
Ulrich Mannes: Weitgehend unter dem Radar
In Ermangelung mitteilenswerter Seh- und Lesererlebnisse beschränke ich meinen Rückblick auf die Toten des Jahres, genauer auf solche, die vor allem in den aufregenden späten 60er Jahren der deutschsprachigen Filmszene Spuren hinterlassen haben und deren Abschied weitgehend unter dem publizistischen Radar geblieben ist.
Hochbetagt starb am 18. April Erich Tomek (*1930), das Mastermind der Lisa Film, das unter vielen Pseudonymen, darunter Florian Burg oder Patrizia Piccardi, die Drehbücher zu fast allen Siggi-Götz-Filmen geschrieben hat (vgl. Rückblick 2024). Sein Metier waren Verwechslungsklamotten á la DIE TOLLEN TANTEN SCHLAGEN ZU, deren Handlungsmuster er locker zu variieren verstand und auch ohne Skrupel für die 70er-Sexfilmwelle anwendete. Die Lisa hat Erich Tomek großspurig als dritte Säule im „Drei-Säulen-Modell“ der Lisa verortet, neben dem Boss Karl Spiehs und dem Checker Otto Retzer, die gemeinsam „eine Ideenschmiede bildeten, die in der Filmgeschichte mit 400 Werken ihresgleichen sucht“. (Anm. d. Red., diese Gelegenheit ruft danach, einige Produktionen der Lisa-Film zu nennen: DIE NACKTEN SUPERHEXEN VOM RIO AMORE, EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON, DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN, MACHE ALLES MIT, AUCH FUMMELN WILL GELERNT SEIN…)
Wenig beachtet wurde auch der Tod von Rob Houwer (*1937) am 4. Juli, dem jüngsten Unterzeichner des Oberhausener Manifests, der als Produzent in den 70er Jahren die Karriere seines Landsmanns Paul Verhoeven (GRIECHISCHE FEIGEN) ankurbelte, aber schon in den späten 60er Jahren in München zu einem der wichtigsten Förderer des Neuen Deutschen Films wurde (TÄTOWIERUNG, MORD UND TOTSCHLAG, BÜBCHEN, JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN) und sich dem frivolen Komödientrend nicht entziehen konnte (ENGELCHEN ODER DIE JUNGFRAU VON BAMBERG, BENGELCHEN LIEBT KREUZ UND QUER, ENGELCHEN MACHT WEITER – HOPPE HOPPE REITER).

Ganz andere Ansprüche hatte der am 26. Juli verstorbene Maler und Filmemacher Lutz Mommartz (*1934), der mit seinem wildwirbelnden 16mm-Kurzfilm SELBSTSCHÜSSE (1967) in Experimentalfilmkreisen mit einem Schlag so populär geworden war, dass das Publikum fortan schon klatschte, wenn sein Name im Titelvorspann auftauchte. Seine Stärke war, sich in seinen Filmen auf nur eine Idee zu konzentrieren, die er zugleich naiv und kontrolliert umzusetzen wusste. Bemerkenswert sind der verstörende Einakter ALS WÄR’S VON BECKETT, „das strindbergböse, dokumentarisch belegte Portrait einer Ehe“ (Generalanzeiger) und der Langfilm DER GARTEN EDEN (1977), eine Forschungsreise an die linke Seite des Niederrheins, wo der Paradiesgarten vermutet wird. Das Beste: Die genannten Filme kann man, wie fast sein ganzes Œuvre, frei auf seiner Webseite ansehen.
Im Umfeld der Oberhausener soll sich auch Christian Rischert (*1936, †27. November) bewegt haben, der nur drei Spielfilme gedreht hat: die beiden Emanzipationsfilme KOPFSTAND, MADAME! (1966) und LENA RAIS (1980) sowie das Midlife-Crisis-Drama WENN ICH MICH FÜRCHTE (1984, mit Horst Buchholz), davor und daneben aber eine unglaubliche Zahl an Werbe-, Industrie- und Lehrfilmen, an TV-Features und -Dokumentationen verwirklichen konnte. Diese Erfahrungswerte sind unübersehbar den thematisch aufgeladenen Spielfilmen zugutegekommen, in denen eine große, überaus nüchtern vermittelte Detailliebe waltet.
Ein ganz anderes Kaliber war der am 6. Oktober auf Mallorca verstorbene Regiearbeiter Ralf Gregan (*1933), der seine Meriten als Hausregisseur von Dieter Hallervorden erwarb (die Zusammenarbeit mit Hallervorden begann schon 1969 mit dem kabarettistischen MEHRMALS TÄGLICH, der vielleicht eine Wiederentdeckung wert ist), aber immer wieder Abstecher in andere Genres wagte und mit überschaubarem Erfolg Gangster- und Schlagerfilme drehte (HEUTE HAU’N WIR AUF DIE PAUKE, eine kaum verkappte Hommage an den ebenfalls dieses Jahr verstorbenen Schlagerkomponisten Jack White) und sich für die richtig heiklen Regiemissionen das Pseudonym Ilja von Anutroff zulegte.


2 X Elke Haltaufderheide – © Wiki-commons
Mit Elke Haltaufderheide (*1940) starb kurz vor Jahresende eine vielbeschäftige Schauspielerin der Schwabinger Szene, die für Rudolf Thome, Klaus Lemke, May Spils und Eckhard Schmidt gespielt hat (und zwischenzeitlich ihren einmaligen Namen auf Elke Hart verkürzte). Es finden sich keine Anekdoten über ihre Zusammenarbeit mit der (Neuen) Münchner Gruppe, sie muss aber neben ihrem darstellerischen Talent eine nicht zu unterschätzende Funktion als Vermittlerin und Organisatorin im Hintergrund gehabt haben. Mit Niklaus Schilling bildete sie später eine Arbeitsgemeinschaft, gründete eine Filmfirma und produzierte all seine Filme, die er bis in die frühen 90er Jahre drehte.
Leider können wir dazu nicht mehr Martin Müller (*1947) befragen, der am 21. November gestorben ist. Auch er hat mit Elke Haltaufderheide zusammengearbeitet. Martin Müller war der jüngste in der (Neuen) Münchner Gruppe, er war ganz ohne Gehabe und er wußte alles über die Münchner Gruppe und unglaublich viel darüber hinaus. Seine Karriere als Filmemacher hat er nachlässig forciert, denn ihm fehlte, wie er selbst meinte, „der wahnsinnige Ehrgeiz, die Passion, die Vision, die man fürs Filmemachen braucht“. Und weiter: „Durch Wenders bin ich dann in die Tonkiste reingerutscht und habe später bei sehr vielen Filmen (ca. 100) den Ton aufgenommen. Für mein Naturell war das sehr gut. Ich wusste, ich habe immer ein bisschen zu arbeiten. Mit sechs Monaten Arbeit, mit zwei, höchstens drei Filmen, kann ich den Rest des Jahres finanzieren. Die freie Zeit verbrachte ich mit süßem Nichtstun – also: Freundetreffen, Bücherlesen, Filmegucken, Musikhören.“ (Zitiert nach „Mit Nonchalance am Abgrund“ von Marco Abel.) Mit ANATAHAN ANATAHAN (1969) hat er den Schlüsselfilm für seinesgleichen verwirklicht und eine WG-Gemeinschaft gezeigt, die ziel- und tendenzlos in den Tag hineinlebt, „früh beseelt von der eigentlich späten Weisheit, dass die verschwendete Zeit im Leben sich als die Beste erweist“ (Rainer Knepperges). „Anatahan forever“ heißt es auf seiner Traueranzeige.

Ulrich Mannes ist Motor und Redakteur der von uns sehr geschätzten Filmzeitschrift SigiGötz-Entertainment. Ein Abonnement (4 Ausgaben) kostet schlanke 18 Euro (international: 26 Euro, bringt echtes Herzblut ins Haus. Mail an: info@sigigoetz.de
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Constanze Matthes: Mit Josephine Johnson „Ein Jahr in der Natur“
Josephine Johnson (1910-1990) war gerade mal 24 Jahre alt, als sie als bis heute jüngste Preisträgerin 1935 für ihren Debütroman „Die November-Schwestern“ mit dem renommierten Pulitzerpreis geehrt wurde. Nach der deutschen Erstausgabe des preisgekrönten Buches 2023 im Aufbau Verlag kann nun auch ihr mehr als 30 Jahre später erschienenes Werk „Ein Jahr in der Natur“ wiederentdeckt werden – in einer zugleich wunderbar illustrierten Ausgabe.

Der Band, unter dem Titel „The Inland Island“ 1969 im Original erschienen, gilt als frühes Werk des Nature Writing. Die New York Times verglich es mit Henry David Thoreaus Klassiker „Walden“. Es führt auf die mehr als 30 Hektar große Farm der Familie in Clermount County, Ohio, die sie allerdings nicht bewirtschaftet, sondern sich weitgehend selbst überlässt. Das Gelände ist abwechslungsreich, wenngleich ohne die herausragenden Landschaftsformen wie die Berge und das Meer. In Sichtweite des Hauses gibt es einen Wald. Darüber hinaus beschreibt Johnson den Teich und die Hügel. Vor allem aber das Leben in all seiner berauschenden Vielfalt und in all seinen Formen – ob Pflanzen oder Tiere.

Das Register am Ende des Buches zählt alle erwähnten Vertreter aus Flora und Fauna auf und lässt staunen. Über die Vielzahl, aber auch über manch kuriosen Namen wie Kappennaschvogel oder Maiswurzelblattlaus. Ihr Buch führt durch ein ganzes Jahr, eine Zeit der stetigen Veränderungen, die sie beschreibt. Die einzelnen Monate vom Januar bis zum Dezember und indirekt damit die vier Jahreszeiten geben dem Werk seine etwas strenge Struktur.
Johnson beweist einen genauen Blick für Details und fokussiert sich auf noch so winzige Einzelheiten, zugleich erscheint ihr Erzählen wie ein Schweifen über die Landschaft – das große Ganze. All dem wohnt eine Liebe zur Natur und ein ehrfürchtiges Staunen inne, wenngleich sie nicht jedes Tier, jede Pflanze mag, wie sie aufrichtig an mehreren Stellen betont. Humorvoll beschreibt sie das Gebaren eines Spottdrosselmännchens, wie durch ein Mikroskop indes das Treiben von Marienkäfer und Blattlaus. Vor allem die Vogelwelt hat es ihr angetan – und die Schildkröte.
Zu den sinnlichen und detailreichen Naturbeschreibungen stellt sie philosophische, aber auch gesellschaftskritische Gedanken. Johnson äußert klar ihre Abneigung gegenüber dem Vietnamkrieg und übt damit auch Kritik an der US-amerikanischen Regierung. Sie zeigt sich erschüttert über die Umweltzerstörung und fordert Respekt und Demut vor dem Leben in all seinen Formen ein. Bestes Nature Writing ist immer auch Mahnung. Erst durch das bewusste Erleben der Natur entsteht Hingabe und das Bedürfnis, sie zu schützen. Die Autorin zitiert aus anderen Werken, formuliert zugleich ihre Sehnsucht, eine große Schriftstellerin zu sein. Ihr Buch ist eine eindrückliche wie klare Meditation über die Vielfalt des Daseins, die sprachlich in seiner Poesie mal an ein Langgedicht, mal an ein Tagebuch erinnert.

Geboren 1910 in Missouri, ist Johnsons Weg zum Schreiben und der Literatur teils ein autodidaktischer. Sie nahm zwar an der Washington University in St. Louis ein Studium auf, das sie jedoch nicht mit einem Titel abschloss. 1955 verlieh ihr die Universität die Ehrendoktorwürde. Ihr Schaffen umfasst neben Romanen und dem Essay „Ein Jahr in der Natur“ auch Kurzgeschichten, Gedichte sowie ein Kinderbuch. Mehrfach erhielt sie den O. Henry Award. Mit ihrem Mann Grant G. Cannon, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Farm Quarterly“, und den drei gemeinsamen Kindern zog sie schließlich nach Ohio auf die Farm.
Die deutsche Erstausgabe ist indes nicht nur durch die großartige Übersetzung von Bettina Abarbanell und damit letztlich dank des Sprungs über den großen Teich ein großes Geschenk. Der Band enthält zauberhafte Illustrationen der kanadischen Künstlerin Andrea Wan, die in Vancouver und Berlin lebt. Jeder Monat beginnt mit einem Bild. Manche der Illustrationen sind naturalistisch, manche fantasievoll. In dieser wundervollen Symbiose aus Text und Bild ist dieses nun wiederzuentdeckende Buch ein großer Schatz und ein Muss für jeden Naturfreund.
Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.














