Was uns bleibt
für Margit

Vielleicht wanderst du an einem Novembertag durch eine Stadt in Südfrankreich, so angetrunken von Erschöpfung und Licht, leichter als sonst, schwer wiegend aber auch, zu einer Mitte hingezogen, als hättest du einen Zugang gefunden, wärst angeschlossen an einen Tropf. Möglicherweise hörst du überall das Meer, obwohl das gar nicht sein kann, Gischt, ein Keckern, das Klatschen von Flügeln, Wellenbrechen, selbst dein Körper spürt das überall und noch später im Schlaf, wo er von Salzwasser überspült wird, so dass du manchmal aufwachst und hustest.
Möglicherweise trudeln Kinder um dich herum und erzählen dir was, schieben ihre warmen Brötchenhände in deine, die nicht mehr so klein sind, wie sie sollten, also hältst du sie aus Versehen zu fest, aua, Mama, du quetschst!, ruft ein Kind. Ein anderes kloppt, pfeift, schimpft, kichert, rutscht das Treppengeländer runter und knallt naturgemäß auf den Kopf. Das Dritte ist beleidigt, ein Viertes hat Bauchschmerzen, das Erste will auf jeden Fall was anderes machen, früher aufstehen, nur shoppen oder gar nicht, das kleinste Kind möchte nichts essen, die Großen Cupcakes, Pommes, aber auf keinen Fall Fisch und erst recht nicht Muscheln. Eines will Boule spielen, wie peinlich ist das, sagt ein anderes, aber ins Museum gehen will niemand, da sind sie sich einig, auch in keine Kirche, keinen Hügel rauf, höchstens einen runter und mit dem Bus fahren. Vor allem schwimmen geht, selbst wenn das Wasser so kalt ist, dass es die Haut auffrisst und die Sonne sich verkrochen hat in Ungeheuern aus Steinen, die aussehen wie auf dem Mond.

Wahrscheinlich gehst du mit den Kindern Wege entlang, während du innerlich abschweifst, Phantom, das du bist, in deinem Leben, was zum Glück höchstens eins deiner Kinder ahnt, aber vielleicht bildest du dir auch das nur ein. Denn du darfst ihnen nicht davon erzählen, seit ihrer Geburt nicht, und auch sonst soll das keiner wissen, wobei du dich manchmal fragst, was in Wahrheit passieren würde, wenn du merkst, dass sie es begreifen. Deine Kinder haben vermutlich Vogelstimmen mit aufgerissenen Kehlen, du kannst bis in ihren Brustkorb sehen und sollst was reinstecken, denn sie haben ständig Hunger. Unaufhörlich tust du was in die hungrigen Schnäbel deiner Kinder, und manchmal wünschst du dir, du könntest sie ausschalten oder wenigstens eine Spur leiser stellen, weißt du, Mama, vielleicht werde ich Kapitän, gibt es noch Piraten, Papa hat gesagt, hier schwimmen Haie, ich will endlich eine PS5, alle haben eine, sogar Nathan, nur ich nicht, ich hasse dich, kann ich ein Eis, aber jetzt, ich will jetzt eins und nicht erst in zwei Stunden, wie lange müssen wir noch latschen, dein T-Shirt ist cool, Mama, so eins will ich auch haben.

Eventuell seid ihr erst mitten in der Nacht angekommen, weil mal wieder nichts funktioniert hat, alle sind erschlagen, im U-Bahn-Schacht rennen Ratten und die Luft riecht nach Schlamm, fremde Worte hängen in der Luft, lauter Graffiti sieht du an Häuserwänden, riesiger als du erwartet hast, aber was eigentlich hast du erwartet? Schmutz an allen Ecken und Enden, aufgerissene Müllsäcke, explodierte Container, als ob Eiter aus ihnen quillt, Menschen, die rufen und über Absperrungen springen. Die Kinder stolpern über die Rollkoffer, so müde sind sie, du willst sie in die Arme schließen, tut mir leid, ich weiß auch nicht, was uns geritten hat, würdest du flüstern, aber weich werden gilt jetzt nicht, denn du kannst ihnen nicht alles abnehmen. Du bist nur eine Mutter mit zwei Händen, das sind mindestens eine zu wenig für drei Kinder, erst recht für vier, selbst, wenn du wolltest, kannst du keine Kali sein, eine indische Gottheit, die tausend Arme hat, auch wenn du immer wieder davon träumst.
Sogar deine Freundin kann keine Kali sein, die neben dir geht, obwohl ihr sonst alles gelingt, denn sie ist ein Wundermensch, ein Lichtwesen und eine Wärmelampenperson. Ihr Name bedeutet „Perle“, was wie die Faust aufs Auge passt. Da, wo deine Freundin lebt, ist es hell und leicht, das weißt du möglicherweise schon seit der ersten Klasse, als ihr euch geprügelt habt, weil ihr beide Freundin sein wolltet mit einer anderen, auf keinen Fall aber miteinander. Natürlich hat die Perlenfreundin damals gewonnen, denn sie hat deutlich mehr Kraft in den Armen als du, und in allem, was wesentlich ist, war sie dir schon immer haushoch überlegen, auch dafür liebst du sie, dein Leben lang.

Womöglich versucht ihr gemeinsam, die Kindergesichter zum Lachen zu bringen, die in der Schlammnacht und in Frankreich aussehen wie plattgefahren, Essen vom Tag schichtet sich auf ihnen, Schokolade, Tomate und Orangensaft. Ihr verteilt die letzten verkrumpelten Gummibärchen, kauft Cola für alle, idiotisch, erst recht um die Uhrzeit, später wird keiner schlafen, aber egal, jetzt müsst ihr sie durch die Stadt schaffen und endlich einmal ankommen. Was für ein Abenteuer, die anderen schlafen schon, stellt euch nur vor, flüstert ihr wahrscheinlich in die Nacht, dorthin, wo ihr die Kindergang vermutet, dorthin, wo sie langsam vor sich hin zuckelt, eine ganze Gänsekinderlinie an einer Hauptverkehrsstraße entlang.

Vielleicht findet ihr den Weg auch nicht in einer fremden Stadt, denn die Gassen sind zu klein, zu schmal und zu verknödelt für einen klaren Blick, erst recht für Googlemaps, ohne das du nicht klarkommst, weil du eine Orientierungsniete bist. Richtige Wege zu finden in deinem Leben, hast du noch nie gekonnt, das wissen vor allem die, die dich schon als Neugeborenes kannten. Besonders kompliziert ist es, sich in einem Viertel mit mehreren Sorten von Licht zu orientieren, dazu nachts mit vier Kindern am Bein, dort, wo ihr euch wider die Vernunft einquartiert habt, denn ihr seid nun mal nicht Krösus, außerdem ist der Hafen nah, und man kann sich wenigstens vorstellen, dass man das Wasser riecht. Zum Glück sehen das nicht die Männer, denn wer schleppt seine Kinder in eine Mafia-Stadt?, morgen macht ihr Bilder am Hellsandstrand mit Klebeeis und Haaren, die im Wind flattern, vielleicht tut‘s dann nicht mehr weh. Vielleicht aber doch.

Wahrscheinlich gebt ihr trotzdem vor, als wüsstet ihr, wo ihr seid, was für eine schöne Stadt, ich freue mich, wenn wir sie erst bei Tageslicht sehen, trompetet deine Freundin trotzig, worauf unerwartet ein Echo zu hören ist, der zarte, harte Wiederklang einer winzigen Tochter, in der schon immer eine Stimme wohnt, die der heiligen Johanna von den Schlachthöfen gehört, was soll hier bitte schön sein?, murmelt sie, nichts ist schön, die Straßen nicht, die Menschen nicht, das Gestinke nicht und die ekligen Ratten erst recht nicht.
Eventuell musst du dann lachen, mit einem Mal so von innen heraus und heftig, dass es dich schüttelt, und du lehnst dich an eine Hausmauer. Dein Kopf schlägt gegen die Steine, du lachst und lässt die Taschen fallen, die du mit heiß geschubberten Händen gepackt hältst, damit sie dir bloß keiner wegnimmt. Dabei wollte der Mann mit den schief gestellten Augen, Kapuze im Gesicht dir einfach nur beim Tragen helfen. Zum Glück hast du das nach einem kurzen Stocken auch verstanden, und es war nicht zu spät, denn der Mann mit den schief gestellten Augen hat in dein Herz gestoßen, als er schwankend deinen Mammutkoffer die Treppe hochgehievt hat, während du unangemessen leicht hinter ihm herliefst. Fast hüpftest du und stelltest dir vor, stattdessen neben ihm zu sitzen auf einer schicken Hollywoodschaukel, ach, lass doch den blöden Koffer, würdest du sagen, wir heben jetzt einen, und in euren Drinks stecken diese Schirmchen aus grasgrünem Papier mit pinken Blumen, die du dir als Kind gewünscht hast.

Vermutlich lachst du sogar Tränen, lässt dich langsam mit dem Rücken an der Wand auf den Boden gleiten, während lauter Augen dich anstarren, Schokoladenhänger an einem Weihnachtsbaum sind das, umwickelt von diesem tiefroten Glitzerpapier, der Baum leuchtet, aber sonst ist alles dunkel. Dein Koffer, den du losgelassen hast, rattert die Straße runter, er ist eine einsame, traurige Mülltonne mit Rollen am Boden. Gerade noch so bekommt dein Ältester ihn zu fassen, seine Gesichtszüge wandern von dir fort in die Welt, auch dagegen ist kein Kraut gewachsen, und vorwurfsvoll sieht er dich an, geht’s noch, Mama?

Wahrscheinlich ist dann bei Licht besehen alles anders, und naturgemäß sind Kinderaugen am nächsten Morgen blank gewaschen, deine auch und die deiner Freundin, lauter himmelblaue Seidenblusen seid ihr, die sich vorsichtig im Wind bewegen, und die Croissants schmecken genauso, wie es sein soll, kräftig nach Butter und einer Prise Salz, die man notwendig für sie braucht.
Vielleicht spült es euch an diesem neuen Tag, hungrigen Tag, wenn die Luft sachte dunkel wird, aus blauem Tuch gewirkt ist sie dann für einen Moment, verquirlt mit einem Hauch von Purpur, eventuell spült es euch dann in einen kleinen Laden, ein Antiquariat mit Büchern, in dem es riecht, als würden Jahrhunderte in ihm leben. Nirgends bewegt sich der Staub so wie in solchen Antiquariaten, denkst du und daran, dass du verdammt nochmal kein Bild dafür findest beim Schreiben, dabei suchst du es schon so lange, zu lange, wie unfähig kann man sein, und wahrscheinlich beschreibt das, genau das, deine persönliche, deine total eigene Vergeblichkeit.

Möglicherweise spielen die Kinder Sich-gegenseitig-mit-dem-Rucksack-so-doll-hauen-dass-man-umfällt, was klarerweise ein Spitzenspiel ist, zuerst im Laden und dann, folgerichtig, davor, viel Zeit bleibt dir demnach nicht, aber ein bisschen schon, denn du bist schon wieder auf dem Sprung, einen Moment noch, dein Leben bist du ein Flößer und hangelst dich von Baumstamm zu Baumstamm, nur dass du, im Unterschied zu ihm, immer schon ins Wasser gefallen bist.
Zufällig nimmst du ein Buch in die Hand, das schmal ist und Fotos hat, so ein unscheinbares Taschenbuch, Sophie Calle, der Name sagt dir etwas, und du schlägst es willkürlich auf. Ein Foto springt dir in die Augen, ein Bild von Kindern aus einer anderen Zeit, das aussieht, als wäre Milch darüber gelaufen. Echte, fette Kuhmilch, die du als Mädchen holen musstest vom Bauern im Osten mit einer Kanne aus Emaille und an einer Dunggrube vorbei, aber das ist eine andere Geschichte, vielleicht auch nicht. Auf dem Foto steht wahrscheinlich ein Kind am Strand, so im Nichts, offensichtlich ein Zwergenkind, ein ganz verlorenes Koboldkind mit einem Kopftuch und Händen, die zu groß wirken für seinen Körper, sein Gesicht erinnert dich an einen traurigen, alten Vogel und an den Gelenken faltet sich Mäusespeck.

Wartet auf mich

Ich war zwei Jahre alt. Es war an einem Strand, in Deauville, glaube ich. Meine Mutter hatte mich einer Kindergruppe anvertraut. Ich war die Kleinste, sie spielten, mich loszuwerden. Sie standen in Gruppen zusammen, flüsterten miteinander, brachen in Gelächter aus und rannten weg, sobald ich mich ihnen näherte. Und ich, ich rannte ihnen hinterher und schrie ,wartet auf mich, wartet auf mich‘.
Das ist mir geblieben.[1]
Wahrscheinlich stehst du dann da, in dem Buchladen wie vom Donner gerührt und denkst schon wieder an Worte, an Ausdrücke von Anderen, ununterbrochen denkst du in deinem Leben an Texte, die du nicht geschrieben hast, die du schreiben willst und gezwungenermaßen schreiben wirst, weil das einfach nie aufhört. Das Schreiben endet nie und die Geschichten auch nicht, denn du bist besessen von ihnen, von fixen Ideen, besetzt, belegt und vollständig vollgeschmiert ist dein Körper, vor allem aber die zweihundertfünfzig Quadratzentimeter deines verwurschtelten Gehirns, was dein mittlerer Sohn zu Recht sagt, die sechzehn Milliarden Zellen deines Gehirns sind von Sprache eintätowiert, die du geboren hast, vor allem aber von solcher, die du noch gebären wirst, zwanghaft gebären musst, denn in Wahrheit bist du eine Gebärmaschine, was nun wirklich das letzte ist, was du jemals sein wolltest.

Erinnerung 2
Da ist eine Höhle. Ich liege auf einem kratzigen Teppichboden in einer Höhle aus Stühlen, die wir im Kindergarten gebaut haben. Drei Mädchen, Würste im Glas, gegeneinandergepresst. Plötzlich, unerwartet, ich habe nicht damit gerechnet, mit so etwas rechne ich nicht, beginnt ein Mädchen, mich zu treten und zu beißen. Sie kratzt, und sie spuckt, sie zieht an meinen Haaren, sie drückt mir den Hals zusammen, und ich denke, gleich sterbe ich. Alles, was ich tue, ist, dass ich mich an ihr festhalte. Ich halte mich an meiner Angreiferin fest, ich umarme sie, und ich sehe sie an. Ich sehe tief in die Augäpfel von Sofie mit dem strömenden Blutpunkt. Als könnte ich mich in sie versenken, und als könnte ich die Gewalt stoppen. Ich denke, ich halte das jetzt aus. Ich halte das einfach aus, und ich wehre mich nicht. Ich weiß auch gar nicht, wie das geht.[2]

[1] Der Originaltext auf Französisch lautet wie folgt: „Attendez-moi – J’avais deux ans. Cela se passait sur une plage, à Deauville je crois. Ma mère m’avait confiée à un groupe d’enfants. J‘ètais la plus petite, ils jouèrent à se débarasser de moi. Ils se groupaient, se parlaient en chuchotant, éclataient de rire et détalaient dès que j’approchais d’eux. Moi, je leur courais après et je hurlais ,attendez-moi, attendez-moi‘. Ca m’est resté.“, in: Sophie Calle, „Sophie Calle“, Actes sud: 2022.
[2] vgl. Ulrike Schrimpf, „10 Erinnerungen: An meinen Bruder“, in: Axel Holst, Ulrike Schrimpf, „Blinde Versuche: Über das Töten von Menschen“, Literatur Quickie Verlag: 2023.
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Ulrike Schrimpf wuchs in Berlin auf, studierte dort und in Paris Literaturwissenschaft, lebte und arbeitete seit 2010 als freie Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin in Wien. Sie hat drei Söhne, die Familie ist 2023 nach Augsburg umgezogen. Sie hat bislang den Roman „LAUTER GHOSTS“ und ein gleichnamiges Theaterstück geschrieben, zusammen mit Axel Holst den Erzählungsband »Blinde Versuche über das Töten: von Menschen«, Literatur Quickie Verlag 2023; zusammen mit der Künstlerin Johanna Hansen den Lyrikband »pariser skizzen. je te flingue«, sowie diverse Kinderromane und Sach- und Fachbücher. Ihre Internetseite hier.
Im Oktober 2024 erschien ihr Gedichtband »Mein anfällig gewordenes Herz« (Corvinus Verlag, Berlin), Textauszug hier. Besprechung von Ingrid Mylo bei uns hier – und eine von Alf Mayer.












