
Geradliniges Gedankenspiel
Mit seiner Romanserie um die „Slow Horses“, eine unwahrscheinlich schräge Truppe des britischen Geheimdienstes, und vielleicht noch mehr durch die daraus entstandene Streaming-Serie, ist Mick Herron zum Publikums- und Kritikerschwarm geworden. Also schiebt der Diogenes Verlag jetzt ein Frühwerk von Herron aus dem Jahr 2003 nach: „Down Cemetery Road“, mit dem deutschen Untertitel „Zoë Boehm ermittelt in Oxford“. Und weil man Emma Thompson für die Rolle der Zoë Boehm gewinnen konnte, war die nächste Verfilmung nur eine Frage der Zeit. Das ist ökonomisch betrachtet natürlich alles gut und schön.
Tatsächlich fiel mir wieder ein, dass ich dieses Buch 2003 oder 2004 auf meinem metro-Schreibtisch hatte und es nicht haben wollte. Von heute aus gesehen, keine kluge verlegerische Entscheidung. Ich konnte mich auch nicht mehr so recht daran erinnern, warum ich den Roman damals abgelehnt hatte. Heute weiß ich´s, weshalb ich mich dann doch nur ein winziges bisschen gräme. Wenn ich mich recht erinnere, gab es auch den Untertitel „Oxford Books I“ damals noch nicht (ich kann mich irren), auf jeden Fall war die Figur Zoë Boehm noch nicht Teil des Titels.
Bemerkenswerterweise ist hier die Privatdetektivin Zoë Boehm über lange Strecken des Romans lediglich eine Nebenfigur und hat ihren wichtigen Aufritt erst am Ende des Buches, das dann im äußersten Norden von Schottland spielt.
In Oxford selbst geht am Anfang des Romans eine Bombe hoch. Ein Haus wird zerstört, dabei kommen eine Frau und ein Mann ums Leben, ein vierjähriges Mädchen hat überlebt, verschwindet aber spurlos aus dem Krankenhaus. Dessen Schicksal lässt Sarah, die eigentlich Heldin, nicht los. Die steckt in einer Lebenskrise, in einer nicht sehr glücklichen Ehe. Zudem ist sie gerade arbeitslos, und wenn man ihr unterstellt, sie leide unter „BHS“, dem „Bored Housewife Syndrom“, tut man ihr nicht ganz unrecht. Man kann das mit gutem Willen als Parodie auf die klassischen Oxford-Krimis und die diversen Amateur-Ermittlerinnen des Golden Ages sehen. Sarah beginnt also Fragen zu stellen und nachzuforschen, was mit dem kleinen Mädchen passiert sein könnte. Dazu engagiert sie sogar einen Privatdetektiv, den Partner eben jener Zoë Boehm. Der nun wiederum kommt bald ums Leben, Sarah selbst gerät unter Mordverdacht. Was sie zunächst nicht ahnt: Bei ihren reichlich ungeschickten Recherchen tritt sie einer ultrageheimen Abteilung des britischen Geheimdienstes auf die Zehen. Die ist nämlich gerade dabei, alle lebenden Zeugen für höchst illegale Menschenversuche mit abscheulichen Biowaffen zu beseitigen, die man an Army-Soldaten und Kindersoldaten irgendwo in der Wüste vorgenommen hatte.
Aber einer diese Soldaten hat überlebt und muss zum Schweigen gebracht werden. Die Leichen stapeln sich, weil die „Staatsräson“ keine Gnade kennt und die politische Großwetterlage nach 9/11 gerade extrem angespannt ist. Und so hangeln sich psychopathische Killer, eisige Bürokraten (die eher unfreiwillige Karikaturen ihrer grotesken Schurkigkeit sind), undurchsichtige Geschäftsleute und tapfere Einzelkämpfer von Handlungstwist zu Handlungstwist. Insofern steht der Roman weniger in der Tradition des klassischen Oxford-Krimis, sondern in der der systemkritischen Polit-Thriller der 1970er und 1980er Jahre, als man – im Gefolge von James Gradys „Die 6 Tage des Condors“ oder Brian Freemantles Charlie-Muffin-Serie – die größten Schurken in der eigenen Regierung suchte, denen man jede Untat, jede Ungeheuerlichkeit (und im Falle Freemantles jegliche Dummheit und Klassendünkel) zutraute.
Mit den „Slow Horses“ ironisierte Herron, wie lange vor ihm eben Freemantle, später dieses Gedankenspiel. In „Down Cemetery Road“ exerziert er es noch geradlinig durch. Das gerät ihm etwas arg weitschweifig, sprich redundant, und ist mit einem gewissen Plausibilitätsproblem belastet, weil die Motivation von Sarah, koste es, was es wolle, das Schicksal eines ihr völlig unbekannten Kindes aufzuklären, nicht so wirklich überzeugend wirkt.
Sei´s drum, an den manchmal witzig-intelligenten Dialogen, die allerdings oft sinn- und funktionsfrei in die Handlung gestreut sind, den schrulligen Figuren und den Haken, die die Handlung schlägt, kann man sich, wenn man sowieso und grundsätzlich für Herron schwärmt, amüsieren.
Mick Herron: Down Cemetery Road. Zoë Boehm ermittelt in Oxford (Down Cemetry Road. Oxford Book I, 2003). Deutsch von Stefanie Schäfer. Diogenes Verlag, Zürich 2025. 550 Seiten, 19 Euro.
© 12.2025 Thomas Wörtche




















