Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Claudia Denker, Garry Disher, Anita Djafari, Louise Doughty

Clauda Denker: Das war dann mal das, 2023! 

»Und ich hatte noch nie Corona.« Das schrieb ich im letzten Jahr an dieser Stelle. Allerdings stieg meine Körpertemperatur pünktlich Heiligabend nachts (2022) auf über 39 Grad und alle meine Pläne für Weihnachten waren über den Haufen geworfen. Aber es war gar nicht so schlimm, hatte ich doch vorher noch für den Besuch bei meinen Eltern gekocht und gebacken, war also gut versorgt. Und wenn man dann auch noch zu zweit ein bisschen krank ist, dann kann das sogar sehr gemütlich sein. 

Aber 2023 kam ja dann, und das war das Gegenteil von gemütlich. Ich habe mal gezählt. Sieben Krankenhäuser habe ich in diesem Jahr besucht, keines, in dem ich mich nicht verlaufen habe, und in allen war das Personal knapp, nur manchmal freundlich, und natürlich völlig gestresst und überlastet. Alle Lieben, die ich besucht habe, sind gottseidank wieder zu Hause. Das ist mein größtes Highlight am Ende dieses Jahres.

Total eingespannt war ich also von Anfang bis Ende 2023, neben der Arbeit und meinen ganzen »Patienten« blieb nicht viel übrig für Freizeit oder Halligalli. Eine wunderschöne Ausnahme gab es aber doch im März – Stoppok feierte sein Album »Happy End im Lalaland«, in der FABRIK in Hamburg. Vor 30 Jahren erschien es, Stoppok war damals sogar auf dem Cover vom »Rolling Stone«. Ganz viele alte Bekannte standen im Frühjahr auf der Bühne, das ganze Wochenende war wie ein Klassentreffen, nur schöner. Ich denke sehr gerne daran zurück.

Genau wie an die beiden Konzerte kurz vorher im »Speakeazy« in Kreuzberg – Danny Dziuk machte mit Krazy und Karl Neukauf den Laden zwei Mal voll. Und 2024 wird es hoffentlich wieder so sein (bitte notieren: 22./23.03.2024). 

Und noch einmal Musik. Ich hatte mich schon im Sommer sehr über das Geburtstagsgeschenk gefreut: Karten für die Pretenders im Columbia-Theater – und dann die Enttäuschung – der Liebste konnte wegen Krankheit nicht. Dass der wunderbare Max Annas spontan zusagte, mein Ersatzbegleiter zu werden, war ein großes Glück! Eben auch, weil er die Band, oder eher Chrissie Hynde, schon immer mochte. Auf das Lied »Brass in Pocket« haben wir zwar umsonst gewartet, der Abend war trotzdem sehr schön! Ich schicke liebe Grüße nach Ägypten!

Es gibt noch einen anderen wunderbaren Max – Max Schwarzlose, Fotograf und Schlagzeuger, hat uns sein »Studio 24« in Schöneberg einfach so zur Verfügung gestellt, damit wir (ich natürlich nur im Hintergrund) die Talk-Runde mit Thomas Wörtche und Sonja Hartl wieder aufleben lassen können. »Abweichendes Verhalten« wurde die Veranstaltung getauft, benannt nach Sonjas Podcast (Gespräche über Crime Fiction). Die beiden Krimi-Experten laden sich immer einen neuen Gast ein. Drei Mal ist die Runde schon zusammengekommen. Wir hatten viel Freude mit Matthias Wittekindt, Max Annas und Johannes Groschupf. Und bitte ebenfalls notieren: den 24.01.2024! Sally McGrane wird kommen, außerdem ist es immer schön, die üblichen interessierten Verdächtigen wiederzutreffen, man sieht sich ja sonst einfach zu wenig. Nicht zu vergessen: Robert Rescue liest immer am Ende eine seiner wunderwitzigen Geschichten vor. 

Ganz herzlichen Dank an Max S., der uns jedes Mal so liebevoll empfängt und sich um unser Wohl kümmert. 

Gelesen habe ich natürlich auch ein bisschen, meine Lieblingsbücher dieses Jahr sind:

James Kestrel: Fünf Winter (Suhrkamp)
Andreas Pflüger: Wie Sterben geht (Suhrkamp)
Regina Nössler: Kellerassel (Konkursbuch)
Frank Göhre: Harter Fall (CulturBooks)
Jérôme Leroy: Die letzten Tage der Raubtiere (Edition Nautilus)
Pascal Garnier: Der Beifahrer (Septime)
Percival Everett: Die Bäume (Hanser)
Megan Abbott: Aus der Balance (pulp master)
Nevala & Karlsson: Zwielicht. Verrat. (DuMont)
Candice Fox: Stunde um Stunde (Suhrkamp)

Außer Krimis:
Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord (mare)
Myriam Leroy: Rote Augen (Edition Nautilus) 

und – ganz neu:
Robert Rescue: Diejenigen, die Gegenstände auf Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen (Periplaneta)

Wenn das mal kein schöner Titel zum Abschluss ist!

Allen ein gutes neues Jahr!

Claudia Denker ist freie Buchhändlerin in Berlin, Gründerin der Krimibuchhandlung „Hammett“ – und Freundin unseres Projekts von Anfang an. Ihre Beiträge zu unserer monatlichen „Schatzsuche“ sind sehr geschätzt.

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Garry Disher: Tony Hillerman’s Joe Leaphorn and Jim Chee novels

I recently watched the first series of Dark Winds, the television adaptation of a Leaphorn and Chee novel written by the late American writer, Tony Hillerman.  It’s well done—if not very faithful to the original—and took me back to the novels, which I enjoyed immensely when I started writing crime fiction.  They’re sinuous, well written, with convincing characters in a vivid setting, namely the Navaho reservation country where Arizona, New Mexico, Colorado and Utah meet.

It’s a sparsely settled world of stony mesas, dusty creek beds, small towns, empty highways, trading posts and hogans.  Of prospectors, sheep herders, shahmans, Navahos in pickups, Indian Affairs bureaucrats, shady outsiders and two Navaho Tribal Police officers.

Joe Leaphorn is the senior officer.  Educated, calm, methodical, he moves easily between the modern and the traditional worlds.  Jim Chee is more hot-headed and holds to the old ways of the Navaho nation while trying to resolve contradictions between the two worlds.

My favourite is the 1988 novel, A Thief of Time, which starts with the suspicious disappearance of an anthropologist in an area of Anasazi cliff dwellings.  Leaphorn and Chee are complexly realised, with Leaphorn grieving the death of his wife, and Chee realising he doesn’t belong in the world of his Anglo lover.

Setting is vital in fiction and I was heartened to learn that Hillerman began every chapter knowing the mood of the protagonists and the setting: the temperature, aromas on the breeze, the light quality, the cloud formations.

But where I’m obsessive about planning, Hillerman said he rarely knew what the central crime was, or the reasons for it and how to resolve it, until the end.

Although not a native American, he was honoured by the Navaho people for how he portrayed them.  But these days it’s less acceptable to write as if from the viewpoint of someone from across the divide.  I believe that one of the main tasks of a fiction writer is to step inside the skins of characters unlike themselves, but, at the same time, I am not female or indigenous and know that I’m not able to properly convey the experiences of someone who is, and so the indigenous elder, Auntie Steph, in my novel Day’s End, is seen only through Hirsch’s eyes. 

Garry Disher, einer der besten Kriminalautoren der Welt, kam 2022 Corona zum Trotz mit „Stunde der Flut“ (bei uns von Alf Mayer besprochen) auf Lesereise nach Deutschland und nahm auch an der Tagung „Ästhetik des Kriminalromans“ teil. Bloody Questions für ihn von Marcus Münterfering. Alf Mayers Besuch bei ihm auf der Mornington Peninsula „Der Schauplatz als Charakter.“ und ein zweites Mal in 2020.

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Anita Djafari

Vielleicht eines der wichtigen persönlichen Ereignisse zuerst: Ich bin in diesem Jahr aus der Weltempfänger-Jury ausgeschieden. Nach 15 Jahren ist es einfach mal gut. Ich genieße es, kreuz und quer zu lesen, die Lektüre aber nicht mehr unbedingt verwerten zu müssen. Ich kann es aber nach Lust und Laune tun und vergnüge mich deshalb umso mehr neben anderen Formaten mit unserem Podcast, der mir mit meiner neuen Gesprächspartnerin Katja Fasshauer großen Spaß macht (für mich ist, nebenbei bemerkt, das Tolle an Katja, dass sie begeisterte Leserin ist, aber nullkommanix mit dem Literaturbetrieb zu tun hat).

Hier nur eine kleine Auswahl meiner Lektüre-Highlights: 

Helga Schubert, Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe. Kiepenheuer & Witsch. Ein schönes (autobiografisches) Buch über den Alltag bei der häuslichen Pflege ihres Mannes. Auch wenn man nicht direkt betroffen ist: Es ist ein Trostbuch, das viel Helligkeit in dieses vermeintlich dunkle Thema bringt. Literarisch sorgfältig komponiert und gearbeitet  von der 82jährigen Bachmann-Preisträgerin von 2021 gearbeitet. 

Ewald Frie. Ein Hof und elf Geschwister. C. H. Beck. Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2022. Ich wusste schon vor der Lektüre, dass mir dieses Buch gefallen wird. Genial wie der Historiker den Niedergang des bäuerlichen Lebens in der Bundesrepublik anhand seiner eigenen Familie beschreibt und dabei gut recherchierte Fakten mit eigenem Erleben und dem seiner vielen Geschwister zu kombinieren versteht. Eine Fülle von Material, auf bewundernswerte Weise verdichtet. Ein erzählendes Sachbuch par excellence. Ich habe viel von meiner eigenen Geschichte und Herkunft jetzt viel besser verstanden. Kein Wunder, dass das Buch binnen kurzem mindestens 11 Auflagen erreicht hat. 

Carl Nixon, Kerbholz.  Ü: Jan Carsten. Culturbooks. Zwischendurch muss auch immer mal wieder ein Krimi her. Also ein guter Kriminalroman. Der hier ist wieder mal vom Feinsten, nicht die erste Übersetzung dieses Autors auf Deutsch. Eine Familie mit drei Kindern wandert nach Neuseeland aus und verunglückt mit dem Auto, noch bevor der Vater den neuen Arbeitsplatz angetreten hat. Die Kinder überleben und werden „gerettet“ von einem skurrilen Paar, das einen sehr entlegenen und heruntergekommenen Hof bewirtschaftet. Dort werden sie ausgebeutet, während ihre englischen Verwandten nach ihnen suchen. Spannend und atmosphärisch dicht beschreibt Nixon das Zusammenleben in einer Natur, das allen viel Anpassungsfähigkeit abverlangt. 

Yuko Tsushima. Räume des Lichts. Ü: Nora Bierich. Arche Verlag. Kaum zu glauben, dass dieser Roman zum ersten Mal im Jahr 1979 in Japan veröffentlicht wurde. Jetzt hat ihn der Arche Verlag in einer Neuübersetzung wieder zugänglich gemacht. Eine junge Mutter wird überraschend von ihrem Mann, einem Taugenichts, verlassen und ist mit ihrer vierjährigen Tochter allein auf sich gestellt. Für die Wohnung, die sie jetzt suchen muss, hat sie vor allem eine Bedingung: Viel Licht. Es geht um ein Jahr im mühsamen Alltag einer Alleinerziehenden, die Broterwerb, Verantwortung für ihr Kind und ihre ganz persönlichen Bedürfnisse versucht, unter einen Hut zu bringen. Die Beschreibung ist schonungslos offen, die Sprache so nüchtern, dass sich das Drama dieses Alltags dadurch umso deutlicher vermittelt. Ich habe es mit angehaltenem Atem und voller Bewunderung für die Kunst der Autorin gelesen.

Es gab auch für mich persönlich noch viele, viele Wiederentdeckungen (Brigitte Reimann, Buchi Emecheta, Marlen Haushofer, Gabriele Tergit, Anita Brookner …) – eine Kategorie, die nahezu wild um sich greift, mich aber schon seit längerem beschäftigt. Die kleinen Unabhängigen machen das ja schon länger, jetzt springen auch die großen Publikumsverlage auf. Was ist das eigentlich für ein interessantes Phänomen? Gibt es dazu schon kluge Überlegungen? Erwähnen muss ich aber unbedingt eine Neuentdeckung: Slata Roschal mit ihrem Roman 153 Formen des Nicht-Seins“, erschienen 2022 im kleinen unabhängigen Homunculus Verlag, den es bereits nicht mehr gibt. Ich habe sie quasi zwangsläufig entdeckt durch meine Jury-Arbeit für den neu geschaffenen Literaturpreis „Christine“, der vom Netzwerk der BücherFrauen alle zwei Jahre vergeben wird, dotiert mit immerhin 10.000 Euro.

Diese junge deutsch-russische Autorin fügt dem (mittlerweile etwas überstrapazierten) Identitätsdiskurs eine ganz neue Facette hinzu und hat für ihr Buch eine sehr eigenwillige, besondere Form gefunden. So fragmentiert wie das Leben einer jungen Frau (bzw. unser aller Leben) heutzutage ist –  als Mutter, Ehefrau, Tochter Zeugen Jehovas, mit teilweise jüdischem Hintergrund, als Lyrikerin, Wissenschaftlerin, Schreibende mit Ambitionen, als Suchende – so zerstückelt ist ihr Text eben in 153 literarische Schnipsel, zu denen auch mal einen Einkaufsliste oder eine Ebay-Anzeige gehört. Autofiktional, autobiografisch grundiert, postmigrantisch? Völlig wurscht, diese Autorin entzieht sich jeder Zuschreibung. Ihre kluge und gewitzte Danksagung bei der Preisverleihung ist unbedingt hörenswert. Hier Laudatio und Dankesrede.

Slata Roschal in Erfurt kennengelernt zu haben war eine große Freude. 

Und zu guter Letzt noch ein Hinweis auf ein schönes Format, das kleine Reisen mit Literatur verbindet. Im Frühjahr war ich in einem Seminar auf den Spuren von Kafka in Meran. Hier hat er seine „Briefe an Milena“ geschrieben. Diesem geistreichen, komplizierten und ja humorvollem Genie kann man in seinen Schriften immer wieder aufs Neue folgen. Aber vielen anderen Autorinnen und Autoren ebenso. Hier das ganze Programm für 2024: Literatur an Ort und Stelle.

Viel Literatur also in diesem Jahr. „Ziemlich einseitig“, meint mein Sohn. Stimmt. Aber immerhin habe ich für mein Engagement in der Literaturvermittlung das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. Das war die größte, erstmal verstörende Überraschung in diesem Jahr. Die Feier in der Dienstvilla des hessischen Ministerpräsidenten zusammen mit Familie und einigen Weggefährten habe ich dann aber richtig genossen. 

Im nächsten Jahr gibt es dann wieder ein bisschen mehr Musik, Oper, Filme, Reisen – hoffentlich. 

Anita Djafari ist Literaturvermittlerin und war längere Jahre Jurysprecherin der Litprom-Bestenliste WeltempfängerTexte bei uns von ihr hier.

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Louise Doughty: Wafer-thin

It must be said that 2023 is a year when it’s been hard to find cause for hope or optimism. I suppose each individual makes their own bargain with themselves: how do I continue to put one foot in front of the other when there is so much wrong in the world that I can’t put right? At such times, writers often feel they and their works are trivial, and for a good reason: because we are. More good is done by the nurse who changes an elderly person’s bedpan with kindness and consideration than the entire oeuvre of any novelist – and yet, most of want to believe that what we do is not, at the end of the day, pointless. A lot of trees die for us, after all.  

My own private bargain goes something like this: when you read a novel, you get to walk in someone else’s shoes. And so, when you make up a story, there’s a chance – a slim chance – that someone will read it and think, this person who is very different from myself has the same hope and fears. And right now, that is something that cannot be said, or thought, too often.

This wafer-thin cause for optimism was emphasised to me in the autumn of this year when I had the great good fortune to travel to two very different countries in the course of promoting my tenth novel. I went to Indonesia for the Ubud Writers & Readers Festival in October, and the following month found myself in Reykavík for a festival called Iceland Noir.  Indonesia is a vast archipelago of 17,000 islands – Iceland is a tiny country of one (give or take a few, low-lying mounds). At the risk of sounding obvious, Indonesia is very hot and Iceland very cold. But they both have volcanoes, lots of volcanoes, and share the dubious honour of being top amongst the places you go to if you want to see one erupt. I was writing at a desk in Indonesia one day, when there was a tremor so short and fierce it felt as though someone had come up behind and me and given my chair one swift and violent shake – how’s that for a bad review? At Iceland Noir, there were a handful of absences from foreign writers alarmed by reports of a potential eruption beneath the town of Grindavík, not far from the main airport. ‚Iceland Evacuates‘, declared CNN. Well, no. Grindavík evacuated and my typically phlegmatic Icelandic hosts had a good chuckle about the writers that didn’t show up, as they handed me another cocktail. They read a lot of books in Iceland, and they drink like fishes.

But what was most pleasing about these two trips, coming back-to-back as they did, was that whether I was in Reykavík or Maumere, a town on far side of Flores (halfway between Bali and East Timor), the questions were the same: what’s it like being adapted for television? Are you very disciplined? And the trusty stand-by, where do you get your ideas from? It reminded me that there is a commonality across the globe, an interest in creative worlds, a belief that made-up stories matter.  Small beer, perhaps, but better than nothing.

And so, as we enter 2024, amongst the books I’m most looking forward to reading are those from Yrsa Sigurdardottir (Iceland) and Eka Kurniawan (Indonesia), along with new novels from Sinéad Gleeson (Ireland) and Imran Mahmood (UK), for the world is complex, diverse and plural, and yet human beings have so much in common, and even though we can’t fix the world, those qualities are cause for celebration, at least.

Dies ist Louise Dougthy – ihr Roman A BIRD IN WINTER erscheint nächstes Jahr in der TW-Edition.

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