Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Andreas Pflüger, Hazel Rosenstrauch, Sybille Ruge

Andreas Pflüger: Meine Kulturhighlights 2023

Prosa: Ofer Waldman, Singularkollektiv (Wallstein)

Lyrik: Johanna Hansen (Bilder) und Ulrike Schrimpf (Gedichte), Pariser Skizzen / Je te flingue (Edition Melos)

Sachbuch: Aurélie Bros (Hrsg.), Briefe von Frauen aus der Ukraine an die freie Welt (Elisabeth Sandmann Verlag)

Serie: The Offer

Film: Nur Nieten gezogen, die schlimmste war Avatar II.

Album: Wilco, Cousin

Wiederentdeckt: Puccini, Turandot, Mailand 1957, Maria Callas

Konzert: Dvořáks Mittagshexe, Heimspiel der Berliner Philharmoniker, dirigiert von Robin Ticciati

Ausstellung: Daniel Boyd, Gropius Bau Berlin

Fotografie: Michael Dressel, Lost Angeles

Architektur: Mario Cucinella Architects, Kirche Santa Maria Goretti in Mormanno, Kalabrien

Ballett: Bin seit 66 Jahren abstinent.

pflüger

Freudensprung des Jahres: Deutscher Krimipreis für Wie Sterben geht

Als ich ihn zum ersten Mal gewann, 2018 für Niemals, kam das für mich aus dem Nichts. Mit Endgültig, dem Auftakt der Jenny-Aaron-Trilogie, war ich zuvor leer ausgegangen und dachte nicht im Traum daran, mit dem Nachfolgeband aufs Treppchen zu kommen. Der Preis hat mich damals wirklich überrascht, das war schön und irgendwie surreal. Dieses Mal fühlt es sich ganz anders an. Schon bald nachdem Wie Sterben geht herauskam, haben viele Menschen, auch öffentlich, geraunt, dass ich das Ding so gut wie in der Tasche hätte. Und ich wusste, dass dem nicht so war. Es gab 2023 eine Reihe sehr guter deutscher Kriminalromane – zwei davon wurden am Ende gemeinsam mit mir ausgezeichnet – und Jurys sind immer unberechenbar; das habe ich schon in meiner Zeit als Drehbuchautor mehr als einmal erfahren. Ende November flüchtete ich mich dann in Fatalismus und versprach mir selbst, nicht enttäuscht zu sein, wenn es nichts wird. Und dann diese Nachricht. An dem Abend, an dem ich es erfuhr, habe ich Wodka mit Nina Winter und Rem Kukura getrunken, und wer schon mal in Moskau war, weiß, dass dafür Wassergläser aus dem Schrank geholt werden.

Andreas Pflüger wurde gerade frisch mit dem Deutschen Krimi Preis 2023 für seinen Thriller »Wie Sterben geht« ausgezeichnet. Eine Besprechung von Ulrike Schrimpf bei uns hier. Ebenfalls im Herbst 2023 erschien von ihm »Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben«, daraus hat er uns exklusiv für unseren Jahresrückblick eine Textauswahl zusammengestellt. Zu beiden Büchern hat er Alf Mayer je in einem ausführlichen und launigen Interview Auskunft gegeben: »Den Tiger reiten« und »Artisten auf dem Hochseil«. Pflügers Texte bei uns hier.

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Hazel Rosenstrauch: Weinend und lachend sage ich dem Jahr adieu

Bevor ich mich zwecks Rückblick an die Maschine setze, mache ich einen Spaziergang, vielleicht fällt mir dann noch anderes ein als zwei grauenhafte Kriege, die nicht gestoppt werden (können?). Ich würde gerne auch noch an anderes denken als Weihnachtsbeleuchtung, Freunde, die fünf Mal im Jahr durch die Gegend fliegen und eine desavouierte Kämpferin für das Klima. Ausnahmsweise scheint auch in Berlin die Sonne und im Park liegt Schnee. Wieder zu Hause krame ich im Tagebuch und muss mir eingestehen, dass ich den guten Vorsatz, endlich meine Papiere zu ordnen, wieder nicht realisiert habe. Unter der Überschrift “Newspeak” finde ich (Eintrag Ende Februar) die Wortschöpfung “wertegeleitete Waffenexportpolitik”. 

Aber jetzt habe ich frische Luft getankt und weiß wieder, dass ich in diesem Jahr angefangen habe, Wikipedia nicht nur zu konsumieren, sondern auch mitzumachen. Und überhaupt, mich vom zunehmend langweiligeren Literaturbetrieb abwendend, in diese andere Welt gezogen bin. Ich erinnere mich an den Vortrag in einem Hacker- und Maker-Space. Relativ junge Leute, von Geschichte und “meiner” Kultur wissen sie nichts, aber anders als bei Lesungen in gediegenen Häusern haben sie weit geöffnete Ohren, sind neugierig, wollen mehr wissen (und halten keine Co-Referate). Ja doch, das war ein eindrucksvolles Erlebnis, weshalb ich mich nun ständig über “Open Source” und die weltweite Unabhängigkeitsbewegungen im Netz informiere. 

Selbstverständlich lese ich weiter auf ganz altmodische Art Bücher, gehe ins Kino, in Konzerte, seltener ins Theater, wo nur noch mit Mikro gesprochen wird. Zwei Filme haben mich so beeindruckt, dass ich die Titel noch immer weiß: “Ein Triumph” über Becketts ‘Warten auf Godot’, gespielt mit Insassen eines Gefängnisses. Und “Divertimento” über eine Frau aus den Pariser Banlieus, die Dirigentin wird. Beide Filme basieren auf realen Geschichten, beide erzählen von den Wundern, die Kunst an Orten vollbringt, wo sie nicht “zu Hause” ist. 

Unter den Mails des vergangenen Jahres findet sich die Nachricht “Vor vierzig Jahren haben Sie promoviert.” Oje, immer diese Erinnerung an die Vergänglichkeit. In meiner Nähe gibt es einen hübschen kleinen Friedhof, auf dem ich in diesem Jahr mehrere Freunde verabschiedet habe.

Abgesehen von Krieg, Klimakatastrophen, toten Freunden und falschen Juden (wo ist Herr Wolff wohl jetzt, wo sind überhaupt all die Philosemiten, die so laut getönt haben und von denen ich seit dem 7. Oktober nichts mehr höre?) gab es zum Glück noch gedruckte Büchern, darunter sind einige, die meinen Glauben an Qualität, Kunst und Klugheit gestärkt haben. Von Emine Sevgi Özdamar habe ich alles begeistert gelesen, sollte es unter den Lesern dieses Rückblicks noch jemanden geben, der ihre Bücher nicht kennt, lege ich sie ihnen ans Herz. Passt das Wort Vergnügen zu Büchern, die vom Faschismus handeln? Ja doch, ein “Bericht” wie der von Emilio Lussu – “Marsch auf Rom und Umgebung” – stärkt. Und wenn ich schon über Vergnügen schreibe, will ich mich und andere an Lea Ypis Buch mit dem einfachen Titel “Frei” erinnern. 

Das Jahr war also nicht nur grauslich, es hat mir auch schöne Erfahrungen beschert. 

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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Sybille Ruge: Safe spaces

Im November 2023 war ich Teilnehmerin beim Frankfurter Forum für Junges Theater in der Sankt Peter Kirche, die ihre Räumlichkeiten für Events vermietet (Online-Seelsorge).

Vorab wurde allen der Verhaltenskodex geschickt, der auch an der Rückseite der Stühle klebte, an den Wänden hing, auf den Tischen auslag. Der Kodex kreiste ausschweifend um Diskriminierung. Ich konzentrierte mich zu stark auf den Kodex, so dass ich die erste Hälfte des Forums verpasste, in dem es um Transformation und Diversität ging. In der Pause ließ ich mir von den Mitgliedern des Awareness Teams die safe spaces zeigen, legte mich in einen klebrigen Sitzsack und schlief ein. Im Traum transformierte ich das Märchen der Fascho- Brüder Grimm. Take that- Grimm Brothers!

Rotkäppchen

Ein kleines Mädchen (nonbinär) wird von der Gesellschaft (patriarchalisch) Rotkäppchen genannt, eine Festlegung(diskriminierend) aufgrund ihrer roten Mütze. Rotkäppchen geht mit einem Korb (Polyester aus Ocean Plastics), gefüllt mit veganem Kuchen (ohne Butter), einer Flasche alkoholfreien Weins (klimaneutral hergestellt) und ein paar losen Nudeln (Unverpackt Laden) zu ihrer kranken FLINTA Großmutter (Oberlippenbart). Auf dem Weg durch den Generationenwald (nachhaltige Geldanlagen) begegnet sie einer marginalisierten Gruppe (Forstarbeiter) und einer geschützten Tierart, die sich als Wolf liest und vorstellt. Sie plaudern kurz, der Wolf erzählt Rotkäppchen, dass er vergangene Woche 7 Schafe gerissen hat und Rotkäppchen sagt: „Danke, dass du das mit mir geteilt hast.“ Geschickt entlockt der Wolf dem Mädchen die Adresse der Großmutter, rennt zum Haus, frisst die Alte auf (Rentenkasse ist eh alle) und legt sich mit den Klamotten der Großmutter (cross dressing) ins Bett (Heizkosten sparen). Rotkäppchen betritt ahnungslos das Haus und wird von dem Wolf ebenfalls gefressen. Ein Jäger (Cis Mann mit akademischem Hintergrund) hört das Schnarchen. Er lädt seine Knarre und knallt den Wolf ohne Genehmigung der Bundesbehörde für Naturschutz und Landschaftspflege ab. Für diese letale Entnahme muss er sich vor Gericht verantworten (Freispruch in zweiter Instanz). Rotkäppchen beginnt nach ihrer Befreiung eine siebenjährige Analyse bei einer nach kapitalistischer Produktionsweise arbeitenden Psychiaterin, nennt sich fortan Rotbäckchen, bewirbt sich bei Germanys Next Topmodel, wird gemobbt, weil sie Tiere hasst, bricht ihr Schweigen und wird von Pro 7 verklagt. Die Großmutter kämpft für Straßenhunde in Rumänien (Demenz). Ein korrupter Beamter (Mitglied einer rechtsterroristischen Vereinigung) verkauft den Wolf an einen Tierpräparator, der auch Teil des Teams ist, das dafür sorgt, dass Lenin, Ho-Chi-Minh, Kim Il-sung und Kim Jong-il besser aussehen als je zuvor (freie Kapazität vorhanden, falls Putin, Erdogan etc. das lesen). Die präparierte Tierleiche wird von einem Dealer (arabischer Clan) an einen adligen Anwalt (Reichsbürger) vertickt, wo der Wolf als Briefbeschwerer auf einem Schreibtisch aus Tropenholz steht und von Mandanten der Kanzlei Blondie genannt wird. Mit einem Happy End ist also nicht mehr zu rechnen.

(Text aus „10 Stunden außer Dienst“)

Am 11. März 2024 ist es soweit – da erscheint Sybille Ruges neuer Roman „9mm Cut“ in der TW-Edition. Ihr Roman-Debüt Davenport 160 x 90 von 2022 in der TW-Edition und wurde stark beachtet. Bei ihrem Jahresrückblick 2021 kannte sie noch niemand. Besprechungen bei uns hier von Sonja Hartl und Joachim Feldmann & Alf Mayer.

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