles vorweg, aber eben nur fast. Denn obwohl sich darin fast ungebremst der Zorn eines alten Mannes (Nesser ist 1950 geboren) über „testosterongesättigte Clowns wie Trump, Putin, Bolsonaro, Erdogan und andere“ Bahn bricht, obwohl die detektivische Aufklärung im Dunkeln endet, obwohl die Klage über all das „was die Menschen einander, ihren Artgenossen, ihren Schwestern und Brüdern während der unwiderruflichen Wanderung in Richtung Auslöschung antun“ unmissverständlich ist, ist die Grundhaltung des Romans leicht, in der Schwebe, als wolle Nesser durch seinen Pessimismus hindurch sagen: Leute, es steht auf der Kippe, es ist an Euch, ob meine Befürchtungen wahr werden.

Mein Plädoyer hier also für einen großartigen, starken Kriminalroman, der gegen die Schwärze der Welt und die innere eigene Schwärze selbst angeschrieben ist.

Håkan Nesser: Eines jungen Mannes Reise in die Nacht (Ung mans färd mot natt, 2025). Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Verlag btb, München 2025. Hardcover, 352 Seiten, 25 Euro.

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