Was eine Lyrikerin von einem Spannungsautoren lernen kann
Zum aktuellen Roman von Andreas Pflüger, Kälter (Suhrkamp 2025) – von Ulrike Schrimpf
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ich bin kälter
für Andreas
wer einmal um uns trauern wird kann
niemand wissen aber dass er sich als
abrissbirne eignet und sie tote in sich
trägt auch dass dinge nie mehr gut
werden hören zwei an jenem einen
morgen so ungesagtes glühendes
die zwanghaft
hoffende und doch beraubte sich durch
bleikristalle kämpfende jene unwissende
die nie erfuhr wie fliegen geht trotzdem
schwebt sie über ein seil aus schwarzem
licht nur von ihm ersonnen kennst du luzy
erinnerst du dich an eine abenteuerlich
geduttete
ein plapperchen auf schlittschuhkufen
das dir so gefällt denn in der tat pflügt
der pflüger alle tage um zu säen grablos
und taghell hingeworfen in den schein
von zuckerwatte nur einen augenschlag
überlebten ausgerechnet die beiden
und wie ist das
auszuhalten wenn der weißclown klingelt
töten sollst du zuerst den der dich töten
will wenn caspar david friedrich einen
himmel bestellt in karnickelverschlägen
durch sein denken wohnungen und
farbenentsättigt hisst ein un
erschrockener
seine herzfahne speichelt die hornbrille
sich selbstätig ein it’s not too late to forget
vielleicht ist gott existent wenn schneereste
noch schatten bleiben aber sie lehnt ihn ab
brüllt ihr schweigen in eine matroschka für
diejenigen die zu lange betrogen wurden
wenn der himmel ´
blankgeschrubbt ist so durchwirkt von
funkenfäden die er aus überschüssigem licht
spinnt dort wo eine herzwippe lebt in der
tat im besitz von nika die du persönlich nie
gekannt hast denn anders als sie wirst du
sterben ohne dass ein mensch wusste wer
du wirklich warst
so öffnen die toten den lebenden
augen dort im süden wo der shop zur
erinnerung wegen glück geschlossen ist
aber hab keine angst süßes fürchte dich
wahrlich nicht it won’t be long vergiss
die dinge die aus sehnsucht sind du
wirst sie nie mehr haben

In meinem Gedicht ich bin kälter, das ich Andreas Pflüger gewidmet habe, sind vierunddreißig Zitate, Gedanken, Worte und Begriffe aus seinem aktuellen Roman, dem Thriller „Kälter“, 2025 bei Suhrkamp erschienen, eingearbeitet, die ich bemerkenswert finde. Die mir beim Lesen so eindrücklich erschienen, ausgefallen, prägnant, klug, auch zu hinterfragen, dass ich sie in Erinnerung behalten wollte.
Normalerweise lese ich keine Krimis oder Thriller, habe ich noch nie getan, abgesehen von den Büchern Raymond Chandlers, die ich großartig finde. Aber für alles andere fehlt mir das Gemüt, auch die Nervenstärke; ich kann schon nach einem Tatort nicht mehr schlafen. Andreas Pflügers Romane lese ich dennoch, aus verschiedenen Gründen: weil ich ihn als meinen Freund ansehe und Freunde sich natürlicherweise für das, was sie tun, interessieren, aber auch, weil ich ihn für einen klugen, belesenen und kritisch denkenden Menschen und Schreibenden halte, von dem ich Wesentliches lerne. Das betone ich, denn meiner Erfahrung nach ist es in der Kunst- und Literatenszene nicht selbstverständlich, mit und von Kolleg:innen Kooperation und Wertschätzung zu erfahren, erst recht nicht über Genre- und Gattungsgrenzen hinweg. Sie schreibt ,nur‘ Kinderbücher, er kann ,nur‘ Unterhaltungsliteratur, er publiziert ,nur‘ in Indieverlagen und Hunderter-Auflagen, sie schreibt ,nur‘ massentaugliche Bestseller… – all diese Festschreibungen, dieses Schubladendenken, diese Abgrenzungen, dieses Sich-über-Andere-Erheben, mit dem Ziel, den eigenen Wert zu steigern, es geht mir so auf die Nerven. Wozu und mit welchem Sinn und Zweck?
Obwohl oder auch weil ich Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert habe, scheinen mir literaturtheoretische Grenzsetzungen, je älter und erfahrener ich werde, immer obsoleter. Was ist ein Roman und was keiner, was ist hohe Literatur und was Unterhaltungsliteratur, was ist ein Gedicht, ein Prosagedicht, gar kein Gedicht? Diese Fragen kann man stellen, es ist auch unter Umständen interessant und bereichernd, sich mit ihnen zu befassen, meinetwegen ausdauernd und tiefgehend, aber letztlich sind die dann irgendwann festgeschriebenen Antworten gleichgültig: Denn Literatur, Kunst, bewegt etwas in ihren Rezipient:innen oder eben nicht; darum geht es. Unabhängig davon, welcher Sparte sie zuzuordnen sind, schätze und mag ich Texte – und Kunstwerke im Allgemeinen – , die Gefühlsregungen in mir auslösen, Gedanken und manchmal sogar Handlungen. Literatur soll mich berühren, aufwühlen, interessieren, anziehen oder abstoßen, mich auf jeden Fall nicht kaltlassen oder langweilen. Das ist für mich das Hauptkriterium für gute Literatur und Kunst.
So kommt es auch, dass ich, als eine, die bislang alles Mögliche geschrieben hat, darunter einige Lyrik, aber nie einen Kriminalroman, von Andreas Pflügers Büchern lerne: wie man einen Text zusammenknüpft, Spannung kreiert, Cliffhanger einsetzt. In welchem Rhythmus man Kapitel aufeinanderfolgen lässt und wie man insgesamt einen Text kreiert, der seine Leser:innen packt, nicht in die Indifferenz entlässt. Den Umgang mit erzählter Zeit, Rückblicken, zeitlichen Überlagerungen und Wechselwirkungen. Auch die Art und Weise, wie Andreas Pflüger Leichtes in Schweres flicht, ist mir, die ich mein Leben lang ein Faible für die Tragikomödie habe, ein Vorbild. Wie alle seine Texte von seinem lässigen Humor durchtränkt sind, der das existentiell Düstere, von dem sie erzählen, erträglicher macht, sogar an einigen Stellen hell und leicht. Auch die Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit von Andreas Pflügers Recherche beeindrucken mich, deren Ergebnisse er elegant in seine Texte fließen lässt, ohne dass sie jemals an informativer Überfrachtung oder steifer Gelehrsamkeit kranken. Der Autor ist zudem ein Meister der skizzenartigen und unverwechselbaren Einführung von Charakteren, u.a. anhand schnittig-schneller, lebendiger Dialoge, die von seinen langjährigen Erfahrungen als Drehbuchautor zeugen. Insgesamt bewundere ich Andreas Pflügers Ökonomie der Sprache, die Genauigkeit und gleichzeitige immer wieder aufscheinende Sinnlichkeit seines Schreibens.
Hinter alldem stecken, neben einer gehörigen Portion an Talent, Durchsetzungsvermögen und Beharrlichkeit, beeindruckend viel Disziplin und Fleiß, vor denen ich mich verneige. Oft genug lese ich Texte von Autor:innen der sogenannten hohen Literatur und Lyrik, die unter dem Deckmantel anspruchsvoller, bewusst kryptischer und ambitionierter Kunst entschieden zu wenig gebaut, durchdacht und strukturiert sind. Nicht selten sind diese Texte schlicht zu faul gearbeitet, was ich aus eigener Erfahrung im Rückblick weiß, und es fehlt ihnen an dem, was die Literatur Andreas Pflügers zum Leuchten bringt, was so viele Menschen begeistert und mitreißt.
Nicht zuletzt habe ich etwas von ihm erfahren und gelernt, was für mich wesentlicher ist als alles bis jetzt Beschriebene, gerade, weil es nicht selbstverständlich ist im Kunst- und Literaturbetrieb: unvoreingenommene und rückhaltlose Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Andreas Pflüger und ich lernten uns über die sozialen Medien und unsere gemeinsame Liebe zu Tschechov kennen. Er las dann meinen Roman „Lauter Ghosts“, mochte ihn und beschloss, mich zu unterstützen. Andreas Pflüger befasste sich mit weiteren Texten von mir, gab mir Ratschläge und empfahl sie weiter. Dabei war es ihm völlig gleichgültig, ob ich vorher nur Kinderromane geschrieben hatte und Lyrik und Literatur für Erwachsene in niedrigen Auflagen und kleinen Indieverlagen. Er interessierte sich nicht dafür, welches Geschlecht ich hatte, ob ich jung oder alt war, bekannt oder unbekannt.
In seinem Bestreben, mich zu fördern, ließ er sich allein von seiner Begeisterung für mein Schreiben leiten und von seinem weiten, warmen Herzen, das ihn immer wieder dazu treibt, auch mit anderen Schreibenden auf diese Weise zu verfahren. Das finde ich großartig, und das werde ich – ihm – nie vergessen. Denn Andreas Pflüger hat an mich und mein Schreiben geglaubt, als kaum jemand anderes das wirklich tat, und sogar ich selbst zu zweifeln begann. Jede:r, der oder die Kunst macht, weiß, was für ein unersetzlich wertvolles Geschenk das ist.
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Ulrike Schrimpf bei uns hier. Ihr Gedichtband »Mein anfällig gewordenes Herz« von Alf Mayer besprochen. Ihr Langgedicht »aufstehen« in unseren Highlights 2025.
Andreas Pflüger als Autor bei uns. Fragen an Andreas Pflüger zu »Kälter« bei uns hier.

























