Posted On 24. Dezember 2016 By In Jahreshighlights With 1521 Views

CulturMag-Jahreshighlights 2016, Teil 5 (M)

feuer

Willkommen zu Teil 5 – mit Carl Wilhelm Macke, Tina Manske, Alf Mayer, Susanna Mende, Christina Mohr, Christopher G. Moore, Peter Münder und  Marcus Müntefering. Unserer großer Jahresrückblick – Bücher, Filme, Musik, TV, Kino, Ausstellungen Alltag und Wahnsinn … wild & unabhängig.

mackeCarl Wilhelm Macke

Leben in Zeiten des Horrors

Erschienen ist das Buch Marguerite Duras Sommer 1980 in deutscher Übersetzung im Jahre 1984. Im Mittelpunkt stehen politische wie sehr persönliche Ereignisse aus dem Jahr 1980.  Im Buchhandel ist es nicht mehr erhältlich. Das eine oder andere Exemplar findet man vielleicht in einem Ramschantiquariat. Und das soll ein kulturelles ‚Highlight’ des Jahres 2016 sein? Das bedarf einer guten Begründung.

„Zu Beginn des Sommers 1980 fragte mich der Journalist Serge July, ob ich es für möglich hielte, eine regelmäßige Chronik (für die Tageszeitung ‚Liberation`) zu schreiben. Ich zögerte, die Vorstellung einer regelmäßigen Chronik erschreckte mich ein wenig, dann aber sagte ich mir, daß ich es zumindest versuchen könnte. Er erklärte mir, daß er sich eine Chronik wünsche, die nicht von der politischen Aktualität oder irgend etwas Aktuellem handelt, sondern von einer anderen Gegenwart, die parallel dazu verläuft, Ereignisse, die mich interessieren und in der normalen Berichterstattung kaum vorkommen…“

Mit diesen Zeilen beginnt Marguerite Duras die Aufzeichnungen aus ihren Urlaubstagen in einem kleinen Haus am Atlantik. Tag für Tag schwimmt sie im Meer. Sie liest viel. Genießt das Licht eines ganz wunderbaren Sommers. Von Zeit zu Zeit ein Glas Champagner.

Herrliche Sonnenuntergänge. C’est la vie! Die »große Welt« da draußen erreicht sie nur durchs Fernsehen, aber das Gesehene und Gehörte treibt sie um, lässt sie nicht los, auch nicht in den Momenten größter Lebenslust. Es sickert unentwegt in ihre Gedanken, verunsichert sie, begleitet sie sogar in den nächtlichen Träumen.

Der Streit um die Olympische Spiele in Moskau, kriegerische Auseinandersetzungen in Afghanistan, Begräbnis des Schahs von Persien in Ägypten, die immer häufiger werdenden Nachrichten von den großen Streiks in der Danziger Lenin-Werft.

Das im Umfang schmale Sommertagebuch der Marguerite Duras habe ich in diesem Jahr wieder einmal gelesen und spürte sofort die ungeheure Aktualität dieses Textes. Die heutigen Schlagzeilen haben sich geändert. Wer denkt denn heute noch an die Olympischen Spiele in Moskau oder das Begräbnis des Schahs von Persien? Aber die von der Duras empfundenen Spannungen zwischen den im Fernsehen, im ‚Netz’ oder in den Printmedien unentwegt auf uns niederprasselnden ‚horrenden Nachrichten und Bildern’ aus aller Welt und unserem Alltag sind doch die gleichen wie vor zwanzig, dreißig Jahren. Wie kann man mit den Bildern von den riesigen Flüchtlingslagern im Osten Afrikas, in den Ländern des ‚Nahen Ostens’, auch von denen bei uns um die Ecke, den Attentaten in Istanbul, Paris, Brüssel, Bagdad, dem barbarischen Gemetzel in Aleppo, den dramatischen Flüchtlingsschicksalen seinen Alltag weiterleben so als sei nichts geschehen?!

Können wir unsere ‚kleine Welt’ wirklich noch freihalten von den immer häufiger werden wuchtigen Einschlägen in der ‚großen Welt da draußen’? In dem Balzac-Roman „Modeste Mignon“ heißt es an einer Stelle „Die Engländer töten in Indien Tausende Menschen, die genauso viel wert sind wie wir…Trinken Sie deswegen zum Frühstück eine Tasse weniger?“ Diese oft unerträgliche Widersprüche durchziehen auch die Aufzeichnungen der Marguerite Duras aus dem Sommer 1980 (Aus dem Französischen von Ilma Rakusa. Frankfurt am Main. 1984). Sie jetzt wieder gelesen zu haben, war für mich ein großes privates kulturelles Ereignis im Sommer 2016.

SAMSUNG

SAMSUNG

Tina Manske

Über die negativen Seiten des Jahres 2016 braucht man keine großen Worte mehr verlieren. Was Politik und Weltgeist betrifft, konnten die letzten zwölf Monate nicht viele Sympathiepunkte sammeln.

Ganz anders sieht das Bild aus, wenn man sich den musikalischen Output ansieht bzw. -hört, denn in 2016 sind viele, viele sehr gute neue Alben erschienen. Ohne sie in eine Reihenfolge bringen zu wollen, möchte ich fünf davon immerhin namentlich erwähnen:

Anohni: Hopelessness: Wenn ein Außerirdischer in einigen tausend Jahren auf die Erde kommt und wissen will, was die Menschen im Jahr 2016 so umgetrieben hat, dann wird ihm Anohnis Album auf die Sprünge helfen. Klimakatastrophe, Drohnenkrieg, Terrorismus, Verlust der Privatsphäre sind nur vier von vielen Themen, die in den elf Songs verarbeitet werden, das Ganze in der Produktion von Hudson Mohawke and Oneohtrix Point Never. Glorreich.

Radiohead: A Moon Shaped Pool: Ja, Radiohead. Eh klar. Die machen nichts falsch, und auch dieses Jahr nicht. Ein Album, das an manchen Stellen an den Klassiker „Ok Computer“ erinnert, so fein ist es.

Friends Of Gas: Fatal schwach: Mit einer Mischung aus Krautrock und wortkarger Lyrik hat sich die Truppe um den Nerven-Sänger Max Rieger in die vordersten Ränge gespielt, nicht zuletzt wegen der urguten Stimme von Nina Walser. Wenn nichts mehr geht, „Ewiges Haus“ hören und weiter.

David Bowie: Blackstar: Zum ersten Mal gehört am Tag, bevor David Bowie starb. Nun klingt es für immer wie aus dem Jenseits gesungen. Geisterhaft, unendlich traurig und wunderschön.

Solange: A Seat At The Table: „I’m weary of the ways of the world“, singt Solange auf ihrem Album, und man nickt zustimmend und im Takt. Großartiges Album, das für die Geschichte der „Black Pride“ in etwa so wichtig werden könnte wie Marvin Gayes „What’s Going On“.

Und dann waren dann noch Bon Iver, Leonard Cohen (auch so ein Abschiedsalbum), Beyoncé,  Kate Tempest, Frank Ocean, Danny Brown, Isolation Berlin, Die Heiterheit, Childish Gambino… – wahrlich ein Spitzenmusikjahr.

PS: Schönste Wiederentdeckung des Jahres war DJ Shadows „Endtroducing“. Mit einer opulenten Deluxe-Edition feierte Universal/Island in diesem Jahr den 20sten Geburtstag dieses musikalischen Monolithen, der die Kunst des Samplings zu neuen Höhen führte. Dabei ging DJ Shadows ebenso zu lobendes neues Album „The Mountain Will Fall“ fast ein wenig unter.

Song des Jahres ist für mich „Starboy“ von Weeknd feat. Daft Punk. Perfekter Pop, drei Minuten lang wird man aus dieser Welt gebeamt.

Alf Mayer (c) privatAlf Mayer

40 Jahre war es dieses Jahr her, dass der Blitz des Noir mich traf und mich in dem, worüber ich gern schreibe, auf immer gezeichnet hat. Es war die erste Juniwoche 1976, direkt nach dem Festival von Cannes (das ich mir damals noch nicht leisten konnte), in einem Kino lief der aktuelle Preisträger der „Palme d’Or“, Martin Scorseses Taxi Driver. Weder die amerikanische Originalfassung noch die französischen Untertitel verstand ich ausreichend, wohl aber den existentialistischen Unterton. (Für polar-noir habe ich Sonja Hartl einmal davon erzählt.) 40 Jahre später hat Taxi Driver nichts an Kraft verloren, der Einzelgänger Travis Bickle ist uns näher gerückt – und die Musik von Bernhard Herrmann ist immer noch der beste Filmsoundtrack, den ich kenne. Hören Sie mal hinein, wie modern das klingt.

taxi_driver_original_movie_poster-wiki-commonsSehr anregend fand ich die Installation Treib Gut Flaschenpost im Frankfurter Museum für Kommunikation. Der Kölner Künstler Joachim Römer zeigte darin 400 aus dem Rhein gefischte Flaschen und Gefäße und ihre vielfältigen Botschaften. Wunderbar anrührend und poetisch, Kommunikation in einer „reinen“, sozusagen destillierten Form. Selten habe ich so viele glückliche und freudige Gesichter in einer Ausstellung gesehen. Und seitdem überlege ich, was manche Menschen vielleicht gerne sagen würden, es aber eben bestenfalls nur einer Flaschenpost anvertrauen.

Gleich doppelt aufregend war es, Manifesto von Julian Rosefeldt zu begegnen. Anfang des Jahres sah ich die Videoinstallation im Australian Centre for the Moving Image (ACMI) am Federation Square in Melbourne, wo sie das ganze gigantische Untergeschoß einnahm, danach in Berlin im Hamburger Bahnhof. Dort kleiner und intimer, die 13 Leinwände viel näher beieinander und Cate Blanchett in ihren vielen Rollen und Verkleidungen weit mehr mit sich selbst im Dialog. Schade nur, dass es zwar einen Katalog, aber keine vollständige Textdokumentation des Unterfangens gibt. Julian Rosefeldt hat 70 Manifeste der jüngeren Kunstgeschichte zu absurden Monologen zerhackt. Das würde ich gerne nachlesen.

Mein Krimijahr begann im Hochsommer und einem Katerfrühstück am Sydney Harbour. Michael Robotham war am Neujahrsmorgen bestens gelaunt, er hatte im Herbst 2015 den Gold Dagger der britischen Crime Writers‘ Association gegen Stephen King und JK Rowling gewonnen – das muntere Interview liegt in meiner Schublade, der nächste Robotham ist für den Sommer 2017 angekündigt. Ein Abend mit Candice Fox bei einem klasse Sizilianer im Stadtteil Leichhardt folgte, Chloe Hooper in Melbourne lotste mich zu einem Piemontesen.

Besonders freut mich, dass zwischen Anfang und Ende 2016 ein Autor wieder auf die deutsche Bildfläche gerückt ist, der wegen zögerlicher Verlagspolitik in akuter Gefahr des Vergessens war: Garry Disher. Dass seine in einem überfetten Krimijahr bereits zu Anfang erschienene Bitter Wash Road (auf CrimeMag schon im September 2014 besprochen und für eine Veröffentlichung angemahnt, nun 27 Monate später) Platz 1 der KrimiZEIT-Jahresbestenliste belegt, hat gewiss mit Garrys Lesereise jetzt im November zu tun. Ich bereue es nicht, ihn bei unserem Treffen im Januar dazu ermuntert zu haben. Manchmal richtet man doch ein wenig etwas aus.

chloe Hooper Große Mannalf-greenall_wintertraffic_rgbAch Australien. Dieses Jahr gab es von dort gleich zwei überragend großartige true crime-Bücher, Der große Mann von Chloe Hooper und Drei Söhne (This House of Grief) von Helen Garner, die zeigen, wie eng unsere auf „Fiktion“ festgelegten Bestenlisten doch sind. Beide Bücher gehören für mich in die Crime Top Ten des Jahres.

Ach Australien: Bald wird man bei Suhrkamp David Whish-Wilson (siehe hier im Jahresrückblick unter W) und seiner elegant-kalten Korruptions-Trilogie aus Perth begegnen können und dann, ebenda, 2018 einem Autor, der mich richtig umgeworfen hat: Stephen Greenall. Sein unveröffentlichtes Manuskript von Winter Traffic war 2014 für den Victorian Premier’s Literary Award nominiert, der vogelwilde Roman erscheint jetzt am 30. Januar 2017 bei Text in Melbourne – und wenn es je einen Autor gibt, der Peter Temple das Wasser reichen kann, dann ist er es.

Stephen Greenall werden Sie künftig bei uns als CrimeMag-Contributor begegnen. Wenn ich an Winter Traffic denke, habe ich Gänsehaut. Hier der Anfang: „When it was over, Sharky lay dead and Bison was convulsing on the rug like something beached or epileptic. Sutton was upright but he was breathing like sex, letting adrenaline drain as he had long ago been taught. Bison died and Sutton’s breathing went back to normal …“

the-broken-shore-2013-movie-posterjahres-la-isla-_sl1500_Auch das Fernsehjahr begann für mich in Australien, am 25. Januar mit der TV-Adaption des Peter-Temple-Romans The Broken Shore (dt. Kalter August). Ein großartiger Hauptdarsteller (Don Hany), eine Erzählhaltung, die sich nicht um Konventionen schert. Das englische Wort für dieses TV-Ereignis, an das ich immer noch denke, ist „hauting“. Dieses Adjektiv beschreibt auch drei Kinoerlebnisse: La Isla Minima (Mörderland, meine CM-Kritik hier), Desierto (CM-Kritik hier) und Belladonna of Sadness, den Katrin Doerksen bei uns vorgestellt hat. Diesen wunderbar restaurieren 70er-Jahre-Anime gibt es bei Kölner Herzblut-Label Rapid Eye Movies von einem 4K-Master auf Blu-ray, gönnen Sie sich diese wilde und bunte Reise. Und, ebenfalls von Katrin Doerksen auf das Sinnhafteste bei uns vorgestellt, mal einen Blick in Valentina Underground von Guido Crepax.

Sehr gefreut habe ich mich über die Le-Carré-Modernisierung von Night Manager als BBC-Serie mit nicht nur oberflächlichen production values. Ebenfalls ein Agentenfilm auf der Höhe der Zeit ist die französische Serie Le Bureau des Légendes (The Bureau) mit Mathieu Kassovitz. In England hat sich Tom Rob Smith (Kind 44) als Autor von London Spy (BBC Two) zurückgemeldet (lief im Mai bei uns auf Netflix). Ben Wishaw als schwuler Spion gibt die beste Vorstellung seiner Karriere, was echt etwas heißen will.
_jack-irish-k4mupl-_sl1500_jahres-london-spy-_sl1500_

Eine zweite Staffel mit noch einmal zehn Folgen wird es für Olen Steinhauers Miniserie Berlin Station geben. „I’m Afraid of Americans“ singt David Bowie im Titelsong. Ob Jack Irish je zu uns kommt? Drei Tele-Movies (Bad Debts, Black Tide und Dead Point) nach Romanen von Peter Temple liefen 2012 und 2014 down under, alle hatten sie je weniger als eine Millionen Zuschauer. Im Februar/März 2016 wurde Blind Faith als Sechsteiler ausgestrahlt, durchschnittlich 830.000 Australier sahen zu. 270 Minuten zeitgenössisches Noir, ein australischer Entwicklungshelfer wird auf den Philippinen von Islamisten gekidnappt. Guy Pearce als Jack Irish soll ihn finden. Man hält oft den Atem an, so authentisch wirkt das. Heftig als TV-Event.

Verblüfft hat mich Robert Fischer mit seiner 45-Minuten-Doku Cop Stories über die Entstehung der ersten Wambaugh-Verfilmung, Richard Fleischers The New Centurions (1972, bei uns als Polizeirevier Los Angeles-Ost) und wie angenehm er Joseph Wambaugh, Stacey Keach und eine Handvoll anderer Beteiligter zum Reden bringt. Seine Dokumentation ist Bonusmaterial vom Feinsten, für das es in Deutschland leider keine Produktionskultur gibt. Das französische Label Carlotta hat den Film für die Wiederauflage von Les Flics ne dorment pas la nuit in Auftrag gegeben, die britischen Powerhouse Films übernehmen. So geht man mit Filmerbe um.

asle-criterion-phalt-jun847_bd_box_348x490_originalEbenfalls Robert Fischer ist es zu verdanken, dass ein lange unzugänglicher, in seiner Wucht ungeheuerlicher Dokumentarfilm nun als Bonus wieder zugänglich wird: Wolf-Eckart Bühlers Leuchtturm des Chaos/ Pharos of Chaos über den Schauspieler Sterling Hayden von 1982. Die „New York Times“ sah damals „documentary film making at it‘s most laissez faire“. Dies nun also beim feinen US-Label Criterion, in der Idealkombination mit John Hustons großem Noir The Asphalt Jungle von 1950, bestens restauriert und gerade erschienen. Ein Leckerbissen. (Und schauen Sie auch in unserem Jahresrückblick unter W nach WEB, da gibt es sehr fein Abgehangenes.)

Den Stromstoß des Jahres versetzt hat mir jedoch am 19. November Dominik Graf mit Zielfahnder – Flucht in die Karpathen. Ich musste mich immer wieder kneifen, dass das wirklich deutsches Fernsehen war, ARD, und das an einem Samstagabend. Eine erwachsene, nicht bevormundende Erzählweise, ein Tempo, eine Kamera, eine Hauptdarstellerin, eine Reise nach Rumänien, eine Schnittfrequenz und eine Dichte, die tausend andere Fernsehkrimistunden wie Volontärs-TV aussehen lassen. Davon wollen wir mehr. Viel mehr. (Hier der Hinweis auf den Buchstaben G wie Graf in unserer Jahresparade.)

Und dann sind da noch zwei Durchgeknallte. William T. Vollmann und sein 1356-Seiten-Buch The Dying Grass. A Novel of the Nez Perce War, das einen tatsächlich zurück auf die Prärie, in zwei Kulturen und mitten in ein Kriegsverbrechen versetzt. Im inzwischen fünften Buch seiner ambitionierten und monumentalen „Seven Dreams“-Serie, die dem Gewaltursprung der USA auf den gründlichsten Grund geht, gelingt ihm eine Sprache, die uns mitten hineinträgt in eine vielstimmige „oral history“. Das hallt lange nach.

alf-coppola-screen_shot_2016-11-11_at_10-33-42_am_1-embedalf-coppola-gfn_p437-embedWer 500 Dollar locker hat, kann sich (noch) die „Collector’s Edition“ von Francis Ford Coppolas The Godfather Notebook besorgen: drei Ringbuchordner mit allerlei Zugaben in Kassette, darunter eine Originalseite des Drehbuchs von „Der Pate“ und 50 Fotos. Die reguläre Ausgabe hat 784 Seiten, kostet 60 US-Dollar, und bietet als Reproduktion, was Coppola 1969 in einem Café in San Francisco als erste Annäherung an ein Projekt fabrizierte, das er eigentlich ablehnen wollte. Wie im Theaterstudium gelernt, zerlegte er Mario Puzos Roman vollständig, klebte ihn Seite für Seite auf einen Schreibblock und machte sich dazu Notizen an die Ränder: zu Timing und Setting, zu Klischees, die es zu vermeiden galt, Ideen zu Besetzung und Kamera. Ein „prompt book“, etwas, was man im Theater „Regiebuch“ oder „Die Bibel“ nennt. Ein Drehbuch hätte er eigentlich gar nicht mehr gebraucht, sagt Coppola, er hätte seinen „Paten“ auch von diesen Notizen her drehen können. Ein ziemlich einzigartiger Blick auf den Prozess des Filmemachens. Am anderen Ende des Regenbogens findet sich, ebenfalls mit viel Handschriftlichem, Vlado Kristl mit Als man noch aus persönlichen Gründen gelebt hat.

2017, aber es wird Herbst damit, freue ich mich dann auf Viet Thanh Nguyens The Sympathizer, einen geschliffen-eleganten, politischen Thriller über das Ende des Vietnamkrieges, der mit dem Pulitzer Preis und mit dem Edgar ausgezeichnet worden ist. So etwas gab es noch nie. Viet Thanh Nguyen, der sich den CrimeMag-Lesern schon vorgestellt hat, wird künftig öfter für uns schreiben.

Zu den vielen Katastrophen, die #2016 in der englischsprachigen Welt das Wort „Weltschmerz“ wiederbelebt haben, zählt für mich der Starkregentag vom 29. Mai. Ein halber Ort samt dem mir allerliebsten Slow-Food-Lokal in Deutschland wurde da einfach weggespült. Die Flutwelle traf auch den Gasthof zum Löwen in Braunsbach bei Schwäbisch-Hall, wo es sanft geschlachtet, keine 30 Kilometer gereist, 30 Tage „dry aged“ gereift und fachmännisch behandelt die für mich besten Steaks Deutschlands gab – und wieder geben wird. Das zu einem sagenhaften Preis-Leistungsverhältnis, bei jungen Wirtsleuten, die in Shanghai und auf Sylt gelernt haben und zungenschnalzend bodenständige Hohenloher Küche machen. Dem neuen Slow Food Genussführer 2017/18 (der immer noch, wenn man das italienische Original kennt, ein paar Kinderkrankheiten und teils groteske Auswahlkriterien hat) rechne ich es hoch an, dass dieses Restaurant dort anständig vorkommt. Auf die Wiedereröffnung im Frühjahr 2017 freue ich mich schon: www.zumloewen-braunsbach.de

jahres-alf_the_dying_grassthe_sympathizer_-_book_covernew_centurions_bd_2d_packshot_72dpi_1000px_transp

 

 

 

 

 

Zu den CrimeMag- und LitMag-Texten von Alf Mayer geht es hier.

_susanna-mendeSusanna Mende

Serien: Enttäuschend und schrecklich klischeehaft: True Detective Staffel 2.
Homeland Staffel 4 war spannend, 5 hingegen nur noch zusammengeschustert.
Zum Verneigen großartig: Die Miniserie The Nightmanager nach John le Carré und intelligent auf einen aktuellen Schauplatz verlagert.
House of Cards Staffel 4: Bosheit und Abgefeimtheit in hohen Dosen, und das glaubwürdig dargestellt, obwohl sich der Fokus arg auf die Underwoods verengt.
: Das Beklemmende von Diktaturen überzeugend in Szene gesetzt,  eine wunderbar detailgenaue Dystopie. Freu mich schon auf die 2. Staffel Anfang 2017.

Filme: Irrwitzig gut und irrwitzig: The Big Short: Kapitalverbrechen.

Spotlight: Wichtiger Film, gut umgesetzt, allerdings ein bisschen zu viel bei „Watergate“ abgekupfert.

James Bond 007: Spectre: schlecht, ganz schlecht; nicht einmal Christoph Waltz konnte überzeugen. Und das pompöse Marketing überall hat echt genervt!

Mission Impossible 5: ein großer Spaß im richtigen Kino. In diesem Fall Zoopalast; der Sound ist unschlagbar.

zz-verraeterwiewir_plakat_a3_rgbVerräter wie wir: Eine wirklich gelungene Carré-Verfilmung mit viel psychologischem Suspense, tollen Schauspielern und brillanter Kamera, von einer britischen Regisseurin, die Beachtung verdient: Susannah White.

Jack Reacher: Kein Weg zurück: ganz schön viel Krawumm, und eigentlich hatte ich Tom Cruise auch schon in „Mission Impossible“ gesehen.

Bücher: Porkchoppers von Ross Thomas: Feinste Thrillerware, und die Übersetzung ist in diesem Fall auch nur ein wenig holprig und nicht grottenschlecht wie bei den ersten, angeblich überarbeiteten Bänden.

Auch Thomas’ Protokoll für eine Entführung war ein großer Spaß; der Titel ist allerdings falsch übersetzt, aber das wundert nicht beim durchgehend schlampigen Umgang des Alexander-Verlags mit diesem tollen Autor.

Die Verfilmung (Drehbuch, Regie und Hauptrolle Ben Affleck) läuft in den USA noch diesen Monat an: Live by Night von Dennis Lehane. Ein großer Roman über die Prohibitionszeit, in Boston und Tampa angesiedelt. Außerdem herausragend gut übersetzt von Sky Nonhoff.

Sachbuch: Man sollte nicht nur denken können, sondern auch wissen, wie es funktioniert. Thinking, fast and slow von Daniel Kahnemann liefert spannende Einblicke in kognitive Verzerrungen und unsere Fehlurteile (2016 war voll davon).

John Lancaster: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt: Die bizarre Geschichte der Finanzen.

Das Erhellendste und Verständlichste, was ich über die Finanzkrise gelesen habe – die übrigens noch nicht vorbei ist. Und weil Lancaster Brite ist, kann man sich zwischendurch auch scheckig lachen.

Die CrimeMag-Texte von Susanna Mende gibt es hier.

christina_mohrChristina Mohr

Boah, 2016, du warst ein schwerer Brocken – habgierig und kleinkariert, sexistisch, rassistisch, kriegsgeil, ungerecht, prollig und rücksichtlos, postfaktisch sowieso.

Bestimmt wirst du als „Unheilsjahr“ in die Geschichte eingehen, kein Wunder eigentlich, denn schon meine Oma wusste, dass Schaltjahre (und schließlich warst/bist du eins) nichts Gutes verheißen. Allein, wen du alles in die ewigen Jagdgründe abberufen hast: David Bowie, Prince, Roger Willemsen, Vanity/Denise Matthews, Manfred Krug, Alan Vega, Leonard Cohen und zum Schluss noch Zsa Zsa Gabor, der Vollständigkeit halber. Der Tod ist ein Dandy.

Am Ende dieses Jahres, mit Bildern traumatisierter Kinder aus dem zerbombten Aleppo einerseits, und fanatisch aufgeheizten Reichsbürgern und AfD-Gewinnlern andererseits im Kopf, fällt es nicht ganz leicht, sich auf die kulturellen Highlights zu konzentrieren – die es zum Glück gab. Oder, um es mit den Kolleg*Innen von der SPEX-Redaktion zu sagen:

Scheißjahr, aber wenigstens gute Musik.

In diesem Sinne hier Frau Mohrs Lieblingsalben und –songs:

Alben

  1. Kate Tempest, Let Them Eat Chaos
  2. Oum Shatt/Oum Shatt
  3. Dinosaur Jr., Give A Glimpse of What Yer Not
  4. Roisin Murphy, Take Her Up to Monto
  5. Jenny Hval, Blood Bitch
  6. Die Heiterkeit, Pop & Tod, Teil I & II
  7. Iggy Pop, Post Pop Depression
  8. JaKönigJa, Emanzipation im Wald
  9. A Tribe Called Quest, We Got It From Here…
  10. Solange, A Seat at the Table

Songs

  1. Kate Tempest, Whoops
  2. Iggy Pop, Gardenia
  3. Warpaint, New Song
  4. Pet Shop Boys, Pop Kids
  5. Half Girl, Girl in a Band
  6. The Julie Ruin, I Decide
  7. Abra, Thinking of You
  8. Mykki Blanco, High School Never Ends
  9. Anohni, Hopelessness
  10. Cate Le Bon, Wonderful

Und weil zum Glück wenigstens die Pet Shop Boys noch leben und auch immer noch Pophits wie Konfetti aus dem Ärmel schütteln, wünsche ich mir diesen Song, liebe CM-Redaktion:

christopher g. mooreChristopher G. Moore

Music: Everybody Knows, by Leonard Cohen
Leonard Cohen died this year. He left behind a legacy of songs that define who and what we are, our limitations, our suffering, our frustrations. The lyrics that stay with me: “Everybody knows that the dice are loaded. … Everybody knows the good guys lost. … Everybody knows that the boat is leaking.” That’s pretty good definition of noir.
Leonard Cohen will be missed.

Television: Hated in the Nation. Black Mirror (Season Three) reflects a dark vision of the near future. In Hated in the Nation, our new technology, ever smaller, evolves a drone that delivers revenge beyond the dreams of the most insane serial killer. Set in London, two police detectives seek to unravel the mysterious deaths with social media links. Hated in the Nation and Men Against Fire are inscribed tombstones of our near future.

Books: Non-fiction and fiction recommendations

My most recent non-fiction readings: Giovanni Arrighi, The Long Twentieth Century; Ernest Becker, The Denial of Death; Marcus Aurelius, Meditations, Barney Rosset, Rosset, My life in Publishing; James A. Harris, David Hume; James Barrat, Our Final Invention: Artifical Intelligence and the end of Human Era.

Fiction reading: Max Porter, Grief is The Thing With Feathers; Jedediah Berry, The Manual of Detection; Georges Simenon, A Man’s Head; Harry Mulisch, The Discovery of Heaven, Ned Beauman, The Teleportation Accident; Colson Whitehead, The Intuitionist; Kelly Link, Stranger Things Happen: Stories, and Adrian Tchaikovsky, Children of Time.

Documentary: The Impatient Artist. In 2016 I wrote and directed a documentary about Dutch artist Peter Klashorst.  Inspired by Martin Gayford’s Man in a Blue Scarf, a book about his 18-month experience sitting for Lucien Freud. The creative sparks fly when a novelist interviews a painter in Bangkok about the nature of art, love, prostitutes, poverty, and social media.

5102rqdrkul-_sx322_bo1204203200_Vincent Calvino: Jumpers. This is number 16 in the Vincent Calvino crime novel series. A modern day Caravaggio, a young artistic genius from Quebec, is painting a sex worker in his Bangkok studio where Calvino finds him. Raphael, the artist, begins as a missing person case. For Calvino, it would have been better if he’d not found this artist.
By opening that studio door, Calvino enters into a hidden world of payoffs and local gangsters. What’s interesting is the globalization of art and art collectors. Raphael has a commission for a series of portraits. Most of the women he paints for the series end up as suicide victims.
Rituals of death, the myth of art, and the circulation through the underground rivers of drugs, sex, and guns delivers a look at the convergence of art and human sacrifice. It all starts with a brush, a set of paints, a vision, and the accidental encounters with members of the painter’s childhood in Quebec commune.
The forces that shaped Raphael’s life are powerful enough to draw into their orbit Calvino, Pratt, McPhail, and Ratana who seek to reconcile his artistic vision, underworld connections, and parade of sex worker models with his death.

Christopher G. Moores schreibt für CrimeMag aus Bangkok. Zu seinen Artikeln geht es hier.

Peter-Münder1Peter Münder

OLIVE SCHREINER: Weil die Eindrücke vom Südafrika-Trip noch so frisch sind, fange ich gleich mit der Entdeckung einer eher unbekannten Autorin an, die ihr Buch The Story of an African Farm  (Penguin Classics)  zwar schon 1883 unter dem Pseudonym Ralph Iron veröffentlichte, aber immer noch als „Mutter der afrikanischen Literatur“ bezeichnet wird. Bei der Fahrt von Kapstadt durch das versteppte Karoo kamen wir ins kleine Nest Cradock, wo die 15jährige Olive Schreiner (1855-1922) einige Zeit als Gouvernante auf einer burischen Farm die Kinder betreute. Ihr Leben und Werk wurde gerade im schmucken kleinen Schreiner House in einer schönen, sehr liebevoll arrangierten Ausstellung  dokumentiert.

Die in Basutoland geborene Missionarstochter (deutschstämmiger Methodistenpfarrer, englische Mutter) vermischt im Roman ihre Kindheitserinnerungen mit den jugendlichen Hauptfiguren Waldo und Lyndall zu einer faszinierenden Initiationsstory, die auch die Konflikte zwischen Buren, Engländern und Afrikanern darstellt. Heute wird Schreiner als Frauenrechtlerin und mutige sozialliberale Freidenkerin verehrt; sie war aber auch als Autodidaktin von einem extremen Erkenntnisinteresse erfasst und wurde früh zur rigorosen Zweiflerin.

Die vom fundamentalistischen alttestamentarischen Furor besessene Mutter war ihr verhasst, der Vater  glaubte an die Segnungen von Bibel, Gottesdienst und der Prügelstrafe und sie  fragte sich schon als Kind: Wie kann es angesichts solcher Zustände einen gerechten Gott geben? Sie kultivierte in ihrem Werk die Ambivalenz des Eindeutigen, polemisierte gegen den Kolonial-Imperialismus von Cecil Rhodes, mit dem sie anfangs intensive Kontakte pflegte, bis sie sich mit ihm überwarf. Als burenfreundlich und antibritisch  war sie schon früh in Südafrika ausgegrenzt worden; als Propagandistin „freier Liebe“  und als Frauenrechtlerin war sie  auch während ihrer Zeit in England (1881-86)  eine Außenseiterin.  Sie kämpfte auch gegen die Diskriminierung der Schwarzen, verstieg sich aber in etlichen mythologisch angehauchten, religiös eingefärbten Parabeln zu  ziemlich verquasten Thesen.

muender-olive-schreiner-img_0398Beim Besuch des Apartheid-Museums in Johannesburg entdeckte ich dann noch mehrere ihrer Bücher und etliche Photos, die auf diese interessante Autorin und Bürgerrechtlerin hinweisen. Ihre kuriosen Vornamen Olive Emilie Albertina erhielt die jüngste von neun Kindern übrigens, weil die Eltern sie nach ihren drei verstorbenen Brüdern Oliver, Emil und Albert benannten. Das Leben auf einer afrikanischen Farm wurde auch (mit Armin Müller-Stahl) verfilmt, außerdem gibt es eine  dramatisierte Version. Jedenfalls war es neben den spannenden Erkundungstouren durch Kapstadt, Karoo, Johannesburg und entlang der fabelhaften Weinstraße ein Highlight, das Werk dieser enigmatischen Autorin kennen zu lernen.

NUDGING („anschubsen“ zum richtigen Verhalten) wird ja offenbar zum hippen Modewort, dabei ist diese Macke besorgter Bürokraten über unser angepasstes Wohlverhalten  ja ebenso überflüssig wie verlogen. Während man sich etwa in Brüssel Gedanken über Schnupftabak-verordnungen, stromsparende  Staubsauger und Kaffeemaschinen macht und dazu ellenlange Verordnungen formuliert und erläßt, führt man unbeirrt Verhandlungen mit einem türkischen Diktator weiter, der  Journalisten, Lehrer, Justizbeamte und andere Kritiker einfach inhaftieren und foltern lässt…

Das NOVO-Sonderheft zum Thema Nudging (Novo Argumente, Frankfurt) kommt da zur rechten Zeit: Es beschäftigt sich mit Paternalismus, Werbung, Glücksspiel, Ernährung, Genuß und nachhaltigem Konsum und will gegensteuern gegen die wie ein Krebsgeschwür in  immer weitere Bereiche wuchernde bürokratischer Bevormundung: Sind wir wirklich unfähig, selbständige Konsumentscheidungen zu treffen? Brauchen wir eine „Hexenjagd auf Salz“, Food-Nannies, die uns vorschreiben wollen, wieviel Fleisch und Zucker wir konsumieren dürfen?  Sind die Schockbilder auf Zigarettenpackungen sinnvoll? Überzeugt uns eine 4000,- Euro Prämie vom Sinn der Elektro-Mobilität?

In kritischen Beiträgen und Interviews geht es auch um die Energiewende, Ernährung und Genuß, Werbeverbote u.a. Dem Fazit von Novo-Redaktionsleiter Johannes Richardt kann man jedenfalls voll zustimmen: „Seit der  Aufklärung ist Mündigkeit  die Kernidee aller Emanzipatiosbewegungen. Immer musste sie gegen solche erstritten werden, die sie zwar selbst in Anspruch nehmen, aber der breiten Masse absprechen. Und immer liefern angebliche moralische und intellektuelle Mängel der Bevölkerung die Begründung für Bevormundungspolitik … Es ist höchste Zeit, die kleinkarierte Politik der Verhaltensregulierung anzugreifen“.

GRAND TOUR: Für einen anarchischen, grotesk-komischen und spannenden Ausklang zum Jahresende sorgte dann Steffen Kopetzky mit seinem wunderbaren Schmöker Grand Tour. Dieser Schelmenroman verarbeitet autobiographische Erfahrungen des Schlafwagenschaffners a.D. Kopetzky und ist nun als Taschenbuch (Heyne) erschienen. Wer seinen berauschenden Roman Risiko über die geheime k.u.k.-Afghanistan-Expedition gelesen hat, weiß, wie mitreißend der grandiose Erzähler Kopetzky Plot, Atmosphäre, Figuren beschreibt, was für ein berauschendes Panorama er entfalten kann.

Die Grand Tour  ist ein furioser Rückblick auf seine verrückten Abenteuer (auch erotische) als Schaffner: Sein Anti-Held , der verkrachte  Student Leo Pardell, heuert bei  der Compagnie International de Wagon-Lits an, taucht in einen eigenen Bahn-Kosmos zwischen Venedig, Zürich, Paris, München, Ostende ein, während ein durchgeknallter millionenschwerer Uhrensammler, der „Würger“ Baron von Reichhausen sich auf die Suche nach dem legendären Wunder-Chronometer „Die Ziffer“ macht. Ein fulminanter Lesespaß – irgendwo zwischen Münchhausen, Schnitzler, Zola und Paul Theroux´s fabelhaften Eisenbahn-Reportagen angesiedelt. Grand Tour, Grand Entertainment!!! Gehört auf den Gabentisch!

PS (TW): Olive Schreiner ist die reale Vorlage für die Figur der Olive Salter in Gary Dexters sehr komischem Roman: Der Marodeur von Oxford (bei Penser Pulp, 2013), siehe das Nachwort dort.

Die CrimeMag- und LitMag-Texte von Peter Münder finden Sie hier.

Marcus_MünteferingMarcus Müntefering

Leonard Cohen, David Bowie und so viele andere Helden sterben, mit Donald Trump gewinnt ein Irrer die US-Wahlen, Syrien, die IS und den ganzen anderen politischen Scheiß kann man eh nicht mehr ertragen – 2016 war ein Arschloch, in so vielerlei Hinsicht. In einer aber nicht: Gute Spannungsromane kamen fast im Wochentakt auf den deutschen Markt.

Einziges Problem: Die Liste der Bücher, die gelesen gehört hätten, aber liegen geblieben sind und mich jetzt vorwurfsvoll anstarren, liest sich wie ein Who’s Who der Krimi-Elite. Dazu gehören diverse James Lee Burkes, der Abschluss von Nathan Larsons „Dewey Decimal“-Trilogie, mindestens ein Ross Thomas, der zweite bei Polar erschienene Newton Thornburg, der aktuelle Garry Disher, Peter Temples Die Schuld vergangener Tage

Woran lag’s? Weil es so viel anderes zu entdecken gab, neue, frische Stimmen vor allem. Zum Beispiel Nitro Mountain von dem jungen Amerikaner Lee Clay Johnson, ein fieser Country Noir, der leider noch keinen deutschen Verlag hat. Überhaupt Country Noir: Da hat sich Wolfgang Franßen mit seinem Polar Verlag Lorbeeren verdient: Benjamin Whitmers Nach mir die Nacht und vor allem Jon Bassoffs Zerrüttung sind zwei finstere Solitäre, die zeigen, was alles noch möglich ist, wenn man die Genre-Tropen kennt und weiß, was man damit anstellen kann, ohne zu imitieren. Zu dieser Kategorie zählt auch Bull Mountain von Brian Panowich, der unverständlicherweise völlig untergegangen ist. Ist natürlich nur ein Zufall, dass ich im Trump-Jahr 2016 besonders viele Romane über marginalisierte weiße US-Amerikaner gelesen habe… in diesem Zusammenhang muss natürlich auch noch Donald Ray Pollock genannt werden, der am Vorabend der US-Wahl aus Die himmlische Tafel las und hinterher verriet, das in seiner Heimat, dem Swing State Ohio, auf jedes Clinton-Plakat 20 von Trump kamen. Das war die Überraschung beim Aufwachen am nächsten Morgen gar nicht mehr so groß…

zz-grady-cover-condor-46685Natürlich gab es in diesem Jahr auch andere Spielarten des Spannungsromans, die großartig waren, genannt werden müssen. Exemplarisch für die Vielfalt: Die letzten Tage des Condor von James Grady, eine pynchoneske Paranoia-Studie, Franz Doblers intelligente Sunset Boulevard-Variante Ein Schlag ins Gesicht und Ian McEwans gewitzte Hamlet-Noir-Spielerei Nussschale.

Mehr zu lesen würde auch heißen weniger TV-Serien zu sehen, was auch ärgerlich wäre. Zwar ist die Zeit der ganz großen Erzählungen vorbei zu sein scheint (Wire, Sopranos etc. – und erwähne hier bitte niemand Game of Thrones, dieses pompöse Nichts), aber man traut sich weiterhin was in Fernsehland.

z-quarry-first-season-53846Überraschungssieger 2016 ist die Krimi-Serie Quarry, ein Achtteiler, der auf den Serienkiller-Romanen von Max Allan Collins basiert – mutig erzählt, mit viel Post-Vietnam-Flair, fantastischem Soundtrack, ganz große Klasse. Und dabei behandelt die Serie gerade mal die Vorgeschichte, also wie Quarry zum Killer wurde. Auf Augenhöhe: The Night Of, US-Achtteiler, der auf der britischen Vorlage Criminal Justice beruht. Geschrieben von Richard Price, mit einem brillanten Cast, angeführt von John Turturro – so very New York.

Weniger gelungen: Die TV-Verfilmung von Joe Lansdales Hap & Leonard-Romanen, und das trotz Michael K. Williams und Christina Hendricks. Langatmig und zäh, Elfmeter verschenkt. Und wer es noch nicht gesehen hat: Die Serienadaption von Fargo ist ebenfalls ganz großer Sport, Staffel 3 kommt 2017. Showrunner Noah Hawley hat übrigens mit Vor dem Fall bereits seinen fünften Roman geschrieben, über den Absturz eines Privatflugzeugs, wie es dazu kam und welche Auswirkung er hat. Packender Thriller, bissige Mediensatire, griffiger New-York-Roman und Künstlerporträt in einem – vielleicht weil Vor dem Fall in keine Schublade passt, ist er in Deutschland kaum wahrgenommen worden.
Also: Jetzt kommt Weihnachten, und Hawley wäre mein Tipp für die letzten, ruhigen Tage des Jahres…

Die CrimeMag-Texte von Marcus Müntefering gibt es hier. Zu seinem Blog Krimi-Welt geht es hier.

Tags : , , , , , , ,