Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Juli/ August 2026

Gar nicht so kurze Kurzbesprechungen von Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM) und Frank Schorneck (FS). Für die einzelnen Besprechungen bitte nach unten scrollen. Und es wird noch nachgeliefert:

Elizabeth Arnott: Ein guter Blick fürs Böse (wird noch geliefert)
Belinda Bauer: Das Ding der Unmöglichkeit (wird noch geliefert)
Nicole Eick: Was zum Tode führt
Robert Jackson Bennett. A Drop of Corruption (wird noch geliefert)
Robert Grötsch: Wir suchen ein Land (wird noch geliefert)
Iwan Heilbut: Zugvögel (wird noch geliefert)
Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes: Die Seligen
Jeremy Reed: Du stirbst nur zweimal. Ein Sylvia Plath Roman (wird noch geliefert)

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Die Bloody Chops im Juni 2026:
Leye Adenle: Schatten der Schuld/ William Boyle: Heilige der Narrows Street/ Tom Finnek: Düsterholz 1976/ Candice Fox: Outback Killers/ Klaus Gietinger: Tote auf Urlaub/ Ping Lu: Dunkle Gewässer

Die Bloody Chops im Mai 2026: Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel/ Candice Fox: Outback Killers/ Sacha Jacqueroud: Erpressen erlaubt/ Katja Kleiber: Fataler Fall. Ein Frankfurt-Krimi/ Denise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-Roman/ Dror Mishani: Nicht/ Megan Nolan: Kleine Schwächen/ Hendrik Otremba: Der Gräber/ Byron Preiss (Hg.): Raymond Chandler’s Philip Marlowe. New Philip Marlowe Stories from Some of the World’s Leading Mystery Authors (1989)/ Maciej Siembieda: Katharsis/ Brigitte Tast, Hans-Jürgen Tast: Großmutter, warum hast du so große Hände? Kulleraugen Heft 60/ Matthias Wittekindt: Die Tote im Hafen

Die Bloody Chops im April 2026: Garry Disher: Zuflucht/ Alexander Eden: Die Hoteldetektivin/ Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte/ Louise Hegarty: Fair Play/ Matiás Néspolo:  7 Arten, eine Katze zu töten/ Mark SaFranko: Dear Professor Romance/ Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht/ Malin Thunberg Schunke: Tödliche Felder/ Sophie Sumburane: Keine besonderen Auffälligkeiten/ Vincent Tal: Tainted Love.

Die Bloody Chops im März 2026: M. W. Craven: Die Witwe/ Michael Idov: Das Riga-Komplott/ Ken Jaworowski: What about the Bodies/ Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin/ Wilfried Owen: Die Erbärmlichkeit des Krieges/ Gustavo Faverón Patriau: Minimosca/ Jacob Weinreich, Lars Findsen: Dunkelmann.

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Ambitioniert, kurzweilig, frisch

(JF) Natürlich ist es ein Dackel, der in einem Wald bei Bamberg Teile eines menschlichen Skeletts aufspürt. Dass der Hund, wie die Erzählerin betont, „einfallslos“ auf den Namen Waldi getauft wurde, setzt den Ton für diesen ambitionierten Kriminalroman mit dem Titel Was zum Tode führt.

Bewährte Versatzstücke des Genres, so die Botschaft, werden hier bewusst und gegebenenfalls ironisch eingesetzt. Deshalb wird Kriminalhauptkommissar Alfred Meister auch von seiner Dienststelle benachrichtigt, während er eine alte „Tatort“-Folge anschaut, um sich über die klischeehafte und realitätsferne Darstellung des fiktiven Ermittlers zu echauffieren. Anders als viele Fernsehkriminalisten ist Meister nämlich kein „einsamer Wolf“, der zuhause über Ermittlungsakten brütet, sondern ein biederer Familienvater mit einer Vorliebe für deftige fränkische Hausmannskost. Unkonventionell sind hingegen die beiden Kolleginnen seines Teams. Und entsprechen damit durchaus den Konventionen des gewöhnlichen Sonntagabendkrimis.

Dass „Was zum Tode führt“ dennoch zur kurzweiligen Lektüre taugt, verdankt sich dem frischen Erzählstil seiner Autorin Nicole Eick, die zwar auch schon mal jemanden „wie Espenlaub“ zittern lässt, sprachliche Klischees aber ansonsten weitgehend vermeidet. Ihre Figuren zeichnet sie mit Empathie, wahrt aber, wenn nötig, auch Distanz. Respektabel ist ihr Anliegen, über den menschenverachtenden Umgang mit Kindern und Jugendlichen im Heimerziehungssystem der DDR zu informieren. Denn der Fall lässt sich nur im Kontext dieses düsteren Kapitels deutsch-deutscher Geschichte aufklären. Das ist lesenswert, auch wenn die als Überraschung angelegte Überführung des Täters erzähltechnisch nicht ganz überzeugt.

Nicole Eick: Was zum Tode führt. Edition Tingeltangel, München 2026. 322 Seiten. 20 Euro.

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Berauschend auf den Hund gekommen

(FS) Zwei Brüder, die es regelmäßig an diverse Tresen zieht und die sich zwischen den Kneipentouren regelmäßig per Mail austauschen – auf dieses simple Konstrukt lässt sich der von den Brüdern Martin Maria und Michael Kohtes vorgelegte Roman Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie reduzieren. Beide Autoren sind Männer des Wortes: Martin Maria als Theaterwissenschaftler und Philologe, Michael als Schriftsteller und Journalist. Und so steht auch keinesfalls eine ausgefeilte Handlung im Vordergrund, sondern das Sprachfeuerwerk, das die beiden zünden. Hier herrscht vor allem im Mailverkehr ein unausgesprochener Wettstreit um die originellste Formulierung, das abwegigste Wortspiel – und für einen guten Lacher ist man sich auch für ein paar platte Kalauer nicht zu schade. In ihrem Stammlokal bittet sie ein seltsam traurig wirkender Mann, „für eine halbe Stunde“ auf seinen Husky aufzupassen. Doch auch, als der Barkeeper die letzte Runde einläutet, ist das Herrchen von Flicka nicht wieder aufgetaucht. Einer der beiden nimmt also den Hund mit zu sich nach Hause.

Die Mails, die sich beide schreiben, drehen sich um Gott und die Welt. Natürlich um den Hund, dessen Besitzer man ein paar Tage später tot im Rhein treibend auffindet und den nun niemand zurückhaben will. Aber vor allem verliert man sich in Ab- und Ausschweifungen, berichtet von Dingen, die man gelesen, Leuten, die man (wieder-)getroffen hat – gemeinsamen Bekannten wie Unbekannten. Als ein Schwerpunkt kristallisiert sich die Familiengeschichte der Brüder heraus. Anekdotisch wird diese einige Generationen zurückverfolgt zu den Anfängen einer rheinisch-katholischen Bauern- und Brauerdynastie samt ihrer Fehlentscheidungen. Es geht Zwischenstationen in der Fremde, glückliche Fügungen und strategische Eheschließungen.

Dazwischen eingestreut Geschichten aus dem bunten Kneipenkosmos zwischen Kölsch und Drogenrausch. Dann taucht da noch die junge schwangere Frau auf, die eröffnet, dass mit einem Vaterschaftstest einer der beiden Brüder auf einen Schlag Vater und Opa werden könnte. Und ganz nebenbei führen mehrere lose Fäden zu der Erkenntnis, dass Flickas Herrchen möglicherweise doch nicht ganz freiwillig in den Fluss gestiegen ist. Die einzelnen Handlungsfäden überlagern sich in Mails und Dialogen; es ist Aufgabe des Lesers, sich zwischen den Puzzleteilen zurechtzufinden. Der Mailaustausch ist in seiner Mischung aus sprachverliebten brüderlichen Frotzeleien und prall-sinnliechem Sittengemälde ein großer Lesespaß für Sprachfetischisten, eine obergärig lebenslustige Annäherung an Arno Schmidt. Die Kneipendialoge zwischen dem illustren Stammpublikum und skurrilen Randfiguren wiederum könnten in ihrer Lebensnähe aus der Feder Sven Regeners stammen. Von der maximal unsexy Covergestaltung, hinter der man gewollte Szenigkeit, irgendetwas Popliterarisches erwarten könnte, sollte man sich nicht abschrecken lassen.

Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes: Die Seligen – Oder die letzten Tage der Spezialdemokratie. Elsinor Verlag, Coesfeld 2026. 190 Seiten, 23 Euro.

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