
Andrea Stumpf: „Projekt Visitenkarte“
Dank der BASF war Ludwigshafen einmal eine der architektonisch ambitioniertesten Städte der BRD, so meine Einschätzung, und von München aus betrachtet ist es das immer noch, wie ich während einiger Besuche in diesem Jahr feststellen durfte. Die haben es mit dem „Projekt Visitenkarte“ (Oberbaurat Ziegler) in den 50er, 60er und 70er Jahren so richtig krachen lassen. Wer schon vor 20, 30 Jahren auf die feingliedrigen Fassaden der jungen BRD und den späteren Brutalismus stand, von Industrieschlotromantikern ganz zu schweigen, dem gingen dort die Augen über.
Neuerdings lassen sie es wieder krachen – vom markanten Friedrich-Engelhorn-Hochhaus über das aberwitzig scheußliche Rathaus und die Hochstraßen, die sich einmal wie ein Flussdelta über die Stadt breiteten, wird abgetragen und gesprengt, was das Zeug hält. Nachdem Ludwigshafen vom Fernverkehr abgehängt wurde, wird vermutlich irgendwann auch der Hauptbahnhof dran glauben müssen, der 1969 als eines der „interessantesten und attraktivsten Bauwerke“ der DB (Selbstbeschreibung) startete und schon 15 Jahre später „ein negatives Erlebnis ganz besonderer Art“ (OB Ludwig) war, „ungepflegt, unsauber, ungastlich“, und dazu zugverwaist und menschenleer.
Noch verfügt die Stadt über Nachkriegs-Kleinode wie Eberthalle, Pfalzbau, Hack-Museum mit über 500 Quadratmetern Miró und dem schönen Corso-Kino am bauzaungesäumten Berliner Platz mit den geschwungenen Bauten. Und noch leben hier die Ex-BASF-Frauen in ihren holzvertäfelten Hochhauswohnungen, fahren weiße BMWs, trinken Piccolo, rauchen Lord und finden sich einmal in der Woche zum Waschen und Legen beim Friseur ein.
Ach Ludwigshafen, du gute alte BRD!

Eberthalle 
Pfalzbau und Pfalzsäule 
Hauptbahnhof 
Friedenskirche 
Rathaus – alle Bilder © wiki-commons 
Andrea Stumpf arbeitet als Übersetzerin und freie Lektorin. Hier geht es zu ihrem Beitrag zum Special Thomas Wörtche, mit dem sie bereits für die Reihe penser polar bei Diaphanes zusammenarbeitete: penser und pulp in einem Atemzug. 2024 erschien, von ihr übersetzt, in der Edition TW bei Suhrkamp „Im Auftrag der Zwillinge“ von Lisa Sandlin. 2025 gab es u.a. Jessica Anthony: „Es geht mir gut“ (Kein & Aber) und Samuel W. Gailey: „Tiefer Winter“ (Polar). Im Januar 2026 erscheint von ihr übersetzt bei Suhrkamp „Der Kellerby Code“ von Jonny Sweet.
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JaneCampbell © PhoebeDill/ Kjona 


Julia Wagenhals: Es braucht politischen Willen für Veränderungen
2025 also. Kurz vor Ende des Jahres suche ich im gedanklichen Bücherregal nach einer Auswahl von Büchern, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, wo es sich lohnt, hinzukucken. Sowohl ins Buch als auch auf die verhandelten Themen. Was die drei nachfolgenden Bücher eint: sie eignen sich nicht für einen Rückblick. Vielmehr geht es um einen Blick auf Lebensrealitäten, deren Betrachtung auch in der Zukunft lohnt. Unbequem, aber wichtig.
Da ist das grandiose Debut „Kleine Kratzer“ von Jane Campbell, das alte Frauen in den Fokus rückt. Die zum Erscheinungszeitpunkt 80-Jährige Psychoanalytikerin gibt in ihren 13 Kurzgeschichten alten Frauen eine Stimme, Gesichter und Emotionen. Sie sind mutige, wütende, lustige, ängstliche, verliebte und sexuell aktive Protagonistinnen, die bei Jane Campbell Raum bekommen, um zu sein. Schmerzlich ist mir beim Lesen klargeworden, wie unterrepräsentiert diese Perspektive selbst in der Popkultur ist.
Wer auf Krimi „made in Germany“ steht, kommt an „Fascholand“ von Canberk Köktürk nicht vorbei. In seinem 2025 erschienen Sachbuch ermittelt der Autor gegen Deutschland, das von Hass, Hetze und strukturellem Rassismus vergiftet wird. Klug verbindet er darin politische Analysen und Theorien mit persönlichen Erfahrungen. Er trifft auf verschiedene Interviewpartner:innen und hält wesentliche Ergebnisse in seiner Ermittlungsakte fest. Dabei ist er wütend, bissig und unterhaltsam – stellenweise lautes Lachen inklusive. Das macht manche Lesestellen erträglich, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass sich in der Realität viel zu viele Menschen bequem in ihrem deutschen Fascholand einrichten.
Jasmin Schreiber porträtiert in ihrem Ende Oktober erschienenen Buch „Da, wo ich dich sehen kann“ die Hinterbliebenen nach einem Femizid. Da ist die neunjährige Tochter Maja, die neben ihrer Mutter auch ihre Sicherheit und ihr Zuhause verliert. Da ist Majas Patentante Liv, die beste Freundin der getöteten Mutter, die darum ringt, Verantwortung zu übernehmen. Und schließlich die Großeltern von Maja, deren einziges Kind ermordet wurde. Aus wechselnden Perspektiven erzählt Jasmin Schreiber über das Überleben, Trauern, Ringen und Suchen nach dem Platz in der Welt und lässt dabei die Täterperspektive, also Majas Vater, bewusst außen vor. Damit legt sie gezielt die Aufmerksamkeit auf das „danach“, auf die Hinterbliebenen und setzt nebenbei einen wichtigen Gegenpool zum True-Crime-Trend.
Alle drei Themen sind keineswegs neu. Sie verdienen mehr Aufmerksamkeit, benötigen eine breite öffentliche Diskussion und erfordern vor allem politischen Willen für Veränderungen, die das Leben von Menschen nachhaltig beeinflussen. Diese Perspektive wird auch im Jahr 2026 von großer Bedeutung sein.
Julia Wagenhals lebt in Freiburg im Breisgau und engagiert sich in der politischen Bildungsarbeit und empowert in Seminaren Menschen, sich im Alltag gegen rechtsextreme Äußerungen zu positionieren und klar Stellung zu beziehen.












