Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Massimo Listri »Italienische Paläste« – eine Bild-Extravaganza

Welch ein Reichtum. Welch ein Land. Italien. Deine Paläste. Immer wieder.

Wie eine große, schwere, edle Schatzkiste liegt der neue Prachtband aus dem Verlag Taschen auf dem Tisch: Massimo Listri: Italienische Paläste. XXL-Format, 29 x 39,5 cm, 640 Seiten, 6,81 kg schwer. Unmöglich, dieses Buch bei einem einzigen Durchgang zu erfassen. Zu viel Schönheit, zu viel meisterliche Proportion, zu viel göttlich-schönes Detail, zu viel an ästhetischer Erfahrung in einem Band. Er bietet eine überwältigende visuelle Kulturgeschichte, wie sie so noch kein Buch unternommen hat. Dieses Buch ist selbst so groß und reich wie ein Palast – beim ersten Besuch gar nicht ganz zu erfassen. Zum Wiederkommen gemacht.

Mich hat der Band im ersten Eindruck in eine der glücklichsten Filmszenen zurückversetzt, die ich kenne. In DER LEOPARD (IL GATTOPARDO) von Lucino Visconti aus dem Jahr 1963 wandert, streift und tollt Claudia Cardinale spielerisch durch eine schier unendliche Raumflucht von sonnendurchflutenden Palast-Räumen, lässt sich vom jungen Prinzen Alain Delon verfolgen, bis sie sich finden, umarmen und küssen. So fängt Liebe an.
Dann gibt es auch noch eine 39-minütige Ballszene, die längste der Filmgeschichte. Und nichts in diesem 184-minütigen 35-mm-Film ist zu lang. Einfach nichts. Nur eben alles groß. Und überwältigend schön. Bigger than life. Gewaltig und schön wie ein Palast.

Das hat dieser Film mit dem Buch von Massimo Listri gemeinsam. Er weiß, wie man Räume und Bauten fotografiert, ist einer der bekanntesten Fotografen Italiens. 1953 in Florenz geboren, begann Listri seine Karriere als Fotograf für Kunst- und Architekturzeitschriften. In Zusammenarbeit mit renommierten internationalen Verlagen veröffentlichte er über 70 Fotobände und stellt seine Werke weltweit aus. Bei Taschen sind von ihm, ebenfalls im XXL-Format, bisher zwei Bücher erschienen: »Die schönsten Bibliotheken der Welt« und »Das Buch der Wunderkammern« (bei uns hier und hier besprochen).

Das Buch gehört aber auch dem Wiener Kunstgeschichtsprofessor Robert Stalla. Frisch emeritiert, lehrte er an der Technischen Universität Wien, ist Autor vieler Bücher, zuletzt 2021 das 640 Seiten starke Werk »Theater in der Josefstadt 1788-2030: Architektur, Geschichte, Kultur«. Sein Begleit-Essay »Palastbau in Italien vom 13. bis zum 18. Jahrhundert Architektur, Auftraggeber, Geschichte, Kultur« ist mustergültig. Er umfasst an die 40 Seiten, ist ungewöhnlich großflächig illustriert und alleine der Abbildungen wegen auch in der französischen und englischen Version eine Ergänzung der Bildstrecken von Massimo Listri. Wir erfahren über die Entsstehung dieser Bauform, die Bedeutung des Begriffs, die architektonische Entwicklung, über Treppenhäuser und Bibliothken oder die Sonderstellung von Städten wie Genua, Florenz, Neapel oder Rom sowie den Palastbau auf Sizilien.

Der Band führt uns durch Norditalien (14 Palazzi), Mittelitalien (21 Palazzi) und Süditalien (5 Palazzi). Zu jedem Palast gibt es eine kondensierte doppelseitige Information, dazu Grundrisse und Zeichnungen, die den Bau erfahrbar machen helfen – und, der Luxus dieses Buches, je eine üppige Fotostrecke im XXL-Format. Im einzelnen sind dies:

Bergamo: Palazzo Terzi

Faenza: Palazzo Milzetti

Genua: Palazzo Durazzo Pallavicini

Palazzo Reale

Palazzo Spinola  di Pellicceria

Mantua: Palazzo Ducale

Palazzo Te

Turin: Palazzo Carignano

Palazzo Madama

Palazzo Reale

Venedig: Ca’ d’Oro

Palazzo Dario

Palazzo Ducale

Palazzo Reale

Ariccia: Palazzo Chigi

Caprarola: Palazzo Farnese

Florenz: Palazzo del Bargello

Palazzo Davanzati

Palazzo Medici Riccardi

Palazzo Pitti

Palazzo Vecchio

Rom: Palazzo Altemps

Palazzo Altieri

Palazzo Barberini

Palazzo Borghese

Palazzo Colonna

Palazzo dei  Conservatori & Palazzo Nuovo

Palazzo del Quirinale

Palazzo della Cancelleria

Palazzo Doria Pamphilj

Palazzo Farnese

Palazzo Massimo alle Colonne

Palazzo Sacchetti

Urbino: Palazzo Ducale

Catania: Palazzo Biscari

Neapel: Palazzo Serra di Cassano

Palazzo Reale di Capodimonte

Palermo: Palazzo Butera

Palazzo Gangi-Valguarnera

Alles in allem also 40 Paläste, klug und kundig ausgewählt. »Cream of the crop« eines an solcher Schönheit überreichen Landes. Und damit weltweit einzigartig.

Robert Stalla beginnt sein Vorwort so: »Italienische Palazzi gelten als Inbegriff herrschaftlicher Repräsentation und luxuriöser Wohnkultur. Die Bauten hatten große politische und gesellschaftliche Bedeutung, sie erfüllten die höchsten Ansprüche und zeichneten sich durch die außergewöhnliche künstlerische Qualität ihrer Architektur und Ausstattung aus, ihre Auftraggeber gehörten zur gesellschaftlichen Elite.

Der Bautypus erwies sich als bemerkenswert anpassungsfähig. Über die Jahrhunderte war er offen für jedwede private und öffentliche Aufgabe und Nutzung sowie für alle funktionalen, stilistischen und regionalen Anforderungen und Veränderungen. Eine allgemeine Definition des Begriffs ‹Palazzo› kann deshalb kaum über die Feststellung hinausgehen, dass es sich hierbei um einen anspruchsvollen, architektonisch gestalteten Profanbau handelt, bei dem mitunter die Grenzen zum Schloss, zur Villa oder zur Festung verschwimmen.

Palazzi verstehen sich als Ausdruck von Bedeutung, Reichtum, teilweise auch von Macht. Sie sind Prestigeobjekte ihrer Auftraggeber, die mit diesen Bauten auf Repräsentation sowie Bequemlichkeit und Komfort zielten und dafür nicht selten ihre finanziellen Möglichkeiten aus den Augen verloren. Damit verbunden waren – Dokumenten zufolge – teils die Hoffnung auf Nachruhm für sich und die eigene Familie, teils auch der Wunsch, an der ‹Schönheit› der Stadt mitzuwirken, was die Kommunen selbst regelmäßig forderten. Lage, Größe, Rang der Architekten und Künstler, ebenso wie Ausdruck und Wahl des Formenapparats, der künstlerischen Mittel und der Materialien sowie Raumprogramm, Pracht und Qualität der Dekoration, Ausstattung und vieles mehr waren dabei entscheidende Parameter, um den Status des Bauherrn sichtbar zu machen.«

Mit anderen Worten: Solche Palazzi sind eine Inszenzierung, an ein lokales, regionales, ja gar an ein internationales Publikum gerichtet. Und ja, hübsch die Formulierung, dass die Bauherren »dafür nicht selten ihre finanziellen Möglichkeiten aus den Augen verloren«. Wir kennen das auch von König Ludwig II von Bayern, von Herrenchiemsee und Neuschwanstein. Der Mehrwert solcher Paläste liegt zu einem Gutteil jenseits des Materiellen.

Deswegen lieben wir sie. Deswegen gehören sie uns allen.

Möglich gemacht wurde dieses Buch durch den Verleger Benedikt Taschen und seine in Italien lebende Tochter Marlene Taschen. Projektmanagement: Petra Lamers-Schütze, Redaktion: Nazire Ergün, Juliette Blanchot, Michele Tilgner. Englische Übersetzung: Jeremy Gaines, Französisch: Wolf Fruhtrunk, und Deutsch aus dem Italienischen: Achim Wurm (Bildunterschriften). Design: Andy Disl, Anna-Tina Kessler, Produktion: Stefan Klatte. Sie alle sind mit diesem Buch nun auch so etwas wie Palastbaumeister.

Alf Mayer

Massimo Listri: Italian Palaces/ Italienische Paläste/ Les Palais Italiens. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2025. Hardcover, XXL-Format, 29 x 39,5 cm. 6,81 kg, 640 Seiten, 175 Euro. – Verlagsinformationen: taschen.com

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