Robert Zion: Im Unzuhause 2024

Kino. Film des Jahres.
„Schaut, was wir heute tun“ (Jonathan Glazer)
Jenseits des immer rechtskonservativer werdenden, dabei ohnehin nur für eine jüdische Minorität sprechenden „Zentralrats der Juden in Deutschland“, der beim deutschen Bürgertum und seiner politischen Klasse fortwährend um den ersten Platz als definitive Opfergruppe buhlt und sich damit doch nur den voraufklärerischen Status des „Schutzjuden“ zurück erbettelt, schaut man als Bürger dieser Republik mit jüdischen Wurzeln sehr genau hin, auf welchem Stand sich die Aufarbeitung des Holocaust, die sogenannte „Erinnerungskultur“, in Deutschland gerade befindet. Ist man sich auf Seiten der Erben und Nachkommen der Täter über das Wie und Warum des Verbrechens noch bewusst? Ist man jenseits seiner Projektionen von „die Juden“ – fälschlicherweise aber eben auch bezeichnenderweise immer noch im vereinheitlichenden Singular genannt – noch bereit, sich mit sich selbst zu konfrontieren, den einmal erreichten Reflexionsstand von Kunst und Wissenschaft zu halten, etwa den von Peter Weiss’ Die Ermittlung (1965) oder den von Zygmunt Baumans Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust (1992 in Deutschland erschienen)? Mir scheint: zunehmend weniger.
Umso bedeutender schien zunächst der Erfolg von The Zone of Interest an den deutschen Kinokassen, denn Jonathan Glazers Film – und hierin seine beiden brillanten deutschen Hauptdarsteller Christian Friedel und Sandra Hüller – treiben diese Konfrontation mit sich selbst bis zum Äußersten, kaum noch Auszuhaltenden. Doch wich die begründete Irritation über diesen Film hierzulande rasch einer anderen Irritation, mithin einem betretenen Schweigen, nachdem der britische Jude Glazer seinen „Oscar“ für den „besten ausländischen Film“ empfangen und in Los Angeles seine Dankesrede gehalten hatte: „Unser Film zeigt, wohin die Entmenschlichung führt, in ihrer schlimmsten Form. Sie hat unsere Vergangenheit und Gegenwart geprägt. Gerade jetzt stehen wir hier als Männer, die es ablehnen, dass ihr Jüdischsein und der Holocaust von einer Besatzung gekapert werden, die zu Konflikten für so viele unschuldige Menschen geführt hat. Seien es die Opfer vom 7. Oktober in Israel, des fortwährenden Angriffs auf Gaza, oder die Opfer dieser Entmenschlichung. Doch, wie können wir Widerstand leisten?“
Statt Glazers Frage abschließend zu beantworten, zunächst ein Ortswechsel: Nun nicht mehr in Los Angeles oder in Deutschland, sondern am Handlungsort des Films selbst. Die polnische Premiere von The Zone of Interest fand am 15. Februar im Museum Auschwitz-Birkenau mit anschließender Diskussion unter Anwesenheit Glazers statt. Piotr M. A. Cywiński, Leiter des Museums und Mitglied des Internationalen Auschwitz-Komitees, der die Diskussion leitete, sagte dort über den Film und Glazers Rede: „In seiner Dankesrede für den Oscar hat Jonathan Glazer eine universelle moralische Warnung vor der Entmenschlichung ausgesprochen. Sein Ziel war es nicht, sich auf die Ebene des politischen Diskurses herabzulassen. Kritiker, die eine klare politische Haltung oder einen Film über Völkermord erwartet haben, haben die Tiefe seiner Botschaft nicht verstanden. The Zone of Interest ist kein Film über die Shoah. Er ist in erster Linie eine tiefgründige Warnung vor der Menschheit und ihrer Natur.“ Über Cywińskis Worte schwieg man hierzulande vollends.
Doch, was zeigt dieser Film überhaupt? Das bürgerliche Leben des Lagerkommandanten von Auschwitz Rudolf Höß und von dessen Familie auf einem umzäunten Gelände im Lager, gezeichnet als private Idylle, in den buntesten Farben gemalt. Den Alltag: Blumenpflege, Gemüsezucht, Besucher, Kindererziehung, gutbürgerliche Küche, Badeausflüge, Freizeitbeschäftigungen, Empfänge, Besprechungen über technisch und logistisch zu lösende Aufgaben („Rotationsöfen“). Die Güter dieser Privatheit geraubt von denen, die draußen bleiben, jenseits der selbstgewählten Umzäunung, aber auch jenseits des ermächtigenden Blicks des Zuschauers im Kino. Dieser muss vielmehr hinhören. Das Draußen, das Reale, bildet nur eine Geräuschkulisse, ein Hintergrundrauschen: Geschrei, Befehle, Schüsse, das Brummen der Öfen. Der Film erhielt ebenfalls den „Oscar“ für den „besten Ton“. Von den Quellen dieses Rauschens will, darf, muss man nichts wissen – obwohl man es weiß, wissen kann, wissen müsste. Das Andere muss immer das Andere im Absoluten bleiben, auch oder gerade, weil man es selbst als solches bestimmt („die Juden“), ausraubt und zu vernichten trachtet. Das Rauschen, das Reale, entzieht sich noch in dem Moment, in dem man es hört, es entzieht sich fortwährend zugunsten dieses Imaginären. Was ist Wissen? Eine Frage der „Moral“ etwa?
Selbst noch das Plakat von The Zone of Interest ist diesbezüglich ein Geniestreich, unmittelbar offenbart es auch visuell den inhaltlichen Kern dieses Thesenkinos und eines sich seiner ästhetischen Mittel hochgradig bewussten Konzeptfilms, eines Thesenkinos über die Abgründe des Bürgertums im Gegensatz zu seiner Selbstwahrnehmung übrigens, wie man es seit den 60er-Jahren und Jean-Luc Godard nicht mehr gesehen hat, etwa mit Weekend (1967). Denn die Wahrnehmung dieses Films, das subjektive Empfinden im Vorgang seiner Betrachtung, ist ein Gradmesser für die Bewusstwerdung der eigenen bürgerlichen Existenz bei jedem Einzelnen von uns, der Bewusstwerdung über unser Interesse an den Folgen unserer Interessen: The Zone of Interest. Glazers schließt mit seiner Betrachtung der immanenten Existenzweisen der bürgerlichen Ordnung aber ebenso an Filme wie Jean Renoirs Die Spielregel (1939) oder Luis Buñuels Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1972) an. Er versetzt uns über 100 Minuten in unser derzeitiges Unzuhause und verwandelt damit den Kinosaal in den surrealen ethischen Nicht-Ort, an dem wir uns im Hier und Jetzt befinden. Dies ist es, was Glazer mit seiner Dankesrede unmissverständlich klarstellen wollte.
Ist The Zone of Interest auch tatsächlich kein Film über den Holocaust, so hat er diesen doch kurzzeitig weltweit ins kollektive Gedächtnis zurückgeholt (hierin nur noch vergleichbar mit Claude Lanzmanns Shoah von 1985). Der Film drängt dabei vehement darauf, den immanenten Widerspruch zwischen einer behaupteten „Singularität“ der Shoah und der daraus abgeleiteten Forderung nach einem „Nie wieder!“ endlich aufzulösen, indem er die bürgerlichen Existenzweisen der Täter offenlegt, so ein konkretes historischen Ereignis entmystifiziert, um seine „Warnung“ (Cywiński) auszusprechen: „Wenn es geschehen ist, dann kann es auch wieder geschehen, dann können und müssen wir verstehen, wie es geschehen konnte, und dann kann ‚Nie wieder!‘ nur ‚Nie wieder für irgendjemanden!‘ bedeuten“.
Alles, buchstäblich alles, hängt auch heute wieder hiervon ab, vom Grad der Bewusstwerdung über unser Interesse an den Folgen unserer Interessen. Daher das „Schaut, was wir heute tun“ Jonathan Glazers. Es nur zu hören, dies reicht jedenfalls nicht.
THE ZONE OF INTEREST (USA/GB/Polen, 2023, Regie: Jonathan Glazer). Kinostart in Deutschland: 29. Februar 2024. Deutsche Blu-ray/DVD-Veröffentlichung von Leonine Distribution: 14. Juni 2024. Stream: Amazon Prime Video.
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Literatur. Roman des Jahres.
„In der Sprache tanzt der Mensch“ (Friedrich Nietzsche)
Das Autorenporträt seine Verlages (Hanser Berlin) beschränkt sich auf das Nötigste: „Behzad Karim Khani wurde in Teheran geboren und wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Er war noch keine zehn Jahre alt, als er mit seinen Eltern nach Deutschland kam und sie sich im Ruhrgebiet niederließen. Seit 2003 lebt er in Berlin-Kreuzberg. Sein Debütroman Hund, Wolf, Schakal erschien 2022 bei Hanser Berlin.“ Klingt nach gelungener Integration. Also: „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt… Ist es besser, viel besser, als man glaubt. Tief im Westen, tief im Westen… Bochum… Ohohoo.“ Karim Khanis Passage über Herbert Grönemeyer ist mir fast die liebste: „Mein Deutsch ist mittlerweile gut genug, um zu verstehen, was Grönemeyer singt, aber nicht gut genug, um zu verstehen, warum er das tut“ (Seite 111). Integration also doch misslungen. Ich fürchte, wohl auch meine eigene. In dieses Ruhrgebiet (Gelsenkirchen) – und dies noch nach 25 Jahren! Man muss nur einmal durch das legendäre Schalke laufen, um zu verstehen, was ich meine. Ach, hätte doch die vielbeschworene „Ruhrgebietsromantik“ auch nur ein bisschen was von der guten alten deutschen Romantik, von der Erhabenheit eines Wanderers über dem Meer! Stattdessen: Migrantenviertel, die „Ausländerviertel“ genannt werden, die in Wirklichkeit aber Armenviertel sind und dabei längst mehr sind als nur ein Viertel; als „Ruhrgebietscharme“ zurechtgelogene Bildungsignoranz; Anhäufungen grauer Klötze, die „Städte“ genannt werden, in denen alle aneinander vorbeileben und vor allem vorbeifahren; sich wie die Pest ausbreitende Suppenküchen, heutzutage „Tafeln“ genannt, die im „Ehrenamt“ betrieben werden; kostenlose Stadtmagazine voller Konzertankündigungen, fast ausschließlich von Nachspielbands (Deep Purple, Pink Floyd AC/DC etc.); am Wochenende unerklärlicherweise ein Feuerwerk in meinem Stadtteil zur Feier von…, nun, von was auch immer. Das Ganze vom Stadtmarketing als „Kulturleben“ angepriesen. Fürwahr „ein trauriges, innerlich leeres Land“, wie Ijoma Mangold in seiner Rezension von Als wir Schwäne waren in der Zeit schrieb.
Karim Khani erzählt hiervon seine eigenen Geschichten und dabei noch seine eigene Geschichte, in angenehm kurzen, daher enorm verdichteten Kapiteln. Und er leistet sich die Unverschämtheit – ich hoffe, Sie schauen sich diesen Begriff einmal genau an und denken dann über dessen Bedeutung nach – implizit danach zu fragen: Integration? In was eigentlich? Dies mit einer Hoheit über die deutsche Sprache, die den Verdacht nahelegt, dass er sogar einige Antworten gefunden haben könnte. Etwa, wenn Khani uns die korrekte Analyse westlicher Gesellschaften seines Vaters mitteilt: „Kapitalismus ist das, was übrig bleibt, wenn keiner mehr eine Idee hat“ (Seite 44). Oder eben „Tafeln“. Überhaupt, dieser Vater! Empathisch, klug, eher wortkarg, dennoch bei messerscharfem Verstand, jeglichen Kommunikationsmüll souverän umgehend. Wahrscheinlich hat Karim Khani einen Roman über unser gemeinsames Unzuhause geschrieben, den bereits sein Vater hätte schreiben können – wenn dieser es denn für würdevoll erachtet hätte. Um die Würde geht es übrigens durchgehend, die ersten Worte unseren Grundgesetzes. Würde erlange ich selber nur, indem ich andere in ihrem Anderssein zu würdigen weiß. Wer das (immer noch) nicht begriffen hat, der kann dieses Land gleich in einem gigantischen Loch versenken, ganz so, wie es sich der Autor manchmal herbeigesehnt hat: „Ein Loch so tief, dass Deutschland nicht mehr ist“ (Seite 176).
„Die Krähen schrei’n/Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt/Bald wird es schnei’n/Weh dem, der keine Heimat hat!“, dichtete Nietzsche. Heimat, das ist manchmal nur der Geruch frisch gebackenen Brotes, die einmalige Konsistenz des Sandes am Strand von Gaza, der Blick auf die vertrauten Linien eines Horizonts bei einer ganz bestimmten Temperatur, oder die Karim Khanis Erzählungen und Reflexionen titel- und sinngebenden Schwäne, verirrt am Kaspischen Meer… Das ist es, was diese Menschen zu uns mitgebracht haben, fortwährend mitbringen. Ach, würde ich es doch selbst nur riechen, durch meine Finger rieseln lassen, sehen, fühlen, hören können! Diesen Reichtum, der hierher mitgebracht wurde, in das Grau in Grau, das man ihnen anzubieten hatte. Bei Karim Khani darf ich zumindest davon lesen, mich sogar noch an meiner eigenen Sprache erfreuen, in der er irgendwann einfach zu tanzen begonnen hat. Da sind schon noch welche hier, die noch eine Idee haben. Und so langsam beginne ich zu verstehen: Selbst tief im Westen ist es besser, viel besser, als man glaubt. Denn mal ehrlich: „Wussten Sie, dass Schwäne vielleicht Zugvögel sind, vielleicht aber auch nicht?“ (Seite 187).
Bitte, bleibt hier!
Als wir Schwäne waren von Behzad Karim Khani. Erschienen am 19. August 2024 bei Hanser Berlin, Gebunden, 192 Seiten, ISBN 978-3-446-28142-4.
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Musik. Album für das Jahrzehnt.
„It all feels wrong“ (Robert Smith)
In den 80ern waren mir The Cure weit weniger nahe als etwa The Birthday Party oder Siouxsie and the Banshees, zwei Bands, auf die ich gleich noch zurückkommen werde. Heute, im Unzuhause des Jahres 2024, ergreift mich Songs of a Lost World, das nunmehr vierzehnte Studioalbum der Band um Robert Smith, unerwartet, unvermittelt, vollständig. Acht Songs, eingerahmt vom Opener „Alone“ und dem zehnminütigen Meisterstück „Endsong“, die vom Abschied nehmen Müssen und doch nicht Abschied nehmen Können erzählen, von geliebten Menschen, zerstobenen Sehnsüchten nach einer bessere Welt, zuweilen schmerzlich intim, zuweilen wütend und verzweifelnd; acht Songs vom Verlieren dieser Welt, von der Entfremdung, vom Altern, vom Tod, vom Krieg: „I’m outside in the dark wondering how I got so old“ („Endsong“). Die Band gründete sich 1976 (noch unter anderem Namen), im selben Jahr als Jean Baudrillard seine epochale Diagnostik unserer westlichen Gesellschaften Der symbolische Tausch und der Tod veröffentlichte, im Wesentlichen mit dem Befund des Entschwindens unserer Wirklichkeit in die universelle Simulation. Robert Smiths letzte, das Album abschließende Worte scheinen den Befund zu bestätigen: „Left alone with nothing. Nothing. Nothing. Nothing.“ Dafür genügt es aber nicht, ein Übriggebliebener, 65 Jahre alt geworden zu sein, man muss, wie Robert Smith, bereits immer gewissen (und ungewissen) Sensibilitäten gefolgt und ihnen, bei allen Umwegen, auch treu geblieben sein. Das Alleinsein vor und in dieser Welt, das ist der Preis, den der Künstler oder die Künstlerin eben zu zahlen bereit sein muss, wenn er oder sie darauf beharrt, das Versprechen der Individuation (das große Versprechen unseres Kulturkreises) für sich auch wirklich einzulösen. Entschwindet dann diese Welt, in ihre allumfassende Simulation und zugleich in die ewige Wiederkehr der Dumpfheit der Masse, dann bleibt nur noch so etwas wie Songs of a Lost World zurück. Wieder einmal.
Rein musikalisch wirkt das Album wie eine Art Summe von The Cure, die sich ab Ende der 80er-Jahre von einer Postpunk- und Gothicband in eine Popband, dann immer mehr in eine Rockband transformiert haben: Der Keyboard-Teppich schließt hierbei an Disintegration (1989), insbesondere dessen Opener „Plainsong“, die hypnotisierende, sich langsam steigernde Intensität der Songs an ihr (bisheriges) Meisterwerk Pornography (1982) an; die Harmonien und Melodien bleiben gewohnt in Moll und vor allem beim Einfachen und Naheliegenden; Simon Gallups Bass macht das, was der Bass aller großen Bassisten des Postpunk (Steve Severin von Siouxsie and the Banshees, Pete Hook von Joy Division/New Order, Tracy Pew von The Birthday Party) seit jeher gemacht hat: er drängt sich in den Vordergrund, bemächtigt sich der Melodien, treibt, definiert, zerteilt, akzentuiert; der wabernd-weiche Flanger der Gothicgitarre weicht hierbei schärferen Tonfindungen und dem Kreischen des Wah-Wah – und somit die klangliche Melancholie schierer Verzweiflung.
Robert Smith schließlich ist sich der Wirkung seiner – tonal nicht sonderlich angenehmen und von der Range her sehr eingeschränkten – Stimme nunmehr vollends bewusst. Das zuweilen Hysterische, ja manchmal Jungenhaft-Alberne früher Zeiten fehlt hier vollends. Im Ergebnis ist das schlicht ergreifend, ein Gesang wie ein Rückzug aus einer zugleich von sich aus entschwindenden Welt, gebrochen, alt, und doch noch an etwas festhaltend, das den Kern von Songs of a Lost World ausmacht: Die Katharsis aller tragischen Kunst, die „Erschütterung“ (Aristoteles) über den Zustand der Welt zum Ausdruck zu bringen und zugleich seine Affekte auf diese wirkliche Welt zu beziehen. Songs of a Lost World macht unsere Zeit hiermit emotional begreifbar und somit durchlebbarer. Was in der 80er-Jahren vielleicht nur ein Gefühl gewesen ist, Vorahnung einer Generation, die man rückblickend „Generation X“ genannt hat, das wird hier jedenfalls zur unumstößlichen Gewissheit. Und da The Cure keineswegs vergessen haben, warum sie überhaupt auf dieser Welt sind, selbst auf einer solch verlorenen, da sie bei alledem die Schönheit nicht vergessen haben, haben sie nicht weniger gemacht als das Album für dieses Jahrzehnt.
Songs of a Lost World von The Cure. Erschienen als LP/CD/Musikkassette am 1. November 2024 bei Polydor (Universal Music). Live-Präsentation des Albums als Stream auf Youtube am 1. November 2024.
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Vinyl. Reissue des Jahres.
„Ich fürchte, ich kann mich nicht erklären, Sir. Weil ich nicht ich selbst bin, verstehen Sie?“ (Lewis Carroll)
Anders als The Cure fingen Siouxsie and the Banshees 1976 als wirkliche Punkband an. Gleich zweimal sprang Robert Smith als Gitarrist auf ihrem Weg bei ihnen ein, einem Weg, auf dem sich die Band weniger in ein Popband transformierte als vielmehr Popmusik selbst umdefinierte, dabei stets um ihre kreativen Zentren Siouxsie Sioux (Gesang, Stimme, Text, Optik, Tanz), Steve Severin (Bass, Text) und Budgie (Drums, Percussion) kreisend. Der Sound der Banshees ist mal aggressiv, mal düster, abwegig, betörend, sexy, leidenschaftlich, kalt, psychedelisch, spröde, klar – und nicht selten ist er all dies in einem. Jedes ihrer elf Studioalben von 1978 (The Scream) bis 1995 (The Rapture) ein musikalisches Universum für sich, gewissermaßen das Konzentrat eines Jahrzehnts, in dem beinahe jede Gothicgöre wie Siouxsie aussehen, während noch in den 90er-Jahren jede zweite Popsängerin so sirenenhaft wie sie singen wollte. Gelungen ist dies kaum einer, und vielleicht ist es sogar für Siouxsie selbst eine Unmöglichkeit, wirklich zu begreifen, wie sie ein Album wie Tinderbox (1986) überhaupt derart intensiv, sich zugleich verführerisch und souverän ins Klanggedächtnis einschneidend und einbrennend, singen konnte. Die radikale Individualisierung des Punk jedenfalls, für die der Postpunk steht, sie wurde von Siouxsie and the Banshees so kompromisslos verfolgt und weit getrieben, wie vielleicht sonst nur noch von späten The Birthday Party und den frühen Nicke Cave and the Bad Seeds.
Mitte der 80er-Jahre war es für beide Bands an der Zeit, nach musikalischen Wurzeln zu suchen, die nicht aus ihnen selbst entsprangen: Die Bad Seeds (wieder mit fast allen Mitgliedern von The Birthday Party) veröffentlichten 1986 mit ihrem Coveralbum Kicking Against the Pricks ihre Version des Blues und diverser Singer/Songwriter (u.a. John Lee Hooker, Johnny Cash, Lou Reed) und auch die Banshees bemächtigten sich 1987 ihrerseits mit Through the Looking Glass der Songs anderer: Roxy Music („Sea Breezes“), The Doors („You’re Lost Little Girl“), Television („Little Johnny Jewel“), John Cale („Gun“), Billie Holiday („Strange Fruit“), bis hin zur Schlange Kaa aus Disneys Dschungelbuch („Trust in Me“). Als Siouxsie erfuhr, dass Julie Driscolls „This Wheel’s on Fire“ eigentlich von Bob Dylan stammt, hätte sie ihre Coverversion fast verworfen. Denn: „This Town Ain’t Big Enough for Both of Us“, wie sie im Opener (im Original von den Sparks) singt. Der Titel des Albums entstammt dem Banshees-Cover von Kraftwerks „Spiegelsaal“ (als „The Hall of Mirrors“), verweist aber ebenso auf Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln. Bereits 1984 hatte die Band ihr TV-Special für die BBC Play at Home mit einer Aufführung von Carrolls Alice im Wunderland bestritten (erneut mit dem Teilzeit-Bandmitglied Robert Smith).
Jedenfalls: „Ich ist ein anderer“, so das Bekenntnis Arthur Rimbauds, bekanntermaßen Inspiration für die Surrealisten, Jim Morrison und Patti Smith. Aber eben auch für die Banshees. Für uns zu beobachten an uns selbst im eigenen, verzerrten Spiegelbild des fantastisch neu gestalteten Plattencovers von Through the Looking Glass, das am 19. Oktober 2024 zum „National Album Day“ in Großbritannien auf durchsichtigem Vinyl wiederveröffentlicht wurde. Das Album ist Popmusik in höchster Vollendung, Popmusik allerdings aus der Parallelwelt von Siouxsie and the Banshees, strikt nach ihrer eigenen Definition, und noch jeder der von ihnen interpretierten Künstler, von Iggy Pop („The Passenger“) bis Kraftwerk, zeigte sich dann auch gleichermaßen geehrt und begeistert, sich in diesem musikalischen Spiegelkabinett selbst einmal derart betrachten zu dürfen. „Sogar die größten Stars verändern sich im Spiegelglas“ (Kraftwerk). In meinem spiegelbildlich verzerrten Universum jedenfalls ist Through the Looking Glass das größte Coveralbum aller Zeiten. Wenngleich: „Ich fürchte, ich kann mich nicht erklären.“
Through the Looking Glass von Siouxsie and the Banshees (1987). Reissue von UMC – Polydor zum „National Album Day“ auf durchsichtigem Vinyl und mit neuem Artwork: 19. Oktober 2024.
Von Robert Zion erschien 2024 »Auf dem Pfad der Verlorenen. Der Noir Western 1943 – 1971«, hier dazu ein Interview mit Alf Mayer und zwei Textauszüge. 2023 erschien bei uns ebenfalls von Alf Mayer ein Interview mit Robert Zion über sein Buch „Fritz Lang in Amerika“: „20 Jahre, 22 Filme“ und als Textauszug „The Big Heat“ von Fritz Lang, 2020 ein Nachruf auf Rhonda Fleming (1923-2020).
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