Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Thomas Wörtche: Laudatio für Friedrich Ani

Laudatio für Friedrich Ani

Wie lange ich Friedrich Ani kenne, weiß ich gar nicht mehr, also sehr lange. Das hat ursprünglich vermutlich mit unserem gemeinsamen Freund, dem leider schon gestorbenen Kölner Verleger Hejo Emons, zu tun, der Friedrich Ani damals zu seinem ersten Kriminalroman inspiriert hatte – wir reden also von Jahrzehnten. Und an dem Tag, an dem ich meinen Herausgeber-Vertrag mit Suhrkamp unterschrieben habe, hat mir unser Verleger Jonathan Landgrebe fröhlich verkündet, man habe gerade Friedrich Ani ins Haus geholt. Da war ich dann doch ein bisschen angefressen, weil auf meiner To-Do-Liste für Suhrkamp, Tag 1 stand: „Ani akquirieren“. Aber weil das so gekommen ist, ich also nicht für die Texte von Friedrich Ani bei Suhrkamp zuständig bin, darf ich medienhygienisch unbedenklich hier stehen. Die späte List der Fügung.

Den „Literaturpreis der Landeshauptstadt München“, so entnehme ich den Regularien, bekommt man, wenn man ein „in Stil und Gehalt herausragendes literarisches Gesamtwerk“ vorweisen kann. Der Akzent liegt dabei deutlich auf „Gesamtwerk“, noch deutlicher auf „bisheriges Gesamtwerk“.

Wie zutreffend dies für Anis literarisches Schaffen ist, zeigt ein einfacher, kleiner Katalog von Schlüsselwörtern, die überall in seinen Texten, unabhängig von der jeweiligen Textsorte, auftauchen und wie wir wissen, hat sich Friedrich Ani in so ziemlich allen Textsorten sehr erfolgreich bewegt: Roman, Kurzgeschichte, Lyrik, Hörspiel, Drehbuch, Theater, Essay. Auch in Interviews und Statements finden wir diese Schlüsselwörter immer wieder. In der Hölderlin-Philologie (auch Hölderlin taucht oft genug bei Ani auf, Tabor Süden trägt immer ein Bändchen bei sich) spricht man in diesem Zusammenhang von „Quellwörtern“ – bei Friedrich Ani wären solche Quellwörter etwa: „Schweigen, Stille, Verschwiegenheit, Verschleiern, Feigheit, Weinen, Fremdheit, Unsichtbarkeit, Scheitern, Wut, Zorn, Anderssein“. Das hört sich alles erst einmal sehr nach Moll an, der Tonart also, die einem, laut Goethe, „das Herz quetscht.“  Aber solche sich durch alle Texte ziehenden Schlüsselwörter sorgen dafür, dass Anis Gesamtwerk eine feste Konsistenz hat, dass die eine Textsorte nicht nur wegen ihres Verfassers, sondern auch wegen ihrer literarischen und ästhetischen Substanz mit den  anderen zusammenhängt.

© Suhrkamp Verlag

Friedrich Ani gehört ohne Zweifel zu den herausragenden deutschsprachigen Autoren von Kriminalromanen. Das ist er, weil er, in dieser Manier weltweit einzigartig, den Begriff von Kriminalität, der seinen zurecht hochgelobten Kriminalromanen zu Grunde liegt, erheblich erweitert und weit vom Schema „Mord – Aufklärung“ entfernt hat. Natürlich gibt es im Universum seiner Ermittlerfiguren, von Tabor Süden, dem Vermissten-Sucher, von Polonius Fischer, dem entlaufenen Mönch,  von dem blinden Jonas Vogel, von Fariza Nasri, die vor Wut „bellt“ oder von Jakob Franck, dem Todesboten, Morde, fallen hin und wieder Leichen an und werden Täter identifiziert – und öfters eben auch nicht, ohne dass dies den Charakter dieser Romane als Kriminalromane schmälern würde. Es geht vielmehr meist um „Vermissungen“ – dieses schöne Wort hat Ani wenn nicht erfunden, so doch in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeführt -, um Schicksale anscheinend unspektakulärer Menschen, um soziale und psychologische Tragödien, die, by the way, auch die reale Polizei weit mehr beschäftigen als Morde. Was man durchaus auch als kritischen Realismuscheck gegen den Mainstream des handelsüblichen Krimis lesen kann, der Kriminalität meist nur als cause célèbre, als skandalösen Einzelfall, behandelt.

Überhaupt stehen die Kriminalromane von Friedrich Ani quer zu den üblichen Trends des Genres. Keine metzelnden Scheusale, keine getüftelten Plots, bei denen Figuren und Konstellationen in die Funktionale gerutscht sind. Ani ist ein später Seelenverwandter des oft verfilmten amerikanischen Autors Cornell Woolrich, einer der Gründerväter der Série Noir, der, wie manche von Anis Figuren, im Hotel wohnte, sich um Genre-Konventionen nicht kümmerte, und sich alle Mühe gab, sein Publikum zu „verdunkeln“ (Zitat Ani). Mit dem Roman „Der Narr und seine Maschine“ hat Ani Woolrich eine Hommage gewidmet.

Und an genau an diesem Punkt greift die nächste Verweigerung: Friedrich Ani ist kein Noir Autor. Zwar weisen seine Romane Charakterzüge auf, die noir-typisch sind – die Dominanz von Atmosphäre und Milieu, von psychologischer Akkuratesse und Disposition über „Fall und Aufklärung“, über soziologische Didaxe und glatter Auflösung. Aber während der Roman Noir von Woolrich über Georges Simenon bis Derek Raymond oft in die teleologische Falle läuft – d.h. die Welt ist nur schlecht, there is no way out – , gibt es bei Ani immer den „Engel der Erlösung“, in welcher Gestalt, und sei es der Suizid, dieser Engel auch immer daherkommen mag. Aber bevor wir hier in düstere Melancholey versinken – Sie sehen, einfach macht es uns Friedrich Ani ganz sicher nicht.

Das hat mit seiner schriftstellerischen Virtuosität zu tun. Am besten sieht man das vielleicht bei den Gedichten, wobei man ja der Lyrik gerne den Hohen Ton unterstellt, den auch Ani durch seinen virtuosen Umgang mit Metren und Versmaßen aller Arten blendend beherrscht. Und dann findet sich etwa mittendrin im Gedichtband „Stift“ so etwas: „Rätsel über Rätsel: Der Mensch hat Gicht/Das Meer hat Gischt/Warum ich saufe/Weiß ich nischt“. Man nennt sowas Fallhöhe. Und Fallhöhe ist meist, wenn nicht immer, mit Komik verbunden. Im Tabor Süden-Roman „Der Mann im langen schwarzen Mantel“ (hallo, Bob Dylan) droht eine Figur mit Selbstmord: „Gibt eine brutale Sauerei, wenn ich mir die Flinte in den Mund steck“. Darauf Tabor Süden: „Hast du einen Waffenschein?“ Ich könnte zig Stellen aus allen Textsorten zitieren, die so funktionieren – Komik bricht auch das Tragischste – und eine Literatur ohne Brechungen wirkt schnell dogmatisch oder ideologisch, weil sie dann das Andere, das immer auch in dem Einen steckt, nicht zulässt.

Deswegen ist das „Anderssein“ bei Ani auch kein Mangel, keine Defizienz – man könnte seine „biographischen Fantasien“ mit dem Titel „Im Schlupfwinkel“ (Untertitel: „Fantasien über eine fremde Heimat“) in diesem Sinne zusammenfassen. Die biographischen Substrate, von denen Friedrich Ani in diesem Buch erzählt, meinen ihn selbst, geboren 1959 in Kochel als Sohn eines syrischen Vaters und einer schlesischen Mutter in der nachkriegsbayrischen Provinz – und meinen ihn auch wieder nicht, weil er erzähltechnisch eine gewisse Distanz zwischen Friedrich Ani und dem Erzähler Georg schafft, wobei Georg auch der zweite Vorname von Friedrich Ani ist – aber das stellt noch keine Deckungsgleichheit her. Die schwierige Familienkonstellation – Anis Eltern lebten nie zusammen, wenn auch im selben Dorf -, sein Verhältnis zu seinem schweigsamen Vater war seltsam gebrochen, seine Mutter immer eine Konstante in seinem Leben -, findet sich auch in fast allen Textsorten Anis.

Tabor Süden, der Spezialist für verschwundene Menschen, kann seine eigenen Vater nicht finden, in vielen Gedichten taucht eine rätselhafte Vaterfigur auf, und oft geht es um das Leben im Dorf als Kind und Jugendlicher, das Weg-Wollen, das Einsame, die Feigheit, auszubrechen. Alles biographische Leitmotive, immer wieder und wieder thematisiert, aus den Kellern der Erinnerung nach oben geholt (oder in diese Keller abtauchend gefunden) und vielen Figuren Anis eingeschrieben, aber nie Eins zu Eins, zwar deutlich sichtbare Bezüge herstellend, aber nur durch die Prosa oder die Lyrik beglaubigt. In dem Moment, in dem man sich zu sagen trauen würde: Diese Figur ist Friedrich Ani – treten Störsignale auf, die seine eindeutige Sichtbarkeit verwischen. In seinen Texten ist die Person Friedrich Ani nicht zu fassen – schlicht und einfach weil es sich um Fiktionen handelt.

Und schon wieder ist man reingefallen: Wenn man sich nämlich allzu sklavisch an Anis nachgerade existentialistischen Leitmotiven festklammert, übersieht man leicht, die politischen Dimensionen seines Werks. Obwohl man sie eigentlich gar nicht übersehen kann. Über dem Gedichtband „Die Raben von Ninive“ steht als Motto „Strange Fruit“, das Gedicht von Abel Meeropol über den brutalen Rassismus in den USA, von Billie Holiday als Song weltberühmt und unsterblich gemacht, weshalb sie selbst heftigstem Vernichtungswillen seitens des FBIs ausgesetzt war. Die Wahl dieses Mottos ist schon einmal ein starkes Statement, das im Laufe der „Raben von Ninive“ unterfüttert wird – in einem Gedicht über die Ermordung des Regierungspräsidenten Walter Lübcke namens „Deutsche Geschichte“, das seinerseits von den beiden Mottozeilen: „Die Würde des Mörders ist unantastbar/Die Würde des Mitmörders auch“ getragen wird. Und im Gedicht „Aufzählung“ (in der Mottozeile „nach Erich Fried“, auch das ein Signal, war Erich Fried doch ein eminent politischer Dichter) geht es um die NSU-Morde und um die zynische Rede vom „Einzelfall“, die man damals oft von offizieller Seite hörte. So explizit politisch wurde FA seit seinem Anti-Rassismus/Rechtsradikalismus-Roman „German Angst“ aus dem Jahr 2000 kaum mehr, abgesehen von dem Roman „Bullauge“ (2022) vielleicht.  Aus unserem Leitmotiv-Katalog würden wir diese Gedichte (darunter etwa „In Syrien gibt es keinen Gurkensalat“, „Wir, Wer?“ oder „Taggedanken“) dem Schlüsselwort „Wut“ zuordnen – Ton und Stimmungslage von „Aufzählung“ heißen deutlich: Bitterer Sarkasmus.

Aber das Politische in Friedrich Anis Gesamtwerk muss nicht unbedingt ausformuliert oder explizit sein. Es liegt deutlich in Anis Positionierung gegen den sich wahnhaft selbstoptimierenden Neoliberalismus, der Menschen, die sich nicht anpassen oder die sich verweigern, verständnislos bis feindlich gegenübersteht. Viele von Anis Figuren sind, freiwillig oder nicht, unsichtbar, unauffällig, Randexistenzen, sprachlos, marginalisiert, leben abseits des Zeitgeists, bewegen sich in schummrigen Kneipen, sind dem Alkohol verfallen oder fristen sonst wie ihr kleines, oft prekäres Dasein. Solchen Menschen gehört Anis Herz, ihre Existenz interessiert ihn, für und über sie denkt er sich Geschichten aus, wie ihre Schicksale, ihre Tragödien, aber auch ihre Glücksmomente aussehen könnten. Für dieses Personal braucht es keine „Unterwelten“, keine Parallelgesellschaften – sie sind „die Gesellschaft“, zumindest zu wesentlichen Teilen.

Und diese Sozio- und Psychotope – da sind wir wieder bei dem Gesamtwerk – sind deswegen auch keiner bestimmten literarischen Form wie dem Kriminalroman zwingend zuzuordnen. Dieser Umstand erlaubt sogar, vergessene oder vermeintlich ephemere populäre Formen wieder zu beleben: Ballade und Bänkelsong, etwa, die ihren eigenen narrativen Drive entwickeln und ganze Kriminalromane oder Short Stories in gebundener Form erzählen können, „Auswurf des Herrn“ etwa, oder „Verbrechen“, um nur zwei Beispiele aus den „Raben von Ninive“ zu nennen, bei denen es um tragische Todesfälle geht, um Mord, Gewalt und Verzweiflung.

Wie also sollte man ein solch großes und diverses Werk wie das von Friedrich Ani synthetisieren? Ca. 50 Romane, unzählige Gedichte, darunter auch solche in Mundart, zu denen sich jüngst, wie wir gleich hören, noch die außergewöhnliche Form der Tanka hinzugesellt hat, Hörspiele, Arbeiten für Film und Fernsehen und so weiter? Dass es einen inneren Zusammenhang gibt, scheint mir evident, synästhetisch, in der jeweiligen Form brillant. Komplex und dennoch (oder gerade deshalb?) unterhaltsam, wie der große Erfolg Anis „auf dem Markt“ beweist. Verweigernd, aber konsensfähig – ich habe in ca. 300 Seiten Presse (und das ist nur das Suhrkamp-Dossier) kaum einen klassischen Verriss gefunden, dafür Preise und Auszeichnungen galore, darunter eine Menge Deutscher Krimipreise, Tukan-Preis, Grimme-Preis, Bayerischer Filmpreis etc. Das ist phänomenal und ganz und gar beeindruckend.

Liest man, wie ich zur Vorbereitung dieser Preisverleihung, Ani-Bücher stapelweise, ergibt sich jedoch ein Alleinstellungsmerkmal ganz von alleine: Der Ani-Sound. So wie man große Tenorsaxophonisten nach zwei Sekunden erkennt, so hat man spätestens nach ein paar Sätzen sofort den spezifischen Ani-Sound im Ohr, respektive in Auge und Hirn.  Formal beschreiben kann man ihn nicht – zumindest wüsste ich nicht wie, ohne tief in die Klischeekiste zu greifen, denn Parameter wie melancholisch, elegisch, depressiv und dergleichen taugen nur partiell und werden notfalls sofort mit literarischen Mitteln wieder dementiert oder sabotiert. Aber dieser Sound ist da – in unterschiedlichsten Modulationen, Nuancen und Variationen, in allen Registern, die die deutsche Sprache hergibt. Das macht die Literatur von Friedrich Ani trotz aller absichtlich betriebenen Verdunkelungen letztlich zu „liebenswerter“ Literatur. Und die ist gewiss ein Fall für den „Literaturpreis der Landeshauptstadt München“.

Vielen Dank

© 07/2026 Thomas Wörtche

Gehalten anläßlich der Verleihung des „Literaturpreises der Landeshauptstadt München“ am 14. Juli 2026

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Gerade von Friedrich Ani erschienen: Stationen vergessenen Glücks
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