Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Bloody Chops – September 2026, Kurzbesprechungen

Gar nicht so kurze Kurzbesprechungen von Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Roland Keller (rok), Alf Mayer (AM) und Frank Schorneck (FS):

Toni Coppers: Der Fall Magritte
Ron Currie: Die Patin von Maine
Wolfgang Franßen: Einer sollte ihm mal sagen, dass er tot ist
Jürgen Heimbach: Straßenköter
Isabelle Lehn: Die Spielerin
Liam McIllvanney: Ein frommer Mörder
Anne Sauer: Im Leben nebenan
Constantin Schwab: Die grünen Augen der Liza de Mink

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Ein Aficionado, gekonnt am Werk

(JF) Am Ende steht der Killer auf einer Fähre vor Marseille. Sein Ziel bleibt ungenannt. Wahrscheinlich weiß er es auch selbst nicht. Fast alle anderen sind tot. So scheint es zumindest. Sicher kann man sich da auch nicht sein. Denn der Killer weiß zu Anfang nicht einmal, ob seinen letzten Auftrag erledigt hat. Es kann auch passieren, dass er sich im Stockwerk irrt und die falsche Person umbringt. Denn Jules Chavert, genannt Trésor, ist dement.

Seit Jahrzehnten tötet er Menschen für Geld. Und nun kann er sich an vieles kaum erinnern. Auf sein Handwerk versteht er sich aber immer noch.

Trésor ist die Hauptfigur in Wolfgang Franßens spätem Debüt als Krimiautor. Lange Jahre hat er sich in dem von ihm gegründeten Polar Verlag um das literarische Noir verdient gemacht, bevor er jetzt mit der blutigen Gangster-Burleske Einer sollte ihm mal sagen, dass er tot ist seinen eigenen Beitrag zum Genre vorlegt. Ein Plot wird eher angedeutet, stattdessen gestaltet Wolfgang Franßen einschlägige Szenen von bemerkenswertem Effekt. Das liegt nicht zuletzt an seiner trockenen, fast beiläufigen Erzählweise. Details werden eingestreut, die auf Geschehnisse jenseits der Romanhandlung verweisen, und wie aus dem Nichts tauchen Figuren auf, deren Rolle sich erst im weiteren Verlauf der Lektüre erschließt. Das könnte als Parodie enden, doch davor schützt den Autor sein großer Respekt vor der literarischen Tradition des Genres. Spaß macht das kunstvoll arrangierte Blutvergießen dennoch. Denn hier schreibt ein Aficionado für Gleichgestimmte. Und das sehr gekonnt.

Wolfgang Franßen: Einer sollte ihm mal sagen, dass er tot ist. Kriminalroman. Ars Vivendi, Cadolzburg 2026. 234 Seiten. 18 Euro.

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Starker Stoff – auch für Netflix

(hpe) Im Viertel »Little Canada« in der Kleinstadt Waterville im US-Bundesstaat Maine leben die Nachkommen frankokanadischer Einwanderer. Sie sprechen untereinander teils noch Französisch und sind Katholiken. Dort ist der amerikanische Roman- und Drehbuchautor Ron Currie aufgewachsen. In seinem fünften Roman »The Savage, Noble Death of Babs Dionne« erweist er seiner Herkunft die Ehre. Mit dem deutschen Titel Die Patin von Maine und einem Pressezitat auf dem Umschlag preist der Verlag das Buch quasi als »Der Pate« mit einer Frau als Protagonistin an. Was kaum der Idee des Autors entspricht. »Das Coole an dieser Geschichte ist, dass der Thriller ein Trojanisches Pferd ist«, sagt er in einem Interview. »Man kommt wegen der Verbrechen und des Blutvergießens und bleibt wegen der Geschichtsstunde darüber, wie es ist, Französisch und Katholik in einem protestantischen, englischsprachigen Staat zu sein.« Tatsächlich mischt er im sehr empathischen und zuweilen brutalen, mit schwarzem Humor gewürzten Thriller ein Stück wenig bekannte amerikanische Immigrationsgeschichte mit Elementen von Gangsterstory, Familiensaga und Sozialstudie aus der Arbeitswelt. Dies aber ohne zu dozieren und langweilig zu werden.

Dass die »Franzosen« die Underdogs sind, erlebt Babs Dionne schon als Kind: Polizisten bedienen sich im Laden ihres Onkels, ohne zu bezahlen. Und ein Polizist vergewaltig sie, als sie 14 ist. Sie ersticht ihn und flieht. Erwachsen geworden kehrt sie zurück. Und will sich nichts mehr gefallen lassen. Inzwischen herrscht sie als Matriarchin und Grossmutter über ein Teil von Waterville. Mit ihren Töchtern und alten Freundinnen betreibt sie einen lukrativen Drogenhandel. Als die Mafia feststellt, dass der Absatz ihrer Drogen in der Gegend eingebrochen ist und die Konkurrenz ausschalten will, beginnt Babs’ Macht zu bröckeln.

Das ist starker Stoff, und er ist hervorragend erzählt. Kein Wunder, wird schon am Drehbuch für eine Netflix-Serie gearbeitet. Und die Geschichte von Babs Dionne ist noch längst nicht auserzählt. Ein zweiter Band, »Wir wollen euch bluten sehen«, ist für März 2027 schon angekündigt. Während der erste Band, abgesehen von ein paar Blicken in die Vorgeschichte, 2016 spielt, blendet der zweite zurück ins Jahr 1984.

Ron Currie: Die Patin von Maine (The Savage, Noble Death of Babs Dionne, 2025). Aus dem Englischen von Stephan Glietsch. btb, München 2026. 415 Seiten, 17 Euro.

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Standing at the crossroads

(FS) Die Frage, wie durch eine einzige Weichenstellung einzelne Lebensläufe oder auch die Weltgeschichte anders verlaufen wären, ist eines der häufig wiederkehrenden literarischen Motive. Anne Sauer hat sich in ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Romandebüt Im Leben nebenan dieser Überlegung bedient, um unterschiedliche weibliche Lebensentwürfe zwischen unerfülltem Kinderwunsch und Wochenbettdepression zu beleuchten. Es ist jetzt druckfrisch als Taschenbuch zu haben.

Der ein wenig nach Kitsch klingende Klappentext bereitet nicht unbedingt vor auf das, was einem auf den ersten Seiten begegnet. Unvermittelt steigt Anne Sauer mit der Schilderung einer Fehlgeburt ein. Kurz darauf wechselt sie zu einer jungen Frau, die mit einem Baby an der Brust aufwacht, von dem sie sicher ist, dass es nicht ihres ist. Antonia, genannt Toni, ist die Protagonistin dieses Romans, dessen Kapitel immer im Wechsel von zwei Versionen ihres Lebens erzählen: Da ist die Toni, die das Leben auf dem Land hinter sich gelassen hat und in der Stadt mit Jakob zusammenlebt. Sie versuchen seit einer Weile, ein Kind zu bekommen. Zahlreiche Arzt- und Klinikbesuche hat das Paar hinter sich. Sie ist die Frau, die zu Begin des Romans die Fehlgeburt erlebt.

Die andere Toni, die mit dem Kind an der Brust aufwacht, hat ihren Heimatort nie verlassen, sondern ihre Jugendliebe Adam geheiratet. Das Vertrackte ist nur, dass sie sich an das „andere Leben“ erinnert. Sie kann mit diesem liebevoll um sie bemühten Adam nichts anfangen, die fürsorgliche Schwiegermutter macht ihr Angst, alle Nachbarn und augenscheinliche Freunde, die sie nicht wirklich kennt, irritieren sie. Vor allem ist da aber dieses Baby, mit dem sie keine Verbindung aufbauen kann. Sie will nur weg von hier. Von ihrer Umgebung wird der „Gedächtnisverlust“ auf eine Wochenbettdepression geschoben, daher begegnet man ihr mit viel Verständnis.

Anne Sauer entwickelt diese beiden Erzählstränge im Wechsel, obwohl sie zeitlich nicht parallel zueinander stehen, sondern die Beziehung mit Jakob in der Vergangenheit liegt. Sie schildert, wie die eine Beziehung (nicht nur) am Kinderwunsch zerbricht, während die andere möglicherweise Perspektiven bietet. Vor allem aber wirft Sauer Schlaglichter auf die Erwartungshaltungen der Gesellschaft, mit denen Frauen – ob mit oder ohne Kind – konfrontiert werden: Die mitleidigen Blicke von Freundinnen, die bereits Kinder haben und sich aus dem Singles-Freundeskreis endgültig verabschieden; das Accessoire „Kinderwagen“, das ein rasches Vorankommen in einer Menschenmenge und selten barrierearmer Architektur unmöglich macht; die Unsicherheit beim ersten Sex nach der Geburt. Das alles erzählt mit einer großen emotionalen Tiefe, bisweilen auch mit durchaus satirisch-humorvoller Note.

Möglicherweise ist es etwas unbefriedigend, dass Sauer am Ende keine wirkliche Auflösung für ihr Erzählkonstrukt findet – andererseits hätte jeder Erklärungsversuch von „alles nur geträumt“ bis hin zu „Koma“ dem Roman letztlich geschadet.

Anne Sauer: Im Leben nebenan. Verlag dtv, München 2026. Taschenbuch, 272 Seiten, 14 Euro. (Die Hardcover-Ausgabe erschien im Juli 2025.)

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»Ceci n’est pas un suicide«

(hpe) Der Surrealist René Magritte (1898–1967) ist der berühmteste belgische Künstler. Zu dessen fünfzigstem Todestag beauftragten seine Nachkommen Toni Coppers, den erfolgreichsten flandrisch-belgischen Krimiautor (seine bisher 21 Bände umfassende Romanreihe um die Brüsseler Kommissarin Liese Meerhout ist auch eine erfolgreiche TV-Serie), einen Kriminalroman um Magritte zu schreiben. »De zaak Magritte« erschien pünktlich 2017, jetzt liegt er auch auf Deutsch vor: Der Fall Magritte.

Coppers schuf dafür eine neue Ermittlerfigur, den Ex-Commissaris Alex Berger. Der ist seit zwei Jahren krankgeschrieben, nachdem seine Frau bei den Anschlägen in Paris im November 2015 vor dem Restaurant Le Carillon getötet worden war. Berger ist schwer depressiv, er säuft Rotwein aus Zweiliterkartons, um den Schmerz des Verlusts zu verdrängen. Wenn nicht der Kriminelle John Novak an jenem Freitag im November plötzlich doch noch hätte aussagen wollen, wäre Berger mit seiner Frau in Paris gewesen. Er macht sich – und Novak – deswegen Vorwürfe.

Jetzt ist Novak aus dem Gefängnis ausgebrochen. Und er beginnt, Leute umzubringen. An den Tatorten hinterlässt er jeweils ein Kärtchen: »Ceci n’est pas un suicide.« Auch die Schrift macht klar, dass sich das auf Magrittes berühmtes Bild mit der Pfeife und dem Text »Ceci n’est pas une pipe« – »Das ist keine Pfeife« (denn es ist nur das Abbild einer Pfeife; ein Bild sei nicht die Wirklichkeit, sagte der Künstler damit) – bezieht. Berger lässt sich für den Fall von seinen Kollegen zurückholen, widerwillig vorerst zwar nur, doch bald treiben ihn Rachegefühle an, Novak zu finden. Rache erweist sich auch als Novaks Motiv. Dabei gibt es auch weitere Bezüge zu Magritte.

»Der Fall Magritte« ist ein Krimi im klassischen Stil, der sich mehr auf die Psychologie konzentriert als auf Action. Das mag etwas altmodisch sein, ist aber durchaus unterhaltsam, denn der Plot ist interessant und die Geschichte gut erzählt. Inzwischen hat Coppers drei weitere Romane mit dem für das Magritte-Projekt geschaffenen Protagonisten Alex Berger veröffentlich. Der zweite wird im Frühjahr 2027 auf Deutsch erscheinen: »Sturz«.

Toni Coppers: Der Fall Magritte (De zaak Magritte, 2017). Aus dem Niederländischen von Florian Kranz. Lübbe, Köln 2026. 287 Seiten, 16 Euro.

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Liam McIllvanney

Richtig ins Zeug gelegt

(JF) Auch für Bücher gibt es einen Weg nach unten. Und den scheint dieses Exemplar gegangen zu sein. 2021 erschienen, 443 Seiten stark, Klappbroschur und mit dem werbewirksamen Aufdruck „Schottischer Krimipreis“ versehen. Zweite Auflage, immerhin. Doch irgendwann  bekam es den Sticker „Ladenpreis aufgehoben“ verpasst, kostete von nun an nur noch 4,99 Euro statt der ursprünglichen 14,99 und landete in einer Ramschkiste. Da war der Weg in den öffentlichen Bücherschrank, in diesem Fall eine ausrangierte Telefonzelle, nicht mehr weit. Zu erzählen, wie es schließlich in meinen Besitz kam, würde zu weit führen. Auf jeden Fall kannte sein Retter meinen Geschmack.

Ein frommer Mörder, 2018 unter dem Titel „The Quaker“ im Original erschienen, ist der vierte Kriminalroman des aus Schottland stammenden und in Neuseeland lehrenden Autors Liam McIlvanney, dessen Vater William (1936-2015) mit seinen vier Büchern um den eigenwilligen Ermittler Jack Laidlaw als Begründer eines werbewirksam „Tartan Noir“ genannten Subgenres gilt. Ohne Laidlaw, heißt es, gäbe es weder Ian Rankins Rebus noch Stuart MacBrides Logan McRae. Und wahrscheinlich auch keinen Duncan McCormack, der 1968 in Glasgow einem grausamen Sexualmörder auf der Spur ist.

Aber anders als zu vermuten, ist „Ein frommer Mörder“ kein formelhafter Serienkiller-Schmonzes, sondern ein historischer Kriminalroman mit einer vielschichtig angelegten Ermittlerfigur. Soziales Elend, sektiererische Spannungen und politische wie wirtschaftliche Korruption prägen die einst wohlhabende Stadt, von deren Reichtum allerdings schon immer nur ein kleiner Teil der Bevölkerung profitierte. Dass McCormack bei der Mördersuche manch Mächtigem auf die Füße tritt, versteht sich ebenso wie der Umstand, dass sich durch die Aufklärung des Falles die Verhältnisse nicht ändern. Deshalb bekommt es der Ermittler im 1975 spielenden Nachfolgeband „The Heretic“ zwar mit anderen Namen aber mit denselben Strukturen zu tun. Auf dessen Übersetzung hat der Heyne Verlag übrigens, aus welchen Gründen auch immer, verzichtet. Dabei hatte man sich für die deutsche Fassung von „The Quaker“ richtig ins Zeug gelegt, von der tadellosen Übersetzung (Sabine Lohmann) bis zur Redaktion (Robert Brack). Schon deshalb lohnt es sich zuzugreifen, wenn „Ein frommer Mörder“ im öffentlichen Bücherregal zwischen abgelegten Venedig- und Allgäukrimis auftaucht.

Liam McIllvanney: Ein frommer Mörder (The Quaker, 2018). Aus dem Englischen von Sabine Lohmann. Heyne, München 2021. Ladenpreis aufgehoben.

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Ein geborener Verlierer

(JF) Man hat ihn überredet, bei einem Bankraub als Fahrer mitzumachen. Und weil Marlon dringend Geld braucht, sagt er nicht nein. Das bekommt ihm schlecht. Nach dem Überfall verschwindet sein Komplize Gary mit der Beute und Marlon, der eigentlich Traugott heißt, muss Hals über Kopf fliehen. Und nicht nur vor der Polizei. Dass er bis kurz vor Ende von Jürgen Heimbachs rasantem historischem Spannungsroman Straßenköter nicht so recht weiß, worauf er sich ahnungslos eingelassen hat, ist typisch für den jungen Mann, der mit Mitte zwanzig schon auf jede Menge übler Erfahrungen zurückblicken kann.

„Straßenköter“ von Jürgen Heimbach spielt 1975. In allen öffentlichen Gebäuden hängen RAF-Fahndungsplakate. Zwar sitzen die Köpfe der so genannten „Baader-Meinhof-Gruppe“ (oder Bande, je nach politischer Ausrichtung) schon seit drei Jahren in Haft, doch ihre Gefolgsleute sind weiter aktiv und planen ihre Befreiung. Wie die Geschichte ausgeht, ist bekannt. Doch das ist nicht von Bedeutung für Marlon, der bei seiner Großmutter aufwuchs und anschließend einige Jahre in einer Erziehungsanstalt, so nannte man damals die Einrichtungen der „Jugendhilfe“, verbrachte. Eine Lehre zum Autoschlosser hat er abgebrochen. Nun hält er sich mit kleineren Eigentumsdelikten über Wasser und träumt von der großen Freiheit. Die nötigen Mittel dazu sollte ihm der Banküberfall verschaffen. Ein letztes großes Ding, wie es gerne heißt. Und natürlich wird er gelinkt. Marlons Flucht führt zunächst in die linke Hamburger Subkultur, dann bis an den Rhein und zurück nach Norddeutschland. Nicht die typische „Heldenreise“, obwohl Jürgen Heimbach viele Elemente dieses traditionellen Erzählmusters verarbeitet. Marlon erlebt Liebe und Freundschaft, muss aber auch kräftig einstecken. Dass und wie er sich zur Wehr setzt, bekommt ihm eher schlecht. Denn bald wird er nicht nur wegen seiner Beteiligung an dem Bankraub, sondern auch als Gewaltverbrecher gesucht. Auch sein Plan, im Wendland mehr über seine Herkunft zu erfahren, geht nur bedingt auf. So endet das Buch auf einer recht melancholischen Note.

Jürgen Heimbachs Roman über einen geborenen Verlierer, der das Glück immer nur vorübergehend am Zipfel zu fassen bekommt, ist ein mit viel Zeitkolorit ausgestattetes Kriminalstück, dessen gut zusammengestellter popmusikalischer Soundtrack nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg gerade mal drei Jahrzehnte her sind. Und nicht nur für die lesenswert, die meinen, sich noch gut daran zu erinnern.

Jürgen Heimbach: Straßenköter. Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg 2026. 270 Seiten, 18 Euro.

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Der klassische Private Eye-Roman, gewendet

(JF) Der Privatdetektiv erhält den Auftrag brieflich. Eine Frau sucht nach ihrer Tochter, die sie in den Fängen einer sektenartigen Gemeinschaft vermutet. Das beiliegende Foto der verschwundenen jungen Frau ist denkbar schlecht, trotzdem kostet es den Ermittler nicht viel Mühe, sie ausfindig zu machen. Das meint er zumindest. Doch dann wird es kompliziert, denn der Detektiv ist gleich mehreren Täuschungen aufgesessen.

Was klingt, als hätte es sich der große Ross Macdonald ausgedacht, spielt nicht in den USA, sondern Mitte der siebziger Jahre in Österreich. Und der Brief, in dem behauptet wird, die abgängige Tochter habe sich „der Muell Kommune“ angeschlossen, wurde in Antwerpen aufgegeben. Da spitzen Zeitzeugen die Ohren. Die von dem vormaligen Aktionskünstler und später wegen Missbrauchs verurteilten Sexualstraftäter  Otto Muehl (1925-2013) von 1970 bis ca. 1988 betriebenen Wohn- und Lebensgemeinschaften sorgten nicht nur wegen der Einheitsausstattung ihrer Mitglieder, kurz geschorene Haare und unförmige Overalls, für Aufsehen. Von besonderem medialem Interesse waren natürlich die auf Muehls Theorie der „Aktionsanalyse“ basierenden sexuellen Praktiken in den Kommunen. „Schlimme Dinge“, wie es in dem Brief der Mutter heißt.

Wie es tatsächlich dort zugeht, erfährt der Detektiv, als er, getarnt als neugieriger Analyse-Aspirant, seine Nachforschungen auf dem im Burgenland gelegenen Friedrichshof, sozusagen Mühls Hauptquartier, beginnt. Schon bald hat er Liza de Mink, so der angebliche Name der Verschwundenen, ausfindig gemacht und kann sie ohne große Mühe überzeugen, mit ihm die Kommune zu verlassen. All das geschieht allerdings schon im ersten Drittel des Romans. Wie es weitergeht, lässt sich hier nur andeuten. Denn der Ermittler ist auch auf der Suche nach sich selbst. Und das zusammenzufassen wäre, man ahnt es, sehr kompliziert. Zumal wir die Rolle seines Kompagnons Matti, mit dessen Geld die Detektei gegründet wurde, noch gar nicht erwähnt haben. Aber auch darauf soll jetzt verzichtet werden. Nur so viel sei gesagt: Dem in Wien lebenden Autor Constantin Schwab gelingt es mit Die grünen Augen der Liza de Mink vorbildlich, den klassischen Private Eye-Roman für eine Übung in ästhetischer Ich-Findung zu nutzen. Wie er auf diese Weise dem populären Erzählmodell alle genrespezifische Spannung austreibt, ist allerdings auch ein Kunststück.

Constantin Schwab: Die grünen Augen der Liza de Mink. Kremayr & Scheriau, Wien 2026. 156 Seiten, 25 Euro.

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Kühl sezierte Räubergeschichte

(rok). Das Leben ist ein Spiel. Doch in Isabelle Lehns Die Spielerin ist der Einsatz das Leben und das Geld der anderen. Aber Vorsicht: Das Buch ist kein fiktiver Krimi.

Zu viel Realität steckt darin, die von der Autorin Isabelle Lehn in vielen Momenten verfremdet wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Verbrechen, die sich in der Realität wie Spiele lesen, nicht erkennbar wären. Sie spiegeln sich in unterschiedlichen Schicksalen, die nicht ganz zufällig aufeinanderstoßen.

Man könnte den Roman über das Leben und die Arbeit der Investmentbankerin A. als Fiktion abtun, würde Isabelle Lehn die Leserinnen und Leser nicht tief in das Treiben dieses Berufsstandes führen: einer Welt, der es gelingt, ohne eigentliche Wertschöpfung hohe Gewinne zu erzielen und gigantische Boni zu kassieren.

Doch was macht eine Frau, deren Karriere in dieser Welt zum Stillstand kommt oder gar rückläufig ist? Sie macht es wie A. – mehr als ein Buchstabe wird nicht preisgegeben – und künftig fast das Gleiche: Sie legt Geld für die Mafia an und bleibt als graue Maus unter dem Radar.

A. ist eine moderne Frau ohne Eigenschaften: bewusst unauffällig, schwer greifbar und beinahe ohne Geschlecht. Durchbrochen wird dieses Bild, als sie sich einen Callboy ins Hotelzimmer holt und ihm ihren teuren Schmuck hinterlässt. Schon auf den ersten Seiten lässt das ahnen, dass dieser Figur ein Ende droht – in ihrem Fall: ein Prozess.

In A. lernen wir eine Frau kennen, die in der Männerwelt der Finanzjongleure der 1990er-Jahre übersehen wird – und genau das für ihre Arbeit als Geldverwalterin der Mafia nutzt. Dieses Verhalten der Protagonistin sorgt auch dafür, dass man als Leser kaum mit ihr warm wird. Man betrachtet ihr Handeln eher staunend in einer sehr fremd dargestellten Welt, als blicke man in ein Terrarium, in dem sich eine verrückte Welt offenbart: zu viele Menschen auf der Überholspur des Geldes.

Dazwischen gibt es immer wieder Blicke auf die Realität und die Auswirkungen von Spekulationen und Finanzgeschäften auf Menschen, die keinerlei Einfluss auf das Geschehen um sich herum haben, dessen Folgen aber tragen müssen. Besonders deutlich wird dieser Realitätsbezug in den Anspielungen auf Recherchen des Journalisten Sandro Mattioli. In einem Artikel ging er der Frage nach, ob die Mafia den Deutschen Depeschendienst ddp kaufen wollte, der 2013 Insolvenz anmelden musste.

Also doch irgendwie ein Krimi – einer allerdings, der sich jedem Krimimuster entzieht, zwischen verschiedenen Ebenen springt und damit letztlich Brechts schönen Satz aus der „Dreigroschenoper“ unterstreicht: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Isabelle Lehn: Die Spielerin. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2026. 272 Seiten, 14 Euro (Taschenbuchausgabe). – Siehe bei uns auch Sonja Hartl: Verbrecherische Frauen (1), CrimeMag März 2025.

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