Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Frank Rumpel bei Friedrich Ani, »Lichtjahre im Dunkel«

Pläne und Sackgassen

Eine Besprechung von Frank Rumpel

Damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Noch ein Tabor Süden. Und was für einer. Friedrich Ani hat sich nochmal in die Rolle des schweigsamen, sehr präsenten und genau beobachtenden Ex-Polizisten geschrieben. Der hat auf der Suche nach Vermissten schon ganze Universen entdeckt, in denen lange niemand mehr Licht gemacht hat. Und diese Miseren und Verwerfungen, auf die er da gestoßen ist, sind nicht an ihm vorbei, sondern durch ihn hindurch gekrochen, haben ihn empfänglich gemacht für die Untiefen versehrter Leben.

In diesem Fall beauftragt ihn Viola Ahorn nach ihrem verschwundenen Mann Leo zu suchen. Die beiden betreiben seit Jahrzehnten einen Schreibwarenladen, funktionieren, haben sich aber nichts mehr zu sagen. Die alltägliche Routine hat alles überlagert, sämtliche Träume und lichte Momente verschluckt. Sie weiß wenig über ihn zu berichten, weiß nicht, was er dachte, vorhatte, was ihn umtrieb. Sie wünscht sich ein anderes Leben, nur kann sie nicht genau fassen, was für eines das sein könnte. Tabor Süden, der seinen Job bei der Polizei schon lange gekündigt und bei einer privaten Detektei angeheuert hat, trägt zwar ein paar vage Spuren über diesen Leo zusammen, bekommt ihn aber nicht wirklich zu fassen. Leo Ahorn hatte Pläne für die Zukunft, mit denen er etlichen Leuten auf den Keks ging – und hing an einer Erinnerung. Von all dem wusste seine Frau nichts. Und als im Kofferraum eines Luden eine Leiche gefunden wird und die Polizistin Fariza Nasri ermittelt, scheinen sich nochmals völlig neue Motive zu eröffnen. Ein Halbweltler aus Hamburg ist in München, eine Kneipenbekanntschaft von Leo Ahorn rückt in den Fokus.

Friedrich Ani, dessen behutsame Alltagserkundungen sich übrigens auch im zeitgleich mit dem Roman erschienenen Gedichtband „Stift“ nachlesen lassen, zieht hier aber noch eine weitere Ebene ein, indem er Süden selbst erzählen lässt. Damit justiert er dessen Rolle, wie dessen Blick auf die  Geschichten nochmals neu. In „Der Narr und seine Maschine“ von 2018 verschwindet Süden, lässt die Detektei hinter sich und kehrt nun auf elegante Weise zurück in die Vergangenheit. „Wenn wir unfähig wären zu lügen“, lässt Ani einen Vertrauten Südens sagen, „stell dir vor, wenn wir das nicht könnten, (…), wir würden nicht existieren, wir wären unsichtbar, von Anbeginn verschollen, hätten nie existiert.“ Wunderbar, wie sich Friedrich Ani hier aufs Neue von seiner Figur verabschiedet und sie gleichzeitig vor einer offenen Tür stehen lässt.

Die Frage, ob so eine Serienfigur nicht irgendwann auserzählt ist (es ist immerhin sein 22. Tabor Süden-Roman, der erste erschien 1998, der vorangegangene 2018), beantwortet Friedrich Ani hier souverän mit einem: Vielleicht, irgendwann. Denn langweilig wird dieser Tabor Süden erstaunlicherweise nicht. Er ist ein vom Leben versehrter Melancholiker, dessen Geschichten von den feingliedrigen und behutsamen Erkundungen fremder Abgründe leben und nur zu einem kleineren Teil davon, wie er sich selbst durch die Tage tastet. Das funktioniert, weil er bei seinen Nachforschungen zuhört, Puzzlestücke einsammelt, die sich immer wieder zu einem neuen, oft überraschenden Bild zusammensetzen.

Friedrich Ani: Lichtjahre im Dunkeln. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. 448 Seiten, 25 Euro.

Hinweis der Redaktion: Sehr verdienstvoll und schön ist es, dass der Suhrkamp Verlag die Tibor-Süden-Reihe wieder in Gänze auflegt hat. Hier der Link zur Reihe. Friedrich Ani dazu:

»Fast zwanzig Jahre bei der Kripo, davon zwölf auf der Vermisstenstelle: Tabor Süden. Vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert sah ich ihn da sitzen, am Rand eines Tresens in einem schlecht beleuchteten Lokal. Er redete wenig, trank still sein Bier, kritzelte etwas in seinen winzigen karierten Block, und als er zu mir hersah, erkannte ich ihn sofort. Allerdings wusste ich lange Zeit nicht, wie er hieß. Ich kramte nach einem Namen in meinem Kopf, und der einzige, der mir schließlich einfiel, stammte aus meiner Jugend. Damals schrieb ich meine ersten Sachen – Gedichte, kurze Szenen, Miniaturprosa – und hing der Vorstellung nach, sollte ich je ein Buch veröffentlichen, dann unter Pseudonym. Nichts erschien mir beklemmender, als auf der Straße erkannt zu werden (wer in einem Dorf aufwächst, kennt den Fluch von Gardinengesichtern …). Und aus heiterem Himmel stand da plötzlich: Tabor Süden. Eine Woche später war mir klar: Glaubt kein Mensch, dass einer so heißt. Doch in den folgenden Jahren tauchte der Name immer wieder in Kurzgeschichten von mir auf, bis zu dem Moment, als ich einen kompletten Roman geschrieben hatte, mit einer namenlosen Hauptfigur. Pro forma setzte ich Tabor Süden ein, überzeugt, der Verlag würde einen besseren Vorschlag liefern. Dazu kam es nie. Süden war in der Welt und ich mit ihm. Als wären wir von Beginn an füreinander bestimmt gewesen. Danke, dass Sie uns die Treue gehalten haben!«

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