Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Christopher Werth: Playing Video Games (14) – „Artful Escape“

Gaming kann Soulfood sein. Die reale Welt für eine Weile verlassen und abtauchen in den Magic Circle des Games. Hier gibt es klare Regeln, man findet sich zurecht, erfüllt eine Aufgabe und kommt gestärkt wieder raus. Vielleicht hat man auch was gelernt für das echte Chaos da draußen. 

Das Game The Artful Escape bietet genau das. Und mit einer Game-Mechanik, bei der ausnahmsweise auch niemand getötet werden muss. Die Waffe ist hier meistens eine E-Gitarre. Es geht um Folk-Music, psychedelische Science Fiction, Coming of Age. Um einen jungen Künstler, dem wir helfen müssen, seine wahre Identität, seine wahre Stage Persona zu finden.

Die Story: Wir steuern den jungen Musiker Francis Vendetti. Er ist der Neffe der verstorbenen Folk-Legende Johnson Vendetti. Francis sieht aus, wie der berühmte Onkel und ist mindestens so talentiert. Am nächsten Tag findet ein Festival zu Ehren des Folk-Sängers statt. Da soll Francis auftreten und die Songs des Onkels spielen. Aber da kommen Zweifel auf. Alle sehen in ihm nur den Neffen. Was ist mit seiner eignen Identität, seinen eigenen Songs? Mit Hilfe von durchgeknallten Aliens, freizügigen Gottheiten, diversen Gitarren und spacigen Outfits machen wir uns in der Nacht vor dem großen Auftritt mit ihm auf den Weg zu sich selbst. Wird er es schaffen, aus dem Schatten der Legende treten zu können – oder gnadenlos an diesem Anspruch und dem öffentlichen Druck scheitern?

Johnson Vendetti ist klar von Bob Dylan inspiriert. Der Soundtrack mischt dementsprechend nölig-lässigen Folk mit durchgedrehtem Space-Rock. Dieser Kontrast findet sich auch visuell in der Spielwelt wieder. Der fiktive Handlungsort Calypso liegt in einem herrlichen Gebirge von Colorado. Berge, Himmel und herbstlich bunte Wälder werden nachts zu LSD-trip-bunten Alien-Welten.

The Artful Escape ist das Debut des australischen Entwicklers Beethoven & Dinosaur. Die Musik kommt von Chef-Designer Johnny Galvatron, der selbst als Sänger und Gitarrist gearbeitet hat. Die Figuren werden von bekannten und bestens aufgelegten Schauspieler:innen gesprochen: Michael Johnston, Caroline Kinley, Lena Headey, Jason Schwartzman, Mark Strong und Carl Weathers. Bei aller Atmosphäre, tollem Soundtrack und visueller Kraft gibt es hier natürlich nicht den Adrenalin-Kick eines Shooters. Man darf sich auf die langsamere Erzählweise einstellen und entspannen. Es geht darum, eine farbenprächtig gestaltete Welt im Stil eines einfachen Sidescrollers zu erkunden und entspannt der Story zu folgen. Ein interaktiver Film zum Abschalten. Und natürlich lädt The Artful Escape auch dazu ein, mal über die eigene Stage Persona nachzudenken. Ein bisschen Inspiration von Aliens kann nie schaden, der nächste Auftritt kommt bestimmt.

Entwickler: Beethoven & Dinosaur
Designer: Johnny Galvatron
Publisher: Annapurna Interactive
Plattformen: Nintendo Switch, PlayStation 4, Xbox Series, iOS, Microsoft Windows, Xbox One, Linux, Mac OS, PlayStation 5
Genres: Jump ’n’ Run, Adventure, Indie Game, Actionspiel

© für Bilder: Annapurna Interactive

Hier geht’s zum Trailer:

Christopher Werth bei uns hier.

Seine Kolumne:
Christopher Werth: Playing Video Games (13) – Industria
Playing Video Games (12): Cyberpunk 2077
Playing Video Games (11): Resident Evil 4 VR
Playing Video Games (10): Matt Ruff „88 Namen“
Playing Video Games (9): Mundaun
Playing Video Games (8): Metro Exodus
Playing Video Games (7): Half-Life: Alyx
Playing Video Games (6): Papers, Please
Playing Video Games (5): Detroit: Become Human
Playing Video Games (4): Virtual Virtual Reality
Playing Video Games (3): „Through the Darkest of Times
Playing Video Games (2): … mit Shakespeare
Playing Video Games (1): „Firewatch“

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