Wooden Boat Festival, Tasmanien, Barramundi, Regenbogenforelle oder Lachs, der Forgotten Highway und die Kinos Neuseelands
Flug durch das Jahr, der Deutsche Presserat ist auch dabei – Von Alf Mayer
(Hier nebenan gibt es dann noch etwas über Bücher und Filme aus 2025 sowie einen Nekrolog.)
»Das Leben geht weiter. Als es erlaubt ist«, notierte ich mir einst mit 30 als Aphorismus von Karl Kraus. Nun, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass eine Missbilligung der Sorgfaltspflicht und Recherchequalität einer meiner früheren Lieblingszeitungen durch den Deutschen Presserat einmal zu (m)einer Weihnachtsüberraschung werden könnte. Gerade am 11.12.2025 geschehen und von mir erstritten gegenüber der »Frankfurter Rundschau«, die den wichtigsten Verleger ihrer Gründerjahre systematisch aus ihrem Kollektivgedächtnis gelöscht hat und sich bis heute mit Zähnen und Klauen dagegen sträubt, dies a) endlich eindeutig zu bekennen und b) verantwortlich oder gar vollständig aufzuarbeiten. Ein Schelm, wer einen Zusammenhang damit sieht, dass dieser Karl Anders zufällig Widerstandskämpfer und Emigrant war.

Es war auch für mich im Jahr 2025 ein Lernprozess, zu realisieren, dass »Nachkriegsgeschichte immer noch den gleichen Mustern der Verdrängung« unterliegt, so mein Mitherausgeber Thomas Wörtche hier nebenan in seinem Jahresrückblick, über Harald Jähners »Wunderland«. Die 1950er Jahre sind noch nicht vorbei, sie sind nicht einmal vergangen. Wie sehr das Bedürfnis nach einem Führer-Kult noch immer sogar in den Köpfen der Macher der »Frankfurter Rundschau« steckt, das hat mich im vergangenen Jahr schlicht erschüttert. Dieser Zeitung ist es – Presserats-Missbilligung journalistischer Qualität hin oder her – bis heute nicht möglich, sich ihrer über Jahrzehnte gepflegten und längst verhärteten grotesken Säulenheiligen-Legende vom »starken Mann« Karl Gerold und seinem fürchterlichen Umgang mit Menschen zu stellen. Und dann zu entledigen. Eine Studie in Obrigkeitsdenken, die ein wenig schaudern lässt.
Nach dem nun (von mir und nicht dieser Zeitung recherchiert) gerichtsfest erhärtet auf dem Tisch liegt, dass dieser angeblich so starke, noch Mitte 2025 zum 80. Jubiläum zur »Dreifaltigkeit« verklärte ehemalige Feuilletonist Karl Gerold im Jahr 1954 gar nicht mehr kreditwürdig war, sich als Zeitungsherausgeber gewaltig übernommen hatte, die Zeitung am Abgrund stand, und nur durch den vollen persönlichen, publizistischen und politischen Einsatz von Karl Anders gerettet und in der Folge nachhaltig stabil aufgestellt werden konnte – nach all den erbarmungswürdigen Details – rang sich diese Zeitung auf einer tief in den Zeitungseingeweiden versteckten »Ergänzung« folgende Einlassung durch: »Der starke Mann musste seinen Einfluss teilen.« In die offizielle »Chronik«-Timeline dieser Zeitung hat es Karl Anders »aus Platzgründen« immer noch nicht geschafft.
Von einem Dogma abzulassen und den so lange angebeteten Kaiser nackt zu sehen, das ist dieser angeblich so analytischen Zeitung der reine horror vacui. Wir werden auch in 2026 noch damit zu tun haben.
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»Unsere« Brigg, die »One & All« 
Hafen von Hobart 
Einmal Käptn sein …
Lieber springe ich nun ans andere Ende der Welt, nach Tasmanien und Neu-Sehland, wo Vera und ich uns von Januar bis Ostern 2025 aufhielten. In Hobart/ Tasmanien erwartete uns das »Australian Wooden Boat Festival«: Über 400 hölzerne Yachten, Boote und Schiffe im Hafen, dazu eine Flotte eleganter Zweimaster, sagenhafte elf an der Zahl. Auf einem dieser Ehrfurcht gebietenden Segelschiffe konnten wir eine große Ausfahrt machen. (Auf der One & All, »a 141 foot brigantine, 12 sails, 2 masts, overall length 42,6 meters, sail area: 581sq m«.)
Dazu wunderbar bodenständiges Markttreiben, alles was das Schiffsbauers- oder Seglerherz begehrt, auf Handwerksniveau, und ein Musikzelt mit der Royal Australia Navy Tasmania Rock Band und einem 30köpfigen Shanty Chor namens The Stranded Wailers, die Gänsehaupt pur machten. Über allem ein derart dauerhaft noch nicht erlebter strahlblauer Himmel, der Blick vom Mount Wellington über die Bucht bis hinüber nach Bruny Island so klar wie die Alpen nur bei Föhn. Wieder waren wir uns einig, dass das mit seinen Holzhäusern, Hügeln und der Lage an einem Meeresarm an das San Francisco der frühen 1980er erinnernde Hobart »unsere« Stadt wäre, würden wir denn auswandern.

Das State Cinema 
Die Bay von Hobart 
Waldbrände an der Westküste
In unserem Lieblingskino, dem »State Cinema«, Buchladen inklusive, oben auf einem der Hügel, mit gigantischer Sicht vom Roof Top Cinema: »The Brutalist«, einer der größten und besten Filme des Jahres, mit einem Minimalbudget von 10 Mio $ entstanden. Inlands entgingen wir knapp einem der Buschfeuer, das leider einen geplanten Mehrtages-Trip in die Corinna Wilderness verhinderte. Stattdessen Zuflucht in einem Haus mit »Million-Dollar-View«: 70 Kilometer Küstenlinie die Nordwestspitze entlang bis zum Cape Grim. »Oh, I paid only a hundredthousand for it«, lachte Bruce, ein ehemaliger Minenarbeiter, als ich ihm Komplimente zu seinem Haus auf der Klippe machte. Seine Frau war 40 Mal umgezogen, ehe sie hier in Tasmaniens Nordwestecke sesshaft wurden. Auch ein Heimatroman. (Und mein Barramundi mit Pak-Choi dort besonders gelungen, dazu sehr günstig eingekauft. Letztes Mal, 2020, am Beginn von Corona und der Export nach Japan und China eingestellt, waren die Lobster-Preise im Sinklflug gewesen …)




Ich war eine Kirche … 

Thousand Lakes, Tasmania 
Tigersichtung auf dem Salamanca-Market 
Der heißgeliebte Salamanca-Market 
»Unser« Million Dollar View nahe Wynyard
Wir sichteten den Tasmanischen Tiger, wenn auch nur als Wandgemälde in Sheffield, als Brauereireklame (Cascade Pale Ale, prima) und einmal auf dem von uns geliebten Salamanca-Market, fanden nach Nowhere Else, trafen auf einige stolze Oldtimer-Besitzer, nächtigten in einer ehemaligen Kirche, die Hauptquartier des regionalen Drogenkings gewesen war (wilde Geschichten). Das Herz klopfte Vera einmal besonders, als wir an der Nordküste die weltweit einzige Aufzuchtstation für Seepferdchen besuchten. Eines der schwangeren Weibchen durfte sie, die Arme im Wasser, auf ihrem Handteller halten. Ein besonderer Moment.
Ich genoss es, in Melbourne Andrew Nette, am Flughafen dann den extra aus Sydney eingeflogenen Stephen Greenall, auf der Mornington Peninsula Garry Disher und in Hobart Alan Carter zu treffen. Später in Christchurch/ NZ noch Carl Nixon. Erinnert sich jemand an seinen Noir »Kerbholz« (The Tally Stick, 2022) und an diese Tiere im Fluss? Nun, nach dem Nachtisch vom legendären »Charley«-Eis-Truck spazierten wir mitten in der Stadt an die Terrassen am Avon River und er fragte nonchalant, »Have you seen the eels already?« Hatten wir nicht. Aber da schwammen sie, direkt zu unseren Füßen, man hätte sie greifen können, fast zwei Meter lange, armdicke Aale. Ihre Präsenz ein Zeichen für die exzellente Wasserqualität, freute sich Carl Nixon. (Ans Wasser kehren wir noch einmal zurück.)








Andrew Nette 

Und auch zu Alan Carter. Sein aktueller Titel war gerade erschienen: »Prize Catch«, Auftakt einer neuen Reihe mit dem SAS-Veteranen Sam Willard und auf Tasmanien angesiedelt. Acht Jahre habe er gebraucht, um sich zu trauen, die neue Heimat zum Schauplatz zu machen. Alan und seine Frau Kath leben südlich von Hobart, nach einem schweren Unfall nicht mehr ganz so tief in der Wildnis wie bei ihrem Umzug von Neuseeland auf die australische Insel. Der Romantitel bezieht sich auf die Fischfarm-Industrie Tasmaniens, »Tasman Salmon« gibt es in ganz Australien auf fast jeder Speisekarte. Ich war elektrisiert, weil ich einmal bei einer Exkursion an der menschenleeren Westküste Tasmaniens zum härtesten und entlegensten Kolonial-Gefängnis Australiens, der Strafkolonie Macquarie Harbour auf Sarah Island, buchstäblich am Rand der Welt an einer beeindruckend großen Zahl von Fischfarmen vorbeigeschippert war. (Diese Geschichte muss ich mal erzählen.) Alans Buch enthält viel Hintergrund zu dieser nicht so netten Industrie, er erzählte mir davon noch mehr davon. Brrrr. Jedenfalls habe ich auf der ganzen Reise nie Lachs, sondern lieber Barramundi, »wild caught« Octopus oder lokale Fische gegessen.
Der Titel seines neuen, dann im November 2025 erschienenen dritten Nick-Chester-Buchs: »Franz Josef«. So heißt ein Gletscher auf der Südinsel Neuseelands, den wir bei gleißender Sonne per Hubschrauber überflogen. Gelandet wurde auf dem Fox Gletscher, unser Pilot machte dort oben ein Bild, das ich Ihnen nicht vorenthalten will:

Ebenfalls nicht vorzuenthalten ist eine jetzt am 19. Dezember eingegangene Nachricht von David Walsh, dem Gründer und Mäzen des MONA in Hobart, dem »Museum for Old and New Art« und der most crazy but good Ausstellungsort, den ich kenne. Man wird von einer tarnfarbigen Fähre quer durch die Bucht von Hobart zu einem Sandsteinfelsen gebracht. IN dem befindet sich das Museum, eine fünfstöckige Felsenstadt, wie Petra in Jordanien, hier aber voller moderner Kunst, dazu draußen ein Hotel, Restaurants und eigenes Weingut. »Mona is a museum in Hobart, Tasmania«, sagt die Website. »We’ve got old art. New art. Wine. Dark corners. Nice views. Music. Come along, catch the ferry, drink beer, eat cheese. Talk crap about the art. You’ll love it.«
Bei unserem Besuch im Februar war noch Baustelle, nach vier Jahren Bauzeit aber wurde jetzt im Dezember als neuer Museumsflügel »Elektra« eröffnet, der vom Künstler selbst beaufsichtigte gigantische Nachbau von Anselm Kiefers Freilichtstudio im südfranzösischen Barjac, ein mehrstöckiges Amphitheater aus Beton. Das Budget dafür stieg von geplanten elf auf über 100 Millionen australische Dollar. Wir brauchen zwar keine neuen Gründe, um wieder nach Tasmanien zu wollen, ein Magnetpunkt mehr aber wird diese Nachricht schon.

Eingang ELEKTRA/ Anselm Kiefer 
… innen … 
Das MONA
Auch Neuseh-Land – viereinhalb Stunden Flugzeit von Melbourne – braucht keine neuen Argumente, um uns wiederzusehen. Wir kamen wieder, um die 2020 im Covid-Lockdown unvollendet gebliebene Tour zu vollenden und die Menschen von damals zu besuchen, die uns so großzügig aufgenommen hatten. (Siehe von 2020: »EVERYTHING IS GOING TO BE ALLRIGHT«. Eine Dosis Resilienz aus Neuseeland und Heimflug in Stahlhelden-Gewittern – ein Rückflug in der Holzklasse, mitten in Platons Höhle.)
Mit Rose und David und ihrem Nachbarn Jerry gab es einen frohes Wiedersehen und Ausflüge, wie man sie nur mit Einheimischen erlebt. Eines der besten Abendessen hatten wir im »Lucky« von Sahni Bennett in Lyttleton, dem Hafen von Christchurch: Sahni ist eine Maori, sie hat die Maori-Japan-Fusionküche perfektioniert; für mich gab es Paua (Abalone) in so viel Variationen wie ich es noch nie erlebt hatte.

Jerry packte uns eines Tages in seinen antiken Landrover von 1980, vier Pedale, Zwischengas. Es lüftete sich das Geheimnis seines mysteriösen »girl friends«, es gab sie tatsächlich, er packte sie zu uns ins Gefährt, bretterte dann abenteuerlich Richtung Akaroa, immer an der Wasserlinie entlang, auf Sträßchen, die eigentlich nur Fischer oder Farmer benutzen (dürfen), dann wieder in Serpentinen über den nächsten Hügel, die Banks Peninsula ist zerklüftet wie ein alter Wurzelstock. Stichwort 1888. So alt und damit geradezu antik ist das Holzhaus seiner Familie in Akaroa (624 Einwohner), sozusagen auf halbem Weg in die Südsee. Die Dielen quietschten, der Orangenbaum trug irre Früchte, Vera aber war froh, dass wir dort nicht zu schlafen brauchten, die vielen Spinnweben deuteten auf krabbelnde Mitbewohner.
To make a long story short: Fjordland, ganz unten auf der Südinsel, wenig erschlossen, ist jede Meile Weges wert. Herzklopfland. Und wir hatten mit dem Wetter irre Glück, andere erleben das alles nur in Nebel und Regen, wir im gloriosen Sonnenschein. Magischer Moment: als der Kapitän unseres Schiffs im Doubtful Sound bat, alle Handys auf Flugmodus zu stellen und dann den Motor abstellte: nur die Wasserfälle ringsum, die Vögel in der Luft, die aus dem Wasser springenden Fische oder der Wind das einzige Geräusch. Der Welt entfernt, doch ganz und gar mit ihr verbunden.

Eines der südlichsten Kinos der Welt – in Te Anau 
So ging es uns auch oben auf Whakapapa, der Bergstation am Mount Ruapehu, ziemlich im Mittelpunkt der Nordinsel. Vulkangebiet, Gollom-Territorium (das Mordor in »Herr der Ringe«), knalliger Sommertag, Ski-Vereinshütten auf Stelzen zwischen den Fels- und Lavablöcken und eine gewaltige Aussicht. Am Himmel tatsächlich: die lange weiße Wolke: Aotearoa, pur.
Unten im Tal, am Eingang zum Nationalpark das Grand Chateau Tongariro, ein 1923 eröffnetes neo-georgianisches Grandhotel, erbaut vom Architekten Herbert Hall, der sich von den Hotels der Canadian Pacific Railway wie etwa dem Château Frontenac at Lake Louis beeinflussen ließ. Das 2023 Gebäude geschlossene Gebäude schreit förmlich: »Filme mich!« Im Besucherzentrum gibt es Footage von Hotelgästen, wie sie 1995 dem Ausbruch des Mount Ruapehu hinter ihrem Hotel zusehen.

Grand Chateau Tongariro 
On to the North Island… 



Noch ikonischer war ein anderer Vulkan, der an den Berg Fuji erinnernde Mount Taranaki bei New Plymouth. Neuseeland-Reisende erleben ihn oft wolkenverhangen. Wir hatten klarste Sicht und einen Gastgeber, der nicht nur die Kunst pochierter Eier perfekt beherrschte, sondern für mich spannendste Geschichten auf Lager hatte. Murray war Lkw-Fahrer gewesen, quer über beide Inseln, und hatte als Biker das Erstarken der Motorrad-Gangs in NZ hautnah mitbekommen. Das erste ausländische Chapter der Hells Abgels gründete sich in Neuseeland. Abends gab es das beste Beef der Reise, dies in einem früheren Lokal der Heilsarmee: »The Social Kitchen«, offener Mibrasca-Ofen, die Küche argentinisch inspiriert. Dazu »Blue Cheese Gnocchi« wie ich sie selbst in Italien nie bekommen hatte. Alles Weltklasse. Cooles Restaurant. Wunderbarer Gewürztraminer. Preise sehr erschwinglich. New Plymouth liegt eher abseits der üblichen Reisewege.
Und es liegt am oberen Ende des Surf Highway, SH 45, 105 km lang, der Mount Taranaki in jeder Kurve sichtbar. In Opunake, einer »One-Horse-Town«, anderes Wort für Kuh-Kaff, die besten Fish’n Chips, für kleinste Münze. Direkt gegenüber – wieder ein Kino.


2 x Mount Taranaki
Die überraschten mich immer mehr. Bis es mir richtig auffiel: Gemessen an Bevölkerungszahl und Dichte gibt es ein erstaunliches Netz an Lichtspielhäusern in ganz Neuseeland, darunter erstaunlich viele historische Kinopaläste. Viele in Art Deco, meist blendend erhalten. Die »National Heritage List« zählt 84 solcher Kinos auf, konnte ich recherchieren. Wahnsinn.
Viele von ihnen haben ein Café oder Restaurant, oder direkt nebenan oder gegenüber, wie etwa das wunderbare Cuba Café in Palmerston North. Ebenfalls gut in Schuss, das 1925 eröffnete »King’s Theatre« im Shakespeare-Ort Stratford, östlich vom Taranaki, wo viele Straßen nach Figuren des Barden benannt sind. Die ersten »talking movies« der südlichen Hemisphäre wurden hier gezeigt, verrät eine Plakette.

Stratford, NZ 
Opunake 
Palmerston North 
Whanganui 
3 x das Regent in Hokitika 

Natürlich gibt es auch Kinoruinen. Etwa auf der Coromandel Halbinsel oder in Taumarunui, der Stadt am Ende des »Forgotten World Highway«. Ein recht heruntergekommener Ort, aber immer noch mit dem »Regent Theatre« in Betrieb, 1935 eröffnet. Bis in die späten 1960er gab es dort gar zwei Kinos, die beiden einzigen im Umkreis von 200 Meilen, von der Familie Simmons betrieben. Die Gebäude standen Rücken an Rücken, der Austausch von Filmrollen war nur ein kurzer Weg. Lange gab es oft »first-run product« Shows, Erstaufführungsware, weil niemand dort draußen mitbekam, was hier im Hinterland geschah. Die großen Kinoketten waren außen vor. Über einen Film, stellte ich beim Reden mit Einheimischen fest, wird am Ort immer noch geredet und über die damals wochenlangen Schlangen rund um den Block: über den neuseeländischen Film »Once Were Warriors«. – Heute macht Lee Tamahori James-Bond-Filme.

Gehört zum Forgotten World Highway 
Taumarunui 
Zum Forgotten World Highway
Wir dachten, in einem Surf-Land muss man doch einen Surfer-Film schauen, und taten das im wunderbaren Wanaka (Südinsel) im »Cinema Paradiso«, zu dem ein ausgezeichnet sortierter Buchladen und ein Café gehören. Ausnahmslos jeder Filmkriegt eine Pause, für die man sich beim Ticketkauf ein Cookie vorbestellen kann, wird dann ofenwarm serviert und schmeckt so gut, dass alleine dies schon ein Grund für den nächsten Kinobesuch sein könnte. Die Sitze/ Sessel/ Sofas sind so gemütlich, dass »couch surfing« eine neue Bedeutung erhält.

Mit dem von uns ausgesuchten Film war das erst Recht so: »The Road to Patagonia«, ein hinreißend schöner Dokumentarfilm, in dem der Regisseur und junge Hauptprotagonist, ein junger Australier, es sich in den Kopf gesetzt hat, die amerikanische Küste von Alaska bis Patagonien zu surfen. Es wird eine grandiose 50.000 km lange Surf-Odyssee und eine herzrührende Liebesgeschichte. In Kalifornien verliebt Regisseur und Abenteurer Matty Hannon sich in eine surfende Biofarmerin aus Oregon, die aber will nicht so – ganz. Sie bleiben trotzdem zusammen. In Mexiko wird ihnen alles Geld und die Motorräder geklaut, mit denen sie, sieht cool aus, ihre Surfbretter transportieren.
Aus der Not geboren, aber auch weil das dann wahres »slow travel« wird, steigen sie auf Pferde um. Müssen die erst einmal daran gewöhnen, Surfbretter am Sattel zu haben – sieht sehr cool aus. In Mittelamerika müssen sie eine wasserlose Hölle aus Palmplantagen und gerodetem Urwald durchqueren. Herzzerreißend, wie Mensch und Kreatur dort leiden. Und wir treffen Indios, denen die Lebensgrundlage geraubt wird. Geht sehr unter die Haut. Überhaupt hat der Film eine leise, aber sehr intensive Sicht auf die nichtmenschliche Welt, sprich Natur. Großartige Bilder, viel Stilles, perfekt eingesetzte Surfmusik und jede Menge Wellenritte kommen hinzu. Und eine große Liebesgeschichte. Was ist man doch im Vergleich zu diesen jungen Menschen ein Sofasurfer geworden, denkt man am goldenen Ende des Film. Die Welt hält wirklich viel Schönheit und Glück parat.

Couch Surfing im Cinema Paradiso in Wanaka 
… mit dem Surf-Film ROAD TO PATAGONIA 


THE ROAD TO PATAGONIA, Australien 2024
Für mich sicher irgendwann Fliegenfischen im Tongariro. Einen ganzen Sonnen-Sonntag lang wanderte ich diesen Fluss entlang, der perfekte Sommertag. In den »fish ponds«, den natürlichen Becken, die der kurvenreiche Gebirgsfluss sich geformt hat, standen vereinzelt Angler im Wasser, geduldig die lange Leine ausgeworfen. Schon auf Tasmanien hatte ich diese Lust verspürt, im zentralen Hochland waren wir in einer Gegend, die sich „Thousand Lakes« nennt. Aber schon dort wie dann in ganz Neuseeland gab es nie, wirklich nie und nirgends, eine Forelle oder einen anderen Anglerfisch auf einer Speisekarte. (Nur diesen dämlichen Fischzucht-Salmon.)
Von Andrew Wood, dem Sohn unserer Wirtsleute im forellenreichen Turangi und Chefkoch in der eigenen, nur wild Gefangen- oder Geschossenes servierenden »Hare & Copper Bar and Eatery« lernte ich dann, warum das so ist. Zwar fliegen in »New Zealand’s best Trout Fishing Country« gerne amerikanische Millionäre zum Fliegenfischen ein, die Lodge neben uns mit Bettenpreisen ab 1000 Dollar die Nacht, aber kommerziell angeboten werden darf in Neuseeland (wie auf Tasmanien) kein einziger geangelter Süßwasserfisch. Alle Forellenarten werden als »nicht-kommerzielle Spezies« angesehen. Angeln darf man sie. Auch verzehren. Aber nur privat. »They would empty our rivers in no time if people would be allowed to sell trout«, sagte mir Gewährsmann. Für ihn als Restaurantbetreiber wäre das hoch strafbewehrt. Natur- und Artenschutz wie auch die Freizeitaktivität Angeln sind in NZ und auf Tasmanien höherrangig angesehen als jede Geldmacherei. Das nenne ich Haltung.
Einen schönen Satz noch, den ich als vierten im Gespräch mit dem Antiquar vom Hard to Find Secondhand Bookshop in Dunedin/ NZ hörte, der den mit 280.000 lieferbaren Titeln landesweit größten Buchladen betreibt. »You know«, sagte er fröhlich lachend auf meine Frage, wie denn so etwas im Internetzeitalter noch lohnen könne, »we don’t have Amazon in this country.« – Im November habe ich bei Ebay-Deutschland eine Anzeige gesehen, eines ganzes Antiquariat samt drei Buchlagern, insgesamt 80.000 Bücher, für 30.000 Euro, irgendwo in Meck-Pomm.
In Dunedin proberte ich die Lieferbarkeit aus, nannte zwei Titel, einen davon suchte ich schon seit zehn Jahren. Beide Titel waren in weniger als acht Minuten auf dem Ladentisch, der Preis freundlich. So habe ich jetzt endlich die Originalausgabe eines Buchs, das ich nur in der Übersetzung von Else Laudan kannte und für den Polar Verlag 2015 ein Nachwort schrieb (siehe hier) – Ben Atkins »Stadt der Ertrinkenden«. Ein Noir-Pastiche, richtig gut. Atkins war ein Wunderkind, damals noch keine 21. Er hat bis heute keinen zweiten Roman geschrieben, lebt irgendwo unterm Radar. Wahrscheinlich an einem Fluss, in dem man gut Forellen angeln kann…
Alf Mayer – seine Texte bei uns hier.
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«A love story with hoofbeats« lautet der Slogan für den von uns in NZ entdeckten Surf-Film. Und weil meine deutschen Filmverleih-Freunde nicht auf meine Schilderung von THE ROAD TO PATAGONIA (Australien 2024, Regie: Matty Hannon) angesprungen sind (»Passt nicht auf unseren Markt«) und Sie diesen Film vermutlich nie im Kino sehen, wo er mit seinen Bildern und seinem Atem hingehört, hier die Website des Films und der Trailer:























