
Sehr geehrter Herr Mayer,
vielen Dank für Ihre Anfrage bezüglich eines Beitrags zu einem Krimi-Jahres-Rückblick 2025. Leider kann ich nichts liefern, weil mir im letzten Jahr krimi-mäßig herausragende Ereignisse nur in Bezug auf eigene Arbeiten zugestoßen sind, vor allem wegen meiner Übersetzung des Gangsterromans „Viper’s Dream“ von Jake Lamar. (Unsere Lesereise führte uns quer durch Deutschland und die Krönung war eine musikalische Lesung in der Hamburger JazzHall mit einer grandiosen Jazzband, die dreißig Jahre Harlem History kongenial mit einem Ritt durch dreißig Jahre Jazzgeschichte vertonte, mitgeschnitten von NDR Kultur und nun in der Mediathek … aber darüber wollte ich gar nicht sprechen …)
Nein, einen weiteren großartigen Höhepunkt weiß ich nicht einzubringen, das einzige Noir-Erlebnis, dass ich hatte, wurde zum Glück nicht dokumentiert – mein letzter Friseurbesuch. Und dabei fällt mir ein: Hat sich eigentlich mal jemand Gedanken gemacht über den Besuch eines Friseursalons als Standardsituation der Kriminalliteratur? Ich glaube nicht, aber es wäre an der Zeit. Schon eine quantitative Textanalyse würde uns wahrscheinlich in Erstaunen versetzen. Wie ich darauf komme? Nun, das Thema begleitet mich schon seit Jahrzehnten …

Der Friseursalon als Handlungsort des Noir war mir bekannt vor allem aus amerikanischen Gangsterfilmen der 1930-40er Jahre. In der Literatur traf ich zum ersten Mal auf das Thema, als mir der Rowohlt Verlag anbot, die Short Story „Haircut“ von Ring Lardner zu übersetzen – für eine Krimi-Anthologie, weil darin jemand zu Tode kommt. Offenbar war den Krimi-Lektoren entgangen, dass es sich bei der Geschichte um Weltliteratur handelt. Natürlich war sie längst übersetzt worden! Das fand ich schnell heraus – und verlor den einzigen Übersetzungsjob, mit dem ich in die Liga der Hochliteratur eingezogen wäre. Friseure haben mir selten Glück gebracht.
In Romanen begegneten mir Friseure seltener als in Filmen. Hammett und Chandler haben meines Wissens keine Friseurszenen geschrieben (wobei ein früher Short-Story-Schreibversuch von Chandler vor dem Rasierspiegel spielt). Trotzdem gibt es den sehr Hammett-haften Film Noir von den Cohen-Brüdern, in dem ein Friseur die Hauptrolle spielt: „The Man Who Wasn‘t There“. Darin wird das ganze existenzialistische Grauen durchgespielt, das mich schon seit meiner Kindheit ereilt, wenn ich einen Friseursalon besuche. Es könnte übrigens sein, dass James M. Cain sich mit dem Topos mehr befasst hat, bei ihm spielt männliche Kosmetik eine wichtigere Rolle als bei seinen kriminalliterarischen Zeitgenossen, man denke nur an „Serenade“. Und wie war das noch mit Jean Gabin in „Touchez pas au grisby“?

Aber kommen wir auf das zurück, was mir im Jahr 2025 widerfahren ist: In „Viper’s Dream“ spielt Gentleman Jack’s Barbershop eine entscheidende Rolle für die Karriere von Clyde „The Viper“ Morton – natürlich beginnt es mit dem Besen in der Hand und Haaren auf dem Boden und endet mit einem Rasiermesser und Blut an der Wand. Kann sein, dass mich die Arbeit daran mental etwas „angefasst“ hat, neulich jedenfalls war ich wieder beim Friseur.
Die beiden unterhielten sich, ich las in einem uralten „Spiegel“ (umgeben von Spiegeln, in denen ich mich doppelte). Sie schienen sich sehr gut zu kennen. Hin und wieder berührte das Gespräch private Themen. Irgendwann fiel mir auf, dass mein Friseur, also „Jack“, einen ähnlichen Haarschnitt hatte wie sein Kunde, und auch so eine kleine schüttere Stelle am Hinterkopf.
Als ich eintrat saß ein Mann auf dem Frisierstuhl, der mir zunächst nicht weiter auffiel – Mitte fünfzig, dunkle Haare, in der Mitte des Hinterkopfs eine kleinere schüttere Stelle. Er unterhielt sich mit dem Friseur auf Englisch, was nicht verwunderlich war, denn mein „Hairdresser“ ist britischer Staatsbürger. (Er hat übrigens einen für einen Friseur wirklich verrückten Namen, der mich jedes Mal aufs Neue in Verwirrung stürzt, weil ich denke, es ist ein Pseudonym … was okay wäre, er spricht mich ja auch mit meinem Pseudonym an, nur ausgerechnet dieser Name … aber das würde hier zu weit führen. Nennen wir ihn einfach „Jack“, so wie Gentleman Jack.)
Nach einer Weile, ich gebe zu, ich wurde langsam ungeduldig, war der Kunde abgefertigt und erhob sich. Seltsamerweise zeigte „Jack“ ihm nicht mit einem vor den Hinterkopf gehaltenen Spiegel, wie der Schnitt rundum gelungen war. Und es schien den Kunden auch nicht zu interessieren. Für mich war immer noch faszinierend, dass die Hinterköpfe der beiden sich frappierend ähnelten.
Der Kunde zahlte, man tauschte noch einige Scherze aus, ich schaute verstohlen zu ihnen hin, weil ich endlich drankommen wollte. Sie redeten so, wie Personen miteinander reden, die sich sehr gut kennen. Sie hatten auch eine ähnliche Statur, fiel mir auf. Waren auch ähnlich gekleidet, im gleichen lässigen Retro-Stil. Dann ging es ans Zahlen. Und jetzt wurde es diffus. Der Kunde blätterte einige Scheine auf den Tresen. „Jack“ nahm sie und blätterte sie nun seinerseits auf den Tresen, wie um nachzuzählen. Dann griff der Kunde danach und … das Ganze schien sich mehrmals zu wiederholen. Wer letztlich das Geld einsteckte, war nicht mehr ersichtlich – als wären da zwei Hütchenspieler zum eigenen Vergnügen am Werk gewesen. Aber das war nicht das Beunruhigende.
Was mich aus dem Gleichgewicht warf, war die Tatsache, dass „Jack“ zu dem Kunden sagte, als dieser sich verabschiedete: „Bye, Jack!“ Der Kunde verließ den Salon und ging draußen am Schaufenster entlang und ich hätte schwören können, dass er genauso aussah wie mein Friseur, der nun zu mir kam, mich zum Waschbecken bat und nach der Shampoo-Flasche griff. So wie immer. Auch alles andere war so wie immer: eine kurze clowneske Steptanz-Einlage zur Illustrierung eines Scherzes, das Anstimmen eines englischen Gassenhauers aus lauter Überschwang, ein paar virtuose Bewegungen mit der Schere … er ist etwas exzentrisch … aber war das wirklich mein „Jack“? Und wer war der Typ, um den er tänzelte?

Ich verließ den Salon und vergaß die Sache. Bis zu Ihrer Anfrage, lieber Herr Mayer, ob mir im letzten Jahr in der Noir-Region etwas Bemerkenswertes zugestoßen sei. Eigentlich nicht, oder? Dachte ich. Vor allem aber denke ich, wir sollten uns mal intensiver mit dem Erzähl-Topos des Friseursalons im Kriminalroman befassen. Kein seriöser Berufsstand kommt meines Wissens im Sub-Genre Gangsterroman häufiger vor. All die Barmänner sind ja nicht seriös. Tankwarte könnten eventuell eine Konkurrenz darstellen oder Gebrauchtwagenhändler … So viel zum Thema „Reflexionen über einen Berufsstand“.
Ich hoffe Sie sind nicht allzu enttäuscht und verbleibe mit freundlichen Grüßen
Ihr Robert Brack
Robert Brack, Autor und Übersetzer, lebt in Hamburg. Er wurde mit dem »Marlowe« der Raymond-Chandler-Gesellschaft und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und hat unter anderem Kriminalromane von Declan Burke und Jake Lamar aus dem Englischen ins Deutsche gebracht. In der Edition Nautilus erschienen von ihm „Und das Meer gab seine Toten wieder“ (2008), „Blutsonntag“ (2010) und „Schwarzer Oktober“ (2023). Im Frühjahr 2026 entführt er uns in dem Noir „Die nackte Haut“ ins Hamburger Jazzmilieu der Nachkriegszeit.
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Lieber Alf!
Wie ein Damoklesschwert schwebte über 2025 die Ankündigung: „Wir werden dieses Jahr bauen.“ Der Vermieter unserer Berliner Altbauwohnung plante schon lange, den nach dem Krieg nicht wieder aufgebauten Seitenflügel neu zu errichten und damit den wundervollen, großen, lichten und grün bewachsenen Hinterhof zu verkleinern. Verdichtung nennt man das wohl. Voraussichtliche Bauzeit zwei Jahre.
Es begann damit, dass immer wieder Vermessungsingenieure Zutritt zur Wohnung verlangten, weil für das um 1900 erbaute Gebäude keine verlässlichen Pläne vorhanden waren. Dann wurde für einige Zeit die Gaszufuhr unterbrochen. Zumindest aber wurde ein lange verborgenes Geheimnis enthüllt. Das denkmalgeschützte Gebäude hatte früher als erstes Haus in Berlin einen zentralen Staubsauger im Keller, der durch Schächte wie bei der Rohrpost mit den Wohnungen verbunden war. Die Mieter konnten an Stutzen ihre individuellen Sauger anschließen und der Dreck landete tatsächlich zentral im Keller. Von dem System fanden sich noch Reste. Damals muss sich die heute komplett dysfunktionale Stadt Berlin noch so modern wie New York angefühlt haben.
Großartige Ablenkung verschaffte mir in dieser Situation Asa. Ihre atemlose Flucht, die zur gnadenlosen Jagd wird, hielt mich gefangen, auch wenn ich mich bei der Lektüre etwas wie durch die Mangel gedreht fühlte. Wenn die klare, knappe, coole, atemlos vorwärtsdrängende Prosa nicht gewesen wäre, und auch der genial geflochtene Zopf der Perspektiven und Zeitebenen, die einen gnadenlos einwickeln, dann hätte ich das blutige Familienmassaker und das falsche „Gebirge“ in der Uckermark kaum ertragen. Die stimmige detailreiche Schilderung der Natur und die spannungsreiche Action lassen einen die radikale geographische Verfälschung vergessen. Suspension of disbelief: gelungen. Als Leser weiß man bald nicht mehr, ist man Jäger oder Beute des Autors. Aber man wird durch die 680 Seiter Dünndruck hindurchgetrieben und der dabei deutlich werdende Kältestrom der deutschen Volksseele macht einen frieren.
Im Haus begann es ungemütlich zu werden, als die Aufforderung kam, innerhalb einer kurzen Frist den zu unserer Wohnung gehörenden Keller vollständig zu räumen. Dort lagerten jede Menge Kisten mit ungezählten ausrangierten Büchern. Aber es gab kein Erbarmen, der Raum musste mit Säulen abgestützt werden, weil schon bald über ihm schweres Gerät donnernd in den Hinterhof rollen würde.


alle Fotos © Jochen Brunow
Als ich die Leitung der Drehbuchwerkstatt der dffb abgab, hatte ich mich von einem Großteil meiner Filmbibliothek bereits getrennt. Die H.H. Prinzler Bibliothek der Kinemathek wollte das Konvolut nicht übernehmen, da es zu viele Dubletten gab. Ich war froh, eine private Filmschule nahm die Bücher gerne als Geschenk an. Jetzt bot meine Frau einen Teil ihrer sehr teuren Fachbibliothek einer jungen Studentin in ihrem Arbeitsfeld an. „Bücher? Wir lesen nur Papiere.“
Andere Literatur hatte ich vor vielen Jahren immer ins Antiquariat gebracht und mich damals schon gewundert, dass dort die Bücher unterschiedslos in einer Plastikwanne gewogen wurden, um den Preis zu ermitteln, völlig unabhängig davon, um was für Ausgaben von Sachbüchern oder Belletristik es sich dabei handelte. Später gab es in Berlin eine Gruppe von arbeitslosen englischsprachigen Akademikern, die Bookhunter, die Bücher kostenlos an der Haustür abholten und dann katalogisiert ins Internet stellten. Sehr bequem und zugleich hilfreich, aber leider sind sie nicht mehr unterwegs. Und es gab ja noch viel anderes unnützes Zeug in dem großen Kellerraum. Also beauftragten wir einen Entrümpelungsdienst, die Bücherkisten sollte er mit fachgerecht entsorgen.
Die Packer schleppten die übervollen Umzugskartons, ohne dass ich mich traute, vorher noch einen Blick hineinzuwerfen. Ein Boden brach und Bücher ergossen sich auf den staubigen Boden des Kellers. Mir blieb beinah das Herz stehen, als ich den Haufen der vielfältigsten Literatur sah. Konnte das alles wirklich weg? Der Packer stand kopfschüttelnd daneben. Ich durchwühlte den Haufen, nahm die eine oder andere Ausgabe in die Hand. Genau das hatte ich vermeiden wollen!

Ein Exemplar vom großen Gatsby. Das konnte nicht sein! Doch nicht Fitzgerald! Wie kam der in diesen Haufen? Ich nahm die Ausgabe an mich. Der Packer verstaute den Rest.
Am Abend befreite ich die Ausgabe vom Staub des Kellers und begann die Lektüre. Nichts Neues also, sondern gesicherter Lesegenuss. Man bewegt sich auf comon ground und erwartet trotzdem neue Einsicht. Der Text über die unerfüllte Liebe von Jay Gatsby zu Daisy Buchanan kollidierte immer wieder mal mit den Bilder aus einer der insgesamt vier Verfilmungen. Es war die 1974 Version mit Robert Redford und Mia Farrow, die mir am meisten im Gedächtnis war. (Buz Luhrmanns rauschhafte Glamourversion mit DeCaprio habe ich nicht gesehen). Die Prosa aber entfaltete ihren eigenen Sog, und vor der Folie der alltäglich übertragenen Scharade aus dem Weißen Haus erschien zwar eine andere, vielleicht noch verheißungsvolle Version Amerikas, aber vieles ließ das desolate Heute auch als konsequente Folge des geschichtlich Zurückliegenden erscheinen. Auch ein Wiederlesen kann zum Highlight werden.
Als nächstes wurde die Straße vor dem Haus gesperrt; Bauwagen und Dixi-Klos für die Arbeiter aufgestellt und ein 25 Meter hoher Kran errichtet, der mit seinem Ausleger über das Haus hinweg in den Hof reichen würde. Die Durchfahrt in den Hof wurde mit Sperrholz verkleidet (Denkmalschutz) und der Eingang mit Holz vernagelt. Briefkästen verlegt, Fahrradständer und Müllkästen kamen in den „Käfig“. Zumindest lernte ich neue Begriffe. „Käfig“ nennt man den mit Zaunaufstellern geschützten Bereich, der die Baustelle vom nur noch einbahnigen öffentlichen Verkehr auf Straße und Bürgersteig vor dem Haus separiert.
Und dann „gekoffert“! Gekoffert wird, wenn überputzliegende Leitungen mit Rigipsplatten verschalt werden.
Was also tun? Einfach Kopfhörer auf. Ich bekam rote Ohren. Ein alter Crooner sang sich das Herz aus dem Leib, breitete all seine Erfahrung, seine Spiritualität, seine Seele aus. Erzählte, wie groß es sein kam im Alter, wenn man sich seinen sense of wonder bewahrt.
It’s like you never left back where you started from
In the eternal now
Close your eyes
Feel the prеsence
In the landscapе
Past and always present
Remembering now

This is who I am (This is who I am)
This is who I am (This is who I am)
Remembering
Remembering now
“Feeling low / but acting strong” hieß es anderer Stelle der CD. Wie oft hatte mich Van Morrison schon gerettet. Er hatte es immer noch drauf. Mit 80 Jahren! He had obviously not lost his sense of wonder, hatte immer noch seinen Sinn für das Wunderbare, das Spirituelle der Welt. Die LP „Remembering Now“ war eindeutig und unhinterfragbar das musikalische Highlight des Jahres.
„Latest Record Project“, die CD aus dem Jahr 2021, war auch schon toll gewesen, aber hier aud „Remebering now“ kam noch einmal auf unvergleichliche Van-the-man-Weise alles zusammen, die Stimme, der Grove und der Spirit, die Musik und die Texte. Ein Highlight an das nichts herankam; höchstens der sogar bereits 82-jährige Terry Allen, bildender Künstler, Artprofessor und Meister des Alternative Country mit seiner Panhandle Mystery Band. Die LP „Just like Moby Dick“ erschien zwar bereits 2020, aber ich entdeckte sie erst in diesem Jahr 2025. (Danke für den Tipp Alf, Bloodline rules und taucht im vierten und letzten Beckmann auf.)
Der Lärm hatte inzwischen zugenommen, Schaufelradbagger, Geräte auf Ketten, Presslufthämmer, gelegentlich wackelten die Wände. Vorneraus war es einigermaßen auszuhalten. Konnte ich mich am Schreibtisch nicht konzentrieren, stand ich manchmal am Fenster, schaute zu, wie die drei Bagger mit großer Schaufel Erde von einer Ecke des Hofes in die andere bewegten, oder mit kleiner Schaufel exakte Gräben zogen, nur um sie Tage später wieder zuzuschieben. Wie präzise abgezirkelt die Bewegungen der Maschinen waren, auch wenn mir der Nutzen ihrer Umtriebe nicht sofort erkennbar war. Ich erinnerte mich, welch große Anziehungskraft Bagger auf mich als kleinen Jungen ausgeübt hatten. Es musste ausgeschlossen werden, dass Blindgänger verborgen lagen, oder Kellerräume nach dem Krieg einfach zugeschüttet worden waren und Hohlräume existierten. Daher wurde so herumgewühlt und gebaggert. Dann wieder fragte ich mich verträumt, was wohl der Kranführer hoch oben, einsam in seiner winzig engen Kabine in den langen Pausen machte, in denen er nicht sein gelbes Giraffengestell zu bewegen hatte? In Momenten der Entspannung war es möglich, das ganze Bautreiben als ein großes grandioses Theater zu betrachten.

Früher im Jahr war Rachel Kushner ein Highlight für mich gewesen, lange bevor ihr „See der Schöpfung“ auf die neu installierte Spiegelliste der besten Bücher 2025 auftauchte. Wieso heißt diese Liste Spiegel „Buchpreis“, wenn doch gar kein Preis vergeben wird? Fragte zu Recht die Freundin M. Die kostenlose PR im Blatt als „Preis“ zu bezeichnen, empfand sie geizig und allzu dürftig für ein Magazin wie den Spiegel: im Grunde nur reine Eigenwerbung.
Manisch werde in „See der Schöpfung“ erzählt, hieß es in der Jurybegründung, die Geschichte sei „hypnotisch“. Es waren zum einen diese Eigenschaften von Kuschners Prosa, die auch mich gefesselt hatten. Die in die Agentenhandlung eingestreuten Reflektionen, ebenso wie die Beschreibungen der Landschaft ließen die unsere Zeit labyrinthisch, wüst und verworren erscheinen. Auch die immer wieder aufblitzenden popkulturellen Bezüge erinnerte mich irgendwie an einen früheren Lieblingsautor: Don DeLillo. Ich nahm mir seine „Die Namen“ noch einmal vor. Tatsächlich ergaben sich bei diesem Lektüre-Highlight auch auf der Oberfläche der Handlung erstaunliche Verbindungslinien. Auch bei ihm macht sich ein Agent auf die Suche nach einer geheimnisvollen Sekte, die in diesem Fall allerdings obskure Ritualmorde begeht und nicht reale politische Anschläge plant. DeLillo durchstreift dabei die Mani, den mittleren Finger des Peleponnes. Während Kushner im Südwesten Frankreichs im Perigord und seine Höhlen unterwegs ist. Steht bei DeLillo ein Mann im Zentrum, so ist es bei Kuschner zwar eine Frau, aber sehr ähnlich vage und umnebelt bleiben die Verbindungen der beiden Protagonisten zu Geheimdiensten.
Wenn DeLillo Sprache und Zeichen untersucht, informiert Kushner über die Evolutionsgeschichte des Menschen und ihre Bedeutung für unser heutiges Dasein. Ähnlich das bei der jeweiligen Lektüre erzeugte Gefühl für die Wirrnisse der aktuellen Welt. Auch wenn DeLillos Ich-Erzähler noch deutlich paranoider ist als Kuschners.
Die ersten Fuhren Beton wurden schon hoch durch den Berliner Himmel über das Haus hinweg geschwenkt. Erste Fundamente befüllt. Wirklich leiser wurde es dadurch nicht. Zumindest bliebt uns noch die Flucht nach Sardinien.
Bei der Recherche für den vierten und letzten Beckmann auf der Insel stieß ich auf die obskure Managerin einer Windkraftfirma. „Die Windzarin“ nannten Sarden eine russische Ingenieurin gebürtig aus St. Petersburg, die Informationsveranstaltungen für Kinder über den Segen der Windkraft und grüner Energie organisierte. „First offshore Wind4Kids Workshop in Italy“ hatte es in dem englischsprachigen Flyer gehießen, den ich später den Maresciallo der Carabinieri in der Bar Centrale zerknittert auf der Toilette auffinden ließ. Anscheinend tourte ein Programm damit über die kleineren Orte der Insel, und auch in anderen Europäischen Länder. Daraus ließ sich Stoff gewinnen.
Viele Sarden sehen die Segnungen der grünen Energiegewinnung mehr als nur kritisch, und dies gerade wegen ihrer Naturverbundenheit. Die landschaftlichen Schönheiten ihrer Insel oder die Segelreviere und Wanderrouten der Thunfische im Meer vor ihrer Küste sollten herhalten für eine Stromgewinnung, die ihrer eigenen Bedarf um weit mehr als das Zehnfache übersteigt und vor allem das Festland versorgen soll. Dagegen wehren sie sich und protestieren wie früher gegen die Landnahme für militärische Übungszwecke.
Was das Kino angeht, so war es ein schlechtes Jahr für mich, was vor allem daran lag, dass ich selten hinging. Und wenn ich mich dann vom Hype verleiten ließ, in die Sonne zu schauen, sah ich leider nur in meinen Augen cineastisch Unzulängliches. Aber auf der Mattscheibe galoppierten prächtig die Slow Horses. Alle fünf Staffeln hintereinander weg. Auch wenn der Autor der Romanvorlagen ein absoluter Meister des Faches Spionagethriller ist, ist ein derartig gelungener Aufschlag als Film nicht selbst verständlich. Das gelingt vor allem wegen der Schauspieler. Garry Oldman spielt genial versifft und abgerockt Jackson Lamb. Nie hatte ein Darsteller schmierigere Haare und größere Löcher in den Socken. Die in den Romanen geschilderte olfaktorische Komponente der Erscheinung Jackson Lamb – absolut glaubhaft ins Bild gesetzt. Und Kristin Scott Thomas trifft genau die kühl verschlagene Maske der Diana Taverner. Zum Glück sind zwei weitere Folgen angekündigt. Und! Es bliebe dann sogar noch ein Roman der Reihe von Mick Herron übrig. 2026 kann also kommen.
Jochen Brunow, 1950 geboren, studierte in Berlin Germanistik und Publizistik und arbeitete zunächst als Filmkritiker. Er schrieb Drehbücher, u. a. für die Kinofilme „Berlin Chamissoplatz“ (1980) und „System ohne Schatten“ (1983). Er gehörte zu den Gründern des Berufsverbandes der Drehbuchautoren und leitete die Drehbuchakademie der dffb Berlin. 2024 erschien sein Kriminalroman „Die Chinesin“ bei ars vivendi, 2025 folgte „Verdeckte Spuren“. Im April 2026 erscheint dort „Der Mann vom Meer“, wir sind schon sehr gespannt. Jochen Brunows Spuren bei uns hier.














