Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Juni 2026

Gar nicht so kurze Kurzbesprechungen von  Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Sonja Hartl (sh) und Alf Mayer (AM). Für die einzelnen Besprechungen bitte nach unten scrollen:

Leye Adenle: Schatten der Schuld
William Boyle: Heilige der Narrows Street
Tom Finnek: Düsterholz 1976
Candice Fox: Outback Killers
Klaus Gietinger: Tote auf Urlaub
Ping Lu: Dunkle Gewässer

** **

Die Bloody Chops im Mai 2026: Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel/ Candice Fox: Outback Killers/ Sacha Jacqueroud: Erpressen erlaubt/ Katja Kleiber: Fataler Fall. Ein Frankfurt-Krimi/ Denise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-Roman/ Dror Mishani: Nicht/ Megan Nolan: Kleine Schwächen/ Hendrik Otremba: Der Gräber/ Byron Preiss (Hg.): Raymond Chandler’s Philip Marlowe. New Philip Marlowe Stories from Some of the World’s Leading Mystery Authors (1989)/ Maciej Siembieda: Katharsis/ Brigitte Tast, Hans-Jürgen Tast: Großmutter, warum hast du so große Hände? Kulleraugen Heft 60/ Matthias Wittekindt: Die Tote im Hafen

Die Bloody Chops im April 2026: Garry Disher: Zuflucht/ Alexander Eden: Die Hoteldetektivin/ Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte/ Louise Hegarty: Fair Play/ Matiás Néspolo:  7 Arten, eine Katze zu töten/ Mark SaFranko: Dear Professor Romance/ Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht/ Malin Thunberg Schunke: Tödliche Felder/ Sophie Sumburane: Keine besonderen Auffälligkeiten/ Vincent Tal: Tainted Love.

Die Bloody Chops im März 2026: M. W. Craven: Die Witwe/ Michael Idov: Das Riga-Komplott/ Ken Jaworowski: What about the Bodies/ Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin/ Wilfried Owen: Die Erbärmlichkeit des Krieges/ Gustavo Faverón Patriau: Minimosca/ Jacob Weinreich, Lars Findsen: Dunkelmann.

** **

Erzähltechnisch bei den Besten des Genres

(JF) Giulia Taverna wusste Anfang an, dass Sav Franzone nur Probleme bringen würde. Doch als ihrer Schwester Risa selbst klar wird, dass sie einen Fehler gemacht hat, ist sie schon mit dem gut aussehenden Kleinkriminellen verheiratet. „Wenn er nach Hause kam, stank er nach Schnaps und Zigaretten, abgestandenem Schweiß und Parfüm.“ Dann beginnt er, sie regelmäßig zu schlagen. Was auch nicht aufhört, als sie ein Kind bekommt. Bis ihm Risa in einer besonders bedrohlichen Situation die Bratpfanne über den Kopf zieht und er mit dem Kopf gegen die Tischkante stürzt. War es Notwehr, schwere Körperverletzung oder gar Mord? Darauf lassen es die Schwestern nicht ankommen. Sie rufen weder Notarzt noch Polizei, sondern bitten ihren Freund Chooch um Hilfe, der die Idee hat, Savs Leiche im Wald zu vergraben.

Doch das ist erst der Beginn der tragischen Geschichte, die der amerikanische Schriftsteller William Boyle in seinem sechsten Kriminalroman „Heilige der Narrows Street“ erzählt, der wie seine Vorgänger im Brooklyner Stadtteil Gravesend spielt. Als Sav Franzone 1986 stirbt, handelt es sich um ein überwiegend von den Nachfahren italienischer Einwanderer bewohntes Viertel. Das ändert sich im Laufe der Zeit, was in den folgenden drei Teilen des Romans indirekt reflektiert wird. Die geschilderten Ereignisse beschränken sich auf jeweils einen Wochentag beziehungsweise ein Wochenende in den Jahren 1991, 1998 und 2004, doch der tatsächlich erfasste Zeitraum ist erheblich größer. Und immer geht es darum, ob der wahre Grund für Savs Verschwinden ans Licht kommt. Mit teils furchtbaren Konsequenzen,die scheinbar lapidar erzählt werden, aber um so nachhaltiger wirken.

Das ist ein Effekt von Boyles narrativer Ökonomie. Nur wenige Sätze genügen ihm, um den Anschein zu erwecken, eine Figur sei vollständig charakterisiert. Was umso erstaunlicher ist, als wir es mit komplexen Protagonisten zu tun haben, die selbst dann nicht ohne Empathie gestaltet werden, wenn es sich um ausgemachte Schurken wie den sinistren Priester Tim handelt.

Dass William Boyle erzähltechnisch mit den Besten des Genres mithalten kann, beweist auch dieser neue Roman. Marcus Müntefering nennt in seinem instruktiven Nachwort Namen wie Richard Price, George V. Higgins und Dennis Lehane. In diesem Zusammenhang soll die Leistung der Übersetzerin Andrea Stumpf nicht unerwähnt bleiben, der wir die fabelhafte deutsche Fassung dieser kunstvoll arrangierten Beiläufigkeitsprosa verdanken.

William Boyle: Heilige der Narrows Street (Saint of the Narrows Street, 2025). Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2026. 431 Seiten, 26 Euro.

** **

Knallhart und clever

(sh) Lagos, Nigeria. Die 27-jährige Funke hat mit angehört, wie ihr 20 Jahre älterer reicher Sugardaddy ermordet wurde. Er war das Oberhaupt einer christlichen Megachurch und in dreckige Geschäfte verwickelt. Deshalb hat Funke nun zwei Probleme: Seine Mörder glauben, sie könne sie identifizieren. Und seine einflussreichen sowie politisch äußert gut vernetzten Komplizen glauben, sie wisse zu viel. Auf die korrupte Polizei kann sie sich nicht verlassen. Deshalb wendet sie sich hilfesuchend an die Rechtsanwältin Amaka Mbadiwe.

Amaka Mbadiwe ist die Hauptfigur der knallharten Thrillerreihe von Leye Adenle: Sie setzt sich insbesondere für Sex-Arbeiterinnen ein und hat sich in den vorherigen beiden Teilen schon mit allerhand mächtigen und gefährlichen Menschen angelegt. Amaka ist klug, tough und rücksichtslos – eine gute Hauptfigur für die temporeich erzählte Thrillerreihe. Schon in den vorherigen Teilen gab es viele Perspektiv- und Ortswechsel, schnelle Schnitte, direkte Dialoge, die die Dynamik von Lagos, die Widersprüche der Stadt fassten und zugleich für Spannung sorgten.

In Schatten der Schuld nun erzählt Adenle noch souveräner, noch selbstbewusster, noch knapper. Er vertraut auf die Intelligenz der Lesenden – und enthüllt beispielsweise die ganze Dimension des Verbrechens in einem Nebensatz. Dazu spürt man, dass Leye Adenle sowohl das Genre als auch gegenwärtige Diskurse zu Kolonialismus, Rassismus und Sexismus kennt – nicht weil er es zum Thema macht, sondern durch seine Erzählhaltung. Auf diese Weise gibt er mühelos vielschichtige Einblicke in die nigerianische Gesellschaft und macht klar, dass in einer globalisierten Welt längst auch das Verbrechen global ist. „Schatten der Schuld“ ist daher nicht nur ein sehr spannender, sondern auch sehr moderner Thriller. 

Leye Adenle: Schatten der Schuld. Übersetzt von Yasemin Dinçer. Interkontinental 2026. 400 Seiten. 24,50 Euro.

** **

Candice Fox misst sich mit Lee Child

(hpe) Zu den Stärken von Candice Fox zählt – neben abgedrehten Plots, originellen Einfällen, schrägem Humor und enormem Erzähltalent – ihre Fähigkeit, sonderbare und verschrobene Figuren so zu zeichnen, dass sie völlig glaubwürdig wirken. So begegnen wir in den Romanen der australischen Bestsellerautorin nicht dem Personal, das üblicherweise Mainstream-Krimis bevölkert. Das ist selbst dann so, wenn sie, wie im neuen Thriller „Outback Killers“, als bekennender Lee-Child-Fan einen Helden in der Art von Jack Reacher schaffen will – ihr Harvey Buck ist eine interessantere Figur. Und da Fox verrücktere Ideen als Child hat und besser erzählen kann als der britische Veteran, bietet ihre Reacher-Hommage ein entschieden größeres Leservergnügen als das Vorbild.

Harvey Buck, australischer Afghanistan-Veteran und als Kriegsheld ausgezeichnet, will auf dem schnellsten Weg nach Sydney. Eine alte Freundin und Soldatin hat angerufen, dass sie mit Krebs im Sterben liege. Die Flugplätze im Outback sind wegen Bombendrohungen geschlossen. Harvey fährt mit dem Auto, er nimmt den High Wire („High Wire“ ist der Originaltitel des Buchs), eine Piste durch die Wüste, die auf keiner Karte verzeichnet ist, die von Schmugglern und anderen Kriminellen benutzt wird, um kontrollierte Straßen zu meiden. Und da trifft er auf ein brennendes Auto. Eine Falle, vermutet er. Dennoch nimmt er Clare mit, deren Wagen in Flammen aufgegangen ist. Wenig später wird sein Auto durch eine Nagelkette gestoppt und er wird von drei maskierten Männern überfallen. Einen kann er töten. Die anderen nehmen ihn und Clare gefangen.

Harveys Trip auf dem High Wire war von seinen Kidnappern minutiös geplant, stellt sich heraus. In Afghanistan bei einem Verrat, dem mehrere Kameraden zum Opfer fielen, von Harvey ertappte Ex-Soldaten sinnen auf brutale Rache. Clare ihrerseits, die die harmlose Puppen-Restauratorin gibt, wird von ihrem Mann, einem hohen Polizeifunktionär, verfolgt und reist deshalb auf der gesetzlosen Route. Und dann kommt Senior Sergeant Edna Norris ins Spiel: Die schon ältere Polizistin ist zusammen mit einer Kollegin für das riesige Outback-Gebiet, durch das der High Wire führt, zuständig. Sie ist unerschrocken und mit fast allen Wassern gewaschen. Sie lässt sich auch von hohen Polizeifunktionären nicht sagen, wie sie ihre Arbeit zu machen hat. Das führte dazu, dass sie nicht mehr in der Stadt, sondern in der Einöde stationiert ist.

Harvey Buck mag zwar die Hauptfigur sein, aber die interessanteste Figur ist Edna Norris. Auch im Outback trifft sie auf die gleiche Art von männlichen Kollegen wie in der City: „Männer, die nur wegen des uralten Klischees Polizisten geworden waren, dem nur die miesesten Cops entsprangen, weil man sie irgendwann in ihrem Leben ganz schlimm gemobbt hatte und sie köstliche, Rache verheißende Macht wollten, die eine Dienstmarke mit sich brachte.“

Candice Fox versteht es, einen spannenden Actionthriller voller bösartiger Typen mit einem sowohl politisch wie menschlich tief gehenden Hintergrund zu unterlegen. Und blutige Brutalität mit einem Augenzwinkern zu servieren. Fazit: Harvey Buck schlägt Jack Reacher. Mehr davon, bitte!

Candice Fox: Outback Killers (High Wire, 2024). Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Suhrkamp, Berlin 2026. 431 Seiten, 18 Euro.

** **

True Crime aus Taiwan

(sh) Basierend auf einem wahren Fall entwickelt Ping Lu in ihrem faszinierenden Thrillerdebüt Dunkle Gewässer ein messerscharfes Psychogramm der taiwanischen Gesellschaft.

Neu-Taipeh, am Ufer des Tamsui-Flusses. Das gut situierte Ehepaar Hong wird erstochen aufgefunden. Die Täterin ist schnell gefasst: Es ist die junge Café-Angestellte Jiazhen. Aber warum hat sie die beiden ermordet? 

Diese Frage steht im Mittelpunkt von Ping Lus Thriller – und schon sie ist brisant: Der Roman basiert auf einem wahren Kriminalfall, der in Taiwan 2013 großes Medienecho auslöste. Als „Dämonenfrau“ wurde die Täterin bezeichnet, allenfalls Habgier kam für sehr viele als Motiv infrage. Vorverurteilung aller Ortens also, besonders erschütternd: Nicht nur in den Medien, sondern auch von Polizei und Justiz. 

Dieser Umgang mit der Beschuldigten war der Auslöser für diesen Roman, erzählt Ping Lu in dem lesenswerten Interview am Ende des Buchs. Aber auch ohne dieses Hintergrundwissen ist „Dunkle Gewässer“ nicht nur spannend zu lesen, sondern hochinteressant: Nahezu mühelos verbindet Ping Lu ein literarisch-erdachtes Psychogramm der Täterin mit einer messerscharfen Analyse insbesondere des Klassismus der taiwanischen Gesellschaft. 

In Ping Lus Roman steht Jiazhen für viele junge Frauen in Taiwan, die auf dem Land in bitterer Armut aufwachsen und dann in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt gehen. Als sie noch ein Kind war, hat sich Jiazhens Vater angesichts seiner Schulden umgebracht, ihre Großmutter dann die Familie irgendwie durchgebracht. Aber sie hatte keine Zuneigung für ihre Enkeltochter. Jiazhen sehnt sich, nach Liebe – weiß aber nicht, wie sie aussieht. Deshalb nimmt sie jede Aufmerksamkeit hin, die ihr zuteilwird: Von dem Mann, der sie als Kind missbraucht. Von ihrem Verlobten, der zu sehr unter der Fuchtel seiner Mutter steht. Oder dem späteren Mordopfer Herrn Hong, der ihr verspricht, ihr bei der Erfüllung ihres Traums von einem eigenen Café behilflich zu sein.

In anderen Passagen klammert sich Frau Hong ans Überleben und gibt sich ihren Gedanken hin. Dadurch wird die Gewalt der Tat deutlich – aber auch die Leere des bisherigen Lebens von Frau Hong. Ob junge Frau vom Land oder gutsituierte Professorin – in Taiwan ist der gesellschaftliche Druck auf alle Frauen hoch, die für ihre Lebensweise zudem schnell verurteilt werden. 

Dazu montiert Ping Lu Auszüge aus Medienberichten, Gerichtsakten, aber auch True-Crime-Klassikern wie Capotes „Kaltblütig“, die deutlich machen, wie in Gesellschaften über Verbrechen, über Schuld gesprochen wird. Dass das alles vor der Kulisse eines hippen Cafés spielt, bei dem manchmal Schwan-Muster den Milchschaum zieren, ist konsequent: Denn hinter so manchen modernen Fassade offenbaren sich alte, konservative Muster. 

Ping Lu: Dunkle Gewässer. Aus dem taiwanischen Chinesisch von Monika Lui. Drachenhaus Verlag 2025. 264 Seiten, 26 Euro. 

** **

True Crime Berlin, diesmal als Roman

(AM) Dieser historische Kriminalroman steht Meilen über dem, was wir sonst oft unter einem solchen Label serviert bekommen. Es ist einer der spektakulärsten Doppelmorde der deutschen Geschichte: die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 vor dem Hotel mit dem paradiesischen Namen Eden im Berliner Bezirk Tiergarten. Kaum ein anderer Autor hat sich so intensiv mit der deutschen Novemberrevolution befasst wie Klaus Gietinger. Mit bereits einem halben Dutzend Büchern über Revolution und Konterrevolution in Deutschland hat er diese historische Zeit umkreist. Er hat zu den Morden selbst recherchiert, hat die Biografie des unmittelbaren Befehlsgebers geschrieben, des Freikorps-Hauptmanns Waldemar Pabst, hat dessen Netzwerke recherchiert und Monografien zur Volksmarinedivision und zum Kapp-Putsch veröffentlicht. Seine Gesamtdarstellung »November 1918« umrundete die Ereignisse. Manches aber kann die Fiktion einfach besser. Nach sechs Sachbüchern zum »verpassten Frühling des 20. Jahrhunderts«, so der Untertitel von »November 1918«, hat Gietinger sein Thema des verhinderten Experiments eines basisdemokratischen Sozialismus noch keineswegs erschöpft. Jetzt also Berlin 1919 (so der Untertitel) als gewichtiger, wuchtiger Roman mit 492 Seiten.

»Die Handlung folgt recht genau wahren Ereignissen. Mit einer Ausnahme. Die zwei Hauptpersonen haben nie gelebt, alle anderen schon«, ist dem Roman vorangestellt. 90 Prozent der Handlungsstränge sind belegbar, lässt der Verlag uns wissen. Gietinger erfindet zwei junge polizeiliche Ermittler mit Vorgeschichte: die Kriminalassistentin Cläre und den Kriminalkommissar Richard. Sie ermitteln für das Berliner Polizeipräsidium unter dem authentischen Bernhard Weiß, »der erste Jude, der ein solch hohes Amt, den des Vizekriminaldirektors im preußischen Polizeidienst bekleidete«. Claire hat es faustdick hinter den Ohren, sie führt ein Doppelleben, ist polyamourös, arbeitete während des Krieges in der Rüstungsindustrie, fand so zur USPD und konspirierte mit deren militärischem Arm, den »Schwarzen Katzen«. Ihr Vater ist in der SPD, die selbstzerfleischenden Konflikte der Linken dieser Zeit personalisieren sich (längst) nicht nur mit ihm. Insgesamt bietet der Roman rund 130 Personen auf, das Verzeichnis gliedert sie in Polizei, Eltern, Matrosen, Revolutionäre, Hotel-Beschäftigte, Militär, Regierung, Finanziers, Freundinnen und Freunde, Pazifisten, eine Fotografin ist auch dabei. Immer wieder wird es geradezu panoramisch, ich fühlte mich an den großen Film »Menschen am Sonntag« erinnert.

Klaus Gietinger, der ja auch ein formidabler Filmregisseur und Filmautor ist, führt souverän Regie. Sein Roman ist kondensierte Geschichte. Den Titel Tote auf Urlaub teilt er sich mit dem Erstlingsroman von Milo Dor (1952), der eine Geschichte aus dem kommunistischen Widerstand aus den Jahren 1941-45 erzählte. (Mein Porträt dazu hier.) Keine schlechte Gesellschaft, fürwahr.

Klaus Gietinger: Tote auf Urlaub. Berlin 1919. Die Buchmacherei, Berlin 2026. 492 Seiten, broschiert, 18 Euro. – Infos des Verlags hier.

** **

Sehr gelungenes Sittenbild aus dem Münsterland

(JF) Nicht jedes Rätsel wird gelöst in diesem kriminalistischen Sittenbild aus der münsterländischen Provinz. Und das ist auch gut so, denn man würde gerne ein weiteres Mal Polizeihauptwachtmeister Anton Hellmann aus Düsterholz bei der Ermittlungsarbeit zusehen. Schließlich ist es vor allem Hellmanns Verdienst, dass der vermeintliche Unfalltod einer jungen Frau aufgeklärt wird. Obwohl er eigentlich ein eher träger Geselle ist, der sich gerne Ärger vom Hals hält. Aber das will ihm in „Düsterholz 1976“, dem neuen Roman des Berliner Autors Tom Finnek, partout nicht gelingen. Denn dieser Fall bringt eine selten gekannte Unruhe in die Dorfgemeinschaft. Und Hellmann hat mehr mit ihm zu tun, als ihm zunächst klar ist.

Tom Finnek ist das Pseudonym des 1965 geborenen Schriftstellers Mani Beckmann, der sich den dräuend klingenden Namen Düsterholz für seinen Heimatort Alstätte, ein zur ehemaligen Kreisstadt Ahaus gehörendes Dorf nahe der holländischen Grenze, ausgedacht hat. Heute leben dort ca. 5.200 Menschen, vor fünfzig Jahren, zur Handlungszeit des Romans, waren es exakt 2.952. Man kannte einander, was nicht immer von Vorteil war. Im täglichen Umgang wurde gerne Plattdeutsch gesprochen, nicht der einzige Grund, warum Zugezogene lange Außenseiter blieben. Und die lokalen Bräuche, unter ihnen das jährliche Schützenfest, werden auch nicht jedermanns Sache gewesen sein. Den Autor jedenfalls zog es, wie einige seiner Protagonisten, mit Anfang 20 nach Berlin, wo er heute noch lebt. Dass er es dennoch versteht, die ländliche Atmosphäre in ihrer Widersprüchlichkeit einzufangen, spricht allerdings für eine gewisse Sympathie gegenüber der alten Heimat. Gelungen ist ihm auch das passende Zeitkolorit. Und das ist vor allem nikotingelb. Es wird gequalmt, was das Zeug hält, von Lord Extra über Roth-Händle bis Gauloise. Nicht zu vergessen die billigen Zigarren, mit denen Hellmanns Kollege, der aufgeblasene Kriminalkommissar Lohmeyer, die Luft verpestet.

Der Fall selbst ist zeittypisch. Schließlich sind die Aktionen, mit denen die selbsternannte Rote Armee Fraktion die Republik in Unruhe versetzte, erst wenige Jahre her. Und im Untergrund bewegt sich allerhand, wie man ein Jahr darauf feststellen sollte. Doch so weit ist es in diesem Roman noch nicht. Was Hellmann letztendlich aufdeckt, ist weniger politisch als ein Fall von persönlicher Tragik.

So gelingt Beckmann/Finnek mit „Düsterholz 1976“ ein zeitgeschichtlich grundierter überzeugender Kriminalroman, der erheblich mehr bietet als nostalgisch gefärbten Regionalismus. 

PS: Der Autor hat für seinen Roman gründlich recherchiert. Er hat sogar herausgefunden, dass am Sonntag, 18. Juli 1976, kein „Tatort“ zu sehen war, sondern die Wiederholung eines alten Krimis aus der „Stahlnetz“-Reihe mit Rudolf Platte. Dass Hellmann allerdings am Montag darauf um 20 Uhr seine Lieblingsserie „Die Leute von der Shiloh Ranch“ hätte sehen können, ist eher unwahrscheinlich. Denn die wurde um diese Zeit nicht im deutschen Fernsehen gezeigt, wohl aber im zweiten Programm der österreichischen Nachbarn.

Tom Finnek: Düsterholz 1976. Münsterland-Krimi. KBV, Hillesheim 2026. 397 Seiten, 15 Euro.

** **

Tags : , , , , , ,