Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Christopher Werth: Playing Video Games (13) – „Industria“

Ost-Berlin, 9. November 1989. Der Tag des Mauerfalls. Kurz nach 20 Uhr werden wir von einem Anruf geweckt. Es ist dringend, unser Kollege Walter scheint ernste Probleme zu haben. Die Stasi ist ihm auf der Spur, unsere Forschungsergebnisse vielleicht in ernster Gefahr. Im Fernsehen laufen die Bilder der feiernden Berliner:innen. Wir rappeln uns vom Sofa auf und machen uns wieder auf den Weg zum Institut. Stasi-Fahrzeuge parken davor. Wir gehen rein und machen uns auf die Suche nach Walter.

Das Institut ist menschenleer. Offensichtlich ist es der Arbeitsplatz des Hauptcharakters des Spiels, der jungen Informatikerin Nora. Die Notbeleuchtung flackert. Wir schleichen uns durch die funktional-nüchternen Gänge der typischen DDR-Architektur und durch diverse Sicherheitsschranken. Erst dann erfahren wir, worum es in diesem Institut überhaupt geht: Um ATLAS, ein geheimes Projekt zur Entwicklung von Künstlicher Intelligenz. Riesige Rechner mit Bändern und Lochkarten bringen uns in die Bronzezeit der Informatik. Walter ist nirgendwo zu finden. Immer weiter dringen wir in die mysteriöse Anlage rund um eine gigantische Rechenmaschine. 

Bis zu einem verbotenen Raum. Das Herzstück der Anlage. Von hier ist Walter verschwunden. Er hat sich von hier in eine alternative Realität katapultiert. Natürlich fassen wir allen Mut und folgen ihm. In der nächsten Szene befinden wir uns in einem überwucherten 70er Jahre Setting wieder. Eine Art Atrium eines anderen Instituts. Plakate erinnern an die feierliche Einweihung einer Maschine. Wir verstehen: Die Künstliche Intelligenz hat uns in eine andere Realität geschickt, an der Walter im geheimen gearbeitet haben muss. Eine Welt, in der mit Hilfe von intelligenten Maschinen eine neue Gesellschaft geschaffen werden sollte. Ein Experiment, das offensichtlich gründlich schief gegangen sein muss. Egal. Nora macht sich auf die gefährliche Suche nach Walter und das Spiel wird zum atmosphärischen Mystery Shooter. Der Ort ist eine Art alternatives Parallel-Berlin, das vollkommen in der Hand geheimnisvoller Maschinen zu sein scheint, die kein Interesse daran haben, dass Nora hier lebend wieder rauskommt – oder gar Walter findet. Dafür sorgen Horden von unterschiedlichen humanoiden Killer-Robotern.

So dramatische beginnt Industria, das erste Spiel des 2-Personen jungen Indie-Studios Bleakmill aus Berlin und Glasgow. Rau, roh und ungeschliffen – aber mit klarer Vision, voller Leidenschaft und Liebe zum Detail. Man spürt in jeder Sekunde, dass hier Herzblut drinsteckt. Inspiriert von DDR-Architektur, David Lynchs klaustrophobischem Set-Design und natürlich von Half-Life 2

Je nachdem, wie viel Zeit man sich lässt, dauert Industria nur etwa vier Stunden – aber das Erlebnis und die Atmosphäre werden im Gedächtnis bleiben. Ein Spiel für Leute, die Kreativität und Arbeit, die darin stecken, zu schätzen wissen, die keine hochglanzpolierte AAA Produktion mit perfekter Grafik, langer Story und mit unterschiedlichsten Leveln erwarten. Wir tauchen wie gesagt in das revolutionäre Ost-Berlin des Jahres 1989 und von da wiederum in eine KI-dominierte, mysteriös-bedrohliche Parallelwelt. Allein das lohnt sich schon, um Industria eine Chance zu geben. Und der interessante Plot-Twist am Ende lässt außerdem auf eine Fortsetzung hoffen.

© Bilder: Bleakmill Games

Hier geht es zum Trailer:

Einblicke in die Entwicklung:

Hier zu Industria bei Steam, eine eigene Website hat das Spiel nicht.

Christopher Werth bei uns hier.
Seine Kolumne:
Playing Video Games (11): Cyberpunk 2077
Playing Video Games (11): Resident Evil 4 VR
Playing Video Games (10): Matt Ruff „88 Namen“
Playing Video Games (9): Mundaun
Playing Video Games (8): Metro Exodus
Playing Video Games (7): Half-Life: Alyx
Playing Video Games (6): Papers, Please
Playing Video Games (5): Detroit: Become Human
Playing Video Games (4): Virtual Virtual Reality
Playing Video Games (3): „Through the Darkest of Times
Playing Video Games (2): … mit Shakespeare
Playing Video Games (1): „Firewatch“

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