Geschrieben am 1. November 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag November 2026

Ulrike Schrimpf interviewt die Lyrikerin Sarah Kiyanrad

Sarah Kiyanrad insekt

Talent zum Ungeheuer

Ulrike Schrimpf interviewt Sarah Kiyanrad zu ihrem neuen Lyrikband „Insekt im Zebrakostüm„

Sarah Kiyanrad ist Dichterin und Übersetzerin, lehrt und forscht als Iranistin u.a. zu persischer Geschichtsschreibung und der Kulturgeschichte der Tätowierung im Iran. 2024 wurde sie mit dem Förderpreis der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft ausgezeichnet und 2025 war sie Finalistin beim Irseer Pegasus. Auch als Übersetzerin aus dem Farsi hat sie sich einen Namen gemacht. Jüngst erschien der von ihr übersetzte iranische Kultroman „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ von Reza Ghassemi im C.H. Beck Verlag.

Sarah Kiyanrad: Insekt im Zebrakostüm. Lyrik. PalmArtPress, Berlin 2026. Klappenbroschur, Format 17 x 21cm, 72 Seiten, 20 Euro.

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„Insekt im Zebrakostüm“, der vierte Lyrikband der Dichterin, ist eine aus vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Gedichtsammlung, die wohltuend aus der Masse der tendenziell etwas einförmig wirkenden Neuerscheinungen hervorsticht. Denn Kiyanrad arbeitet ihre Gedichte kundig und musikalisch, auch traditionsbewusst im besten Sinne des Wortes: Bei ihr ist jeder Vers, jedes Wort, jedes Atemholen vielschichtig und tief durchdacht. Die Dichterin wendet nicht nur gekonnt Reimschemata an, arbeitet mit Alliterationen und anderen Klangeffekten, sondern wagt sich sogar an die komplizierte Gedichtform der Sestine, deren Ursprünge in der Troubadourlyrik des 12. Jahrhunderts liegen. Dabei wirken Kiyanrads Gedichte nicht starr, artistisch abgehoben oder gar altmodisch, vielmehr fordernd, auch sinnlich, kühn und gegenwärtig. Es geht um Physik und Parallelwelten, Mythen und (Fabel-)Tiere, Städte, Reisen und Liebe, um – scheinbare – Alltäglichkeiten, aber auch um die Geschichte des Irans und um das Geschehen am 7. Oktober 2023, also um Unterdrückung und Aufbegehren, menschliche Gräueltaten. Hier wagt eine Schreibende etwas, begründet, durchdacht und gefühlvoll zugleich, darin atemberaubend schlagkräftig. Wie das gelingen kann, wird im folgenden Gespräch erkundet.

Sarah Kiyanrad
Sarah Kiyanrad

Sarah, du sagst über dich selbst, du bewohnest „einen Dreiraum aus Gedichten, Geschichte und Geschichten“, was reizvoll klingt. Erzählst du uns ein bisschen darüber? Wie ist es an diesem Ort, und wie lebt es sich dort? Auf welchem Weg bist du in diesem Dreiraum angelangt?

Liebe Ulrike, hab zunächst herzlichen Dank für deine Fragen, die allesamt so poetisch sind, dass ich sie am liebsten für sich stehen lassen würde! Was für eine Ehre, mit einer Lyrikerin wie dir im Gespräch zu sein.

Für mich ist der genannte Dreiraum mein Room of One’s Own und zugleich die Weise, wie die Welt mich in sich aufnimmt. Im Wort Geschichte funkeln ja die Zwillinge Vergangenheit und Erzählung, die wir auch aus anderen Sprachen kennen: storia, (hi)story. Blicken wir auf die ältesten erhaltenen Erzählungen von Vergangenheit, Epen, Mythen oder das, was ins Mythische entrückt ist, sind diese gar nicht so selten in Versen verfasst. Wo wir Menschen Existenzielles zum Ausdruck bringen wollen, scheint das eine besondere Form zu fordern, scheint das Poetische die Verfasstheit zu sein, die uns eingeschrieben ist. Ein befreundeter Physiker hat mich darauf gestoßen, dass das ganze Universum singt, und zwar Lieder von seiner Vergangenheit, vom Urknall. In der Sprache der Physik nennt man das etwas weniger poetisch kosmische Mikrowellenstrahlung. Wir alle singen also immer schon mit − ganz egal ob krächzend oder à la Callas. Es ist allerdings sehr leicht (und bestimmt nicht nur schlecht), das im Alltag zu vergessen und insofern muss ich mich immer und immer wieder in meinen Dreiraum ‚verrücken‘. Natur und Literatur sind zwei treue Gefährten auf dem Weg dorthin!

„Insekt im Zebrakostüm“ ist dein zweiter Lyrikband, der bei PalmArtPress erschienen ist. Der erste Lyrikband, den du in dem Verlag veröffentlicht hast, heißt „Dorna“, nach einer Harpyie und Kranichfrau, wie du schreibst. Auch in deinem aktuellen Lyrikband spielt die griechische Mythologie eine wichtige Rolle; wir begegnen u.a. Poseidon und Aphrodite, Charon, Eurydike und Kirke und dem mythischen Inselreich Atlantis. Was bedeuten mythologische Gestalten und Figuren für dein Leben und Schreiben?

Mir scheint, dass solche Figuren aus der Zeit ins Zeitlose gestiegen und daher überall zuhause sind, sogar mit uns im Café sitzen. Sie sind in gewisser Weise realer als die Realität, weil sie uns als Ideen aufzeigen, dass uns Muster eingeschrieben sind, die sich bei aller Dynamik, bei aller Veränderung wieder und wieder − eben wiederholen. Das hat manchmal etwas Tragisches, oft aber auch etwas sehr Komisches! Sie verbinden uns über Jahrhunderte, über Jahrtausende mit unseren Vorfahren und Nachkommen, sie wissen um all unser Dunkles und Helles. In Europa mögen es vornehmlich die griechischen Gottheiten sein, die uns darauf aufmerksam machen, aber es gibt diese wundervollen Figuren natürlich in allen großen Menschheitserzählungen, überall auf der Welt. Auch in den jüngeren: Man denke an die zahlreichen José Arcadio Buendías, die Hundert Jahre Einsamkeit gebiert.

Deine Lyrik ist durchgehend tief und sorgsam ausgearbeitet, in Form, Gestalt und Gehalt. Alle Gedichte bestehen aus verschiedenen Schichten, Anspielungen, intertextuellen Verweisen, die wie bei einer archäologischen Grabung Schritt für Schritt aufgedeckt werden können. Damit widersetzt sich dein Schreiben anderen teilweise sehr erfolgreichen Strömungen der gegenwärtigen Lyrik. Wie siehst du das? Ist das eine bewusste Entscheidung von dir, oder hast du vielmehr gar keine Wahl? MUSS dein Dichten einfach so sein?

Für mich hat Lyrik etwas zutiefst Dialogisches, oder vielleicht Multilogisches, über Zeit und Raum hinweg. Ich lese mich also durch Zeiten und Räume, durchaus auch die gegenwärtigen. Aus meiner Perspektive erzeugt vieles davon, was irgendwie in meinen kleinen Dreiraum hineindringt, Resonanz. Insofern glaube ich nicht, dass es ganz abgekapseltes Dichten gibt oder dass man sich gar bewusst abkapseln kann − aber sicherlich unterscheidet sich von Mensch zu Mensch, was in ihm Resonanz erzeugt. Dass ich das nicht in der Hand habe, finde ich im doppelten Sinne fantastisch: Manchmal verfolgt mich eine Liedzeile oder aber eine jahrtausendalte Göttermutter so lange, bis ich sie irgendwie zur Sprache gebracht habe, mich irgendwie zu ihr verhalten habe. Das empfinde ich als großes Glück, denn eben das sind solche Momente, in denen man bei der Hand genommen und in größere Zusammenhänge, aber zugleich zu sich zurückgeschickt wird. Vielleicht entsteht dabei allmählich so etwas wie eine innere Bibliothek, deren Bücher mitentscheiden, wer in Zukunft Einlass ins Innerste erhält. Und damit auch, was in der Bibliothek vor sich geht und was aus ihr nach außen dringt.

Alle deine Gedichte sind fühl- und sichtbar geformt. Einige folgen dabei traditionellen Formen der Lyrik, was eher ungewöhnlich ist für eine Dichterin deiner Generation. Du setzt zum Beispiel bewusst Reime ein, manchmal auch durchgehend eine bestimmte Reimform, zum Beispiel den Kreuzreim. Alliterationen spielen eine Rolle, in solchen Versen wie „so löffle ich das Leuchten der Zitronen“ oder in Gedichttiteln wie „Stunde der Steingiganten“.
In der „Sestine für ein Krokodil“ folgst du sogar – auf bewunderungswürdig leichtfüßige und elegante Art und Weise – der Gedichtform der Sestine, die aus sechs sechszeiligen Strophen besteht, auf die eine dreizeilige Schluss-Strophe folgt. Dabei müssen die Reimwörter der ersten Strophe in den folgenden Strophen wieder aufgenommen werden. Bei deinem Gedicht sind es die Wörter Lehm, Sand, Maul, Glas, Schilf und Gast. Was reizt dich an dieser konzentriert formalen Arbeit, und inwiefern hat ausgerechnet dein Krokodil der Sestine bedürft?

Materielle Kultur und Artefaktbiographien, also auch die unterschiedlichen Kontexte, die Artefakte im Laufe ihres Lebens erfahren, finde ich unglaublich spannend. Was für einen Horizont hat so ein ägyptisches Krokodil, das seit 5300 Jahren durch die Zeit schwimmt! Es ist ungefähr ein Spielkamerad der Erfindung der Schrift: gemessen an einem Menschenleben uralt, gemessen am Leben der Erde eine Winzigkeit. Ein solches Artefakt erfährt nach ‚Geburt‘ vielleicht kultischen Gebrauch, hat seinen festen Platz im Weltbild seiner Gemeinschaft, wird am Ende möglicherweise in einem Tempel geopfert oder ins Grab beigegeben, also rituell entsorgt. Und macht danach auf wundersame Weise seinen Weg durch die Jahrtausende, gehört eine ganze Weile lang sich selbst oder wird Teil neuer Zusammenhänge, bis es irgendwann in einem Museum an Land geht. Auch das sicher nur vorübergehend.

Das Krokodil der Sestine ist Teil der Sammlung des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst München. Offenbar hatte es einmal die Aufgabe, Tote in die Unterwelt zu begleiten. Dass es diese Aufgabe derart ernst nahm, dass es seine eigene Zivilisation überdauert hat, finde ich unfassbar berührend. Wie überhaupt die Existenz eines so verletzlichen Artefakts, auf dem wir vielleicht noch die Fingerabdrücke entfernter Generationen sehen können. Seit ich das Krokodil entdeckt habe, bin ich ihm hinterhergeströmt − oder es mir. Es hat gedauert, eine Form zu finden, die seiner Geschichte gerecht werden könnte. Durch die mit dem zeitlichen Horizont des Krokodils in Resonanz tretende Gedichtlänge einerseits, den Rhythmus und die mantraartigen Wiederholungen der Endwörter andererseits, durch die Möglichkeit, Endwörter zu wählen, die die Materialität des Krokodils vor Augen stellen, hat mich schließlich die Form Sestine magisch angezogen.

Auf der anderen Seite klingen deine Gedichte gegenwärtig, modern, sind durchbrochen von englischen Einsprengseln, hintergründig und sinnlich, lustig, erzählen nicht nur Hohes, sondern bestehen auch aus Alltagsbeobachtungen, mündlicher Ausdrucksweise. So ist deine Lyrik nicht nur de facto vielsprachig  – neben englischen Wörtern kommen lateinische, italienische und persische Wörter vor – sondern auch in einem weiteren Sinne: Uralte Texte, Geschichten und Figuren klingen genauso in ihnen wieder wie heutige, junge und frische Stimmen. Ein Textbeispiel möchte ich dafür geben: In dem Gedicht Städte (Zu wenig für ein Drama) heißt es unmittelbar beieinander einmal lässig-lakonisch, auch witzig „(er sagte es tut nur ein bisschen weh / zu wenig für ein Drama / was seither der Titel meines Lebens ist)“ und gleich darauf, in vergleichsweise hohem Ton, „um mich zu beruhigen / fütterten sie mich löffelweise / mit Mythen und Wandersagen / von Riesenorcas die vor der Küste Schiffe balancieren / Hängesternen, die schwarze Seelen stehlen / und Frauen mit Schwertlilien / die sich in nächtlichen Gassen duellieren“). Wie entsteht diese Vielsprachigkeit und -stimmigkeit, und was bedeutet sie für dich?

Wahrscheinlich ist es ein Schattenriss dessen, dass beides im urbanen Alltag koexistiert und wir wie selbstverständlich von einem Sprachregister ins andere wechseln. Dass die Welt uns beständig von einer in die andere Sprache kippt: Wir bestellen auf dem Weg zur Arbeit „nen ganz normalen Kaffee bitte“ beim Bahnhofsbäcker, haben vielleicht noch einen übersetzten Satz im Ohr, den wir gerade auf der Zugfahrt gelesen haben und der aus einem anderen Jahrhundert und einer anderen Sprache zu uns spricht. Parallel dazu rauscht aus dem Lautsprecher auf Deutsch und Englisch die neuste Verspätung an, wir mäandern uns durch Flüche, Kindergeschrei, Telefonate zur U-Bahn und betreten mit ihr ein horizontales Babel. Dass es unterschiedliche Sprachen gibt, erlaubt uns, uns neben der Einnistung in die eigene oder die eigenen, in die wir geboren wurden, vieltausendfach wild in andere Sprachen, tot oder lebendig, zu verlieben. Schwellen zu anderen Welten zu überfliegen, uns selbst als andere zu erleben. Dass es unterschiedliche Sprachregister gibt, ist vielleicht überhaupt Voraussetzung für Literatur, zumindest aber ein Geschenk: Texte, auch der orale Vortrag, leben ja vom Wechsel in Ton, Register und Rhythmus, der Überraschung, Brüchen und Variationen.

Deine Gedichte sind reich an intertextuellen Verweisen. Die Leser:innen begegnen in ihnen anderen Literat:innen, in Form von Widmungen und direkten und indirekten Zitaten, darunter Else Lasker-Schüler, Dante, Wislawa Szymborska, Elisabeth Bishop, Max Prosa und Walt Whitman. Auch Künstler:innen wie Bahram Bayzai, Sophie Hunger, Caravaggio und Klimt, literarische Werke wie Faust, das Gedicht Böhmen liegt am Meer von Ingeborg Bachmann und das uralte sumerische Lied nin-me-šara der En-hedu-Ana aus dem 23. Jahrhundert vor Christus, spielen eine Rolle. Inwiefern sind diese intertextuellen Verweise wichtig, um sich deinen Gedichten zu nähern? Können Leser:innen die Texte auch schätzen, sich von ihnen bewegen lassen, ohne der Intertextualität nachzugehen?

Das weiß ich natürlich nicht, aber ich hoffe es sehr. Um auf die vielen von Dir genannten Verweise mit einem weiteren zu antworten: „I opened a bar for myself / A purely self-loving event“ (Sophie Hunger, I Opened a Bar). An allererster Stelle schreibe ich, weil ich es liebe zu schreiben. Im Dreiraum zu sein. Die Gedichte, die dort entstehen, im nächsten Schritt zu in die Welt zu schreien, bedeutet nicht nur, dass ich wahnsinnig genug bin, ihnen die Tür zu öffnen, sondern auch, dass ich an unheilbarem Optimismus leide: dem Glauben also, dass es da draußen vielleicht irgendjemanden gibt, der etwas mit ihnen anfangen kann. Auf viel mehr sollte man nicht hoffen, schon um den eigenen Optimismus nicht doch versehentlich zu heilen. Du hast vorher den Vergleich mit der Grabung gezogen: Ich glaube, dass nicht nur Poesie etwas Archäologisches haben kann, sondern auch die Archäologie etwas Poetisches, dass es in der Tat eine Parallele zwischen Dichtern und Archäologen gibt. Archäologen, heißt es, haben vielleicht einmal im Leben das Glück, einen Fund zu machen, der für ihr Fach von großer Bedeutung ist. Das wissen sie, aber es macht ihnen wenig − sie graben sich glücklich durch den Boden. So glücklich grabe auch ich vor mich hin. Der Leser ist eingeladen mitzugraben, sofern und so tief er Lust hat.

Grauhörner, Krokodile, Eulen, Riesenorcas, Hunde, Zebras, Füchse, Annakolibris, Flugsaurier, Sittiche, Antilopen, Schildkröten, Möwen, Insekten und Truthühner bevölkern deine Dichtung. Habe ich Tiere vergessen? Bestimmt. In jedem Fall arbeitest du gerne mit Vergleichen und Bildern, auch mit Metaphern und Allegorien aus der Tierwelt. Was kannst du vor allem auf dem Weg zeigen, vermitteln, erschreiben?

Seltsamerweise bevölkern Tiere meine Verse von ganz alleine. Tiere haben für mich etwas unfassbar Majestätisches: Auch wenn wir sie zunehmend aus ihren Königreichen vertreiben, bewahren sie sich wie abgesetzte Monarchen das Erhabene, die Eleganz − vielleicht das einzige, das ihnen nicht mutwillig zu entreißen ist. Ich kann sehr gut verstehen, dass Tiere in vielen Kulturen vergöttert wurden, man sich Gottheiten in Tierform oder Mischwesen vorgestellt hat, schon vor zehntausenden von Jahren. Das Schreiben entfaltet seine Faszination für mich auch dadurch, dass es mich der menschlichen Perspektive zu entrücken vermag, anderen Protagonisten Zeit und Raum gibt. Eine Freundin hat mir gerade Himmelsstriche von Bernhard Malkmus geschenkt. Darin las ich heute Morgen folgenden hinreißenden Satz über eine Naturerfahrung in den schottischen Cairngorm Mountains, der in meinen Augen auch eine Schilderung des Schreibens sein könnte: „Zu spüren, dass man eine andere Zeitlichkeit bewohnen kann, ohne ihr ganz anzugehören; zu erfahren, dass die eigene Zeitlichkeit im doppelten Wortsinn aufgehoben ist in einer größeren Zeitlichkeit des Lebens; zu wissen, dass wir nicht ganz auf die Menschenzeit zurückgeworfen sind, in der wir uns immer nur in uns selbst verlieren.“

Zudem spielen Städte und Gebäude eine Rolle in deiner Dichtung, konkrete und fantastische, Rom, San Francisco, Florenz, ein Kopfbahnhof, der nicht nur architektonisch zu verstehen ist, und ein Hallenbad. Was bedeutet dir diese lokale und architekturale Symbolik?

Mein Gefühl dazu ist, dass Räume im weitesten Sinne ganz unmittelbar auf uns einwirken, ihre eigenen Geschichten tradieren, die sie uns, ihren Gästen, bereitwillig erzählen oder sogar aufdrängen. Uns auch überfordern und etwas von uns abfordern können: ihnen wenigstens zuzuhören. Manchmal ist das kaum zu ertragen, gerade in einer Stadt wie München; man spürt dort allerorts die Geister der Vergangenheit durch unsere Straßen und Seelen streifen. Freud vergleicht die menschliche Psyche in Das Unbehagen in der Kultur mit Rom, aber einem Rom, in dem alle Vergangenheiten der Stadt miteinander koexistieren. Er beschreibt das vornehmlich räumlich, aber ich glaube ohne die vergangenen Lebewesen, die diese Räume bewohnten, geht es nicht. Wenn sich unsere Psyche damit vergleichen lässt, darf man den Vergleich vielleicht auch umdrehen: Unsere Städte und ihre Geschichten formen unser Innenleben.

Und dann sind da, inmitten der Vielfalt und Pracht deiner schillernden, singenden, facettenreichen Gedichte, einige auch unerbittlich engagierte Gedichte, Persischer Zahlenreim (um 2022), II Shani und das Langgedicht Was wusste ich schon, dass Geschichte so leicht oder so schwer ist wie ein Gedicht, in denen du dich mit der iranischen Geschichte und mit dem 7. Oktober 2023 auseinandersetzt. Welchen Raum nehmen diese Gedichte in deinem Schreiben ein?

Ich glaube, dass diese Gedichte aus einer Sprachlosigkeit kommen. Mein Verhältnis zu ihnen ist durchaus ambivalent. Es gibt gute Gründe, die Poesie nicht mit Politik zu belästigen. Zum Beispiel die Gefahr, sich vom Raum der Mehrdeutigkeit zu verabschieden, der für mich einen Kern von Kunst ausmacht. Aber die Gewalt der Gegenwart ist oft stärker als solche Grundsätze. Dem Weltgeschehen Einlass in die Poesie zu verwehren gelingt mir nicht immer, und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Wenn, wie im Januar dieses Jahres, in Iran innerhalb von wenigen Tagen Zehntausende ermordet werden, geht ein Riss durch die Welt und die Zeit bleibt stehen. Ein solcher Riss schickt mich in die Unterwelt der Sprachlosigkeit. Der Versuch des Schreibens ist ein unzureichend in Sprache gefasster Ausdruck dieser Sprachlosigkeit über das, was wir Menschen uns jederzeit gegenseitig anzutun fähig sind. Ein sich zurückwendendes, nie unschuldiges Klagelied auf dem orpheischen Weg nach draußen.

Sarah Kiyanrad dorna

Obwohl es in dem Band deutlich erkennbar motivische und thematische Schwerpunkte gibt, hast du die Gedichte nicht in Zyklen angeordnet.  Auch in Dorna hast du deine Texte nicht so gegliedert. Woher kommt diese Entscheidung und wie begründet sie sich?

Dorna greift, inspiriert von einem mittelpersischen Text, das alte literarische Motiv der Jenseitsreise auf und versetzt sie ins Säkulare, in einen gewaltgeprägten irdischen Kontext. Diese Reise führt über sieben Etappen, beginnt und endet bei null: Die Gedichte sind entlang dieser Etappen gegliedert. Vielleicht könnte man den ganzen Band als Zyklus sehen, der eine kreisförmige Bewegung andeutet, aus der die Harpyie allerdings ausbricht. Die Metamorphose der Frau zum Mischwesen ist hier ein selbstbestimmter Akt, anders als in vielen Erzählungen, in denen sie Strafe ist.

Die Gedichte in Insekt im Zebrakostüm sind durch ein Hauptmotiv miteinander verbunden: Mehrdeutigkeiten und Gleichzeitigkeiten, die in unserem Gespräch vielleicht schon an der einen oder anderen Stelle angeklungen sind. Dabei waren mir − mit Ausnahme einer Handvoll zusammengehöriger Texte − gerade Brüche in nebeneinanderstehenden Gedichten wichtig, ich wollte, dass sich die Texte wie alle guten Nachbarn gegeneinander sträuben und miteinander streiten können.

Du arbeitest gerne und oft mit eingeklammerten Versen, Ausdrücken und Worten. Das finde ich interessant, denn die Klammer scheint mir ursprünglich ein eher verpöntes Stilmittel zu sein. Schreib es oder schreib es nicht, aber flüchte dich nicht in die – schwächliche, unentschiedene – Klammer, hörte ich früher von Lehrenden. Wie stehst du dazu, und was bedeutet die Klammer für dein Schreiben?

Die Klammer nutze ich gerne als Möglichkeit, vorangegangene Verse zu unterlaufen, das gerade Geschriebene zu beargwöhnen, es im Extremfall zu karikieren, aus einer anderen Perspektive darauf zu blicken, gegen den Versuch der Eindeutigkeit anzusingen. Sie kann ein Metakommentar sein, von oben aufs Gedicht schauen und sich dadurch zugleich selbst infrage stellen, oder versuchen, den vorangegangenen Worten Nachdruck zu verleihen, wodurch sie doch nur deren wacklige (Vers)Füße offenbart − oder auf Augenhöhe eine weitere Perspektive einbringen, das Gedicht vielstimmiger machen: Sie erzeugt für mich Polyphonie. Ich finde die Haltung deiner früheren Lehrenden interessant, vom Geschriebenen eher Eindeutigkeit zu erwarten − ja, da könnten sie recht haben, vor dieser Eindeutigkeit bin ich im Gedicht vielleicht wirklich auf der Flucht. Nicht in dem Sinne, dass ich Beliebigkeit anstrebe, sondern einen schillernden Deutungshorizont innerhalb der Grenzen, die das Gedicht umreißt.

Zum Schluss interessieren mich deine Vorlieben: Gibt es ein oder mehrere Gedichte in dem Band, die du besonders magst? Wenn ja, welche und warum?

Ja, aber das würde ich den Gedichten nie sagen!

Gibt es denn eines, das Du besonders magst? Oder verabscheust? Erzählst Du Kirke und mir bei einem Kaffee davon?

Ja, ein Gedicht von dir liebe ich besonders. Aber da sind einige, die mich tief beeindrucken, bewegen und interessieren. Kirke erzähle ich nicht davon; ich bin überzeugt, sie will meine Meinung nicht wissen. Aber dir sage ich es, bei unserem nächsten gemeinsamen Kaffee. Wenn du dann noch neugierig bist.

Liebe Sarah, ich danke dir für dieses Gespräch; was für eine helle Freude, es mit dir zu führen!

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Ulrike Schrimpf bei uns hier. Ihre Internetseite hier. Der Gedichtband »Mein anfällig gewordenes Herz« von Alf Mayer besprochen. Ihr Langgedicht »aufstehen« in unseren Highlights 2025.

Im März 2027 erscheint ihr Roman „Koda“ im Suhrkamp Verlag.

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